Peter Wusts Werk
Januar 20, 2008
Peter Wust schreibt 1920 das erste seiner vier Hauptwerke, Die Auferstehung der Metaphysik. Es folgten in den Jahren 1925 und 1928 Naivität und Pietät sowie sein umfangreichstes Werk Die Dialektik des Geistes, ehe 1937 – drei Jahre vor seinem Tod – sein wohl bekanntestes Buch erschien: Ungewissheit und Wagnis. Diese vier Hauptwerke sind auch als Einzelausgaben erschienen, Ungewissheit und Wagnis liegt in der nunmehr neunten Auflage vor. Sich drei Dinge bewusst zu machen, scheint mir wichtig, um Wusts Texte gut zu verstehen. 1. die Tradition; sein Werk ist beeinflusst von Augustinus und Bonaventura, aber auch von seinen Zeitgenossen Max Scheler und Karl Jaspers, 2. das Motiv; sein Werk ist getragen von dem Gedanken einer Wiederkehr der Metaphysik und damit gegen den Positivismus seiner Zeit gerichtet, der von Neokantianern vorbereitet, dann von Sprachphilosophen und Erkenntnistheoretikern vollendet wird, die auch gleich mal für sich in Anspruch nehmen, die einzig mögliche Philosophie der Zukunft zu betreiben, und 3. die Fundierung seines Denkens im christlichen Menschenbild; sein Werk ist einer Anthropologie verpflichtet, in welcher der Mensch zwischen reinem Geist und reiner Natur oszilliert. In dieser Eigenschaft als augustinianisches „Zwischenwesen“ des „Nicht-mehr-nur-Tieres“ im Hier und Jetzt, aber eben auch „Noch-nicht-ganz-Engels“, gleichwohl schon immer mal wieder ausgreifend in die Sphäre der Transzendenz, an der er aber erst in Zukunft teil haben wird, in dieser bewegten, „nicht festgestellten“ (Nietzsche) Situation sucht der Mensch nach Ruhe und Geborgenheit, um diese einerseits aus der Weisheit zu erhalten (homo philosophicus), andererseits aber – wenn überhaupt – nur im Glauben an Gott wirklich erfahren kann (homo religiosus). Wust ist damit zugleich „Erkenner und Bekenner“ (Karl Pfleger) und fordert dies auch vom Menschen im allgemeinen, „Erkenner und Bekenner“ zu sein.
Die Charakterisierung seines Denkens als „christliche Existenzphilosophie“, der auch ich folge, trifft, so Schüßler, nur die halbe Wahrheit, stünde doch hinter seinem ganzen Denken als Voraussetzung die Anerkennung der vorkritischen Seinsmetaphysik. Aus diesem Grunde sei die Bezeichnung „christliche Anthropologie“ (Karl Delahaye) besser. Ich möchte trotzdem an der Kennzeichnung „christliche Existenzphilosophie“ festhalten, weil für mich Philosophie immer schon die Anthropologie mit einschließt, denn ohne ein Bild vom Menschen zu haben, wird man kaum seine Stellung in bezug auf die Welt darstellen können und darum geht es ja in der Philosophie, wie ich in den einführenden Texten schon angedeutet hatte.
(Josef Bordat)