Komplementärweihnacht

August 17, 2009

Gedanken zum Fest der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel (15. August)


In der Weihnacht berühren sich Himmel und Erde. Die Gnade Gottes erreicht die Natur des Menschen. Durch Maria. Bei der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel gelangt die Natur des Menschen in Gestalt der Maria durch Jesus zu Gott. Damit schließt sich der Weihnachtsfestkreis, nicht liturgisch zwar, doch gleichwohl metaphysisch und theologisch. Denn die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel durch Christus ist das passende Gegenstück zur Menschwerdung Gottes in Christus. Durch Maria. Die katholische Kirche und die orthodoxen Christen feiern am 15. August deshalb eine Art „Komplementärweihnacht“.

Die Natur des Menschen ist in beiden Fällen abhängig von der Gnade Gottes. In Gabriel macht Gott den ersten Schritt, in Christus (als dem neuen Adam) vollendet Er Maria (als die neue Eva). Weil sie Ihn annahm, nimmt Er sie auf. Die volkstümliche Bezeichnung „Mariä Himmelfahrt“ ist daher wegen der aktivischen Konnotation irreführend. Maria fährt nicht zum Himmel auf, sie wird aufgenommen. Die Himmelfahrt ist Christus vorbehalten, der in sich die Gnade Gottes trägt. Maria empfängt sie.

Maria besingen wir als „Mutter aller Gnaden“. Es ist eine Gnade, mit Leichtigkeit etwas tun zu können, das anderen schwer fällt. Zu schreiben wie Shakespeare, zu komponieren wie Händel oder auch locker und leicht über die Laufbahn zu sprinten wie Usain Bolt bei seinen Weltrekorden in Peking und Berlin, das ist Gnade. Maria ist mit Leichtigkeit Mutter und Kind Gottes und hat damit die größte aller Gnaden empfangen: die Gnade des Glaubens. Sie lebt uns vor, wie wir als Christen leben sollten. Auch wir sollen Christus locker und leicht nachfolgen, dem Christus, den wir wieder neu in die Welt bringen müssen, damit der Natur des Menschen die Gnade Gottes, der Erde ein Stück Himmel zuteil wird. Auch wir sind Mittler. Wie Maria.

(Josef Bordat)

Der größte Sieg

August 13, 2009

Ein Beitrag zur Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2009 in Berlin

„Wisst ihr nicht, dass die Läufer im Stadion zwar alle laufen, aber dass nur einer den Siegespreis gewinnt? Lauft so, dass ihr ihn gewinnt. Jeder Wettkämpfer lebt aber völlig enthaltsam; jene tun dies, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen. Darum laufe ich nicht wie einer, der ziellos läuft, und kämpfe mit der Faust nicht wie einer, der in die Luft schlägt; vielmehr züchtige und unterwerfe ich meinen Leib, damit ich nicht anderen predige und selbst verworfen werde.“ (1. Kor 9, 24-27)

Der Apostel Paulus war kein Leichtathlet. Dennoch nimmt er sich die Athleten zum Vorbild und präsentiert sie als solche der Gemeinde von Korinth – zur Orientierung und Motivation im Glaubensleben. Ihre Wettkämpfe stehen sinnbildlich für den Lebenskampf des Christen, denn sie verlangen Beharrlichkeit und Enthaltsamkeit. Der Lebenskampf des Christen hat wie der Wettkampf des Athleten ein Ziel: den Siegespreis zu erringen. Bei den Athleten war dieser damals ein Kranz aus Lorbeerblättern, heute ist es eine Goldmedaille. Der Christ hat dem Athleten jedoch eines voraus: Während dessen Ruhm mit der Zeit verblasst, kann sich jener auf ewigen Ruhm freuen.

Dem Zeichen der Würde des Siegers in der Leichtathletik (oder eben ihrer antiken Vorläufer) – der bald welkende Lorbeerkranz, das verblassende Gold – steht die besondere unverlierbare Würde des Menschen gegenüber, die sich in der Gottebenbildlichkeit zeigt, derer sich der Christ nach bestandenem Glaubenskampf – ein Kampf mit sich selbst und dem Zeitgeist – stets und ständig gewiss sein darf. Diese Würde eignet ihm ohne jede Zuerkennung – durch die Güte und Gnade Gottes. Man muss für sie nichts besonderes leisten, kein Athlet sein. Diese Würde ist ein Geschenk. Und man kann sie auch niemandem wegnehmen. Niemand geht leer aus, niemand muss sich als Verlierer fühlen. Dieser Siegespreis ist für jeden Menschen, denn Gottes Güte und Gnade gilt allen. Und er ist von zeitlosem Wert, er gilt in Ewigkeit.

Wenn ich in diesen Tagen, in denen ich als Betreuer einiger lateinamerikanischer Mannschaften arbeite, die enormen Anstrengungen der Leichtathleten sehe, muss ich mich immer wieder fragen, welchen „Einsatz“ ich eigentlich zeige, um meine Dankbarkeit für die Goldmedaille, die Gott mir geschenkt hat, auszudrücken. Denn ganz ohne „Training“ geht es auch im Glauben nicht. Bei aller Unterschiedlichkeit der Siegespreise eint den Athleten und den Christen doch, so der Sportsfreund Paulus, eine gewisse Strenge gegen sich selbst, um mit gutem Beispiel voranzugehen. Vor allem aber, um das letzte Ziel nicht zu verfehlen.

(Josef Bordat)

Verklärung des Herrn

August 6, 2009

Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann. Da erschien vor ihren Augen Elija und mit ihm Mose und sie redeten mit Jesus. Petrus sagte zu Jesus: Rabbi, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte; denn sie waren vor Furcht ganz benommen. Da kam eine Wolke und warf ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören. Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemand mehr bei sich außer Jesus. Während sie den Berg hinabstiegen, verbot er ihnen, irgendjemand zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei. Dieses Wort beschäftigte sie und sie fragten einander, was das sei: von den Toten auferstehen. (Mk 9, 2-10)

Wer möchte nicht, dass es ihm gut geht? Eine unwiderstehliche Sehnsucht danach lebt in uns. Und wie oft wünschen wir einander: Lass es dir gut gehen! Ich wünsche dir alles Gute! Wir möchten, dass es uns rundum gut geht! Ja, das Gute, das möchten wir festhalten. Doch leider geht das nicht. Wie die Jünger müssen wir immer wieder herunter vom Berg, zurück in die Ebene, zurück in den oft so grauen Alltag mit seinen Mühen und Plagen. Aber eine tiefe Erfahrung haben die Jünger gemacht: Es gibt die Verklärung. Es gibt das andere Leben.

Dieses andere Leben ist Jesus selbst. Es tut dem Menschen gut, wenn er bei Jesus sein kann. Wenn sich Jesus dem Menschen in seiner wahren Gestalt zeigt, dann kann der Mensch nur erschrocken und erfreut zugleich ausrufen: Mein Herr und mein Gott! Es ist gut, dass wir hier sind!

Dieses Erlebnis auf dem hohen Berg ist eine Voraussicht auf das, was kommen wird. Das Leben in Fülle hat schon längst begonnen. Überall, wo sich Gutes zeigt und Gutes getan wird, da leuchtet es auf, dieses so andere Leben, das sich in Jesus, dem Christus so wunderbar gezeigt hat.

Leo Nowak (em. Bischof von Magdeburg)