Das Wagnis der Weisheit, das vernünftige Risiko, das Wust uns empfiehlt, referenziert auf einen Wahrheitsbegriff, der weiter ist als der des wissenschaftlichen und philosophischen Wissens von der Welt. Ebenso ist das Konzept der Weisheit, das dem Gelassenheitsbegriff Meister Eckharts eignet, vom Anerkenntnis einer Wahrheit abhängig, die jenseits des wissenschaftlichen und philosophischen Wissens von der Welt liegt.

Wir bewegen uns mit dem Wust’schen Weisheitsbegriff im Spannungsfeld von Offenbarungswissen, Erfahrungswissen und einer Intellektualität, die zu dem führt, was wir heute im engeren Sinne als „Wissen“ bezeichnen, also enzyklopädisches Faktenwissen. Dieses beschert uns durch die Ansammlung immer tieferer Erkenntnisse über die Natur einen beachtlichen Fortschritt. Doch uns kann dabei die Erkenntnis der ganzen Wahrheit nur in einem fruchtbaren Ineinandergreifen sich ergänzender Perspektiven auf die Welt zu Teil werden. Wissenschaft und Religion sind diese beiden sich ergänzenden Perspektiven. Während die Wissenschaft Beweiswissen liefert, bringt uns die Religion Glaubenswissen nahe. Um beides erfassen zu können und so zur ganzen Wahrheit über den Menschen zu gelangen, müssen wir eine Beziehung herstellen zwischen Alltagserfahrung, technischem Know-How, prudentiellem Wissen und gnostisch-religiöser Weisheit.

(Josef Bordat)