„Und orientiere dich an bleibenden Werten.“
November 27, 2009
Wolfgang Ockenfels formuliert für den neu gegründeten „Arbeitskreis Engagierter Katholiken“ (AEK) „Zehn Gebote für die Union“.
Christliche Existenz ist auch politische Existenz. Christen sollen auch säkular sein, ohne säkularistisch zu werden. Denn das Reich Gottes kann schon in die Welt hinein wirken, ohne dass damit der Anspruch verbunden werden darf, das Paradies auf Erden schaffen zu wollen. Das ist die feine Differenz von „in der Welt“ und „von der Welt“, die Jesus den Jüngern mit auf den Weg gibt. Christen sind nicht „von der Welt“, aber „in der Welt“. Christen sollen sich beispielsweise an Wahlen beteiligen.
Früher – im Drei-Parteien-System der Bonner Republik – gab es für Katholiken zur CDU bzw. CSU kaum eine Alternative. Jetzt ist das anders. Katholische Vordenker in der Union vermuten, dass das „C“ zu schwach profiliert ist innerhalb der „U“. Der am 16. November gegründete „Arbeitskreis Engagierter Katholiken“ in der CDU/CSU möchte diesen Trend stoppen und die Unionsparteien wieder für entschiedene Christen wählbar machen. Einige Mitbegründer des AEK haben sich zuvor publizistisch zu dem Thema geäußert (Martin Lohmann: „Das Kreuz mit dem C. Wie christlich ist die Union?“; Wolfgang Ockenfels: „Das hohe C. Wohin steuert die CDU?“ – beide Bücher sind im Wahlkampf-Sommer 2009 erschienen). Nun lassen die Autoren an der Seite namhafter katholischer Unions-Politiker wie Norbert Geis und Thomas Goppel sowie politisch und medial einflussreicher Kirchenmänner wie Notker Wolf OSB ihren Mahnungen Taten folgen. Die Union soll für Katholiken wieder zur ersten politischen Adresse werden.
Wolfgang Ockenfels, Professor für Christliche Gesellschaftslehre in Trier, formulierte dazu auf der Basis des Dekalog einen politischen Rahmen, der die Entscheidungen der Union bestimmen sollte.
1. Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollt keine anderen Götter haben neben mir haben.
Setze Partei und Staat nicht absolut, sie sind weder allwissend noch allmächtig. Misstraue auch der Mehrheit, sie ist nicht unfehlbar. Folge mehr deinem Gewissen als den Machtinteressen deiner Partei. Und orientiere dich an bleibenden Werten.
2. Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren.
Wende dich gegen die blasphemische Herabsetzung Gottes und die Verunglimpfung der Gläubigen. Verteidige die Religionslehre. Missbrauche Gott und die religiösen Symbole nicht zu Zwecken politischer Macht.
3. Du sollst den Tag des Herrn heiligen.
Schütze den Sonntag und andere religiöse Feiertage vor den Interessen der Wirtschaft und der Freizeitindustrie. Verhindere, dass die legitimen Ausnahmen immer mehr zur Regel werden. Und halte den Sonntag frei als Zeit der Rekreation, der Danksagung und des familiären Lebens.
4. Du sollst Vater und Mutter ehren.
Sorge für einen gerechten Ausgleich zwischen den Generationen. Stelle junge Familien rechtlich und finanziell besser als Singles und Kinderlose. Fördere die Wahrnehmung der Pflicht und des Rechts der Eltern, ihre Kinder zu pflegen und zu erziehen. Und unterstütze die familiäre Betreuung der Kranken und Alten.
5. Du sollst nicht töten.
Achte das Recht des Menschen auf Leben von seiner Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende. Fördere den Frieden und meide Gewalt und Krieg. Und ziehe den Dialog der Gewaltanwendung vor.
6. Du sollst nicht ehebrechen.
Verteidige die Institutionen von Ehe und Familie, sie sind grundlegend für den Staat und ihm vorgeordnet. Beende die Diskriminierung von Frauen, die sich als Mütter in besonderer Weise um die Kinder kümmern. Und sei nicht so mit deiner Partei oder deinem Amt „verheiratet“, dass deine Familie darunter leidet.
7. Du sollst nicht stehlen.
Höre auf, Schulden zu machen auf Kosten späterer Generationen. Enteigne die Bürger nicht durch Inflationspolitik. Sorge für eine gerechte Steuerpolitik, die die Leistung nicht bestraft. Lass dich nicht bestechen und korrumpiere die Wähler nicht durch Wahlgeschenke.
8. Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.
Bemühe dich um Objektivität in der Erfassung der Wirklichkeit. Versuche nicht, den Ernst der Lage schönzureden. Unterlasse wahrheitswidrige und rufschädigende Aussagen über deine Konkurrenten. Und verspreche nicht mehr, als du halten kannst.
9. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib.
Schränke die öffentliche Schamlosigkeit ein und setze dem Zugang zur Pornographie Grenzen. Plädiere für eheliche Treue und missbrauche deine eigene Machtposition nicht zur sexuellen Ausbeutung von Abhängigen.
10. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut.
Erliege nicht der Verfügungsgewalt des Reichtums. Verhindere durch rechtliche Regeln allzu gewagte und kurzfristige Spekulationen. Sorge für die Transparenz der Geldanlagen und für die Haftung der Eigentümer. Und glaube nicht, dass der Staat der bessere Unternehmer sei.
Es obliegt jedem katholischen Christen, die Regierungspolitik in den nächsten vier Jahren an diesem Maß zu messen. Und wer aktiv werden möchte, sollte dem AEK beizutreten. Das ist kostenlos und geht übrigens auch ohne Parteimitglied zu sein.
(Josef Bordat)
Dreifaltige Weisheit
November 25, 2009
O Kraft der Weisheit, du zogst deine Bahn, umfingst das All auf dem einzigen Weg, der zum Leben führt. Drei Kräfte hast du, Flügeln gleich: Zur Höhe empor schwingt sich kraftvoll der eine, von der Erde her müht sich der zweite, und allüberall schwingt der dritte. Lob sei dir, Weisheit, würdig bist du allen Lobes!
Hildegard von Bingen
Über Wissenschaft, Weltanschauung und Lebensführung
November 14, 2009
Die Lectio Guardini 2009 beginnen am 16. November 2009 mit der Antrittsvorlesung des neuen Guardini-Professors Jean Greisch. Thema: „Über Nutzen und Nachteil der Weltanschauung für das Leben“. Der Vortrag ist Auftakt zu einer Ringvorlesung, die unter dem Titel „Wissenschaft, Weltanschauung, Lebensführung“ im Wintersemester an der Humboldt-Universität zu Berlin stattfindet.
Der neue Inhaber des Guardini-Lehrstuhls, der Luxemburger Jean Greisch, gilt als führender Vertreter der hermeneutischen Phänomenologie. Bei dieser Deutungsmethode geht es darum zu verstehen, dass, wie und warum aus Erfahrungen bestimmte Formen von Verständigung resultieren. Sein dreibändiges Hauptwerk „Le Buisson ardent et les Lumières de la raison“ (2002-2004) gilt als „Monument der Religionsphilosophie“. Jean Greisch tritt die Nachfolge von Edmund Runggaldier SJ an, der seinerseits vor zwei Jahren den Lehrstuhl von Ludger Honnefelder übernahm. Am 7. Dezember 2009 gibt es noch einmal die Gelegenheit, Professor Greisch zu hören, wenn er über „Das große Spiel des Lebens und das Problem der Weltanschauung“ referiert.
Die Vorträge der Ringvorlesung „Wissenschaft, Weltanschauung, Lebensführung“ versprechen vielschichtige und aspektenreiche Zugänge zum Thema, die nicht nur einem Fachpublikum eröffnet werden sollen. So verspricht etwa der sehr weit ausgreifende Vortragstitel „Der Mensch als Weltbürger und die heutigen Aufgaben der Philosophie“ (Peter Kemp, 18. Januar 2010) einen Abend, der von großem Interesse für die Allgemeinheit sein dürfte. Der Kopenhagener Philosoph Kemp gehörte als Präsident der „International Federation of Philosophical Societies (FISP)“ zu den Organisatoren des letzten Philosophie-Weltkongresses in Seoul (2008) und beeindruckte schon dort durch eine beachtliche Grundsatzrede zur Rolle der Philosophie in unserer Zeit. Doch auch die Themen der fünf weiteren Vorträge von Günter Abel („Lebenswelt und Wissenschaft“), Laszló Tengelyi („Husserls Traum von der Philosophie als strenger Wissenschaft: Ist der Traum ausgeträumt?“), Matthias Jung („Lebenserfahrung und Wissenschaft – ein pragmatistischer Ansatz“), Peter Reifenberg („Praktische Lebensnähe als intellektuelle Grundhaltung. Maurice Blondel und die ,science de la pratique’“) und Christoph Theobald („Christentum als Lebensstil“) klingen vielversprechend.
Die Vorträge finden im Senatssaal der Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6, 10099 Berlin statt, jeweils Montags um 18 Uhr. Die Antrittsvorlesung von Professor Greisch am 16. November 2009 beginnt abweichend davon um 19 Uhr.
(Josef Bordat)
Teilen, damit Gott nicht erfriert
November 11, 2009
Wie ich den Kindern von St. Martin erzähle, der seinen Mantel teilt und die Hälfte einem nackten Bettler gibt, unterbricht mich ein Zuruf: „Der Bettler, das war Gott!“ Eine zweite Stimme: „Das hat Martin gut gemacht.“ Ich frage: „Wieso?“ und erhalte die Antwort: „Sonst wäre Gott erfroren.“
Klaus Hemmerle, Bischof von Aachen