Benedikt XVI., die Wahrheit und der Fall Galilei
Februar 12, 2008
Gastbeitrag von Ed Dellian (Berlin)*
Papst Benedikt XVI. hielt im September 2006 an der Universität Regensburg eine Rede zum Thema Glaube und Vernunft, zum Verhältnis zwischen Christentum und neuzeitlicher Wissenschaft. Am 17. Januar 2008 sollte er auch an der römischen Universität La Sapienza reden, zur Eröffnung des akademischen Jahres. Die Rede fand nicht statt. Die für die Universitätsleitung wenig ruhmvollen Gründe dieses Vorgangs sind bekannt. Inzwischen ist auch der Text der Rede bekannt, den der Papst der Universität schriftlich übermittelt hat. Es geht darin wie schon in Regensburg um Glaube und Vernunft. Es geht aber noch um ein Weiteres: Es geht um die Wahrheit. In der Regensburger Vorlesung sprach Benedikt XVI. nur kurz von ihr, wo er das „Ethos der Wissenschaftlichkeit“ definierte als „Wille zum Gehorsam gegenüber der Wahrheit und insofern als Ausdruck einer Grundhaltung, die zu den wesentlichen Entscheiden des Christlichen gehört“. In der neuen Rede rückt er die Frage nach der Wahrheit in den Mittelpunkt. Der Mensch „drängt nach Erkenntnis. Er will wissen, was das alles ist, was ihn umgibt. Er will Wahrheit“, so heißt es da im Zusammenhang mit der „Aufgabe der Universität“. Aber was ist „Wahrheit“? Sie ist „mehr als Wissen“, schreibt der Papst. „Die Erkenntnis der Wahrheit zielt auf die Erkenntnis des Guten.“ Aber was ist das Gute? „Das Gute ist wahr. Dies ist der Optimismus, der im christlichen Glauben lebt, weil er des Logos, der schöpferischen Vernunft ansichtig geworden ist, die sich in der Menschwerdung Gottes zugleich als das Gute gezeigt hat“. Hier deutet sich schon an, was Benedikt XVI. am Schluss seiner Rede vollends klarstellt, wo es heißt, es sei Aufgabe der Vernunft, „sich auf die Suche nach dem Wahren, nach dem Guten, nach Gott zu machen“: Das Wahre, das Gute, und Gott ist eins. Wahrheitsuche ist Gottsuche (Edith Stein). Theologie und Philosophie, „ein eigentümliches Zwillingspaar“, so benennt der Papst die beiden Fakultäten, die, wie in der mittelalterlichen, so auch in der heutigen Universität, die Aufgabe wahrnehmen sollten, „Hüter der Sensibilität für die Wahrheit zu sein, den Menschen nicht von der Suche nach der Wahrheit abbringen zu lassen.“ Diese Aufgabe sollen sie „unvermischt“, aber zugleich auch „ungetrennt“ wahrnehmen. Das kann nur heißen: Jede schöpfe aus ihren Quellen und folge „unvermischt“ ihren eigenen Prinzipien, aber beider Ziel sei „ungetrennt“ das, was nur eines sein kann: Das Wahre, das Gute – und also Gott.
Der Papst weiß, wie wenig die genannten Fakultäten dieser Aufgabe gegenwärtig gerecht werden. Aber er spricht sehr zurückhaltend nur von der „Gefahr, dass die Philosophie sich ihre eigentliche Aufgabe nicht mehr zutraut und in Positivismus abgeleitet“, während die Theologie „mit ihrer an die Vernunft gewandten Botschaft ins Private einer mehr oder weniger großen Gruppe abgedrängt wird.“ In Wirklichkeit hat die Philosophie sich von der Wahrheitsuche spätestens mit Immanuel Kant losgesagt, während die Botschaft der Theologie sich aus demselben Grund gar nicht mehr an die Vernunft, sondern nur noch an den Glauben wendet. „Ich musste das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen“, so beschrieb Kant selbst sein zerstörerisches philosophisches Programm. Jenes Wissen, dessen Aufhebung Kant sich zum Ziele setzte, war aber gerade das wahre Wissen von der Wirklichkeit Gottes, der so zu einem Gegenstand privaten Glaubens wurde, zu einem bloßen Gedanken oder einer ‚regulativen Idee’. Der Philosophie verblieb danach nur noch das positiv Gegebene, d.h. die Materie, und die auf Hypothesen gegründete Spekulation, wobei ihr die moderne Theologie durch Verlagerung der Gottsuche in die subjektiven Abgründe des Unbewussten assistiert. Die Wahrheit, die mit dem Guten und mit der Wirklichkeit Gottes in eins zusammen fällt, hat an der Universität und auch sonst keinen öffentlichen Ort mehr, zumal auch die gottfernen Wissenschaften nicht sie, sondern nur noch den materiellen Nutzen und den wissenschaftlichen Karriereerfolg anstreben.
Was hat der Fall Galilei damit zu tun? Vordergründig dies, dass jene Kräfte an der römischen Universität, die Benedikt XVI. am Reden hindern wollten, den Papst als „nemico di Galileo“ anprangerten (Die italienische Tageszeitung La Repubblica vom 12. Januar 2008), als Feind Galileis und der Wissenschaft, weil er angeblich die kirchliche Verurteilung des Galilei von 1633 gebilligt habe. Der Vorwurf ist haltlos. Es ist im übrigen widersinnig, gerade Galilei heute als Galionsfigur der modernen, so wahrheits- wie gottfernen Wissenschaft in Anspruch zu nehmen. Denn dessen Naturphilosophie entsprach genau dem Ideal der Einheit von Wahrheitsuche und Gottsuche, die der Papst immer wieder anmahnt. Deshalb hat schon Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika „Fides et Ratio“ vom 14. September 1998 dort, wo er die Einheit der natürlichen, wissenschaftlich erkennbaren, und der göttlich offenbarten Wahrheit behandelt, Galilei zitiert. Er schreibt (Fußn. 29): „Galilei hat ausdrücklich erklärt, dass die beiden Wahrheiten, die Wahrheit des Glaubens und die Wahrheit der Wissenschaft, niemals einander widersprechen können, da die Heilige Schrift und die Natur gleichermaßen dem göttlichen Wort entspringen, jene als diktiert von Heiligen Geist, diese als getreue Vollstreckerin der Anordnungen Gottes“.
Galileis Wahrheit- und Gottsuche in der Morgenröte der neuzeitlichen Naturforschung ist im allgemeinen Bewusstsein mit der copernicanischen Erkenntnis der Bewegung der Erde verbunden. Die damalige Wissenschaft hielt die Erde für den absolut ruhenden Mittelpunkt der Welt. Galilei aber lehrte 1632, dass Copernicus zu Recht die Erde als einen um die Sonne bewegten Himmelskörper unter anderen erkannt hatte. Die philosophische Bedeutung der Entdeckung liegt darin, dass mit ihr die Fähigkeit des Menschen bewiesen wurde, entgegen dem Augenschein die Wahrheit zu erkennen. Von Goethe stammt das Wort: „Die größten Wahrheiten widersprechen geradezu den Sinnen, ja fast immer. Die Bewegung der Erde um die Sonne: Was kann dem Augenschein nach absurder sein? Und doch ist es die größte, erhabenste, folgenreichste Entdeckung, die je der Mensch gemacht hat, in meinen Augen wichtiger als die ganze Bibel.“
Der letzte Halbsatz dieses Zitats muss erläutert werden. Die Fähigkeit des Menschen, die Wahrheit zu erkennen, ist seine Fähigkeit, Gott zu erkennen. Gott allein ist die absolute Quelle aller wahren Erkenntnis einschließlich derer, die in der Bibel niedergelegt ist. Nicht die Bibel, sondern Gott ist das ‚absolute Bezugssystem’ der dem Menschen erkennbaren einzelnen Wahrheiten. An ihm als der absoluten Wahrheit ist deshalb auch das zu messen, was in der Bibel steht. Alle Einzelerkenntnisse, auch alle, die in der Bibel niedergeschriebenen, sind, sofern sie demnach wahr sind, relative Teilwahrheiten: relativ, weil bezogen auf die absolute Wahrheit Gottes. Sie sind aber doch wahre Teile dieser Wahrheit, von der sie sich herleiten, auf die sie sich beziehen, und an der sie teil haben; so, wie in der Lehre Platons unsere wahren Erkenntnisse an der absoluten Wahrheit der ihnen zugrundeliegenden Ideen teil haben. Wir erkennen wohl das wahre Wirken Gottes in seinen wahren Werken, aber niemals ganz ihn selbst. Nach einem Wort des Augustinermönchs Hugo von St. Viktor aus dem 12. Jahrhundert hat Gott die Fähigkeit des Menschen, ihn zu erkennen, so eingerichtet, dass niemand das, was er im Ganzen ist, zu begreifen vermag, aber auch so, dass seine Existenz niemandem vollständig unbekannt bleiben kann.
Die Rede vom absoluten Bezugssystem der Wahrheit führt wieder zu Galilei zurück. Da ‚Bewegung’ ein Relationsbegriff ist, der sich auf ‚Ruhe’ bezieht, so setzt Galileis Lehre von der wahren Bewegung der Erde um die Sonne ein wirklich existierendes und also wahres, absolut ruhendes Bezugssystem voraus. Das kann, wie später Newton erläutert, kein Körper sein, da von keinem Körper bekannt ist, dass er absolut ruht. Dieses Bezugssystem ist vielmehr unkörperlich. Es ist der absolute Raum und die absolute Zeit, die Isaac Newton beschreibt. Newton stellt die Verbindung zu Gott her, indem er sagt: Gott ist nicht die Zeit und nicht der Raum, sondern er selber währt und ist da. Er währt immer und ist allgegenwärtig; und dadurch, dass er immer und überall ist, bringt er die Zeit und den Raum zum Sein. Galileis und Newtons Lehre ist also eine wahre, weil letztlich auf die absolute, Raum und Zeit umschließende Wahrheit Gottes bezogene Bewegungslehre.
Nun haben aber Philosophie und Wissenschaft seit Immanuel Kant zugleich mit dem Wissen von Gott das Wissen von der Wirklichkeit des Raumes und der Zeit verworfen. In der Folge hat die Bewegungslehre ihr absolutes räumlich-zeitliches Bezugssystem und die Bewegung ihre wahre Wirklichkeit verloren. Der daraus hervorgegangene moderne Bewegungs-Relativismus lehrt, dass Bewegung nur in Relation zu einem beliebigen Beobachter zu bestimmen sei. So kommt zum Relativismus der Materialismus hinzu, weil nur materielle Beobachter bzw. Bezugssysteme zugelassen werden, und auch der Subjektivismus, d.h. die Auffassung, dass Bewegung eben nur das ist, was ggf. subjektiv beobachtet wird: Wer auf der Sonne sitzen könnte, würde wohl die Erde kreisen sehen. Wer auf der Erde sitzt, sieht sich dagegen im Zentrum der Bewegung der Sonne. Beide Beobachter (Bezugssysteme) hätten von ihrem Standpunkt aus Recht. So lehrt schon Ernst Mach vor über 125 Jahren, dass die Auffassung von der Bewegung der Sonne um die Erde und die copernicanisch-galileische Lehre von der Bewegung der Erde um die Sonne gleich richtig seien. Natürlich geht damit die von Galilei erkannte Wahrheit der Bewegung der Erde verloren, und im weiteren der Wahrheits- und Gottesbezug der Wissenschaft überhaupt. Jeder Beobachter hat seine eigene Wahrheit. Das lehrt das einsteinsche ‚Relativitätsprinzip der Bewegung’. Galileis lebenslange Arbeit für den Beweis der Wirklichkeit der Erdbewegung und für die Wahrheitsfähigkeit des Menschen wird so, wie Ernst Cassirer schon vor über 100 Jahren bemerkte, zu einem sinnlosen „Kampf gegen Schatten“. So wird die Wahrheit der copernicanischen Revolution zurückgenommen, und so wird Galilei zu einem Don Quichotte der Wissenschaft.
„Nemico di Galileo“, ein Feind des Galilei ist offensichtlich nicht der Papst: Feinde Galileis waren vielmehr agnostische Wissenschaftler und Philosophen, Feinde Gottes, die seinen einsamen Kampf für die Wahrheit, wohl wissend, dass dies zugleich ein Kampf für Gott war, als sinnlose Don Quichotterie denunziert haben. Papst Benedikt XVI. hat vor einigen Jahren zwei davon benannt, in einem Vortrag, der ihm von den Demonstranten an der Sapienza jetzt absurderweise als Parteinahme gegen Galilei ausgelegt wurde: Ernst Bloch den materialistischen Philosophen, und Paul Feyerabend den anarchistischen Wissenschaftstheoretiker. Feinde Galileis wie diese namhaften Philosophen, Feinde der Wahrheit und also Feinde Gottes sind heute diejenigen, die im Namen der ‚aufgeklärten’ Wissenschaft, d.h. im Namen des ebenso wahrheits- wie gottfernen Materialismus, Relativismus und Subjektivismus, den Auftritt und die Rede eines Mannes an der römischen Universität La Sapienza verhindert haben, der wohl ebenso einsam für die Wahrheit kämpft wie Galileo Galilei zu seiner Zeit.
* Ed Dellian ist Autor der Buches „Die Rehabilitierung des Galileo Galilei, oder Kritik der Kantischen Vernunft“, das 2007 im Academia Verlag (Sankt Augustin) erschienen ist und über das Papst Benedikt schreibt, er habe Dellians „erhellende Reflexionen über den Zusammenhang zwischen Galilei, Newton und der Enzyklika Fides et Ratio mit Interesse zur Kenntnis genommen“. Der Heilige Vater hofft, „dass die bedenkenswerten Ausführungen von der philosophischen Diskussion gebührend aufgegriffen werden und zu einer Erneuerung der Metaphysik beitragen können“. Diesem Wunsch schließe ich mich ausdrücklich an. Gerne habe ich deshalb Ed Dellians obigen Artikel, der einiges von der Thematik seines Buches aufgreift, in meinem Blog veröffentlicht. (Josef Bordat)