Am morgigen Sonntag feiert die Gemeinde St. Norbert (Berlin-Schöneberg) den 50. Jahrestag der Kirchweihe des Gotteshauses der ehemaligen Gemeinde St. Konrad (Berlin-Friedenau), das nach der Fusion der beiden Gemeinden weiterhin als Ort für den Gottesdienst genutzt wird. Anlass für einen Blick auf den Heiligen Kapuzinerbruder aus Bayern.

Konrad Ausspruch „Mein Buch ist das Kreuz.“ deutet an, dass ihm demütige Frömmigkeit, Versenkung im Gebet und tätige Liebe wichtiger waren als Studien zu theologischen Fragen und gelehrte Gespräche. Er konzentriert sich ganz auf das Kreuzesgeschehen und stellt sich das Kreuz vor Augen, verliert es nicht aus dem Blick. Er hält es fest in die Hand, wie auf zahlreichen Bildern von ihm zu sehen ist. Ganz nah rückt er an das Kreuz heran und betrachtet den gekreuzigten Christus und damit das Mysterium der Erlösung. Dort wo mancher auf Porträts ein Buch hält und damit repräsentativ seine Bildung zur Schau stellt, dort hält er das Kreuz.

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Das Kreuz
war sein Buch.
Und fließend las er
Auch jene dunklen Stellen,
bei denen wir uns
trotz Mittlerer Reife
und Abitur
wie Analphabeten
gebärden.

(Rupert Schützbach)

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Papst Benedikt würdigte Bruder Konrad während seiner Bayernreise am 11. September 2006 in Altötting mit den Worten: „Wir denken natürlich auch ganz besonders an den guten Bruder Konrad. Er hat auf ein großes Erbe verzichtet, weil er ganz Jesus Christus nachfolgen, ganz mit ihm sein wollte. Er hat sich, wie es der Herr im Gleichnis empfiehlt, wirklich auf den letzten Platz gesetzt, als demütiger Pfortenbruder. In seiner Pfortenstube hat er genau das verwirklicht, was uns Markus über die Apostel sagt: Mit ihm sein und gesandt sein zu den Menschen. Er konnte von seiner Zelle aus immer auf den Tabernakel hinschauen, immer „bei ihm sein“. Von diesem Blick her hat er die nicht zu zerstörende Güte gelernt, mit der er den Menschen begegnete, die fast ohne Unterbrechung an seiner Pforte anläuteten – auch manchmal eher bösartig, um ihn bloßzustellen; auch manchmal ungeduldig und laut: Ihnen allen hat er ohne große Worte durch seine Güte und Menschlichkeit eine Botschaft geschenkt, die mehr wert war als bloße Worte. Bitten wir den heiligen Bruder Konrad, daß er uns hilft, den Blick auf den Herrn gerichtet zu halten und daß er uns so hilft, Gottes Liebe zu den Menschen zu bringen. Amen.“

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Ich muss oft an Konrad denken. Seine betrachtende, demütige Haltung passt scheinbar gar nicht ins Zeitalter instrumenteller Vernunft, in dem das „Buch“, das weltimmanente Wissen, über allem steht und das „Kreuz“, die transzendierende Weisheit, kaum noch Bedeutung hat. Zuletzt musste ich an ihn und seine Spiritualität denken als im Rahmen des XXII. Weltkongresses für Philosophie in Seoul die „World Union of Catholic Philosophical Societies“ eine Sitzung mit dem Thema „Die tiefe Rationalität der Religion“ veranstaltete.

Die tiefe Rationalität der Religion liegt dabei in einer Vernunft, die jenseits der instrumentellen Vernunft des technisch-wissenschaftlichen Weltverständnisses angesiedelt ist. Ohne diese Vernunft ist Glaube nicht möglich. Die Grundgebete der Katholiken etwa enthalten in ihrer tiefen metaphysischen Rationalität Einsichten (man denke an das Apostolische Glaubensbekenntnis), die mit instrumenteller Vernunft allein nicht erfasst werden können. Am Ende steht die Erkenntnis: Eine bloß instrumentelle Vernunft ohne religiöse Aspekte ist eine Vernunft für Roboter, nicht für Menschen.

Um Mensch zu bleiben bedarf es eines weiten Begriffs von Vernunft, wie auch Papst Benedikt XVI. nicht müde wird zu betonen. In einer Ansprache an die Teilnehmer der ersten Begegnung der Dozenten europäischer Universitäten (23.06.2007) betonte er: „Um die Herausforderungen, die die gegenwärtige Kultur stellt, richtig zu verstehen und angemessene Antworten darauf zu finden, ist es notwendig, eine kritische Haltung einzunehmen gegenüber einengenden und letztlich irrationalen Versuchen, den Bereich der Vernunft einzuschränken. Der Vernunftbegriff muss im Gegenteil ,geweitet’ werden, damit man jene Aspekte der Wirklichkeit untersuchen und erfassen kann, die über das rein Empirische hinausgehen. Das ermöglicht einen fruchtbareren und komplementären Zugang zur Beziehung zwischen Glauben und Vernunft. Der Aufstieg der europäischen Universitäten wurde durch die Überzeugung gefördert, dass Glaube und Vernunft bei der Suche nach der Wahrheit zusammenwirken müssen – unter Achtung des Wesens und der rechtmäßigen Autonomie des anderen und dennoch in harmonischer und kreativer Zusammenarbeit, um der Erfüllung des Menschen in Wahrheit und Liebe zu dienen.“

Der Erfüllung des Menschen in Wahrheit und Liebe zu dienen – Bruder Konrad ist dafür ein Zeuge.

(Josef Bordat)

Katholizismus in Korea

September 3, 2008

Am Rande des XXII. Philosophie-Weltkongresses in Seoul (30.7.-5.8.2008), an dem teilzunehmen ich das Glück hatte, habe ich mich mit koreanischen Kirchenvertretern getroffen und mir die bewegte und bewegende Geschichte des Katholizismus in Korea schildern lassen. Anlass für eine Unterbrechung des Urlaubs vom Bloggen. Teil 1 des folgenden Textes basiert auf den intensiven Gesprächen vor Ort und nachträglichen Recherchen, Teil 2 ist eine Betrachtung, die, wie ich finde, gut zu den Fakten der koreanischen Kirchengeschichte passt.

Teil 1 – GESCHICHTE

1. Einleitung

Die Republik Korea („Südkorea“) feierte am 15. August 2008 den 60. Jahrestag ihres Bestehens. Korea ist ein Land zwischen Tradition und Moderne. Die Koreaner sind fröhliche und hilfsbereite Menschen, die in einem Gleichgewicht von Spiritualität und technischem Fortschritt leben und dabei zugleich Bescheidenheit und Selbstbewusstsein ausstrahlen. Diese Harmonie von Kompetenz und Demut, von Aufstiegsorientierung und Verwurzelung ist es, die die Erfolgsgeschichte dieses asiatischen Landes prägt. Und eine Erfolgsgeschichte ist das, was in den Jahrzehnten nach dem Koreakrieg (1950-53) im Süden der Halbinsel passiert ist, in der Tat. Das Pro-Kopf-Einkommen wurde von 200 US-$ auf 20.000 US-$ gesteigert. Heute hat Südkorea eine stabile Demokratie und eine der größten Volkswirtschaften der Welt. Gemessen am nominalen Bruttoinlandsprodukt des Jahres 2007 lag das Land mit seinen 49 Millionen Einwohnern auf Platz 13.

Viele Menschen wissen nicht, dass der Katholizismus eine große Rolle bei der Entwicklung des modernen Korea gespielt hat. Insbesondere das Sozial- und Gesundheitssystem ist fest in kirchlicher Hand, der Bildungssektor wird von vielen konfessionellen Schulen gestützt. Dabei ist der katholische Glaube nicht – wie in anderen Teilen der Welt, etwa in Lateinamerika oder Afrika, aber auch in China – durch Mission von außen angeregt und etabliert worden, sondern erwuchs aus der Kraft eigenständiger intellektueller Auseinandersetzung mit dogmatischen Schriften. Ein Blick in die Geschichte der katholischen Kirche in Korea lohnt sich, weil sie ein Bild lebendiger Glaubensentfaltung aus dem Geist der Vernunft offenbart, das kirchenhistorisch einzigartig ist und weil sie zeigt, wie durch das Nachdenken über Gott, die tätige Nächstenliebe und das kompromisslose Einstehen für die Wahrheit Kirche zur erneuernden Kraft aufblüht.

2. Anfänge

In den 1770ern studieren koreanische Gelehrte, alles Konfuzianer, katholische Schriften aus China, welche die Jesuiten im 17. Jahrhundert dorthin mitgebracht haben. Die Männer sind nach ihren philosophischen Studien davon überzeugt, in den dogmatischen Texten die Wahrheit gefunden zu haben. Wenig später bekennen sich Yi Byeol, Gwon Il-Sin, Yi Gahwan und Jeong Yakjong zum Katholizismus und treffen sich regelmäßig in buddhistischen Tempeln, um sich noch intensiver mit den Schriften aus China zu beschäftigen. Sie ziehen damit die Aufmerksamkeit ihrer Kollegen auf sich. Viele konfuzianische Gelehrte schließen sich ihnen an, so dass die Gruppe der Intellektuellen im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts rasch wächst und der Kirche in Korea den Boden bereitet.

1783 wird mit Lee Seung Hun der erste Koreaner auf den Namen „Petrus“ getauft. Als diplomatischer Gesandter in China tätig, hatte er Kontakt zu Christen in Peking aufgenommen. Er kehrt 1784 nach Korea zurück und legt damit den Grundstein für die Kirche in seiner Heimat. Er wird wahrhaftig zum „Fels“, auf den seine zum Glauben gekommenen Landsleute ihre Kirche bauen konnten. 1784 gilt seither als Gründungsjahr der katholischen Kirche in Korea.

Die „Philosophen-Gruppe“ trifft sich unterdessen im Haus von Kim Beom-u, auf dessen Grund ein Jahrhundert später die Kathedrale von Myeongdong gebaut wird. Die Gruppe wächst im Verborgenen, ihre Spiritualität der universellen Liebe aber trägt sie in die Gesellschaft hinein. Erkennbare Charakteristika der jungen Kirche sind die teilweise praktizierte Gütergemeinschaft untereinander sowie das große karitativ-soziale Engagement, das sich auf alle richtet, auch und gerade auf die Schwächsten. Die Sklaven, die in den Haushalten der Konvertiten leben, werden mit Rücksicht auf das Gleichheitsprinzip des Christentums in die Freiheit entlassen. Dieses Verhalten betrachtet das konfuzianische Joseon-Regime als Affront. Eine unbedingte Menschenwürde ist im Konfuzianismus unbekannt, in dessen Leistungsethik es klare Hierarchien gibt, mit undurchlässigen Grenzen zwischen oben und unten und in der Frauen Menschen zweiter Klasse sind. Universalität und Gleichheit drohen die paternalistische Gesellschaft Koreas ins Wanken zu bringen. Den äußeren Anlass für die Verfolgung bildete die Weigerung der Christen, ihren Ahnen Opfer zu bringen, als Folge der Ablehnung des konfuzianischen Ahnenritus durch den Papst, der diese Praxis bereits im 17. Jahrhundert als Irrlehre verurteilt und entsprechende Weisung an die Jesuiten, die in der China-Mission wirkten, erteilt hatte. Der eigentliche Grund aber ist in der Gefahr der Christen für die Machteliten zu sehen, da sie die gesellschaftlichen Verhältnisse zu erodieren drohten.

3. Verfolgung

Es beginnt ein Jahrhundert blutiger Verfolgung. 1786 erfolgt die Verhaftung und Ermordung Kim Beom-us. Er wird zum ersten Martyrer Koreas. Er sollte nicht der einzige bleiben – während des 19. Jahrhunderts fallen schätzungsweise 10.000 koreanische Katholiken der Verfolgung zum Opfer. Massenmartyrium als einzigartiges Glaubenszeugnis; in Teil 2 werde ich näher darauf eingehen.

Die Verfolgung der Kirche vollzieht sich in vier Wellen: kurz nach dem Verbot (1801), 1839-1841 (danach musste die Kirche komplett neu organisiert werden, da insbesondere Priester, u. a. der erste Bischof, ermordet wurden), 1846-1850 und schließlich – besonders heftig – in den Jahren 1866-1876 unter Prinzregent Taewongun. Erst mit der Staats- und Gesellschaftsreform im Jahre 1895 ebbt die Christenverfolgung in Korea ab. Auf Druck der Kolonialmacht Japan erfolgt eine Öffnung zum Westen und Religionsfreiheit wird garantiert. Das begünstigt insbesondere die Einreise von evangelikalen Missionaren aus den USA, doch auch die katholische Kirche kann nach einem Jahrhundert der Verfolgung aufatmen.

Im 20. Jahrhunderten führt eine Rehabilitierung der Opfer zu einer weit über den Katholizismus hinausreichenden Verehrung der Kirchenpioniere Koreas. Auch der Vatikan zollt der Geschichte der Kirche in Korea gebührend Respekt: 1925 werden neun, 1968 weitere 24 Martyrer selig gesprochen. Höhepunkt der noch jungen koreanischen Kirchengeschichte ist sicherlich die 1984 – zum 200. Jahrestag der Kirchengründung in Korea – erfolgte Heiligsprechung von 93 koreanischen und 10 französischen Martyrern der Verfolgungszeit durch Papst Johannes Paul II.

4. Kirchenstruktur

Der Wunsch nach priesterlicher Begleitung geht für die Untergrundkirche 1794 in Erfüllung. Aus China kommt Pater Jakob Chou Moon-Mo. Da er den Beginn der Verfolgung 1801 mit seiner Anwesenheit in Verbindung bringt, stellt er sich freiwillig den Behörden. 1831 wird – der Verfolgung zum Trotz – die landesweite Diözese Choson gegründet und wenig später beginnt mit Hilfe von Missionaren aus Frankreich die noch wenig organisierte Ausbildung von Priestern. 1845 wird der erste koreanische Priester geweiht, Andreas Kim Taegon, der 1846 der dritten Verfolgungswelle zum Opfer fällt. 1855 erhält Korea sein eigenes Priesterseminar, das sich eines regen Zulaufs erfreut. Zehn Jahre später gibt es bereits zwölf koreanische Geistliche, die etwa 25.000 Katholiken seelsorgerisch betreuen. Im 20. Jahrhundert erfolgen weitere Schritte in die organisationale Normalität. Die Kirchenstruktur, die noch heute gilt, stammt aus dem Jahr 1962. Danach ist Südkorea in 16 Bistümer unterteilt. Der Erzbischof von Seoul ist dabei zugleich Bischof von Pyongyang, der Hauptstadt Nordkoreas. 1966 wird die koreanische Bischofskonferenz eingerichtet und 1968 zum ersten Mal ein koreanischer Bischof zum Kardinal ernannt.

5. Gegenwart und Zukunft

Seit den 1960er Jahren erlebte das Christentum in Korea einen beispiellosen Aufstieg, der dazu führt, dass Südkorea nach den Philippinen, eine ehemals spanische Kolonie mit mehrheitlich katholischer Bevölkerung, das asiatische Land mit dem höchsten Bevölkerungsanteil an Christen ist. Jeder vierte Koreaner bekennt sich heute zum Christentum, das macht 12 Mio. Christen, Tendenz weiter steigend. Etwa 3,5 Mio. Koreaner sind katholisch, sie werden von etwa 2.200 koreanischen und 200 ausländischen Priestern betreut.

Der Beitrag der Katholiken zu Wohlfahrt und sozialer Konstitution des Landes ist, wie eingangs bereits ausgeführt, ein bedeutender. Die Encyclopedia of Korean Culture sagt es mit folgenden Worten: Die katholische Kirche habe sich nach „two centuries of miraculous development“ zu einer „de facto representative of the Korean conscience“ entwickelt, die in Koreas Zukunft die „key spiritual authority“ bilden werde. Zudem leiste sie mit ihrem „attitude of service“ eine „invaluable contribution to society“.

Teil 2 – NACHDENKEN ÜBER DAS BLUTZEUGNIS

Sanguis Martyrum Est Semen Christianorum – Das Blut der Martyrer ist der Samen der Christenheit. Wenn dieser Satz je eine Berechtigung hatte, dann sicherlich in Korea, wo nach einer Zeit der Passion, die sich durch das ganze 19. Jahrhundert zog, die Auferstehung folgte.
Der Opfertod tausender Blutzeugen ist nicht nur ein deutlicher Hinweis auf die Wahrheit des Glaubens, sondern er sorgt zudem im 20. Jahrhundert für dessen landesweite Verbreitung und Anerkennung. Heute sind die Martyrer rehabilitiert, sie werden in einer Wallfahrtskirche mit angeschlossenem Museum verehrt – nicht nur von Katholiken, denn ihr Dienst galt immer auch dem koreanischen Volk.

Was aber ist das Wesen und das Geheimnis des Martyriums? In der Nachfolge Christi liegt die enge Verknüpfung von Martyrium und Heiligkeit verwurzelt, denn schließlich ist Jesus Christus der Martyrer schlechthin. Wie könnte man die Nachfolge besser gestalten als bis zur letzten Konsequenz? Das wird in der Todesbereitschaft vieler Heiliger spürbar. Wenn Edith Stein zu ihrer Schwester Rosa in der Stunde ihrer Verhaftung sagt: „Komm, wir gehen für unser Volk!“ ist das die letzte Konsequenz einer Frau, die sich auch im Akt der Stellvertretung ganz in die Nachfolge Christi begibt: So wie Christus „für sein Volk“ den Weg nach Golgatha geht, so will Edith Stein „für ihr Volk“ nach Auschwitz gehen, um durch stellvertretendes Leiden Anteil am Erlösungswerk zu erhalten. Die Haltung des Martyrers ist eine heilige Haltung. Die fama martyrii gilt darum als besondere Tugendübung, gewissermaßen als Spezialfall der fama sanctitatis, der Tugendhaftigkeit, die den Christen ursächlich zum Heiligen macht, weswegen das Martyrium in der Praxis der Heiligsprechungsprozesse eine so überragende Bedeutung hat.

Kulminationspunkt des heiligen Lebens ist die Bereitschaft, um der Tugend willen, also insbesondere um Glaube, Liebe und Hoffnung willen, in den Tod zu gehen und damit zu verdeutlichen, dass ein Leben ohne die heiligenden Tugenden, ein Leben, das nicht im Einklang mit den Geboten Gottes steht, nicht lebenswert ist. Keine Furcht, keine Anpassung, keine Kompromisse, kein Arrangement mit den Verhältnissen, wenn diese nicht den Geboten Gottes entsprechen. Daraus bezieht das Martyrium stets neu seine Aktualität für das Leben eines jeden Christen, auch und gerade heute.

Was aber unterscheidet das Martyrium des Heiligen, der für seinen Glauben an Gott, seine Liebe zu Christus und seine Hoffnung auf das ewige Heil zu sterben bereit ist, von dem des Helden, der für die Freiheit zu sterben bereit ist?

Hierzu lohnt sich ein Blick auf die Auseinandersetzung Karl Rahners mit dem Begriff und Wesen des Martyriums. In seinem Buch Die Theologie des Todes[1] widmet er sich dem Martyrium im letzten Kapitel. Die Verbindung von Martyrium und Tod liegt auch hier nahe („Das Martyrium, so wie wir heute diesen Begriff auffassen, ist der Tod um des christlichen Glaubens oder der christlichen Sitte willen.“, S. 73), obwohl Rahner selbst darauf verweist, dass Martyrium zunächst „Zeugnis“ bedeutet und in der Bibel in diesem Wortsinn verwendet wird (ebd., S. 74). Rahner fragt hinsichtlich des Zusammenhang von Zeugnis und Tod: „Was hat das Zeugnis für Christus mit dem Tod zu tun? Ist das Ergebnis der Begriffsgeschichte doch nur mehr oder weniger Zufall, eine einigermaßen willkürliche Amalgamierung von Zeugnis und Tod, oder haben sich in diesem Begriff Wirklichkeiten gefunden, die innerlichst zusammengehören?“ (ebd., S. 74).

Eine erste Annäherung an diese Frage bestünde darin, festzustellen, dass im Martyrium nicht nur im, sondern mit dem Tod Zeugnis für ein Ideal, etwa den Glauben, abgelegt wird. Der Martyrer bezeugt seinen Glauben, auch auf die Gefahr hin, dabei mit seinem Leben zu bezahlen. Die Bereitschaft, diese letzte Konsequenz zu tragen, passt zur Radikalität des Heiligen, der allen vor Augen führt, dass es ihm ernst war und ernst ist mit seiner Überzeugung, so ernst, dass er ihr treu bleibt, bis in den Tod. Dieses Schema passt aber auch auf die Gesinnung eines Helden, der für eine politische Überzeugung zu sterben bereit ist und mit seinem Tod für sie Zeugnis ablegt; die Geschichte lebt von diesen Menschen, ohne dass sie Heilige wären.

Um nicht nur die Zusammengehörigkeit von Tod und Zeugnis im Akt des Martyriums, sondern auch dessen Heiligkeit zu erahnen, müsste in einer zweiten Betrachtung mit Rahner zwischen den beiden Komponenten, dem freiwilligen Tod als Akt der Wahrung persönlicher Integrität und der damit verbundenen „Heiligung“ des eigenen Lebens sowie dem mit dem Tod gegebenen Zeugnis als Akt der „Heiligung“ eines Ideals, unterschieden werden. Auf dieses Ideal kommt es letztlich an, ob von der Heiligkeit des Martyriums gesprochen werden kann, denn nur, wenn das, was der Martyrer bezeugt, wofür er stirbt, heilig ist, ist auch das Martyrium ein heiliger Akt. Während dies beim Helden, der für die Freiheit stirbt, in den Augen der Kirche nicht der Fall ist, erweist sich der Heilige, der für Gott stirbt, gerade dadurch als heilig, dass er im Tod für das Heilige Zeugnis ablegt.

Zunächst zum Tod und der personalen Integrität des Martyriums. Ausgehend davon, dass im Wissen um den Tod das Wissen um die Transzendenz verborgen liegt, formuliert er die These, dass dieses Wissen um die Transzendenz „nur in der Form des frei vorgelassenen Wissens um die eigene Todesgeweihtheit echt ist“ (ebd., S. 78). Nur wer den Mut zur Freiheit habe, zur letzten Freiheit, zur erfüllten Freiheit, „in der nicht nur dies und das, nicht nur an der Oberfläche des Lebens frei gehandelt wird, sondern in der über das ganze Leben bis in seine Tiefe frei entschieden wird“ (ebd., S. 78), kann die eigentliche Bestimmung des Menschen, die Heiligkeit, realisieren. Dann folgt daraus eine „frei geliebte Freiheit zum Tode“ (ebd., S. 78), die den Heiligen als „Mensch, der er sein sollte“ (ebd., S. 78) auszeichnet. Der Clou liegt im Umkehrfolgerung: Nur wer in dieser Freiheit „ja“ sagt zum Tod, sagt auch „ja“ zum Leben und zum Sinn des Daseins. Wer also im Leben Zeugnis ablegt für seinen Glauben, der muss dies auch im Tod tun, um nicht sein Leben zu entwerten. Umgekehrt heiligt sein „freiwilliger“ (ebd., S. 76) Tod das Leben. In diesem Sinne kann Rahner vom Martyrertod als der „gültigen Vollendung des Daseins“ (ebd., S. 78) sprechen. So wird erklärbar, dass es Menschen gibt, die mit dem Mut zur Freiheit für ihren Glauben oder ihre politischen Ideale freudig in den Tod gehen – personalen Integrität, d. h., man will im Tod bleiben, was man im Leben war. Dazu gehört der Mut zur Freiheit. Im Martyrium als besonderer Fall der Tugendhaftigkeit manifestiert sich also die Tugend der Tapferkeit in herausragender Weise. Die „Vollendung des Daseins“ ist allerdings nicht den Heiligen vorbehalten, sondern gilt auch für Helden, denn sie bleiben ebenfalls ihren Idealen, mit denen sie sich so sehr identifiziert haben, im Tode treu.

Nun zum Zeugnis und der überpersonalen Heiligung im und durch das Martyrium, die nicht nur Heiligkeit des Akts, sondern des Akteurs erweist. Rahner erinnert daran, dass sich im Martyrium Gnade, Glaube und Heil begegnen: „Dort, wo so gestorben wird, frei und gläubig vertrauend, alles einzelne lassend in dem freien Vertrauen, dadurch alles zu erhalten, wo man scheinbar ins Leere und bodenlos Abgründige zu fallen erfährt, dort tut man etwas, was man nur in der Gnade Christi tun kann [...]“(ebd., S. 79). Um nun aber zu erkennen, dass dieser „Glaubenstod wirklich ein Zeugentod [...] ist“ (ebd., S. 89), der auf die Heiligkeit des Zeugen hindeutet, muss man zunächst um die „unauflösliche Einheit von Zeugnis und bezeugter Sache“ wissen, die „durch Gottes gnadenhafte Verfügung“ garantiert ist: „Hier wird in absoluter Gültigkeit und Vollendung vollzogen, was bezeugt wird: das christliche Dasein als siegreiche Gnade Gottes. Das Zeugnis setzt das Bezeugte gegenwärtig, und das Bezeugte schafft sich selbst die Bezeugung, die untrüglich ist.“ (ebd., S. 93). Wenn dem so ist, dann folgt daraus, dass das Zeugnis des Martyrers nicht nur ein persönlicher Glaubensakt ist, mit dem er sich im Sinne der Integrität selbst über den Tod hinaus treu bleibt, sondern dass er den Glauben an sich bezeugt, weil sich im Zeugnis der Glaube an sich, nicht nur der persönliche Glaube, als das Bezeugte manifestiert. Wesen und Akt des Glaubens fallen im Zeugnis in eins, denn das Zeugnis im Tod des Heiligen zeugt vom Wesen des Glaubens und ist zugleich ein Akt des Glaubens. Auch dies könnte noch gelten, ersetzte man „Glauben“ durch „Freiheit“, denn das Zeugnis im Tod des Helden offenbart ebenso als Akt der Freiheit zugleich das Wesen der Freiheit, das nämlich genau darin besteht, freiwillig für seine Ideale sterben zu können. Es geht also auch beim Helden nicht nur um die persönliche Freiheit, sondern um Freiheit an sich.

Doch nur, wenn das Geglaubte etwas Heiliges ist und damit das Heilige an sich bezeugt wird und sich im Zeugnis das Heilige selbst die „untrügliche Bezeugung“ schafft, was die besondere Begnadigung des Zeugen durch das Heilige andeutet, nur dann liegt es nahe, vom Martyrium als einem Akt der Heiligkeit zu sprechen, der den Martyrer zum Heiligen macht.

Dieses bezeugte und sich zugleich Bezeugung schaffende Heilige ist Gott, die christliche Religion, aber auch die Instanz, die „heilig“ spricht, die Kirche. Heiligkeit ist ein Wesensmerkmal der Kirche, nicht nur, weil sie Gott bezeugt, und damit eine „Martyrerin“ ist, sondern weil sich Gott selbst diese „Bezeugung, die untrüglich ist“ durch sein eigenes Martyrium geschaffen hat: durch den Kreuzestod des menschgewordenen Gottes, Jesus Christus. Dessen gedenkt die Kirche in jeder Heiligen Messe. Rahner bindet die Heiligkeit des Martyriums und die Heiligkeit der Kirche folglich sehr fest aneinander, indem er darauf verweist, dass „Kirche und Martyrium [sich] gegenseitig [..] bezeugen“ (ebd., S. 93). Die Kirche zeugt durch das „Wortzeugnis [...] von der eschatologisch siegreichen Gnade“, in dem „die innerste Interpretation des Martyriums gegeben [wird]: es ist wirklich, was es zu sein scheint: die wirklich umfassende Tat des weltüberwindenden Glaubens, die Vollendung des Menschen“ (ebd., S. 93). Umgekehrt zeugt das Martyrium für die „überweltliche Herkunft“ der Kirche, zumindest für den, „der in der Gnade Gottes zu sehen vermag“ (ebd., S. 93). Dieser Akt gegenseitiger Bezeugung verdichtet sich in der Eucharistie, in der die Kirche im „vollendeten kultischen Selbstvollzug“ (ebd., S. 94) die mystische Feier des Todes Christi und unseres eigenen in ihm auch deswegen begeht, um im Messopfer auf die Christen zu deuten, die im Martyrertod „pragmatisch“ (ebd., S. 94) auf die Kirche gedeutet haben.

Das Martyrium ist also notwenig (personale Integrität in der Treue zum Heiligen über den Tod hinaus) und hinreichend (untrügliches Schaffen von Bezeugung durch das Heilige selbst) für die Heiligkeit eines Menschen, wenn das Ideal, für das er lebend und sterbend Zeugnis abgab, selbst heilig ist. Die Bedeutung der Heiligkeit des Martyrers, beispielsweise der 93 koreanischen und 10 französischen Martyrer des 19. Jahrhunderts, die 1984 – zum 200. Jahrestag der Kirchenbegründung in Korea – von Papst Johannes Paul II. heilig gesprochen wurden, liegt also in der umfänglichsten Deutung des christlichen Glaubens: dem Zeigen auf und dem Zeugen von Christus durch die Nachfolgerschaft im heilbringenden Opfertod. Dass dieser Menschen von der Wahrheit des christlichen Glaubens zu überzeugen vermag, dafür ist Korea ein exzellentes Beispiel.

[1] Karl Rahner: Die Theologie des Todes. Freiburg i. Br. 1958.

(Josef Bordat)