Jaspers und Wust
Januar 18, 2008
Christliche Existenzphilosophie im engeren Sinne
Im engeren Sinne, ich deutete es bereits an, beschäftigt sich die Philosophie in einer ihrer systematischen Teilbereiche mit dem Phänomen der Grenze, in der Existenzphilosophie, denn auch wenn jede Philosophie nach dem bisher gesagten auch Existenzphilosophie ist, so gibt es doch einige Gedanken, die unmittelbar auf die menschliche Existenz gerichtet sind.
Die menschliche Existenz ist ständig bedroht. Krankheit und Tod sind Grenzerfahrungen, die uns als Einzelne, aber auch als Gattung in der Existenz gefährden. Todbringende Natur- und Kulturphänomene werden zur apokalyptischen Metapher, mit der das ganze Elend des Menschseins aufrufbar ist. „Klimawandel“ und „Terrorismus“ sind zwei aktuelle Schreckensbilder, die mit ihrer existenzbedrohenden Wucht Gegenbewegungen auszulösen im Stande sind, die ohne sie undenkbar wären. Das ist freilich trivial und Gegenstand der Alltagserfahrung. Weniger trivial und daher Gegenstand existenzphilosophischer Betrachtungen ist der Umgang mit diesen Erfahrungen auf der Ebene der Weltdeutung. Aus christlicher Sicht stechen bei der existenzphilosophischen Bearbeitung von Grenzphänomenen – neben Kierkegaard freilich – Karl Jaspers und Peter Wust hervor.
Karl Jaspers (1883-1969) spricht in seiner Psychologie der Weltanschauungen (1919) davon, dass der Mensch von „Grenzsituationen“ wie Tod, Leiden, Schuld, Geschichtlichkeit bestimmt werde, an denen er scheitern muss, soweit er sich allein auf seine Rationalität stützt, die er aber überwinden kann, wenn er sich der Transzendenz bewusst wird, in der er seine Existenz geborgen weiß.
Die Nähe zum Zeitgenossen Peter Wust (1884-1940) und dessen Hauptwerk Ungewissheit und Wagnis (1937) ist unverkennbar. Doch Wust geht mit seinem existentialistischen Trost für den „ins Da-Sein geworfenen“ Menschen (Heidegger) noch weiter: Der Mensch kann, so Wust, seiner Ungewissheit durch das Wagnis der Weisheit entrinnen. Er grenzt diese „Weisheit“, verstanden nicht als akademisches, sondern als existentielles Wissen, das seinen Ausdruck in einer Lebensweisheit findet, die zu ehrfurchtsvollem Gottvertrauen, zur Gelassenheit des Glaubens und zur Liebe führt, vom Entscheidungsirrationalismus Jaspers’ deutlich ab, der wiederum eine Synthese der Entwürfe Kierkegaards (absoluter Glaubenspositivismus) und Nietzsches (absoluter Nihilismus) anstrengt. So gelangt Wust schließlich zu der Formel, dass der Glaubende sich in der prinzipiellen Ungeborgenheit des menschlichen Daseins doch geborgen fühlen kann. Aufgabe der Philosophie bei Wust wiederum ist es, den Menschen bis an die „Seinsabgründe“ zu führen, in die er dann im Zustand seiner Geborgenheit ehrfurchtsvoll, aber doch angstfrei hinabblicken kann.
(Josef Bordat)