Missbrauch in den Medien
30. März 2010
Dieses Blog sollte von den Niederträchtigkeiten des Missbrauchs und des „Missbrauchs mit dem Missbrauch“ frei gehalten werden, um nicht den Blick auf das Wesentliche der christlichen Existenz zu verstellen. Eine umfangreiche Publikation zum Thema ist in Vorbereitung und soll bis Pfingsten fertig gestellt sein (Arbeitstitel: „Missbrauch. Eine Diskursanalyse“). Doch wenn die christliche Existenz von diesen Niederträchtigkeiten überschattet wird, so sehr, dass sie ganz vom Dunkel verschluckt zu werden droht, dann ist es an der Zeit, sich zu positionieren, was ich mit folgendem offenen Leserbrief an die Redaktion von „tagesschau.de“ tue.
Leserbrief zum „Hintergrund“-Bericht
Missbrauchsfall in der US-Kirche. Die Vorwürfe der „New York Times“ gegen den Papst
Alella, den 29. März 2010
Sehr geehrte Damen und Herren,
es ist gut, wenn seriöse Medienorgane Hintergründe zu den Vorgängen ausleuchten, die gemeinhin als „Missbrauchsskandal in katholischen Einrichtungen“ oder kurz „Missbrauch in der Kirche“ verhandelt werden. Sehr erfreut war ich daher, den o.g. „Hintergrund“-Bericht auf Ihrem Nachrichtenportal zu finden. Leider musste ich feststellen, dass der Verfasser an einer entscheidenden Stelle gravierende sinnentstellende und die Wahrheit verdrehende publizistische Fehler begeht.
1. Er schreibt: „Wie die New York Times weiter berichtete, hatte die Kirche seinerzeit auch versäumt, den Fall Murphy der Justiz zu übergeben. So sei Murphy auch nie von einem staatlichen Gericht zur Rechenschaft gezogen worden.“ Damit behauptet er, dass Murphy juristisch deshalb nie belangt wurde, weil „die Kirche“ versäumt habe, den Fall Murphy der Justiz zu übergeben („So… auch…“).
Die „New York Times“, auf die sich der Verfasser an dieser Stelle bezieht, schreibt aber: „Father Murphy not only was never tried or disciplined by the church’s own justice system, but also got a pass from the police and prosecutors who ignored reports from his victims, according to the documents and interviews with victims.“ (Hervorhebung von mir)
Hier wird deutlich, dass Murphy deshalb nie juristisch belangt wurde, weil „police and prosecutors“ (fälschlicherweise, wie wir heute wissen) der Meinung waren, keine Anklage erheben zu sollen, als es noch an der Zeit und Gelegenheit war, dies zu tun, weil ihnen die „victims“ unglaubwürdig erschienen. Dies gehe aus „documents and interviews“ (also: den Quellen) hervor.
Diese quellenbasierte Darstellung lässt den Sachverhalt komplett anders aussehen als in Ihrem „Hintergrund“-Bericht, der diese Quellen nicht berücksichtigt. Das Ignorieren so entscheidender Quellen bei der Darstellung historischer Zusammenhänge ist ein schwerer Fehler.
2. Sodann schreibt der Verfasser, was statt dessen in „der Kirche“ geschah: „Erzbischof Weakland habe die Vorwürfe gegen Murphy 1993 von einem besonders geschulten Sozialarbeiter untersuchen lassen.“
Dieser Vorgang wird durch die Kontextualisierung mit der fehlenden juristischen Aufarbeitung, die im Satz zuvor erwähnt wird und über deren wahre Hintergründe der Verfasser ja leider nicht informiert, als Gegensatz zur Aufklärung des Falls, also gewissermaßen als Teil einer Vertuschungsstrategie eingeführt, obgleich es sich bei derartigen Untersuchungen um die übliche Vorgangsweise handelt, die alle Missbrauchsexperten eingedenk des nötigen Opferschutzes, aber auch aufgrund der Schwere des Vorwurfs dringend empfehlen. Auch die deutsche Polizei rät zunächst zu einer Übergabe von Verdachtsfällen an geschulte Sozialarbeiter. Es ist mir unerklärlich, wie der Verfasser den Eindruck erwecken kann, dies sei nicht so, und das Vorgehen der Kirche stelle insoweit eine außergewöhnliche Verschleppung, ja sogar Verhinderung eines Strafverfahrens dar.
Leider reiht sich der „Hintergrund“-Bericht damit nahtlos in eine Serie fehlerhafter und tendentiöser Berichte über die Missbrauchsfälle in den USA und in Deutschland ein. Das ist sehr bedauerlich.
Bedauerlich ist es nicht nur deswegen, weil es das Ansehen des Papstes und der römisch-katholischen Kirche ohne Grund beschädigt (nur noch 17 Prozent der Deutschen vertrauen der Kirche), sondern insbesondere deshalb, weil es eine Fehlinformation der Öffentlichkeit darstellt, die die Lage künftiger Missbrauchsopfer außerhalb der Kirche dadurch verschlechtert, dass sie deren Glaubwürdigkeit durch den festen Konnex von Kirche und Missbrauch, an dessen Etablierung und Popularisierung auch „tagesschau.de“ mitwirkt, dauerhaft unterminiert.
Bekanntlich finden 99 Prozent aller Missbrauchsfälle nicht in kirchlichen Einrichtungen statt. Durch die Berichterstattung in deutschen Medien, unter anderem auch auf „tagesschau.de“, wird jedoch der Eindruck erweckt, dass Missbrauch ausschließlich in kirchlichen Einrichtungen vorkommt. Das bleibt nicht ohne Folge: Der „Deutschlandtrend“ vom 19. März 2010 liefert das erschütternde Ergebnis, dass 9 Prozent der Deutschen sicher sind, Missbrauch komme ausschließlich in kirchlichen Einrichtungen vor. Nur 88 Prozent meinen, Missbrauch sei auch außerhalb der Kirche verbreitet, es also prinzipiell möglich sei, dass Missbrauchsfälle auch an staatlichen Schulen oder nicht von der Kirche getragenen Privatschulen, in Sportvereinen oder in Familien vorkommen. Die 12 Prozent, die darin verunsichert sind, die daran ernsthaft zweifeln oder die das gar vehement bestreiten, gehen auch auf das Konto von „tagesschau.de“.
Ich möchte Sie daher bitten, künftig sorgfältig zu recherchieren, Sachlichkeit und Neutralität zu wahren und die Öffentlichkeit richtig zu informieren.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Josef Bordat
Dieser offene Leserbrief mag all jenen eine Anregung sein, die sich gegen die Art der Berichterstattung in Medien wie „tagesschau.de“ wehren möchten.
Der Leserbrief wird mitunterzeichnet von:
- Appl, Harald (Krankenpfleger – Regensburg)
- Beschmann, Sabine Benedikta (Empfangssekretärin – Ludwigsburg)
- Beucker, Udo H. Justinus SJB (Pfarrer – München)
- Falk, Jens (Buchhändler – Greven)
- Friedel, Gertrud (Hausfrau – Schwarzwald)
- Glaisner, Christoph (Physiotherapeut – Berlin)
- Kennis, Ralf (Lehrer, Fachbereichsleiter – Berlin)
- Kiefer, Hildegard Maria (Hausfrau, Mutter – Beckingen)
- Meisner, Gabriele (Diplom-Sozialpädagogin, Dozentin – Berlin)
- Noch, Hildegard (Lehrerin – Lünen)
- Pintore, Eduardo (Doktorand – Berlin)
- Valdivia, Roxana (Controllerin – Berlin)
Vielen Dank allen Unterstützerinnen und Unterstützern!
- Denen, die nicht genannt werden möchten, mir aber ihre Solidarität versicherten.
- Denen, die diesen Leserbrief zum Anlass nahmen, selber einen Brief zu verfassen.
- Denen, die darauf in Blogs und Foren hingewiesen haben, insbesondere: „Elsas Nacht(b)revier“, „kath-info“, „Politisch Unpolitisches“, „Breviarium Pauli“ und „Inkarnierte Inkoordination“.
Damit haben wir alle ein Signal gesendet: Wir erkennen die Macht der „Vierten Staatsgewalt“ und lassen es deswegen nicht zu, dass diese sich in unsachlicher, wahrheitswidriger und/oder verletzender Weise gegen Kirche und Papst, Christentum und Gläubige, Religion und Spiritualität wendet. Die Tendenz dazu besteht. Sie erfordert von uns allen dauerhafte Wachsamkeit.
(Josef Bordat)
Hosianna! – Kreuziget ihn!
29. März 2010
Als Jesus nach Jerusalem kommt, sind die Menschen begeistert und jubeln ihm zu – „Sie riefen: Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe!“ (Lk 19, 38). Doch wenige Tage später werden sie Jesus ans Kreuz brüllen.
Gebhard Fürst, Bischof von Rottenburg-Stuttgart, fragt: „Können wir uns unter diesen Menschen wiederfinden?“ Er erinnert daran, dass auch wir in der „Spannung zwischen Palmsonntag und Karfreitag“ stehen, die uns die Frage aufgibt: „Wo ist unser Platz in dieser Geschichte Jesu von Nazareth?“ Als gläubige Christen folgen wir dem Herr.
Doch, so fragt Bischof Fürst weiter, „erwägen wir auch ernsthaft und entscheiden verantwortlich, bei dieser Sache zu bleiben, nicht umzukippen und uns fortzustehlen, wenn Gegenwind kommt – von außen oder von innen“? Eine Frage, die gerade jetzt brennt. Und die von jedem von uns eine Antwort verlangt.
(Josef Bordat)
Kirche in Korea
26. März 2010
Südkorea ist ein wunderschönes Land mit einer beeindruckenden Geschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dann besonders nach dem Korea-Krieg hat der Süden der koreanischen Halbinsel einen beispiellosen Aufstieg genommen. Das Pro-Kopf-Einkommen wurde von 200 US-$ auf 20.000 US-$ gesteigert. Heute hat Südkorea eine stabile Demokratie und eine der größten Volkswirtschaften der Erde. Gemessen am nominalen Bruttoinlandsprodukt des Jahres 2007 lag das Land mit seinen 50 Millionen Einwohnern auf Platz 13.
Seit den 1960er Jahren erlebte auch das Christentum im Süden Koreas einen beispiellosen Aufstieg, der dazu führt, dass Südkorea nach den Philippinen, eine ehemals spanische Kolonie mit mehrheitlich katholischer Bevölkerung, das asiatische Land mit dem höchsten Bevölkerungsanteil an Christen ist. Jeder vierte Koreaner bekennt sich heute zum Christentum, das macht 13 Mio. Christen, Tendenz weiter steigend. Während hierzulande die Zahl der Katholiken sinkt, wächst die Kirche in Korea beständig. Etwa 5 Mio. Koreaner, also 10%, sind katholisch. Sie werden von etwa 4.000 koreanischen und 200 ausländischen Priestern betreut. Zudem gibt es in Korea über 10.000 Ordensfrauen. Auch der Kirchenbesuch ist besser als hierzulande: 25% der Kirchenmitglieder besuchen regelmäßig die Sonntagsmesse, in Deutschland nur 14%. Aufschlussreich sind auch die Angaben zur Situation der Familien: 2008 wurden 26.182 katholische Ehen geschlossen. Bei 15.324 Eheschließungen war zwar nur einer der Ehepartner katholisch, doch in vielen Fällen würden in solchen Familien, so heißt es, die zunächst nichtkatholischen Ehepartner der Kirche beitreten.
Diese Entwicklung läuft gängigen Säkularisierungstheorien zuwider. Bisher ging man davon aus, dass Wirtschaftswachstum und Technisierung die Bindung der Menschen an institutionalisierte Religion schwinden lässt (in Europa beobachten wir das seit etwa 50 Jahren). Im Boom-Land Korea ist das Gegenteil der Fall. Wie lässt sich das „koreanische Paradoxon“ erklären? Insbesondere fünf Punkte scheinen ausschlaggebend zu sein.
1. Kirche in Korea ist Opfer, nicht „Täterin“. Während des 19. Jahrhunderts fallen schätzungsweise 10.000 koreanische Katholiken der Verfolgung zum Opfer. Die Verfolgung der Kirche vollzieht sich in vier Wellen: kurz nach dem Verbot (1801), 1839-1841 (danach musste die Kirche komplett neu organisiert werden, da insbesondere Priester, u. a. der erste Bischof, ermordet wurden), 1846-1850 und schließlich – besonders heftig – in den Jahren 1866-1876 unter Prinzregent Taewongun. Erst mit der Staats- und Gesellschaftsreform im Jahre 1895 ebbt die Christenverfolgung in Korea ab. Im 20. Jahrhunderten führt eine Rehabilitierung der Opfer zu einer weit über den Katholizismus hinausreichenden Verehrung der Kirchenpioniere Koreas. Auch der Vatikan zollt der Geschichte der Kirche in Korea gebührend Respekt: 1925 werden neun, 1968 weitere 24 Märtyrer selig gesprochen. Höhepunkt der noch jungen koreanischen Kirchengeschichte ist sicherlich die 1984 – zum 200. Jahrestag der Kirchengründung in Korea – erfolgte Heiligsprechung von 93 koreanischen und 10 französischen Märtyrern der Verfolgungszeit durch Papst Johannes Paul II. – Die Märtyrergeschichte der Kirche Koreas hat zu einer starken Identifikation mit dem Katholizismus geführt. Die katholische Kirche gilt in Korea als Opfer; in Deutschland wird sie (fälschlicherweise!) oftmals ausschließlich als „Täterin“ wahrgenommen: Hexenverbrennung, Inquisition, Kreuzzüge, Zwangsmission, Kindesmissbrauch – das verbinden viele Menschen hierzulande mit Kirche.
2. Kirche in Korea ist Garantin des Fortschritts und Motor der Entwicklung. Nach dem Koreakrieg, also ab den 1950er Jahren hat die Kirche viel für das Land getan, was zu einer weiteren positiven Identifikation führte. In Deutschland zwar auch (man denke nur an den Einfluss der katholischen Soziallehre auf die marktwirtschaftliche Orientierung der Ära Adenauer/Erhart!), aber das haben wir Deutsche offenbar vergessen. Die Koreaner nicht. Sie erkennen an, dass der Katholizismus eine große Rolle bei der Entwicklung des modernen Südkorea gespielt hat, insbesondere auch im Schlüsselsektor „Bildung“, der in Korea von vielen konfessionellen Schulen gestützt wird.
3. Kirche in Korea engagiert sich sozial und setzt sich für Gerechtigkeit und Frieden ein. Die südkoreanischen Katholiken entwickelten in den letzten Jahrzehnten ein ausgeprägtes Engagement für die Armen. Ihre Hilfe richtet sich ohne Unterschiede hinsichtlich des Glaubens oder der Weltanschauung an alle Hilfsbedürftigen. Das Sozial- und Gesundheitssystem ist fest in kirchlicher Hand. Hinzu trat der Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden. Die katholische Kirche hat in Südkorea in der Phase der Demokratisierung eine wichtige und prophetische Rolle gespielt, genauso wie während des Militärregimes in den frühen 1960er Jahren. Viele Priester, Ordensleute und Gläubige saßen im Gefängnis, weil sie sich auf die Seite der Schwachen gestellt hatten. Neben diesem eindrucksvollen Zeugnis vieler Kirchenvertreter waren die Kirchenmitglieder Tag für Tag in sozialen und ethischen Fragen im Einsatz und kämpften für die Rechte der Bevölkerung.
4. Kirche in Korea verfügt über eine integere und transparente Struktur. Für die koreanischen Priester und Ordensleute ist ein konsequentes Leben in der Nachfolge von besonderer Wichtigkeit. Das Finanzgebaren der Diözesen weist eine hohe Transparenz aus. Diese Lebensweise vermittelt der Bevölkerung einen sehr guten Eindruck.
5. Kirche in Korea ist tolerant und kultursensitiv. Die Kirche in Korea weist heute eine große Toleranz gegenüber kulturellen Besonderheiten auf. 1742 verurteilte Papst Benedikt XIV. die asiatische Tradition den Ahnenkults, die aus dem Konfuzianismus stammt, als „Aberglauben“. 1939 erlaubte Papst Pius XII. nach eingehender Prüfung diese Verehrung der Verstorbenen, da sie keine Elemente enthält, die der kirchlichen Dogmatik widersprechen. Dieser Schritt erleichterte vielen Koreaner die Konversion.
Angesichts dieser Umstände wundert es weit weniger, dass sich die Zahl von Südkoreas Katholiken in den letzten fünf Jahren annähernd verdoppelt hat, während die Zahl der Buddhisten nur leicht stieg und die der Protestanten sogar zurück ging. Ein Ende des Kirchen-Wachstums ist nicht in Sicht. Bei den Gläubigen nicht, und bei den Priestern schon gar nicht: Derzeit bereiten sich über 1400 Kandidaten auf das Priesteramt vor. Felix Korea!
(Josef Bordat)
Mariä Verkündigung
25. März 2010
Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben. (Lk 1, 30-31)
„Die Botschaft des Engels an Maria ist überraschend: Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären (Lk 1, 31). Das ist nicht nur eine große Verheißung und gewaltige Herausforderung Gottes; es ist eine Verheißung und Herausforderung, die Maria trifft und ihre Antwort einfordert: Gott hat Maria erwählt, aber nicht gezwungen, er hat sie berufen, aber nicht über sie bestimmt! Gott will die freie Entscheidung, die eigene Zustimmung des Menschen. Gott lässt jedem Einzelnen von uns die Freiheit, weil er uns ernst nimmt. Er will Menschen, die sich frei für ihn entscheiden. Er spricht jeden von uns an, lädt jeden ein, seinem Ruf zu folgen. Mehr noch: Gott selbst gibt uns die Kraft, in eigener und freier Entscheidung auf seinen Ruf zu antworten und befähigt uns so, den Weg mit ihm zu gehen.“
Robert Zollitsch, Erzbischof von Freiburg