Mystik (Exkurs I)
Januar 22, 2008
In der Mystik, etwa bei Meister Eckhart ist das „Lassen“ der zentrale Begriff und Ausgangspunkt der Gotteserkenntnis. Aus dem „Lassen“ erwächst die „Gelassenheit“, die conditio sine qua non der unio mystica.
Der Mensch muss verdinglichte Denk- und Handlungsstrukturen überwinden und alle Weltbindung aufgeben, erst dann ist er bereit für Gott. Meister Eckhart geht in seiner Armutspredigt genauer auf die Vorzüge des absoluten „Lassen“ in den drei Dimensionen „nichts wollen“, „nichts wissen“ und „nichts haben“ ein. Er sagt: „Die Seligkeit tat ihren Mund der Weisheit auf und sprach: Selig sind die Armen im Geiste, das Himmelreich ist ihrer (Mt 5, 3). Alle Engel und alle Heiligen und alles, was je geboren ward, das muß schweigen, wenn diese ewige Weisheit des Vaters spricht; denn alle Weisheit der Engel und aller Kreaturen, das ist ein reines Nichts vor der grundlosen Weisheit Gottes. Diese Weisheit hat gesprochen, daß die Armen selig seien.“ Die Weiheit Gottes – dagegen verblasst jede Weisheit der Welt, wie sie die Philosophie anzubieten hat.
„Gelassenheit“ und „Armut“ werden ins Verhältnis gesetzt. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass in Peter Dinzelbachers Wörterbuch der Mystik unter dem Stichwort „Gelassenheit“ auf den Begriff „Armut“ verwiesen wird (Vgl. Fraling, B.: Gelassenheit. In: P. Dinzelbacher (Hrsg.): Wörterbuch der Mystik. Stuttgart 1989, S. 185). Meister Eckharts Ausgangspunkt ist das neutestamentliche „Lassen“, das omnia relinquere, von dem im Evangelium bei der Berufung der ersten Jünger die Rede ist (Mt 4, 18-22). Hier zeigt sich deutlich die Breite des Verlassenheitsbegriffs, hier zeigt sich, was es heißt, der Mensch müsse verdinglichte Denk- und Handlungsstrukturen überwinden und alle Weltbindung aufgeben. So erscheint er teils negativ (im Stich lassen), teils positiv besetzt (den Neuanfang wagen), teils materiell (Haus und Hof, Dinge lassen, „arm“ werden), teils personell (den Vater, die Mutter, die Frau, den Mann lassen) und schließlich – in der Mystik Meister Eckharts – spirituell (sich selbst lassen).
(Josef Bordat)