Es ist Advent

28. November 2008

I.
Am Sonntag, dem ersten Advent, beginnt ein neues Kirchenjahr. Es beginnt zugleich die Vorbereitung auf Weihnachten, auf das Fest, das Christen an die Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth erinnert. Mit dem göttlichen Christus kam etwas in die Welt, das zuvor durch die Sünde verdunkelt war: die Liebe. Der Akt der Liebe Gottes zum Menschen ermöglicht die Liebe des Menschen zu Gott und zum Mitmenschen. Die Adventszeit dient der betrachtenden Vorbereitung auf diesen Neuanfang Gottes mit dem Menschen, der dem Neuanfang des Menschen mit Gott vorausgeht.

Vor 60 Jahren wurde im Advent auch ein Neuanfang gewagt: Nie wieder sollten Hass und Intoleranz die Menschen gegeneinander aufbringen und in Gewalt und Krieg führen. Vor 60 Jahren verkündete die Generalversammlung der Vereinten Nationen mit Resolution 217 A (III) vom 10.12.1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR). Die AEMR enthält 30 Artikel und sieht vier Typen von Rechten vor: 1. Leib- und Lebensrechte (Art. 3: „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“), 2. Freiheits- und Gleichheitsrechte (Art. 7: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich und haben ohne Unterschied Anspruch auf gleichen Schutz durch das Gesetz. Alle haben Anspruch auf gleichen Schutz gegen jede Diskriminierung, die gegen diese Erklärung verstößt, und gegen jede Aufhetzung zu einer derartigen Diskriminierung.“), 3. politische (Art. 21, 1: „Jeder hat das Recht, an der Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten seines Landes unmittelbar oder durch frei gewählte Vertreter mitzuwirken.“), soziale (Art. 22: „Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft das Recht auf soziale Sicherheit und Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale Zusammenarbeit sowie unter Berücksichtigung der Organisation und der Mittel jedes Staates in den Genuss der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen, die für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit unentbehrlich sind.“) und kulturelle Rechte (Art. 27, 1: „Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben.“) und schließlich 4. justizielle Rechte und Verfahrensregeln (Art. 10: „Jeder hat bei der Feststellung seiner Rechte und Pflichten sowie bei einer gegen ihn erhobenen strafrechtlichen Beschuldigung in voller Gleichheit Anspruch auf ein gerechtes und öffentliches Verfahren vor einem unabhängigen und unparteiischen Gericht.“).

437 Jahre zuvor wurden in einer Adventspredigt des Dominikaners Antonio Montesino auf der Insel Española mit Blick auf die dort lebenden Indios zentrale Inhalte der wichtigsten, vorderen Artikel der AEMR angesprochen (universale Menschenwürde, Recht auf Leben, Verbot der Sklaverei, Verbot der Folter, Verbot unmenschlicher Behandlung). Vor fast 500 Jahren, am vierten Adventssonntag des Jahres 1511, gab es damit so etwas wie eine echte „Menschenrechtspredigt“ (Eggensperger / Engel: Bartolomé de las Casas. Dominikaner, Bischof, Verteidiger der Indios. Mainz 1992, S. 142), ein gutes Vierteljahrtausend vor der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Französischen Revolution. Wie kam es dazu?

II.
Nach der Entdeckung der Neuen Welt (1492) kamen 1510 die ersten Dominikanerpatres auf die Insel Española. Heute ist Española geteilt: Im Westen liegt das französischsprachige Haiti und im Osten die spanischsprachige Dominikanische Republik. Sie erkannten, dass die von den Conquistadores herbeigeführten Zustände in den Kolonien jeglicher Menschlichkeit entbehrten. Damals hatte die Spanier im Wesentlichen den Karibikraum besiedelt, die Eroberung der kontinentalen Großreiche stand noch bevor (1519 eroberte Hernán Cortés das Aztekenreich, 1532 Francisco Pizarro das Inkareich).

Im Zentrum der kritischen Missionare der ersten Generation stand Antonio Montesino. Montesino war von 1510 bis 1522 als Missionar in Española, bis zu seinem Tod (1540) noch in Puerto Rico und Venezuela. Mit seiner eindrucksvollen Adventspredigt warf er die Frage der Rechtfertigung des brutalen Kolonialregimes auf, eine Frage, deren Widerhall die bis dato vorherrschende Selbstverständlichkeit der Conquistadores für immer zerstörte. Während der zwei Jahrzehnte davor hatte sich niemand genötigt gesehen, irgendeine Rechenschaft über sein Verhalten abzugeben. Die Tatsache der Entdeckung selbst rechtfertigte die Besatzung und Exploration der entdeckten Gebiete. Das änderte sich durch die starken Worte Montesinos.

In seiner Predigt zum Johannes-Evangelium („Ich bin die Stimme, die aus der Wüste ruft.“, Joh 1, 23) forderte er ein Verbot der Indianersklaverei und die Aufhebung des Encomienda-Systems. Montesino sagte, dass sich alle daran beteiligten Conquistadores im „Stand der Todsünde“ befänden („…todos estáis en pecado mortal…“), da es für ihr Tun keine Rechtfertigung gebe („…Decid, ¿con qué derecho y con qué justicia tenéis en tan cruel y horrible servidumbre aquestos indios? ¿Con qué auctoridad habéis hecho tan detestables guerras a estas gentes que estaban en sus tierras mansas y pacíficas, donde tan infinitas dellas, con muerte y estragos nunca oidos habéis consumido?…“). Deutlich prangert er ihre rücksichtslose Habgier an („…¿Cómo los tenéis tan opresos y fatigados, sin dalles de comer ni curallos en sus enfermedades, en que, de los excesivos trabajos que les dais, incurren y se os mueren y por mejor decir, los matáis por sacar y adquirir oro cada día?…“) und stellt eine Frage, die erst mit der Bulle Sublimis Deus (1537) zugunsten der Indios beantwortet wird: „Sind sie keine Menschen? Haben sie nicht vernunftbegabte Seelen?“ („¿Éstos no son hombres? ¿No tienen ánimas racionales?”) (zit. nach Las Casas: Historia de las Indias. Bd. 3. Hrsg. v. Fernández, I. P. et al. In: Castañeda Delgado, P. (Hrsg.): Bartolomé de Las Casas. Obras completas. Bd. 5, Madrid 1994, S. 1761 f.).

Damit stößt er gleichsam ein Hauptproblem der Auseinandersetzung um die Indios an: Sind Indios vernunftbegabte Wesen? Wenn ja, womit sollte dann die Selbstverständlichkeit begründet werden, mit der man sie versklavte; wenn nein, wie sollte man sie dann missionieren, wie sollten sie – mit rein animalischem Habitus – die christliche Doktrin verstehen, annehmen und nach ihr leben? – Am darauffolgenden Sonntag bekräftigt Montesino seine Auffassung unter dem Leitmotiv „Ich rufe mein Wissen weit hinaus, wahrhaftig, meine Worte sind kein Trug“ (nach Hiob 36, 3-4, vgl. Las Casas 1994: S. 1766).

III.
Einer der Zuhörer ist der junge Bartolomé de Las Casas, der gerade seit einigen Jahren im priesterlichen Dienst stand. Während die Botschaft die Kolonialgesellschaft zwar irritierte, die Conquistadores aber letztlich unbeeindruckt blieben (Las Casas resümiert später nüchtern die Reaktionen der Zuhörer: „Viele waren sprachlos, einige wie von Sinnen, die anderen verstockt, manche sogar zerknirscht, aber keiner bekehrt.“, zit. nach Engl: Die Eroberung Perus in Augenzeugenberichten. München 1977, S. 66), beschäftigte die Philippika seines späteren Ordensbruders – Las Casas trat erst 1522 in den Predigerorden ein – den jungen Kaplan sehr, auch wenn dieser zunächst keine praktischen Konsequenzen aus den eindrucksvollen Worten Montesinos zog. Dies geschah erst einige Jahre später, wofür zwei Ereignisse entscheidend waren:

1.) In den Jahren 1512/13 nimmt Las Casas als Feldkaplan an der blutigen Eroberung Kubas unter Diego de Velazquez teil und wird Zeuge einiger Massaker. Unter dem Eindruck der sinnlosen Gräueltaten wird sein Verhältnis zu den Conquistadores zunehmend kritisch.

2.) 1514 wird Las Casas gebeten, am Pfingstfest die Predigt zu halten. Bei der Vorbereitung stößt er im Buch Jesus Sirach auf folgende Stelle: „Ein Brandopfer von ungerechtem Gut ist eine befleckte Gabe, Opfer der Bösen gefallen Gott nicht. Kein Gefallen hat der Höchste an den Gaben der Sünder, auch für eine Menge von Brandopfer vergibt er die Sünden nicht. Man schlachtet den Sohn vor den Augen des Vaters, wenn man ein Opfer darbringt vom Gut der Armen. Kärgliches Brot ist der Lebensunterhalt der Armen, wer es ihnen vorenthält, ist ein Blutsauger. Den Nächsten mordet, wer ihm den Unterhalt nimmt, Blut vergießt, wer dem Arbeiter den Lohn vorenthält.“ (Jes Sir 34, 21-26). Las Casas erkennt: Die ausgeraubten Armen, von denen hier in der Heiligen Schrift die Rede ist, sind die Indios, die als Zwangsarbeiter in seinen Mienen und auf seinem Landgut schuften. Und der Mörder seines Nächsten ist niemand anderes als er selbst, der Priester Las Casas. Die eucharistischen Opfer in den zahlreichen Gottesdiensten sind als Kompensation untauglich und werden von Gott nicht anerkannt, weil die Opfergaben Diebesgut darstellen. Er zieht die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis und verzichtet öffentlich auf seinen ertragreichen Grundbesitz.

Dennoch: Antonio Montesino kann durchaus als sein Mentor angesehen werden, denn er unterstützte Las Casas in seinem praktischen Einsatz für die Indios und ermutigte ihn, Memoriales an den Hof zu verfassen, um diesem sein Programm einer evangeliums- und missionszentrierten Kolonialisierung mit friedlichen Mitteln vorzustellen. Er hatte erkannt: Die Botschaft von der Liebe Gottes kann und darf nicht gewaltsam verbreitet werden! Leider waren er und seine Anhänger mit dieser Einstellung ziemlich allein. Die Zeichen der Zeit standen auf Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung. Die spanischen Conquistadores dienten in den Kolonien nicht Christus, sondern „ihrer Göttin Habgier“ (Las Casas: Tratados de 1552. Hrsg. v. Hernández, R. / Galmés L. In: Castañeda Delgado, P. (Hrsg.): Bartolomé de Las Casas. Obras completas. Bd. 10, Madrid 1992, S. 172), während die meisten Missionare schwiegen.

Karl V., der neben der spanischen Krone ab 1519 auch die Kaiserkrone trug, sorgte sich mehr um die Finanzkrise (Spanien war bei der deutschen Banken Fugger und Welser hoch verschuldet), innenpolitische Schwierigkeiten (1517 trat ein gewisser Martin Luther auf und drohte, das Reich zu zersetzen) und handfeste europapolitische Interessen (1523 belagerten die Osmanen die Stadt Wien und bedrohten damit das Reich von Süd-Osten her). Lateinamerika war zwar geostrategisch bedeutend und ökonomisch ertragreich, aber die „Menschen“ dort – wie gesagt: bis zur Bulle Sublimis Deus (1537) von Papst Paul III. galten Indios nicht als „richtige“ Menschen – waren den Herrschenden ziemlich egal.

IV.
Heute kümmert sich die bischöfliche Aktion Adveniat um Menschen in Lateinamerika. Das deutsche katholische Hilfswerk ruft insbesondere in der Adventszeit zu Spenden auf. In jeder Adventszeit gibt es dazu eine besondere Adveniat-Jahresaktion, d. h. eine Reihe von Veranstaltungen, die in Zusammenarbeit mit zahlreichen Bistümern Deutschlands organisiert wird, um auf die Nöte in Lateinamerika und die Arbeit von Adveniat hinzuweisen. Und selbstverständlich auch, um dafür Spenden einzuwerben. In dieser Adventszeit geht es – aufgepasst, liebe Berliner! – um das Thema „Großstadtpastoral“. Das Motto dazu lautet: „Gott wohnt in ihrer Mitte“ (vgl. Offb 21, 3).

Der Hintergrund der Aktion ist folgender: Derzeit leben in Lateinamerika knapp 70 Prozent der Menschen in Millionenstädten, Tendenz steigend. Das wirft fragen auf, die für die Kirche vor allem (aber nicht nur!) in Lateinamerika entscheidend sind. Wie wohnt Gott in der Stadt? Wie wird zwischen Wohnung, U-Bahn und Arbeit Glaube gelebt und Gemeinde geschaffen? Wie gelingt es der Kirche, Netzwerke gegenseitiger Hilfe zu bilden und den Menschen beizustehen? Wir sind eingeladen, Antworten zu geben. Und zu spenden.

(Josef Bordat)

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