Verstehe

Januar 24, 2009

Der menschliche Verstand ist in der Praxis nicht verlässlich, am wenigsten in größter Not.

Karl Jaspers

Jahresbilanz

Januar 15, 2009

Dieses Blog gibt es jetzt seit einem Jahr. Etwa 7500 Zugriffe auf die fast 100 Artikel zeugen von einem ungebrochenen Interesse an den hier behandelten Themen, mit dem ich in dieser Intensität nicht gerechnet hatte. Vielen Dank allen Leserinnen und Lesern! Bedanken möchte ich mich insbesondere bei den Gastautoren, die das Angebot bereichert haben, und bei den Kolleginnen und Kollegen aus der „Blogozöse“, die gelegentlich auf dieses Angebot hingewiesen haben.

Inwieweit das Text-Angebot hier im Blog in diesem Jahr erweitert werden kann, wird sind zeigen – es hängt im Wesentlichen mit dem Verlauf einiger Projekte zusammen, die in der nächsten Zeit anstehen.

Im März ist mal wieder ein Peru-Aufenthalt an der Reihe – dazu sei auf ein anderes Blog verwiesen, in dem ich seit vier Jahren unsere Peru-Reisen dokumentiere und anderes (hoffentlich) Interessante zu diesem lateinamerikanischen Land zusammentrage.

http://roxanajosef.wobistdujetzt.com/

Ihr
Josef Bordat

Taufe

Januar 11, 2009

In jenen Tagen kam Jesus aus Nazaret in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen. Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden. (Mk 1, 9-11)

Johannes tauft Jesus im Jordan. Eine Begegnung, bei der sich der Himmel öffnet. Die Taufe ist das Zeichen der Aufnahme in die Gemeinschaft derer, die zu Christus halten.

Papst Benedikt XVI. hat es einmal so ausgedrückt:

Durch die Taufe wird jedes Kind in einen Freundeskreis aufgenommen, der es nie, weder im Leben noch im Tod, verlassen wird, denn diese Gemeinschaft ist die Familie Gottes, die die Verheißung der Ewigkeit in sich trägt. (…) Dieser Freundeskreis, diese Familie wird ihm Worte des ewigen Lebens geben, Worte des Lichts, die auf die großen Herausforderungen des Lebens eine Antwort geben und den rechten Weg weisen (…) Diese Familie Gottes, dieser Freundeskreis hat ewigen Bestand, da er Gemeinschaft mit demjenigen ist, der den Tod besiegt hat, der die Schlüssel zum Leben in Händen hält. Dieser Gemeinschaft, der Familie Gottes, anzugehören bedeutet, mit Christus vereint zu sein, der Leben ist und über den Tod hinaus immerwährende Liebe schenkt. Und wenn wir sagen können, dass Liebe und Wahrheit die Quelle des Lebens, das Leben selbst sind und ein Leben ohne Liebe ist kein Leben, dann können wir sagen, dass diese Gemeinschaft mit Ihm, der wirklich das Leben ist, mit Ihm, der das Sakrament des Lebens ist, eure Erwartung, eure Hoffnungen erfüllen wird.

(Josef Bordat)

Die Weisen aus dem Morgenland, von denen die Bibel zwar weder sagt, dass es Könige, noch, dass es drei an der Zahl waren, die aber in königlicher Würde dem Ruf Gottes folgten und Jesus drei Geschenke darbrachten, standen während des Weltjugendtags in Köln im Sommer 2005 im Mittelpunkt vieler liturgischer Angebote. Von dort sind uns viele Betrachtungen zu diesem zentralen Ereignis des Weihnachtsfestkreises geschenkt.

Der Weg ist das Ziel

Papst Benedikt XVI., für den der WJT das erste Großereignis seines Pontifikats war, betrachtet insbesondere den Weg, auf den sich die Sterndeuter machen. Er unterscheidet dabei drei Phasen. Zunächst das Angerührtsein vom Stern und der freudige Aufbruch. Dann die Verdunkelung, das Erlöschen des Sterns, die Ratlosigkeit und die Furcht vor dem Umsonst. Diese Erfahrung des sich verhüllenden Gottes macht wohl jeder Christ irgendwann. Ihr ist, so Benedikt, mit Geduld zu begegnen, mit demütigem und beharrlichem Klopfen an die Tür des schweigenden Gottes, der uns die Stunden des Dunkels schickt, um unsere Sehnsucht wachsen zu lassen. Erst dadurch werden wir geformt und befähigt, bei unserer Wanderschaft auf dem inneren Weg der Seele den Aufstieg zu den Höhen des Ewigen zu schaffen. Schließlich endet der Weg der Weisen im Finden und Anbeten des Gefundenen. Damit ist der Weg aber nicht zuende, sondern er beginnt auf’s Neue, denn nun geht es für die Weisen, die einen neuen König erwartet hatten, darum, mit der größtmöglichen Differenzerfahrung fertig zu werden: kein Palast, ein Stall, kein Thron, eine Krippe, kein Königspaar, eine Magd und ein Handwerker. Gott ist anders. Vor allem, als man ihn sich vorstellt. Was also folgt ist ein innerer Weg, ein inneres Sich-Annähern an den, der doch immer der Andere sein wird. Auf diesem Weg, auf dem wiederum Dunkel und Licht sich abwechseln, sinken die Drei (und wir mit ihnen, wenn wir uns denn auf den Weg machen) immer tiefer in das Geheimnis der Herrlichkeit Gottes hinein.

Heilige Drei Könige, Heiligkeit der Kirche, Heiligung des Einzelnen

Die Kirche ist auf diesem Weg, allen voran ihre Heiligen. Dies gilt für die Phasen des Lichts, aber auch die des Dunkels. Gerade die größten Heiligen erlebten die dunkelsten Stunden, waren umgeben von sternenloser, schwarzer Nacht. Auch die Kirche hat beides erlebt. Sie erlebt auch heute beides: Dem lichtreichen Aufbruch zahlreicher neuer Bewegungen steht die totale Finsternis der Verfehlungen Einzelner gegenüber.

Der folgende Text ist ein Auszug aus der Ansprache Benedikts bei der Vigil vom 20. August 2005, die im Rahmen des WJT auf dem Marienfeld bei Köln stattfand (hier zit. nach: Du bist das Licht der Welt. Gedanken zum Weihnachtsfest von Joseph Ratzinger. Leipzig: St. Benno Verlag 2006, S. 34-38).

„Von Gott reden viele; im Namen Gottes wird auch Hass gepredigt und Gewalt ausgeübt. Deswegen kommt es darauf an, das wahre Antlitz Gottes zu finden. Die Weisen aus dem Orient haben es gefunden. „Wer mich sieht, sieht den Vater“, hat Jesus zu Philippus gesagt (Joh 14, 9). In Jesus Christus, der sich für uns das Herz hat durchbohren lassen, ist uns das wahre Gesicht Gottes erschienen. Ihm folgen wir mit der großen Schar derer, die uns da vorangegangen sind. Dann gehen wir recht.

Das bedeutet, dass wir uns nicht einen privaten Gott und nicht einen privaten Jesus zurechtmachen, sondern dem Jesus glauben, vor dem Jesus uns beugen, den uns die Heiligen Schriften zeigen und der sich in der großen Prozession der Gläubigen, die wir Kirche nennen, als lebendig, als immer gleichzeitig mit uns und zugleich immer uns voraus zeigt. An der Kirche kann man sehr viel Kritik üben. Wir wissen es, und der Herr hat uns gesagt: Sie ist ein Netz mit guten und schlechten Fischen, ein Acker mit Weizen und Unkraut. Papst Johannes Paul II., der uns in den vielen Seligen und Heiligen das wahre Gesicht der Kirche gezeigt hat, hat auch um Vergebung gebeten für das, was durch das Handeln und Reden von Menschen der Kirche an Bösem in der Geschichte geschehen ist.

So hält er auch uns selber den Spiegel vor und ruft uns auf, mit all unseren Fehlern und Schwächen in die Prozession der Heiligen einzutreten, die mit den Weisen aus dem Orient begonnen hat. Im Grund ist es doch tröstlich, dass es Unkraut in der Kirche gibt: In all unseren Fehlern dürfen wir hoffen, doch noch in der Nachfolge Jesu zu sein, der gerade die Sünder berufen hat. Die Kirche ist wie eine menschliche Familie, und sie ist doch zugleich die große Familie Gottes, durch die er einen Raum der Gemeinschaft und der Einheit quer durch die Kontinente, durch die Kulturen und Nationen legt. Deswegen freuen wir uns, dass wir zu dieser großen Familie gehören; dass wir Geschwister und Freunde haben in aller Welt. Wir erleben, wie schön es ist, einer weltweiten Familie anzugehören, die Himmel und Erde, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und alle Teile der Erde umspannt. In dieser großen Weggemeinschaft gehen wir mit Christus, gehen wir mit dem Stern, der die Geschichte erleuchtet.“

(Josef Bordat)

Hasta la victoria

Januar 2, 2009

In der Neujahrsmesse im Petersdom betonte Papst Benedikt XVI., das Christentum sei zu einer „friedlichen Revolution“ fähig. Die irdische Geschichte Jesu habe dazu den Anstoß gegeben. „Es ist keine ideologische, sondern eine geistliche Revolution, keine utopische, sondern eine echte. Dazu braucht es unendliche Geduld, das dauert bisweilen sehr lange. Jede Abkürzung ist zu vermeiden, man muss den schwierigsten Weg gehen: die Verantwortung muss im Gewissen der Menschen wachsen.“, so der Papst in der Predigt.

„Revolutionäre“ hat es in der Kirchengeschichte immer wieder gegeben. Auffällig ist dabei die Nähe zur Ursprünglichkeit Gottes, die Nähe zu Christus, die Nähe zum Kern des Evangeliums, die sich in der tagtäglichen Lebenspraxis einer ernsten und authentischen Nachfolge äußert. Franz von Assisi, Meister Eckhart, Teresa de Ávila, Don Giovanni Bosco, Edith Stein oder auch die 2008 verstorbene Chiara Lubich, die Gründerin der Fokolarbewegung, verkörpern diese schleichende, vielfach auch belächelte Revolution der winzigsten Schritte hin zum neuen Menschen, der „das Wort lebt“.

Eine solche Revolution kann man – quasi in Echtzeit – auf den Fazendas da Esperança (Höfen der Hoffnung) miterleben, auf denen zigtausendfache Christus-Nachfolge in bester franziskanischer und fokolarischer Tradition vom heilenden Geist des Evangeliums zeugt, der Veränderung bewirkt, wo sie Not tut.

Ein Hof der Hoffnung (Gut Neuhof) liegt in Markee bei Nauen, etwa 50 Kilometer nordwestlich von Berlin. Er wurde dort vor zehn Jahren auf dem völlig verwahrlosten Gelände des Gutes initiiert, getragen von der Vision, zur Jahrtausendwende ein „neues Bethlehem“ geschaffen zu haben, „in dem Gott zu den Menschen kommt“.

Seit zehn Jahren leben in den sanierten Gebäuden junge Menschen, deren Leben von Drogen und anderen Süchten beherrscht war und die gemeinsam einen Ausweg suchen und damit einen Aufbruch wagen, der mit einem radikalen Umbruch einhergeht. Statt der rituellen Betäubung und Weltflucht beherrscht die Hinwendung zum Nächsten und die praktische Arbeit auf dem Hof den neuen Lebensrhythmus der Rekuperanten. Landwirtschaft und Kunsthandwerk, Fleischerei und Café: das Projekt erwirtschaftet seine laufenden Kosten selbst.

Ein Jahr dauert das Rekuperationsprogramm. Einer der Hof-Gründer, der Franziskanerpater Hans Stapel, betonte die Notwendigkeit, dieses Jahr in einer Gemeinschaft zu verbringen, in der das liebevolle Miteinander die entscheidende Rolle spiele. Es komme darauf an, die frohe Botschaft Jesu nicht nur am Sonntag Vormittag zu hören, sondern sie in die Tat umzusetzen, „das Wort zu leben“. Die im Evangelium verkündete Liebe sei universell, sie erstrecke sich auf alle Menschen und bringe ihnen Gott nahe, denn „Gott ist Liebe“. Nur durch diese Liebe könnten Menschen zu sich selbst finden und eine Wandlung erfahren. Die nicht immer kirchennahen jungen Erwachsenen nehmen dieses Angebot dankbar an. Und bleiben in der Zeit nach dem Aufenthalt den neuen Idealen treu; die Rückfallquote ist mit 20% vergleichsweise gering.

Seinen Ursprung nahm das Gemeinschaftsprojekt von Franziskanerorden und Fokolarbewegung vor 25 Jahren in Brasilien, wo Pater Hans die erste „Fazenda da Esperança“ gegründet hat. Seit zehn Jahren breitet sich das Projekt in der ganzen Welt aus, alle drei Wochen wird eine neue „Fazenda“ eingeweiht, schwerpunktmäßig in Lateinamerika, Afrika und Asien, aber auch in Europa. In Deutschland gibt es drei „Höfe der Hoffnung“, zwei in der Nähe von Berlin, einer – 2008 neu eröffnet – in Bayern. Über 10.000 junge Menschen fanden in den 25 Jahren der „Fazenda“-Geschichte den Weg aus der Droge ins selbstbestimmte Leben.

Einer breiteren Öffentlichkeit wurden die „Fazendas“ durch den Brasilien-Besuch des Papstes am 12. Mai 2007 bekannt. Auf der Fazenda in Guaratingueta traf sich Benedikt mit Pater Hans und hörte gebannt die Erfahrungen der Rekuperanten, die ihn so sehr beeindruckt haben müssen, dass er seither mehrmals bei unterschiedlichen Gelegenheiten auf die Glaubenskraft und die gelebte Liebe, die die Höfe und ihre Bewohner prägt, Bezug genommen hat, etwa am 21. Dezember 2007 in einer Ansprache vor der Römischen Kurie: „Mit besonderer Freude erinnere ich mich an den Tag auf der Fazenda da Esperança, wo Menschen, die in die Sklaverei der Droge gefallen sind, Freiheit und Hoffnung wiederfinden. Als ich dort angekommen bin, habe ich zuerst in neuer Weise verstanden, dass die Schöpfung Gottes eine erneuernde Kraft hat. [...] Wir müssen die Schöpfung nicht nur im Hinblick auf ihre Vorteile schützen, sondern auch um ihrer selbst willen – als Botschaft des Schöpfers, als Geschenk der Schönheit, die uns Verheißung und Hoffnung ist. Ja, der Mensch braucht die Transzendenz. ,Gott allein genügt’, sagt die Heilige Theresa von Avila. Wenn Er fehlt, muss der Mensch allein versuchen, die Grenzen der Welt zu überwinden, um für sich selbst den Raum des Unendlichen zu eröffnen, auf den hin er geschaffen wurde. Von daher wird die Droge fast zu einer Notwendigkeit. Aber bald merkt er, dass es eine unendliche Illusion ist, eine Falle, so könnte man sagen, die der Teufel für den Menschen vorbereitet hat. Dort auf der Fazenda da Esperança scheinen diese Abgründe der Welt wirklich überwunden zu sein, indem man sich mit seinem Leben öffnet und auf Gott schaut und so Rekuperation geschieht.“

Gottesglaube (mit all seinen positiven Folgen) als Ersatz für die Droge (mit all ihren negativen Folgen) – eine wahre Revolution! Ich wünsche den „Revolutionären“ auch im neuen Jahr viel Kraft und Gottes reichen Segen!

Josef Bordat