In der Wahrheit sein bedeutet also, beide Wissensformen, das Beweiswissen und das Glaubenswissen, auszubalancieren und zu einer kritischen Vernunft zu gelangen, die das wissenschaftliche Denken und den religiösen Glauben verbindet. Philosophie ist dabei die Brücke, die tragen muss, die zugleich auf beiden Seiten verankert ist, in der kritischen Reflexion und in der Demut angesichts der Begrenztheit dieses Unternehmens. Ehrfurcht vor Gott und der Undurchdringlichkeit des absoluten Seins ist keine Schwäche des Seienden, sondern eine logische Konsequenz des Glaubens. Hier liegt der Unterschied zwischen der „Religion der reinen Vernunft“, die der „neue Atheismus“ in missverstandener, weil ihrer Korrektive beraubter Tradition der Aufklärung predigt, und der Vernunftreligion des aufgeklärten Christentums, vertreten durch Papst Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger), der selbst Jahrzehnte lang als Wissenschaftler tätig war, aber auch durch Bischof Wolfgang Huber, den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Macht jene den Menschen zu Gott, erkennt diese die Grenzen des Menschen angesichts eines Gottes an, der den Menschen liebt. Etwas, das für die Wahrheit menschlicher Existenz von entscheidender Bedeutung ist. Das Menschsein lässt sich nur in der Komplexität eines Vernunftbegriffs des Sowohl, als auch von Religion und Wissenschaft vollständig durchdringen, weil es eben selbst so komplex und vielschichtig ist, dass eine einzige Perspektive nicht ausreicht, um das Ganze in den Blick zu bekommen.

(Josef Bordat)