Es ist Advent

November 28, 2008

I.
Am Sonntag, dem ersten Advent, beginnt ein neues Kirchenjahr. Es beginnt zugleich die Vorbereitung auf Weihnachten, auf das Fest, das Christen an die Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth erinnert. Mit dem göttlichen Christus kam etwas in die Welt, das zuvor durch die Sünde verdunkelt war: die Liebe. Der Akt der Liebe Gottes zum Menschen ermöglicht die Liebe des Menschen zu Gott und zum Mitmenschen. Die Adventszeit dient der betrachtenden Vorbereitung auf diesen Neuanfang Gottes mit dem Menschen, der dem Neuanfang des Menschen mit Gott vorausgeht.

Vor 60 Jahren wurde im Advent auch ein Neuanfang gewagt: Nie wieder sollten Hass und Intoleranz die Menschen gegeneinander aufbringen und in Gewalt und Krieg führen. Vor 60 Jahren verkündete die Generalversammlung der Vereinten Nationen mit Resolution 217 A (III) vom 10.12.1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR). Die AEMR enthält 30 Artikel und sieht vier Typen von Rechten vor: 1. Leib- und Lebensrechte (Art. 3: „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“), 2. Freiheits- und Gleichheitsrechte (Art. 7: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich und haben ohne Unterschied Anspruch auf gleichen Schutz durch das Gesetz. Alle haben Anspruch auf gleichen Schutz gegen jede Diskriminierung, die gegen diese Erklärung verstößt, und gegen jede Aufhetzung zu einer derartigen Diskriminierung.“), 3. politische (Art. 21, 1: „Jeder hat das Recht, an der Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten seines Landes unmittelbar oder durch frei gewählte Vertreter mitzuwirken.“), soziale (Art. 22: „Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft das Recht auf soziale Sicherheit und Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale Zusammenarbeit sowie unter Berücksichtigung der Organisation und der Mittel jedes Staates in den Genuss der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen, die für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit unentbehrlich sind.“) und kulturelle Rechte (Art. 27, 1: „Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben.“) und schließlich 4. justizielle Rechte und Verfahrensregeln (Art. 10: „Jeder hat bei der Feststellung seiner Rechte und Pflichten sowie bei einer gegen ihn erhobenen strafrechtlichen Beschuldigung in voller Gleichheit Anspruch auf ein gerechtes und öffentliches Verfahren vor einem unabhängigen und unparteiischen Gericht.“).

437 Jahre zuvor wurden in einer Adventspredigt des Dominikaners Antonio Montesino auf der Insel Española mit Blick auf die dort lebenden Indios zentrale Inhalte der wichtigsten, vorderen Artikel der AEMR angesprochen (universale Menschenwürde, Recht auf Leben, Verbot der Sklaverei, Verbot der Folter, Verbot unmenschlicher Behandlung). Vor fast 500 Jahren, am vierten Adventssonntag des Jahres 1511, gab es damit so etwas wie eine echte „Menschenrechtspredigt“ (Eggensperger / Engel: Bartolomé de las Casas. Dominikaner, Bischof, Verteidiger der Indios. Mainz 1992, S. 142), ein gutes Vierteljahrtausend vor der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Französischen Revolution. Wie kam es dazu?

II.
Nach der Entdeckung der Neuen Welt (1492) kamen 1510 die ersten Dominikanerpatres auf die Insel Española. Heute ist Española geteilt: Im Westen liegt das französischsprachige Haiti und im Osten die spanischsprachige Dominikanische Republik. Sie erkannten, dass die von den Conquistadores herbeigeführten Zustände in den Kolonien jeglicher Menschlichkeit entbehrten. Damals hatte die Spanier im Wesentlichen den Karibikraum besiedelt, die Eroberung der kontinentalen Großreiche stand noch bevor (1519 eroberte Hernán Cortés das Aztekenreich, 1532 Francisco Pizarro das Inkareich).

Im Zentrum der kritischen Missionare der ersten Generation stand Antonio Montesino. Montesino war von 1510 bis 1522 als Missionar in Española, bis zu seinem Tod (1540) noch in Puerto Rico und Venezuela. Mit seiner eindrucksvollen Adventspredigt warf er die Frage der Rechtfertigung des brutalen Kolonialregimes auf, eine Frage, deren Widerhall die bis dato vorherrschende Selbstverständlichkeit der Conquistadores für immer zerstörte. Während der zwei Jahrzehnte davor hatte sich niemand genötigt gesehen, irgendeine Rechenschaft über sein Verhalten abzugeben. Die Tatsache der Entdeckung selbst rechtfertigte die Besatzung und Exploration der entdeckten Gebiete. Das änderte sich durch die starken Worte Montesinos.

In seiner Predigt zum Johannes-Evangelium („Ich bin die Stimme, die aus der Wüste ruft.“, Joh 1, 23) forderte er ein Verbot der Indianersklaverei und die Aufhebung des Encomienda-Systems. Montesino sagte, dass sich alle daran beteiligten Conquistadores im „Stand der Todsünde“ befänden („…todos estáis en pecado mortal…“), da es für ihr Tun keine Rechtfertigung gebe („…Decid, ¿con qué derecho y con qué justicia tenéis en tan cruel y horrible servidumbre aquestos indios? ¿Con qué auctoridad habéis hecho tan detestables guerras a estas gentes que estaban en sus tierras mansas y pacíficas, donde tan infinitas dellas, con muerte y estragos nunca oidos habéis consumido?…“). Deutlich prangert er ihre rücksichtslose Habgier an („…¿Cómo los tenéis tan opresos y fatigados, sin dalles de comer ni curallos en sus enfermedades, en que, de los excesivos trabajos que les dais, incurren y se os mueren y por mejor decir, los matáis por sacar y adquirir oro cada día?…“) und stellt eine Frage, die erst mit der Bulle Sublimis Deus (1537) zugunsten der Indios beantwortet wird: „Sind sie keine Menschen? Haben sie nicht vernunftbegabte Seelen?“ („¿Éstos no son hombres? ¿No tienen ánimas racionales?”) (zit. nach Las Casas: Historia de las Indias. Bd. 3. Hrsg. v. Fernández, I. P. et al. In: Castañeda Delgado, P. (Hrsg.): Bartolomé de Las Casas. Obras completas. Bd. 5, Madrid 1994, S. 1761 f.).

Damit stößt er gleichsam ein Hauptproblem der Auseinandersetzung um die Indios an: Sind Indios vernunftbegabte Wesen? Wenn ja, womit sollte dann die Selbstverständlichkeit begründet werden, mit der man sie versklavte; wenn nein, wie sollte man sie dann missionieren, wie sollten sie – mit rein animalischem Habitus – die christliche Doktrin verstehen, annehmen und nach ihr leben? – Am darauffolgenden Sonntag bekräftigt Montesino seine Auffassung unter dem Leitmotiv „Ich rufe mein Wissen weit hinaus, wahrhaftig, meine Worte sind kein Trug“ (nach Hiob 36, 3-4, vgl. Las Casas 1994: S. 1766).

III.
Einer der Zuhörer ist der junge Bartolomé de Las Casas, der gerade seit einigen Jahren im priesterlichen Dienst stand. Während die Botschaft die Kolonialgesellschaft zwar irritierte, die Conquistadores aber letztlich unbeeindruckt blieben (Las Casas resümiert später nüchtern die Reaktionen der Zuhörer: „Viele waren sprachlos, einige wie von Sinnen, die anderen verstockt, manche sogar zerknirscht, aber keiner bekehrt.“, zit. nach Engl: Die Eroberung Perus in Augenzeugenberichten. München 1977, S. 66), beschäftigte die Philippika seines späteren Ordensbruders – Las Casas trat erst 1522 in den Predigerorden ein – den jungen Kaplan sehr, auch wenn dieser zunächst keine praktischen Konsequenzen aus den eindrucksvollen Worten Montesinos zog. Dies geschah erst einige Jahre später, wofür zwei Ereignisse entscheidend waren:

1.) In den Jahren 1512/13 nimmt Las Casas als Feldkaplan an der blutigen Eroberung Kubas unter Diego de Velazquez teil und wird Zeuge einiger Massaker. Unter dem Eindruck der sinnlosen Gräueltaten wird sein Verhältnis zu den Conquistadores zunehmend kritisch.

2.) 1514 wird Las Casas gebeten, am Pfingstfest die Predigt zu halten. Bei der Vorbereitung stößt er im Buch Jesus Sirach auf folgende Stelle: „Ein Brandopfer von ungerechtem Gut ist eine befleckte Gabe, Opfer der Bösen gefallen Gott nicht. Kein Gefallen hat der Höchste an den Gaben der Sünder, auch für eine Menge von Brandopfer vergibt er die Sünden nicht. Man schlachtet den Sohn vor den Augen des Vaters, wenn man ein Opfer darbringt vom Gut der Armen. Kärgliches Brot ist der Lebensunterhalt der Armen, wer es ihnen vorenthält, ist ein Blutsauger. Den Nächsten mordet, wer ihm den Unterhalt nimmt, Blut vergießt, wer dem Arbeiter den Lohn vorenthält.“ (Jes Sir 34, 21-26). Las Casas erkennt: Die ausgeraubten Armen, von denen hier in der Heiligen Schrift die Rede ist, sind die Indios, die als Zwangsarbeiter in seinen Mienen und auf seinem Landgut schuften. Und der Mörder seines Nächsten ist niemand anderes als er selbst, der Priester Las Casas. Die eucharistischen Opfer in den zahlreichen Gottesdiensten sind als Kompensation untauglich und werden von Gott nicht anerkannt, weil die Opfergaben Diebesgut darstellen. Er zieht die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis und verzichtet öffentlich auf seinen ertragreichen Grundbesitz.

Dennoch: Antonio Montesino kann durchaus als sein Mentor angesehen werden, denn er unterstützte Las Casas in seinem praktischen Einsatz für die Indios und ermutigte ihn, Memoriales an den Hof zu verfassen, um diesem sein Programm einer evangeliums- und missionszentrierten Kolonialisierung mit friedlichen Mitteln vorzustellen. Er hatte erkannt: Die Botschaft von der Liebe Gottes kann und darf nicht gewaltsam verbreitet werden! Leider waren er und seine Anhänger mit dieser Einstellung ziemlich allein. Die Zeichen der Zeit standen auf Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung. Die spanischen Conquistadores dienten in den Kolonien nicht Christus, sondern „ihrer Göttin Habgier“ (Las Casas: Tratados de 1552. Hrsg. v. Hernández, R. / Galmés L. In: Castañeda Delgado, P. (Hrsg.): Bartolomé de Las Casas. Obras completas. Bd. 10, Madrid 1992, S. 172), während die meisten Missionare schwiegen.

Karl V., der neben der spanischen Krone ab 1519 auch die Kaiserkrone trug, sorgte sich mehr um die Finanzkrise (Spanien war bei der deutschen Banken Fugger und Welser hoch verschuldet), innenpolitische Schwierigkeiten (1517 trat ein gewisser Martin Luther auf und drohte, das Reich zu zersetzen) und handfeste europapolitische Interessen (1523 belagerten die Osmanen die Stadt Wien und bedrohten damit das Reich von Süd-Osten her). Lateinamerika war zwar geostrategisch bedeutend und ökonomisch ertragreich, aber die „Menschen“ dort – wie gesagt: bis zur Bulle Sublimis Deus (1537) von Papst Paul III. galten Indios nicht als „richtige“ Menschen – waren den Herrschenden ziemlich egal.

IV.
Heute kümmert sich die bischöfliche Aktion Adveniat um Menschen in Lateinamerika. Das deutsche katholische Hilfswerk ruft insbesondere in der Adventszeit zu Spenden auf. In jeder Adventszeit gibt es dazu eine besondere Adveniat-Jahresaktion, d. h. eine Reihe von Veranstaltungen, die in Zusammenarbeit mit zahlreichen Bistümern Deutschlands organisiert wird, um auf die Nöte in Lateinamerika und die Arbeit von Adveniat hinzuweisen. Und selbstverständlich auch, um dafür Spenden einzuwerben. In dieser Adventszeit geht es – aufgepasst, liebe Berliner! – um das Thema „Großstadtpastoral“. Das Motto dazu lautet: „Gott wohnt in ihrer Mitte“ (vgl. Offb 21, 3).

Der Hintergrund der Aktion ist folgender: Derzeit leben in Lateinamerika knapp 70 Prozent der Menschen in Millionenstädten, Tendenz steigend. Das wirft fragen auf, die für die Kirche vor allem (aber nicht nur!) in Lateinamerika entscheidend sind. Wie wohnt Gott in der Stadt? Wie wird zwischen Wohnung, U-Bahn und Arbeit Glaube gelebt und Gemeinde geschaffen? Wie gelingt es der Kirche, Netzwerke gegenseitiger Hilfe zu bilden und den Menschen beizustehen? Wir sind eingeladen, Antworten zu geben. Und zu spenden.

(Josef Bordat)

Heute feiert die Kirche mit Katharina von Alexandria eine Heilige, hinter deren Leben viele Fragezeichen stehen. Genauer gesagt: Es ist nicht einmal klar, ob sie überhaupt gelebt hat. Ihre Botschaft, den Glauben aus einer Haltung mystischer Vermählung mit Christus in Demut und Weisheit zu bezeugen, muss heute umso mehr lebendig gehalten werden. Dieser Auftrag geht ganz besonders an Philosophen, Theologen und Gelehrte, Lehrer und Studenten, deren Patronin Katharina von Alexandria ist.

Heute feiere auch ich: Katharina – so heißt meine Mutter. Liebe Mama: Herzlichen Glückwunsch zum Namenstag!

Ein Zitat des brasilianischen Bischofs Dom Helder kennt wohl auch derjenige, der sich sonst eher weniger mit Lateinamerika und der Befreiungstheologie auseinandergesetzt hat: „Wenn ich den Armen ein Brot gebe, nennt man mich einen Heiligen. Wenn ich frage, warum die Armen kein Brot haben, nennt man mich einen Kommunisten.“ Ein Satz, der polarisiert. Hier der Heilige, dort der Kommunist. Fallbeilartig trennt das offizielle Lehramt („man“) zwischen erwünschter individualisierter Hilfe und unerwünschten, unverschämten Anfragen an Struktur und Organisation von Gesellschaft und – wie wir noch sehen werden – von Kirche.

Der Ansatz der Befreiungstheologie, der in den 1960ern entwickelt und in dem 1971 erschienenen Buch „Teología de la liberación“ vom Peruaner Gustavo Gutierrez erstmals systematisch dargelegt wurde, ist ein gesellschaftspolitischer, der Exegese und Liturgie kontextabhängig ausgestaltet. Die Leitfrage lautet: „Wie können wir unter den Bedingungen der in weiten Teilen der Bevölkerung herrschenden absoluten Armut Theologie treiben?“ Antwort: „Nur, indem wir diese Bedingungen in der theologischen Reflexion berücksichtigen.“

Im Rahmen einer Bildungsveranstaltung der Katholischen Studierendengemeinde Berlin (KSG) zum Semesterprogramm „UN-verschämt. Wahrheit ist unbequem“ führte Pfarrer Norbert Arntz, Mitarbeiter der Missionszentrale der Franziskaner und einige Jahre als Seelsorger in Peru tätig, in diesen Ansatz ein und markierte Grundpositionen der Befreiungstheologie, über die im Anschluss an den Vortrag vehement gestritten wurde.

Die Befreiungstheologie hat drei Säulen: die realpolitische Option für die Armen, die spirituelle Rede vom Reich Gottes und die Forderung nach kirchenorganisatorischen Reformen im Sinne der lateinamerikanischen Basisgemeinden (CEB). Dem korrespondieren drei Dimensionen der Befreiung: von Not, von Sünde und von „den Einflüssen äußerer Mächte“, die Menschen daran hindern, „gelebt zu haben, bevor sie sterben“.

Hinsichtlich des ersten Punktes war man sich schnell einig: Die Option für die Armen ist ein wichtiger Auftrag für die Kirche, nicht zuletzt bestätigt durch Papst Benedikts Eröffnungsansprache der Bischofskonferenz von Aparecida (2007), wo er die Kirche „Anwältin für Gerechtigkeit und Recht“ nannte. Das Verhältnis von Befreiungstheologie zur lehramtlichen katholischen Soziallehre beschrieb der Referent als gegenseitige Befruchtung von Reflexion und Verkündigung. Die z.T. heftige sozial- und wirtschaftspolitische Kritik an der Befreiungstheologie, auch und gerade aus dem Geist der katholischen Soziallehre (etwa bei Joseph Höffner), blieb unerwähnt. Soweit zur Harmonie.

Kritik wurde dann zunächst an der Reich Gottes-Vorstellung laut, die als zu diesseitig bezeichnet wurde. Der Versuch, das Reich Gottes durch Menschen herbeizuführen, lässt in der Tat eine gewisse Nähe zum marxschen Paradies der klassenlosen Gesellschaft erahnen, Distanzierungsversuche („Aber wir glauben eben zusätzlich an das Reich Gottes!“) sind zirkulär, weil ja gerade das Transzendenzmoment des vertrauenden Glaubens, das bei Marx – als Vertröstung („Opium“) missverstanden – fehlt, auch in einem anthropogenen „Reich Gottes“ verschwindet. Dabei lässt sich sicherlich nicht leugnen, dass die Christen in der Welt mit dem Bau des Reiches Gottes beginnen müssen, damit Gott ihn vollenden kann. Pfr. Arntz  erinnert dazu an Dorothee Sölle (die als „atheistisch Glaubende“ aber auch eher Zeugin für Marx als für Jesus ist): „Gott hat keine anderen Hände als unsere.“ Arntz ergänzt: „Aber Gott ist größer als unsere Vorstellung“. So mündet dieser Aspekt dann auch noch in die zwischen Immanenz und Transzendenz halbwegs vermittelnde Formel ein: „Es kommt auf den Menschen an, aber es hängt nicht von ihm ab.“

Die Frage, auf die wohl jede innerkirchliche Diskussion zuläuft, kanalisierte auch in der KSG rasch das Streitgespräch und entzweite die Diskutanten: Kann es eine echte Option für die Armen geben, ohne zugleich auf eine Option für strukturelle Reformen innerhalb der Kirche zu bestehen?

Die Frage im Hintergrund lautet: Können Strukturen als solche ungerecht sein oder liegt es am Menschen, sein Handeln gerecht oder ungerecht auszurichten, unabhängig von der gegebenen Struktur? Ja, es liegt am Menschen, sagen die einen. Was heißt überhaupt „gegeben“ – „gemacht“ wäre wohl treffender, werden die anderen entgegnen. Eben, werden erstere sagen: Der Mensch macht’s (un)möglich! – „Wie denn?! Bei diesen Strukturen!“ Henne und Ei.

Wenn man akzeptiert, dass ersteres zumindest prinzipiell gelten kann, Strukturen also per se „ungerecht“ sein können, und zwar für jede menschliche Struktur, so kann dies auch für die Kirche gelten, die ja – auch von ihrem Selbstverständnis her – auch historisch gewachsen ist, obgleich sie als außergeschichtliche Hand Gottes auf Erden gestiftet wurde. Das führt uns – negativ gesprochen – zu der Frage: Muss jeder, der sich um Arme kümmert, auf kurz oder lang die Loyalität zur – zu dieser! – Kirche aufkündigen, weil sie etwa Teil des Problems und nicht der Lösung ist? Der Referent schien dieser Ansicht zu sein und setzte der bestehenden, real existierenden hierarchischen Organisationsstruktur das befreiungstheologisch inspirierte Modell der Basisgemeinde entgegen, die Christus nicht an der Spitze einer Pyramide, sondern in der Mitte eines Kreises lokalisiert. Die Pyramide sei das Relikt der Feudalgesellschaft, das es zu überwinden gelte.

Dabei ist das vom Referenten eingeführte Konzept der „konstantinischen Kirche“ historisch und theologisch fragwürdig, sieht sich die römisch-katholische Kirche doch – 300 Jahre vor Konstantin – von Christus gestiftet, der den ersten Papst (Petrus) persönlich ernannte.

Doch während die lehramtliche Ekklesiologie davon ausgeht, dass die Struktur der Kirche gottgewollt ist, sehen die Befreiungstheologen in ihr als solche und in Gänze eine politisch motivierte „strukturelle Sünde“, denn die auf Macht zielende hierarchische Organisation begünstige die Korrumpierbarkeit und die Bereitschaft zur Kooperation mit der weltlichen Macht, auch und gerade dort, wo Kirche diese Macht in der Nachfolge Jesu kritisieren sollte; historische Beispiele gibt es reichlich, zumal in Lateinamerika. Dem stehe jedoch, so Studierendenpfarrer Pater Thomas OP, gegenüber, dass die Kirche nur aufgrund dessen, dass sie in der Person des Papstes zumindest symbolische „Macht“ besitzt, überhaupt Kritik an anderen Mächten wie China, Russland und den USA üben kann. Ein bedenkenswerter Punkt. Würde es die Stellungnahme einer Basisgemeinde zum Irak-Krieg in die Tagesschau schaffen? Wird das häufig sehr kluge Wort der Größen aus dem protestantischen Lager auch nur annähern so wahrgenommen wie das des Papstes? Es braucht wohl – zumal heutzutage, bei stetig sinkender Aufmerksamkeitsspanne – eine Symbolfigur, einen Papst, der mehr als eine Milliarde Menschen vertritt, nur dadurch, dass er auftritt.

Aus eigener Anschauung weiß ich um die Probleme in Peru und kann insoweit die Entstehung der Befreiungstheologie sehr gut nachvollziehen. Ob es jedoch klug ist, die beiden Aspekte, die praktische Arbeit vor Ort und die theoretische an den Universitäten, als zwei Seiten der einen Medaille, als zwei gleichberechtigte Aspekte im Kampf gegen Ungerechtigkeit und für die Befreiung der Menschen anzusehen, darf bezweifelt werden. Zwar sind strukturelle Fragen immer mitzubedenken und auch die Kirchenstruktur enthält Aspekte, die reformbedürftig sind (welche dies im einzelnen sind und wie die  Reformen aussehen könnten, kann jetzt hier nicht ausgeführt werden), doch Kirche ist keine ausschließlich menschliche Organisation. Sie ist im Wesentlichen die Manifestation des mystischen Leibes Christi in der Welt, von Gott gewollt und von Jesus eingesetzt, mit expliziten und impliziten Auflagen hinsichtlich einer ganz bestimmten Struktur. Diese wird von der jetzigen Kirche eher getroffen als vom Modell der Basisgemeinde, soweit dieses sich nicht in die Hierarchie einfügen lassen, sondern das Organisationsprinzip von Kirche schlechthin darstellen soll.

(Josef Bordat)

Die zentrale Einsicht Peter Wusts stand heute in meinem Abreißkalender:

„Der Zauberschlüssel zum Tor der Weisheit ist nicht die Reflexion, sondern das Gebet.“

Eine Einsicht, die man nicht reflektieren, sondern nur meditieren kann.

(Josef Bordat)

Adventszeit, Fastenzeit

November 10, 2008

Früher dauerte die Adventszeit sechs Wochen. Und früher war diese Vorbereitungszeit auf das Weihnachtsfest – ähnlich wie die 40 Tage vor Osten – eine Buß- und Fastenzeit[1]. Heute ist die Adventszeit zeitlich und inhaltlich verkürzt: Vier Wochen lang darf rund um die Uhr konsumiert und Glühwein getrunken werden. Das war’s dann. Oder?

Da auch ich mich nicht gänzlich der adventlichen Vorfreude auf Weihnachten entziehen will, nutze ich die zwei Wochen vor dem ersten Adventssonntag als Fastenzeit. Was religiös-geistliche Ursachen hat, zeitigt durchaus auch weltlich-körperliche Folgen: Vor den nicht immer kalorienarmen Mahlzeiten, die der Dezember bereithält, entlastet man sich und sorgt dafür, dass die Waage im Januar nicht allzu erschreckende Botschaften kundtut. Hier zeigt sich die Mehrdimensionalität des Fastens. Fasten ist gut für Körper und Seele, für sich und andere. Lassen Sie mich das kurz erläutern.

I. Fasten und Heiligung

Letztes Ziel des Christen ist die Heiligkeit. Erreicht wird sie durch die Erlösung in Christus, durch die Gnade Gottes, aus dessen Liebe unsere Liebe erwächst. Spürbar werden soll sie durch eine Heiligung des Lebens. Zum „heilig“ werden bzw. „heilig“ sein gehört neben einer Gesinnung, die dem entspricht, was als „heilig“ angesehen wird, auch eine sichtbare Manifestation der Gesinnung in konkreten Lebensformen und Verhaltensweisen, denn wie sonst würde die edle Gesinnung erkennbar und die Person zur „Heiligen“ werden. Zu diesen Verhaltensweisen zählt in erster Linie die Liebe, aber auch das Fasten als Ausdruck der Buße und der willentlichen Weltabkehr, des Verzichts auf Annehmlichkeiten und der bewussten Orientierung auf Gott. Das Fasten ist als Technik Voraussetzung für Heiligkeit und zugleich deren Konsequenz, gelangt also selbst in die Sphäre des Heiligen.[2] Im Folgenden soll es aber um die durchaus auch heute noch praktisch nachvollziehbare Technik des Fastens gehen, die den Menschen heiligt.

Fasten spielt als Technik der Besinnung auf das Wesentliche nicht nur im Christentum, sondern in allen großen Religionen eine rituelle Rolle. Bekannt sind der islamische Ramadhan (Fasten als eine der fünf Säulen des Glaubens), das jüdische Fest Jom Kippur (Fasten als dankbare Erinnerung an den Versöhnungstag, an dem der Priester im Heiligtum für die Sünden des ganzen Volkes sühnte, Lev 16, 29-31) oder auch die Rede vom Nutzen des Fastens im Buddhismus (Fasten als Beitrag zu einem ungetrübten Geist). Doch insbesondere die Bibel steckt voller Passagen, die den Wert des Fastens ausdrücken. Dabei geht es insbesondere um Buße und Befreiung von Schuld und Sünde. So versuchen die Einwohner der Stadt Ninive ihrem Untergangsschicksal durch „Fasten und Buße“ zu entgehen: „Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und ließen ein Fasten ausrufen und zogen alle, groß und klein, den Sack zur Buße an.“ (Jon 3, 5). Ferner ist das Fasten damit auf die Beschwichtigung Gottes gerichtet – als Alternative zum Opfer. An anderer Stelle wird diese Intention noch deutlicher: „Dann rief ich dort am Fluss bei Ahawa ein Fasten aus; so wollten wir uns vor unserem Gott beugen und von ihm eine glückliche Reise erbitten für uns, unsere Familien und die ganze Habe.“ (Esr 8, 21). Auch auf die Gefahren und Unannehmlichkeiten des Fastens wird verwiesen. In den Psalmen heißt es einmal „Ich nahm mich durch Fasten in Zucht, doch es brachte mir Schmach und Schande.“ (Ps 69, 11) und an anderer Stelle: „Mir wanken die Knie vom Fasten, mein Leib nimmt ab und wird mager.“ (Ps 109, 24). Entscheidend für die Tradition des Fastens in der christlichen Kirche ist jedoch, dass Jesus Christus selbst 40 Tage in die Wüste ging, um sich fastend auf seine Mission vorzubereiten (Mt 4, 1-11).[3] Viele Heilige, die sich in die Nachfolge Christi begeben haben, stellten das Fasten demnach in den Mittelpunkt ihrer Berufung, etwa Hildegard von Bingen[4] oder Franz von Assisi[5].

Doch ist das Fasten heute längst nicht mehr an religiöse Intentionen gebunden, sondern steht als populäre Alltagsauszeit zwischen Gesundheitstrend, Schlankheitswahn und dem Befreiungsakt, den man sich für Körper und Seele erhofft. Als Losung „Simplify your Life“ erreicht die Verzichtskultur den Status einer Modeerscheinung. Und nicht zuletzt angesichts der jüngsten Forschungsergebnisse zum Klimawandel fordern immer mehr Menschen – auch solche, von denen man es kaum erwartet – einen weitreichenden Verzicht auf die Annehmlichkeiten des modernen Lebens. Fasten, um die Welt zu retten. In der Tat darf man die These wagen: Verzicht kann heute noch als individueller Befreiungsakt initiiert werden, in 50 Jahren wird er aufgrund der sich verschärfenden Umweltproblematik kollektive Notwendigkeit sein.

Es gibt verschiedene Formen und Gestalten des Fastens: Heilfasten[6], meist verbunden mit völliger Abstinenz fester Nahrung, der selektive Verzicht auf bestimmte Nahrungs- bzw. Genussmittel (etwa Alkohol, Süßigkeiten, Fleisch), das Einschränken von Lebensgewohnheiten bis hin zur völligen Entsagung bestimmter Dinge. Dann bleiben der Fernseher oder das Mobiltelefon zeitweilig ausgeschaltet. „Warum nur?“, möchte man fragen. Auch wenn man den religiösen Motivationen nicht folgt und insoweit nicht schon im Fasten selbst das Heiligende erkennt, so hat das Fasten dennoch als Verzichtsübung im Hinblick auf die „Heiligung“ zwei entscheidende säkulare Aspekte: Solidarität und Freiheit.

II. Solidarität und Freiheit

Zum einen ist das Gefühl der Solidarität mit denen, die nicht freiwillig entsagen, sondern einfach nicht genug von dem haben, auf das sie verzichten könnten, ein bestimmendes Moment des Fastens, das zur Heiligung notwendig ist. Armut und Verzicht gelten in vielen von Heiligen gestifteten Gemeinschaften als heils- und heiligungsnotwendig. Aus der Verbundenheit im Verzicht erwächst die tätige Hilfe, nicht nur in der Anteilnahme an der Not des Mitmenschen, sondern im Teilen des Materiellen, so dass die Not gelindert werden kann. Hier wirkt sich das Fasten konkret-materiell aus und bewirkt eine Heiligung der Welt.

Soweit bleibt Solidarität ein Akt des Einzelnen. Aus der individualistischen Fastenlehre hat sich jedoch auch eine christliche Konsumethik entwickelt, die sich nicht nur positiv auf das körperliche Befinden und das Seelenheil dessen auswirkt, der sich ihr verschreibt, sondern die auch systematisch gesellschaftliche Veränderung herbeizuführen vermag. So ist es nach Max Weber ironischerweise gerade diese innerweltliche Askese, die eine große historische Rolle bei der Schaffung des modernen Wohlstandes gespielt hat. Ein bescheidener Lebenswandel, die Bereitschaft zum Reinvestieren von Gewinn und der Wille zum Lernen prägten eine Ausrichtung auf die diesseitige Welt, in der das verantwortliche Ausüben weltlicher Aufgaben mit Blick auf das Jenseitige und Ewige idealisiert wurde; Gott als letzter Zweck, auch der Wirtschaft.[7] Ein auch heute gültiger Appell an die höhere Verantwortlichkeit jenseits des maroden (Finanz-)Systems.

Und dann – zum zweiten – ist da die Freiheit. Was hat Verzicht mit Freiheit zu tun? Eine Antwort lautet: So wie uns der Zwang zum Konsum, dem wir häufig unterliegen, die echte Freiheit raubt und uns nur die Spur einer Scheinfreiheit lässt, so kann uns umgekehrt der Verzicht auf Konsum die Freiheit zurückgeben. Es ist die Freiheit, etwas nicht zu haben, nicht haben zu müssen. Hier liegt also der Heiligungseffekt im abstrakt-spirituellen und wirkt sich wiederum verstärkend auf die Gesinnung und die Bereitschaft zur Solidarität aus. Wer gelernt hat, dass der Konsumzwang einengt und der Verzicht befreit, wird sich weniger schwer tun zu teilen als der, der diese Erfahrung nicht hat machen können. Das Unverständnis gegenüber der Radikalität vieler Heiliger ist ein wenig auch der mangelnden Erfahrung geschuldet, wie viel Freude es macht und wie befreiend es wirkt, auf die äußeren Vergnügungen und Lebensinhalte wie Reichtum, Ruhm und Karriere zu verzichten und sich ganz Gott und dem Mitmenschen zuzuwenden.

Die Komplexität des Fastens schildert eine Stelle aus dem Buch Jesaja, in dem die beiden Aspekte Solidarität und Freiheit eine zentrale Bedeutung haben:

„Warum fasten wir und du siehst es nicht? Warum tun wir Buße und du merkst es nicht? Seht, an euren Fasttagen macht ihr Geschäfte und treibt alle eure Arbeiter zur Arbeit an. Obwohl ihr fastet, gibt es Streit und Zank und ihr schlagt zu mit roher Gewalt. So wie ihr jetzt fastet, verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör. Ist das ein Fasten, wie ich es liebe, ein Tag, an dem man sich der Buße unterzieht: wenn man den Kopf hängen lässt, so wie eine Binse sich neigt, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem Herrn gefällt? Nein, das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen. Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte und deine Wunden werden schnell vernarben. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach. Wenn du dann rufst, wird der Herr dir Antwort geben, und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: Hier bin ich. Wenn du der Unterdrückung bei dir ein Ende machst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemand verleumdest, dem Hungrigen dein Brot reichst und den Darbenden satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag. Der Herr wird dich immer führen, auch im dürren Land macht er dich satt und stärkt deine Glieder. Du gleichst einem bewässerten Garten, einer Quelle, deren Wasser niemals versiegt.“ (Jes 58, 3-11).

Der Verzicht führt also nicht nur zur Befreiung des eigenen Körpers und der eigenen Seele („deine Wunden werden schnell vernarben“, in einer anderen Übersetzung heißt es allgemeiner: „deine Heilung wird schnell voranschreiten“), sondern hat auch angenehme Folgen für die gesellschaftliche Wohlfahrt: der Hungrige wird satt, der Nackte bekleidet und der Obdachlose erhält eine Unterkunft. Ein bisschen einfach, oder? Was hat schon mein Verzicht mit der Lage des Anderen zu tun?! Ich denke: Eine ganze Menge. Das erschließt sich heute insbesondere mit dem Blick auf diejenigen, die unsere Konsumartikel unter unmenschlichen Bedingungen herstellen. Die unheilvolle Verbindung von billiger Produktion, teurer Vermarktung und steigendem Konsum betreffen bei weitem nicht allein die Bekleidungs- und Sportartikelindustrie, die häufig im Zentrum von kritischen Kampagnen stehen. Man muss sich bei jedem Einkauf fragen, wer eigentlich für unsere Billigpreise bezahlt – mit Arbeitszeit, Lebensqualität und Würde.

Jeder und jedem sei das Fasten als Technik der Heiligung ans Herz gelegt, aber noch viel mehr das, was Jesus seinen Jüngern sagte: „Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, um sich vor den Leuten zu zeigen mit ihrem Fasten.“ (Mt 6, 16). Es besteht auch gar kein Grund für die Leidensmiene. Schließlich hat die oder der Fastende am Ende den größten Nutzen: ein Stück Heiligkeit. Und der Gänsebraten schmeckt auch viel besser!

Anmerkungen:

[1] „Buße tun“ heißt dabei im Christentum, umzukehren und sich auf die Botschaft Jesu zu besinnen. Dieser Versuch, zur Quelle des Lebens zurückzukehren, geht mit dem äußeren Akt des Fastens einher. Buße und Fasten in seiner komplexer Form, wie sie hier zugrunde gelegt wird, lassen sich kaum voneinander trennen.

[2] So wird an einigen Bibelstellen die Heiligkeit des Fastens als solches betont („heiliges Fasten“, Joe 1, 14 und 2, 15).

[3] Hier ist der Bezug zum Alten Bund erkennbar, denn die Israeliten zogen nach der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei auf dem Weg in das verheißene Land 40 Jahre durch die Wüste (vgl. das Buch Exodus).

[4] Hl. Hildegard Heilfasten. Gesundheit für Körper und Seele, hg. von P. Pukownik, München 1992.

[5] Brief an die heilige Klara über das Fasten. Der Brief ist leider nicht erhalten, doch schreibt die heilige Klara von Assisi an die selige Agnes von Prag über den Brief des Franziskus. Daraus lässt sich ableiten, dass Franziskus den gesunden Schwestern riet, das ganze Jahr hindurch zu fasten – außer Sonntags und an Weihnachten (vgl. http://www.schriften.franziskaner-werd.ch/briefe.htm).

[6] Schon Hippokrates soll das Fasten aus gesundheitlichen Gründen empfohlen haben, mit den Worten: „Wer stark, gesund und jung bleiben und seine Lebenszeit verlängern will, der sei mäßig in allem, atme reine Luft, treibe täglich Hautpflege und Körperübung, halte den Kopf kalt, die Füße warm und heile ein kleines Weh eher durch Fasten als durch Arzneien.“ (vgl. www.scherf-hannover.de/geschichte1.doc).

[7] Kern der Unternehmer-Askese ist bei Max Weber der Gedanke, nicht um des möglichen Genusses, sondern um der Ehre Gottes willen, fleißig zu sein und reich zu werden: „Das sittlich wirklich Verwerfliche ist nämlich das Ausruhen auf dem Besitz, der Genuss des Reichtums mit seiner Konsequenz von Müßigkeit und Fleischeslust, vor allem von Ablenkung von dem Streben nach ,heiligem’ Leben. Und nur weil der Besitz die Gefahr dieses Ausruhens mit sich bringt, ist er bedenklich. [...] Der Reichtum ist eben nur als Versuchung zu faulem Ausruhen und sündlichem Lebensgenuss bedenklich und das Streben danach nur dann, wenn es geschieht, um später sorglos und lustig leben zu können. Als Ausübung der Berufspflicht aber ist es sittlich nicht nur gestattet, sondern geradezu geboten.“ (Askese und kapitalistischer Geist, in: M. Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1 [Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus], Tübingen 1978, S. 166 ff.).

(Josef Bordat)