Philosophie als Existenzphilosophie
Januar 16, 2008
Philosophie ist immer auch Existenzphilosophie, das Nachdenken über den Menschen in seiner räumlich-zeitlichen Konstitution, die sich am besten als Begrenztheit denken lässt, denn die Grenzerfahrung ist wohl die Grunderfahrung menschlicher Daseinsvollzüge in der Welt.
Dass jedoch der „Stein der Weisen“ dabei trotz aller Mühe nicht auffindbar zu sein scheint (darüber besteht ein Konsens aller noch so unterschiedlichen Ansätze philosophischer Selbstreflexion), während die aus der Philosophie hervorgegangenen Einzelwissenschaften von einem Triumph zum nächsten jagen, verschärft die Sinnfrage oder hier besser: die Zweckfrage dramatisch: Wenn der Mensch nicht anders kann als zu philosophieren, sich selbst in seinen Grenzen immer wieder neu zu bestimmten, dabei allerdings nie zu einem Ergebnis kommt, ist das Ganze dann nicht absurd? Das mag man so sehen, doch die Konsequenz daraus wäre, den Menschen in seinem Ringen um Antworten selbst als absurd zu begreifen. Mit anderen Worten: Mensch und Philosophie bilden eine unauflösliche Schicksalsgemeinschaft, auch und gerade im Hinblick auf die Grenze. Wie sollte ein so begrenztes Wesen wie der Menschen systematisch entgrenzende Gedanken entwickeln? Die Philosophie bindet sich an den Menschen wie der Mensch sich an die Philosophie bindet.
Peter Wust, der christliche Existenzphilosoph, der hier im Mittelpunkt stehen soll, hat diese Bindung in Abhängigkeit und Angewiesenheit sehr treffend beschrieben: „Wie der Insecuritas-Raum der Weltgeschichte mit dem ewig auf- und abwogenden Machtkampf der Völker notwendig zum Wesen des Menschen gehört, so ist auch der Insecuritas-Raum der ratio mit den unaufhörlichen Ideenkämpfen der Philosophie ein notwendiges Konsekutivum der menschlichen Natur. Die Oszillation im historischen Kampfraum der Macht und die Oszillation im Ideenraum der Philosophiegeschichte stehen in einem wesensmäßigen inneren Zusammenhang.“ Bis hierher ganz geschichtsphilosophisch (man spürt den Einfluss Hegels und den Duktus der 1920/30er Jahre), aber jetzt kommt es: „Das metaphysische Bindeglied dieser beiden Erscheinungen ist der Ewige Mensch, der immer in der gleichen Weise nach einer endgültigen Sekurität ringt und dann doch immer wieder in seine wesensmäßige Insekurität zurückgeworfen wird. Was daher in den Augen der Außenstehenden die Philosophie oft genug beinahe lächerlich erscheinen lässt, dieses ihr unabwendbares Scheitern und Wiederauferstehen von einer Epoche zur anderen, das muß sie gerade denen, die tiefer zu sehen versuchen, als die eigentliche scientia humana, ja als scientia humanissima erweisen.“ (Ungewißheit und Wagnis. München 1986 [1937], S. 137 f.). Die „Außenstehenden“, die es nicht gäbe, ginge jeder Mensch die naturgemäße Verbindung mit der Philosophie ein, benötigen eine Alternative. Sie brauchen andere Selbstvergewisserungs- und Selbstkonstitutionsmethoden, die sie, wie erwähnt, seit Beginn der Moderne vermehrt in den Einzelwissenschaften vorzufinden glauben. Das kann dramatische Folgen haben, eine Verkürzung der Sicht auf Mensch und Welt, eine Entweihung menschlichen Lebens durch Depotenzierung der Stellung des Menschen in der Schöpfungsordnung (häufig geradezu tragisch verbunden mit der wohlmeinenden Aufwertung des Tieres) und vieles andere mehr.
(Josef Bordat)