Die Hirnforschung und die Philosophie des Geistes

In der Hirnforschung wird verstärkt der Versuch unternommen, unser Gehirn dahingehend zu erforschen, dass physiologische Zustände in Form messbarer Daten erhoben werden, die das, was die Philosophie seit Jahrhunderten unter dem Stichwort Bewusstsein verhandelt, sinnlich (insbesondere visuell) erfahrbar machen. Andererseits wird seitens der Philosophie des Geistes auf die Existenz von unhintergehbaren subjektiven Erlebnisqualitäten hingewiesen, die so genannten Qualia. Im Rücken liegt der Hirnforschung der Anspruch der Naturwissenschaften mit der empirischen Methode Erkenntnisse zu erlangen, die zur Wahrheit führen und die Metaphysik (hier: das Qualia-Konzept) überwinden. Bacon kann insoweit als Ahnherr der „Qualia-Eliminierer“ und ihres Ziels einer „Entmystifizierung des Geistes“ (Dennett) gelten. Indessen wenden sich die „Qualia-Erhalter“ gegen die Materialisierung des Geistes und greifen in ihrem Leib-Seele-Dualismus und mit ihren Verweisen auf die Unzulänglichkeit naturwissenschaftlicher Erkenntnisse auf Leibniz zurück. Sie verwerfen damit den Anspruch, den Geist mit naturwissenschaftlichen Methoden zu ergründen, den die Neurobiologen in methodologischer Gefolgschaft Bacons erheben.

Das Methodenproblem ist dabei folgendes: Es ist fraglich, ob Gehirn und Geist so selbstverständlich gleichgesetzt werden können, wie dies die Neurowissenschaftler ja suggerieren, wenn sie sich für das eine (das Gehirn) und für das andere (den Geist) zuständig erklären. Es geht also um nicht weniger als um die Voraussetzungen ihrer Arbeit, d. h. um die ganz grundlegenden Fragen: Messen sie, was sie zu messen vorgeben? Sind die aufgefundenen Zusammenhänge als Korrelationen, Kausalitäten oder Finalitäten zu betrachten?

Zwar wird die empirisch-experimentelle Forschung baconscher Provenienz in den Naturwissenschaften methodisch stets besser, doch bleibt die Naturwissenschaft anderseits genau drauf beschränkt. Diese Selbstbeschränkung bildet den Kern des Problems. Alles, was über die Natur mit wissenschaftlichem Anspruch gesagt werden kann, muss mit naturwissenschaftlicher Methodik erfahrbar sein. Diese liefert aber nur Aussagen über die Natur. Und genau da entsteht ein logischer Zirkel: Ich muss bereits voraussetzen, was ich beweisen möchte, nämlich die Natürlichkeit des Bewusstseins, die Materialität des Mentalen, die physikalische Gestalt der so genannten Psyche, denn sonst könnte man die naturwissenschaftlichen Methoden in der Bewusstseinsforschung gar nicht anwenden, da mit offenbar ungeeigneten Methoden hantiert würde.

Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Man kann bei den Qualia (etwa: dem Empfinden von Schmerz) davon ausgehen, dass es sich um Erfahrungsqualitäten handelt, die höchst individuell sind. Sicherlich kann beim Schmerz von einem gewissen Zusammenhang von sinnlicher Erfahrung und mentalem Zustand ausgegangen werden, aber ich weiß nicht, wie es zu dem eigentümlichen Schmerzempfinden, der subjektiven Erfahrung von „Schmerz“ in meinem Bewusstsein kommt.

Freilich liegt es nahe, Nervenimpulse und feuernde C-Fasern für mein Schmerzempfinden verantwortlich zu machen. Doch wissen kann ich es nicht. Es scheint zudem keine Möglichkeit zu geben, an ein solches Wissen zu gelangen, da „Schmerz außer einer kausalen Rolle auch einen qualitativen Aspekt umfaßt und man allein mit den Mitteln der Physik, Chemie und Neurobiologie unmöglich zeigen kann, dass es sich für einen Organismus in der für Schmerzen charakteristischen Weise anfühlt, wenn seine C-Fasern feuern.“ (Beckermann: Können mentale Phänomene neurobiologisch erklärt werden?, in: Roth / Prinz (Hg.), Kopf-Arbeit: Gehirnfunktionen und kognitive Leistungen. Darmstadt 1996, S. 419).

Es tut sich eine unüberwindbare Kluft „zwischen den Erklärungen der Neurowissenschaften als Explanantia und dem Auftreten phänomenaler Eigenschaften als Explananda“ (Walter: Allgemeine Einleitung, in: Heckmann / Walter (Hg.), Qualia. Ausgewählte Beiträge, Paderborn 2001, S. 11) auf, die sich aus einer ontologischen Differenz von Gehirn (Natur) und Geist (Übernatur) ergibt. Die Unterstellung der Neurowissenschaften (Gehirn gleich Geist) erweist sich als unerweisbar. Epistemologisch gesprochen: Die Validität und Reliabilität der neurowissenschaftlichen Forschungsmethodik ist in Bezug auf das Bewusstsein und seine phänomenalen Zustände, die Qualia, nicht gegeben, die physikalistische Objektivierung des zutiefst Subjektiven muss misslingen. Man misst etwas Physisches, das mit dem Mentalen, das man zu messen vorgibt, noch nicht einmal notwendig und eindeutig zusammenhängt. Insbesondere ist nicht klar, wie sich dieser Zusammenhang in einer konkreten Mechanik manifestiert. Vielleicht misst man in Zukunft genauer, aber man wird immer noch nicht das messen, worauf es ankommt. Man misst Vorgänge im Gehirn, aber keine Zustände im Bewusstsein; Nervenimpulse, aber keine Gedanken. Mit naturwissenschaftlicher Methodik lässt sich das menschliche Bewusstsein nicht erklären: „Die Prinzipien, die dem Geist tatsächlich zugrunde liegen, kann man – wenn überhaupt – nur durch einen wesentlich direkteren Ansatz aufdecken.“ (Nagel: Der Blick von nirgendwo, Frankfurt a. M. 1992, S. 31). Wie der jedoch aussehen könnte, ist heute noch völlig offen und es darf bezweifelt werden, ob es diesen je geben wird, weil bezweifelt werden darf, ob es ihn überhaupt geben kann.

(Josef Bordat)