Missbrauch in den Medien

30. März 2010

Dieses Blog sollte von den Niederträchtigkeiten des Missbrauchs und des „Missbrauchs mit dem Missbrauch“ frei gehalten werden, um nicht den Blick auf das Wesentliche der christlichen Existenz zu verstellen. Eine umfangreiche Publikation zum Thema ist in Vorbereitung und soll bis Pfingsten fertig gestellt sein (Arbeitstitel: „Missbrauch. Eine Diskursanalyse“). Doch wenn die christliche Existenz von diesen Niederträchtigkeiten überschattet wird, so sehr, dass sie ganz vom Dunkel verschluckt zu werden droht, dann ist es an der Zeit, sich zu positionieren, was ich mit folgendem offenen Leserbrief an die Redaktion von „tagesschau.de“ tue.

Leserbrief zum „Hintergrund“-Bericht
Missbrauchsfall in der US-Kirche. Die Vorwürfe der „New York Times“ gegen den Papst

Alella, den 29. März 2010

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist gut, wenn seriöse Medienorgane Hintergründe zu den Vorgängen ausleuchten, die gemeinhin als „Missbrauchsskandal in katholischen Einrichtungen“ oder kurz „Missbrauch in der Kirche“ verhandelt werden. Sehr erfreut war ich daher, den o.g. „Hintergrund“-Bericht auf Ihrem Nachrichtenportal zu finden. Leider musste ich feststellen, dass der Verfasser an einer entscheidenden Stelle gravierende sinnentstellende und die Wahrheit verdrehende publizistische Fehler begeht.

1. Er schreibt: „Wie die New York Times weiter berichtete, hatte die Kirche seinerzeit auch versäumt, den Fall Murphy der Justiz zu übergeben. So sei Murphy auch nie von einem staatlichen Gericht zur Rechenschaft gezogen worden.“ Damit behauptet er, dass Murphy juristisch deshalb nie belangt wurde, weil „die Kirche“ versäumt habe, den Fall Murphy der Justiz zu übergeben („So… auch…“).

Die „New York Times“, auf die sich der Verfasser an dieser Stelle bezieht, schreibt aber: „Father Murphy not only was never tried or disciplined by the church’s own justice system, but also got a pass from the police and prosecutors who ignored reports from his victims, according to the documents and interviews with victims.“ (Hervorhebung von mir)

Hier wird deutlich, dass Murphy deshalb nie juristisch belangt wurde, weil „police and prosecutors“ (fälschlicherweise, wie wir heute wissen) der Meinung waren, keine Anklage erheben zu sollen, als es noch an der Zeit und Gelegenheit war, dies zu tun, weil ihnen die „victims“ unglaubwürdig erschienen. Dies gehe aus „documents and interviews“ (also: den Quellen) hervor.

Diese quellenbasierte Darstellung lässt den Sachverhalt komplett anders aussehen als in Ihrem „Hintergrund“-Bericht, der diese Quellen nicht berücksichtigt. Das Ignorieren so entscheidender Quellen bei der Darstellung historischer Zusammenhänge ist ein schwerer Fehler.

2. Sodann schreibt der Verfasser, was statt dessen in „der Kirche“ geschah: „Erzbischof Weakland habe die Vorwürfe gegen Murphy 1993 von einem besonders geschulten Sozialarbeiter untersuchen lassen.“

Dieser Vorgang wird durch die Kontextualisierung mit der fehlenden juristischen Aufarbeitung, die im Satz zuvor erwähnt wird und über deren wahre Hintergründe der Verfasser ja leider nicht informiert, als Gegensatz zur Aufklärung des Falls, also gewissermaßen als Teil einer Vertuschungsstrategie eingeführt, obgleich es sich bei derartigen Untersuchungen um die übliche Vorgangsweise handelt, die alle Missbrauchsexperten eingedenk des nötigen Opferschutzes, aber auch aufgrund der Schwere des Vorwurfs dringend empfehlen. Auch die deutsche Polizei rät zunächst zu einer Übergabe von Verdachtsfällen an geschulte Sozialarbeiter. Es ist mir unerklärlich, wie der Verfasser den Eindruck erwecken kann, dies sei nicht so, und das Vorgehen der Kirche stelle insoweit eine außergewöhnliche Verschleppung, ja sogar Verhinderung eines Strafverfahrens dar.

Leider reiht sich der „Hintergrund“-Bericht damit nahtlos in eine Serie fehlerhafter und tendentiöser Berichte über die Missbrauchsfälle in den USA und in Deutschland ein. Das ist sehr bedauerlich.

Bedauerlich ist es nicht nur deswegen, weil es das Ansehen des Papstes und der römisch-katholischen Kirche ohne Grund beschädigt (nur noch 17 Prozent der Deutschen vertrauen der Kirche), sondern insbesondere deshalb, weil es eine Fehlinformation der Öffentlichkeit darstellt, die die Lage künftiger Missbrauchsopfer außerhalb der Kirche dadurch verschlechtert, dass sie deren Glaubwürdigkeit durch den festen Konnex von Kirche und Missbrauch, an dessen Etablierung und Popularisierung auch „tagesschau.de“ mitwirkt, dauerhaft unterminiert.

Bekanntlich finden 99 Prozent aller Missbrauchsfälle nicht in kirchlichen Einrichtungen statt. Durch die Berichterstattung in deutschen Medien, unter anderem auch auf „tagesschau.de“, wird jedoch der Eindruck erweckt, dass Missbrauch ausschließlich in kirchlichen Einrichtungen vorkommt. Das bleibt nicht ohne Folge: Der „Deutschlandtrend“ vom 19. März 2010 liefert das erschütternde Ergebnis, dass 9 Prozent der Deutschen sicher sind, Missbrauch komme ausschließlich in kirchlichen Einrichtungen vor. Nur 88 Prozent meinen, Missbrauch sei auch außerhalb der Kirche verbreitet, es also prinzipiell möglich sei, dass Missbrauchsfälle auch an staatlichen Schulen oder nicht von der Kirche getragenen Privatschulen, in Sportvereinen oder in Familien vorkommen. Die 12 Prozent, die darin verunsichert sind, die daran ernsthaft zweifeln oder die das gar vehement bestreiten, gehen auch auf das Konto von „tagesschau.de“.

Ich möchte Sie daher bitten, künftig sorgfältig zu recherchieren, Sachlichkeit und Neutralität zu wahren und die Öffentlichkeit richtig zu informieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Josef Bordat

Dieser offene Leserbrief mag all jenen eine Anregung sein, die sich gegen die Art der Berichterstattung in Medien wie „tagesschau.de“ wehren möchten.

Der Leserbrief wird mitunterzeichnet von:

  • Appl, Harald (Krankenpfleger – Regensburg)
  • Beschmann, Sabine Benedikta (Empfangssekretärin – Ludwigsburg)
  • Beucker, Udo H. Justinus SJB (Pfarrer – München)
  • Falk, Jens (Buchhändler – Greven)
  • Friedel, Gertrud (Hausfrau – Schwarzwald)
  • Glaisner, Christoph (Physiotherapeut – Berlin)
  • Kennis, Ralf (Lehrer, Fachbereichsleiter – Berlin)
  • Kiefer, Hildegard Maria (Hausfrau, Mutter – Beckingen)
  • Meisner, Gabriele (Diplom-Sozialpädagogin, Dozentin – Berlin)
  • Noch, Hildegard (Lehrerin – Lünen)
  • Pintore, Eduardo (Doktorand – Berlin)
  • Valdivia, Roxana (Controllerin – Berlin)

Vielen Dank allen Unterstützerinnen und Unterstützern!

- Denen, die nicht genannt werden möchten, mir aber ihre Solidarität versicherten.
- Denen, die diesen Leserbrief zum Anlass nahmen, selber einen Brief zu verfassen.
- Denen, die darauf in Blogs und Foren hingewiesen haben, insbesondere: „Elsas Nacht(b)revier“, „kath-info“, „Politisch Unpolitisches“, „Breviarium Pauli“ und „Inkarnierte Inkoordination“.

Damit haben wir alle ein Signal gesendet: Wir erkennen die Macht der „Vierten Staatsgewalt“ und lassen es deswegen nicht zu, dass diese sich in unsachlicher, wahrheitswidriger und/oder verletzender Weise gegen Kirche und Papst, Christentum und Gläubige, Religion und Spiritualität wendet. Die Tendenz dazu besteht. Sie erfordert von uns allen dauerhafte Wachsamkeit.

(Josef Bordat)

Als Jesus nach Jerusalem kommt, sind die Menschen begeistert und jubeln ihm zu – „Sie riefen: Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe!“ (Lk 19, 38). Doch wenige Tage später werden sie Jesus ans Kreuz brüllen.

Gebhard Fürst, Bischof von Rottenburg-Stuttgart, fragt: „Können wir uns unter diesen Menschen wiederfinden?“ Er erinnert daran, dass auch wir in der „Spannung zwischen Palmsonntag und Karfreitag“ stehen, die uns die Frage aufgibt: „Wo ist unser Platz in dieser Geschichte Jesu von Nazareth?“ Als gläubige Christen folgen wir dem Herr.

Doch, so fragt Bischof Fürst weiter, „erwägen wir auch ernsthaft und entscheiden verantwortlich, bei dieser Sache zu bleiben, nicht umzukippen und uns fortzustehlen, wenn Gegenwind kommt – von außen oder von innen“? Eine Frage, die gerade jetzt brennt. Und die von jedem von uns eine Antwort verlangt.

(Josef Bordat)

Kirche in Korea

26. März 2010

Südkorea ist ein wunderschönes Land mit einer beeindruckenden Geschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dann besonders nach dem Korea-Krieg hat der Süden der koreanischen Halbinsel einen beispiellosen Aufstieg genommen. Das Pro-Kopf-Einkommen wurde von 200 US-$ auf 20.000 US-$ gesteigert. Heute hat Südkorea eine stabile Demokratie und eine der größten Volkswirtschaften der Erde. Gemessen am nominalen Bruttoinlandsprodukt des Jahres 2007 lag das Land mit seinen 50 Millionen Einwohnern auf Platz 13.

Seit den 1960er Jahren erlebte auch das Christentum im Süden Koreas einen beispiellosen Aufstieg, der dazu führt, dass Südkorea nach den Philippinen, eine ehemals spanische Kolonie mit mehrheitlich katholischer Bevölkerung, das asiatische Land mit dem höchsten Bevölkerungsanteil an Christen ist. Jeder vierte Koreaner bekennt sich heute zum Christentum, das macht 13 Mio. Christen, Tendenz weiter steigend. Während hierzulande die Zahl der Katholiken sinkt, wächst die Kirche in Korea beständig. Etwa 5 Mio. Koreaner, also 10%, sind katholisch. Sie werden von etwa 4.000 koreanischen und 200 ausländischen Priestern betreut. Zudem gibt es in Korea über 10.000 Ordensfrauen. Auch der Kirchenbesuch ist besser als hierzulande: 25% der Kirchenmitglieder besuchen regelmäßig die Sonntagsmesse, in Deutschland nur 14%. Aufschlussreich sind auch die Angaben zur Situation der Familien: 2008 wurden 26.182 katholische Ehen geschlossen. Bei 15.324 Eheschließungen war zwar nur einer der Ehepartner katholisch, doch in vielen Fällen würden in solchen Familien, so heißt es, die zunächst nichtkatholischen Ehepartner der Kirche beitreten.

Diese Entwicklung läuft gängigen Säkularisierungstheorien zuwider. Bisher ging man davon aus, dass Wirtschaftswachstum und Technisierung die Bindung der Menschen an institutionalisierte Religion schwinden lässt (in Europa beobachten wir das seit etwa 50 Jahren). Im Boom-Land Korea ist das Gegenteil der Fall. Wie lässt sich das „koreanische Paradoxon“ erklären? Insbesondere fünf Punkte scheinen ausschlaggebend zu sein.

1. Kirche in Korea ist Opfer, nicht „Täterin“. Während des 19. Jahrhunderts fallen schätzungsweise 10.000 koreanische Katholiken der Verfolgung zum Opfer. Die Verfolgung der Kirche vollzieht sich in vier Wellen: kurz nach dem Verbot (1801), 1839-1841 (danach musste die Kirche komplett neu organisiert werden, da insbesondere Priester, u. a. der erste Bischof, ermordet wurden), 1846-1850 und schließlich – besonders heftig – in den Jahren 1866-1876 unter Prinzregent Taewongun. Erst mit der Staats- und Gesellschaftsreform im Jahre 1895 ebbt die Christenverfolgung in Korea ab. Im 20. Jahrhunderten führt eine Rehabilitierung der Opfer zu einer weit über den Katholizismus hinausreichenden Verehrung der Kirchenpioniere Koreas. Auch der Vatikan zollt der Geschichte der Kirche in Korea gebührend Respekt: 1925 werden neun, 1968 weitere 24 Märtyrer selig gesprochen. Höhepunkt der noch jungen koreanischen Kirchengeschichte ist sicherlich die 1984 – zum 200. Jahrestag der Kirchengründung in Korea – erfolgte Heiligsprechung von 93 koreanischen und 10 französischen Märtyrern der Verfolgungszeit durch Papst Johannes Paul II. – Die Märtyrergeschichte der Kirche Koreas hat zu einer starken Identifikation mit dem Katholizismus geführt. Die katholische Kirche gilt in Korea als Opfer; in Deutschland wird sie (fälschlicherweise!) oftmals ausschließlich als „Täterin“ wahrgenommen: Hexenverbrennung, Inquisition, Kreuzzüge, Zwangsmission, Kindesmissbrauch – das verbinden viele Menschen hierzulande mit Kirche.

2. Kirche in Korea ist Garantin des Fortschritts und Motor der Entwicklung. Nach dem Koreakrieg, also ab den 1950er Jahren hat die Kirche viel für das Land getan, was zu einer weiteren positiven Identifikation führte. In Deutschland zwar auch (man denke nur an den Einfluss der katholischen Soziallehre auf die marktwirtschaftliche Orientierung der Ära Adenauer/Erhart!), aber das haben wir Deutsche offenbar vergessen. Die Koreaner nicht. Sie erkennen an, dass der Katholizismus eine große Rolle bei der Entwicklung des modernen Südkorea gespielt hat, insbesondere auch im Schlüsselsektor „Bildung“, der in Korea von vielen konfessionellen Schulen gestützt wird.

3. Kirche in Korea engagiert sich sozial und setzt sich für Gerechtigkeit und Frieden ein. Die südkoreanischen Katholiken entwickelten in den letzten Jahrzehnten ein ausgeprägtes Engagement für die Armen. Ihre Hilfe richtet sich ohne Unterschiede hinsichtlich des Glaubens oder der Weltanschauung an alle Hilfsbedürftigen. Das Sozial- und Gesundheitssystem ist fest in kirchlicher Hand. Hinzu trat der Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden. Die katholische Kirche hat in Südkorea in der Phase der Demokratisierung eine wichtige und prophetische Rolle gespielt, genauso wie während des Militärregimes in den frühen 1960er Jahren. Viele Priester, Ordensleute und Gläubige saßen im Gefängnis, weil sie sich auf die Seite der Schwachen gestellt hatten. Neben diesem eindrucksvollen Zeugnis vieler Kirchenvertreter waren die Kirchenmitglieder Tag für Tag in sozialen und ethischen Fragen im Einsatz und kämpften für die Rechte der Bevölkerung.

4. Kirche in Korea verfügt über eine integere und transparente Struktur. Für die koreanischen Priester und Ordensleute ist ein konsequentes Leben in der Nachfolge von besonderer Wichtigkeit. Das Finanzgebaren der Diözesen weist eine hohe Transparenz aus. Diese Lebensweise vermittelt der Bevölkerung einen sehr guten Eindruck.

5. Kirche in Korea ist tolerant und kultursensitiv. Die Kirche in Korea weist heute eine große Toleranz gegenüber kulturellen Besonderheiten auf. 1742 verurteilte Papst Benedikt XIV. die asiatische Tradition den Ahnenkults, die aus dem Konfuzianismus stammt, als „Aberglauben“. 1939 erlaubte Papst Pius XII. nach eingehender Prüfung diese Verehrung der Verstorbenen, da sie keine Elemente enthält, die der kirchlichen Dogmatik widersprechen. Dieser Schritt erleichterte vielen Koreaner die Konversion.

Angesichts dieser Umstände wundert es weit weniger, dass sich die Zahl von Südkoreas Katholiken in den letzten fünf Jahren annähernd verdoppelt hat, während die Zahl der Buddhisten nur leicht stieg und die der Protestanten sogar zurück ging. Ein Ende des Kirchen-Wachstums ist nicht in Sicht. Bei den Gläubigen nicht, und bei den Priestern schon gar nicht: Derzeit bereiten sich über 1400 Kandidaten auf das Priesteramt vor. Felix Korea!

(Josef Bordat)

Mariä Verkündigung

25. März 2010

Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben. (Lk 1, 30-31)

„Die Botschaft des Engels an Maria ist überraschend: Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären (Lk 1, 31). Das ist nicht nur eine große Verheißung und gewaltige Herausforderung Gottes; es ist eine Verheißung und Herausforderung, die Maria trifft und ihre Antwort einfordert: Gott hat Maria erwählt, aber nicht gezwungen, er hat sie berufen, aber nicht über sie bestimmt! Gott will die freie Entscheidung, die eigene Zustimmung des Menschen. Gott lässt jedem Einzelnen von uns die Freiheit, weil er uns ernst nimmt. Er will Menschen, die sich frei für ihn entscheiden. Er spricht jeden von uns an, lädt jeden ein, seinem Ruf zu folgen. Mehr noch: Gott selbst gibt uns die Kraft, in eigener und freier Entscheidung auf seinen Ruf zu antworten und befähigt uns so, den Weg mit ihm zu gehen.“

Robert Zollitsch, Erzbischof von Freiburg

Um das „Gewaltpotential“ der christlichen Religion zu zeigen, wird oft darauf verwiesen, dass es im Gesetz des Alten Bundes Normen gibt, in denen unverhältnismäßige Strafen für – nach der heute geltenden Rechts- und Moralauffassung – geringfügige Vergehen gefordert werden, etwa die Todesstrafe für Überschreitungen von Grenzen des herrschenden Anstandsempfindens. Ein häufig zitiertes Beispiel dafür ist Levitikus 20, ein Kapitel aus dem 3. Buch Mose, das diverse in Alt-Israel sittenwidrige Sexualpraktiken und Lebensformen unter Strafe stellt, die uns heute allenfalls therapiewürdig erscheinen, im Großen und Ganzen aber als „normal“ gelten. Wie gehen wir als Christen mit diesen Stellen um? Ich bin kein Theologe, habe mir aber dennoch einige Gedanken dazu gemacht, die ich als Anregung verstanden wissen möchte.

I. Allgemeine Vorbemerkungen zur Methode der Exegese

1. Zunächst einmal gilt: Man kann die Bibel wörtlich nehmen oder ernst (Carl Friedrich von Weizsäcker). Der Ernst zeigt sich in der aktualisierenden Deutung und in der Unterscheidung zwischen Wort und Begriff, zwischen Bild und Bedeutung. Metaphern als solche zu erkennen und zu deuten, ist wichtig für die richtige Interpretation aller sprachlichen Mitteilung, besonders aber für die Exegese von Bibeltexten, die zeitüberdauernd und raumübergreifend auf Menschen wirken sollen (Geltungs-Anteil), aber eine konkrete zeitliche Kontextualisierung aufweisen (Genese-Anteil). Einige Menschen scheinen Genesis und Geltung von biblischen Aussagen zu verwechseln bzw. sie versuchen, über den Entstehungszusammenhang die Geltungskraft zu unterminieren. Etwa indem sie den Unterschied zwischen den Lebensgewohnheiten des Volkes, zu dem Gott zuerst gesprochen hat, und unseren Lebensgewohnheiten heute betonen, um damit anzudeuten, dass es keinen Sinn habe, an den Aussagen festzuhalten, oder aber indem sie meinen, wir müssten unsere Lebensgewohnheiten bis ins kleinste Detail an denen ausrichten, die in Alt-Israel vorherrschten, um auch heute das Gesetz zu erfüllen. Das kann beides nur dann richtig sein, wenn man dieses Gesetz eben wortwörtlich auffasst bzw. meint, sie nur so auffassen zu können.

Ich bin mir sicher, dass Menschen auch in ferner Zukunft den Dekalog oder die Bergpredigt oder 1 Kor 13 lesen, verstehen und ernst nehmen können, auch wenn vielleicht keiner mehr weiß, was denn ein „Schaf“ oder ein „Kamel“ gewesen sein soll. Insoweit hätte die Bibel in der Geltung ihrer Kernaussagen Ewigkeitscharakter. Die lex nova der Liebe gilt eben nicht nur im konkreten Kontext der Erzählung, also für die Zuhörer in der historischen Situation, sondern auch für uns heute und eben auch – da bin ich mir sicher – für Menschen in 10000 Jahren.

Mir fällt auf, dass es im wesentlichen zwei Richtungen sind, die ein wortwörtliches Verständnis des Textes zur Grundlage der Beurteilung des Bedeutungsgehalts von Bibelstellen machen: (christliche) Fundamentalisten (etwa die „Zeugen Jehovas“) und Religionskritiker, die anhand sorgsam ausgesuchter Stellen das immanente Hass- und Gewaltpotential der Schrift nachweisen wollen, die zeigen wollen, dass Religionen im Allgemeinen und die abrahamitischen im Speziellen von Grund auf ausschließlich auf Gewalt ausgerichtet sind. Dabei fällt zum zweiten auf, dass beide Parteien nicht nur unredlich sind, weil sie – mit je anderen Vorzeichen und Absichten – einseitig recherchieren, sondern auch einen bibelwissenschaftlichen Kardinalfehler machen, nämlich die „Steinbruchexegese“. Man kann jeden Text und jedes Menschenleben so zerfleddern, dass entweder nur Gutes oder nur Böses zum Vorschein kommt. Damit nimmt man aber den Text oder den Menschen nicht ernst.

2. Ganz grundsätzlich ist es weiterhin so, dass man Bibelverse nicht aus dem textlichen und historischen Zusammenhang reißen darf, sondern diesen immer mitbedenken sollte. Bei Levitikus handelt es sich um ein Buch mit zahlreichen Vorschriften, die Gott für Sein Volk (bzw. zunächst für den Stamm Levi) erlässt. Darunter befinden sich viele Vorschriften, die gegenüber vorrechtlich-anarchischen Zuständen durchaus fortschrittliche Regelungen enthalten, wie die Achtung älterer Menschen (Lev 19, 32), der Respekt vor Fremden (Lev 19, 33-34), der faire Handel (Lev 19, 35-36) u.v.a.m., aber auch harte Strafen für – aus der Sicht Gottes – schwere Verirrungen (Lev 20). Wenn wir das AT lesen und die dortigen Gesetze als Handlungsanweisungen verstehen wollen, dann müssen wir also schauen, womit wir sie vergleichen. Die hermeneutische Methode legt nahe, die Vorschriften mit anderen Rechtstexten aus der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. zu vergleichen – und nicht mit unseren Vorstellungen heute. Das wäre ahistorisch. Hier werden wir in der Summe und bei redlicher Betrachtung feststellen können, dass es sich bei den Gesetzen des Mose – bei aller Kritik, die wir über 3000 Jahre später formulieren können – um einen zivilisatorischen Fortschritt handelte, schon deshalb, weil es sich überhaupt um verbindliche Normen handelt.

II. Allgemeine Vorbemerkung zum Alten Testament (AT)

3. Insgesamt zeigt das AT an vielen Beispielen, wie Menschen(gruppen), die Gott zum Heil beruft, dieses Heilsangebot ausschlagen und sich damit selbst ins Unheil stürzen. Zudem sollten die (für einen Christen in Kenntnis des NT) kaum mehr nachzuvollziehenden Vorschriften über die „Reinheit“ (hinsichtlich Essen, Trinken, Kleidung, Hygiene, Sexualität) zur „Heiligkeit“ führen, da alt-orientalische Religionen (und zwar alle) nicht zwischen (Alltags-)Kultus und (religiösem) Ritus unterschieden. Das Dasein war Gottesdienst, nicht im übertragenen Sinne (das ist es für Christen auch), sondern im Sinne konkreter Lebenspraxis. Insoweit hat Gott das Recht (und auch die Pflicht, da er sonst den Weg zu sich verdunkeln würde), über den Ritus wie den Kultus möglichst genaue Regeln zu erlassen und bei Verstößen harte Konsequenzen anzudrohen – so das Verständnis in Alt-Israel. Wer sich an die Gebote Gottes hält, hat daraufhin das Heil zu erwarten, wer mutwillig dagegen verstößt, das Unheil. Diese Sicht verschafft dem Judentum (nicht nur dem Stamm Levi) bis heute seine Identität. Beim Christentum liegt die Sache etwas anders.

III. Die Gesetze des AT im Lichte des Evangeliums und der Ethik Christi

4. Entscheidend für das Christentum ist die Deutung des Gesetzes im Lichte des Evangeliums. Für den Christen, der dem AT nicht gleichgültig gegenüberstehen kann (ich teile jedenfalls die Einschätzung nicht, das AT sei durch das neue Licht, den neuen Weg zu Gott, Jesus Christus, komplett „überholt“ – das ist theologisch falsch, denn es widerspricht den vielen Bezügen von AT zu NT und umgekehrt), gilt es, das dort enthaltene Ethos an der Ethik Jesu zu spiegeln. Bezogen auf „Verirrungen“ – theologisch würde man auch „Sünden“ sagen – gilt nach Christus: Hasse die Sünde, liebe den Sünder! Diese Liebe markiert nur scheinbar etwas völlig Neues, knüpft sie doch an die zivilisatorische Leistung an, spitzt sie jedoch so zu, dass echter Fortschritt entsteht.

Echter Fortschritt in der Moral kann nämlich nur dort entstehen, wo ein Übergang vom reziproken Rechtsprinzip der Vergeltung zum Grundsatz des Wünschenswerten stattfindet. Nicht mehr Gleiches mit Gleichem zu beantworten (nach dem alttestamentlichen ius talionis, also „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“, Dtn 19, 21), sondern zu erkennen, dass die Fortschreibung von moralisch falschem Verhalten nur in der empathischen Haltung dem Anderen gegenüber durchbrochen und nur in der Bezugnahme auf das Erwünschte überwunden werden kann, stellt eine neue Form des Umgangs miteinander dar, die alle Möglichkeiten friedlich-kooperativen Zusammenlebens eröffnet. Diese Umgangsform lehrt Jesus Christus, nicht zuletzt in Gestalt der Goldenen Regel („Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, also tuet auch ihr ihnen.“, Mt 7, 12), vor allem aber durch Seine bedingungslose Liebe und Hingabe.

Die Zehn Gebote werden auf ihre Basis, die Gottesliebe und die Nächstenliebe, zurückgeführt, das Gesetz, das erfüllt werden muss, erfüllt sich in der Liebe. Jesu Einstellung zu den Sündern und die Bereitschaft – entgegen der Reinheitsvorschriften – mit ihnen zu speisen und sie damit in die (Mahl-)Gemeinschaft aufzunehmen, ein Kernpunkt der Ethik Jesu, wird verdeutlicht an der Berufung eines Zöllners, und der hieß – dreimal dürfen Sie raten – Levi (Lk 5, 27-32)! Dieses pikante Detail im Hinblick auf die Behandlung der Sünder verdeutlicht die Wendung, die durch Christus in die Welt kommt.

5. Was ist nun – positiv gesprochen – für den Christen zentral? Darauf gibt es eine theologisch recht einfache Antwort: Das, was Jesus den Jüngern gesagt hat, so wie es in den Evangelien steht, ist wichtig. Bedeutend ist darunter vor allem das, was Christus selbst als wichtig, als Kern Seiner Botschaft bezeichnet und als bedeutend eingeführt hat, mal durch bestärkende Rhetorik („Amen, ich sage euch…“), mal ganz offen, wie etwa bei der Frage nach dem „wichtigsten Gebot“ (Mt 22, 36-39). Weiterhin ist zentral, was Christus all denen mit auf den Weg gegeben hat, die Ihm folgen und zu Ihm halten möchten, die so genannten „Abschiedsreden“ (Joh 13-17). Kernpunkte sind der Dienst (Fußwaschung, Joh 13, 1-20) und die Liebe (Joh 13, 34; Joh 15, 17: „Dies trage ich euch auf: Liebt einander!“) sowie die Einheit von Vater und Sohn, von Sohn und Gemeinde durch den Geist (Joh 14, 15-31). Alles muss sich fortan an diesen Stellen messen lassen. Man erkennt nun leicht, dass es einem Christen schwer fallen dürfte, das Buch Levitikus, Kapitel 20 als Aufforderung zur Gewalt zu missdeuten, weil im Spiegel der Barmherzigkeit, die in Jesu Botschaft der Liebe hervorsticht, aber auch der Gewaltlosigkeit Seines Auftretens sich schlussendlich ein ganz anderes Bild ergibt. Sowohl die Theologie als auch die Pastoral haben das erkannt und weisen vielstimmig darauf hin.

6. Diese Barmherzigkeit Jesu wird allerdings wiederum hinterfragt, schließlich will Er das mosaische Gesetz nicht abschaffen, sondern erfüllen. Damit gerät Er in den Verdacht, auch nicht besser zu sein als die alttestamentliche Väter-Generation. Schon die Pharisäer sahen hier eine Chance, Jesus in Widersprüche zu verwickeln und zu diskreditieren – entweder als Jude (wenn Er sich nicht an das Gesetz des Mose halten wolle) oder als Reformator (wenn er sich – ganz traditionell – doch an das Gesetz des Mose halten wolle).

Jesus selbst sagt, Er nicht gekommen, „um das Gesetz und die Propheten aufzuheben“, sondern „um zu erfüllen“ (Mt 5, 17). Und weiter: „Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.“ (Mt 5, 18-19).

„Amen, ich sage Euch…“ – Es ist Ihm also wichtig, dass das Gesetz bestehen bleibt. In der Tat: Das Gesetz und die Propheten werden durch Christus nicht aufgelöst, sondern erfüllt. Die Frage ist: Wie erfüllt Christus das Gesetz? Die Antwort lautet: In der Liebe! Jesus sagt einem Pharisäer (also einem, der sich mit dem Gesetz gut auskennt), dass „das ganze Gesetz samt den Propheten“ am Doppel-Gebot der Gottes- und Nächstenliebe „hänge“ (vgl. Mt 22, 34-40). Es hängt also ganz von der Liebe ab – darin besteht die Erfüllung. Und wer die Stelle in Mt 5 weiterliest, merkt sehr schnell, dass Jesus gleich darauf zu sprechen kommt, dass Er sich (im Geist der Liebe) eine Gerechtigkeit wünscht, die über die Buchstaben des Gesetzes weit hinausgeht (vgl. Mt 5, 20), ohne dass dadurch die Buchstaben des Gesetzes bedeutungslos würden.

7. Der entscheidende Wendepunkt in der Ethik Jesu ist also nicht die Geltung des Gesetzes selbst (die bleibt), sondern die Auslegung des geltenden Gesetzes in Gerechtigkeit und Liebe (das ist neu). Es steht bei der Auslegung eines Gesetzes – und das erkannte Jesus – immer Barmherzigkeit gegen Buchstabentreue. Die Barmherzigkeit überwiegt bei ihm, weil sie bei Gott überwiegt. Das begründet die Spannung zwischen Ihm und den Seinen auf der einen Seite und den Pharisäern auf der anderen Seite, die Jesus oft für ihren inhaltsleeren Formalismus gerügt hat.

Jesus kommt mit Seiner Ethik etwa zu dem Schluss, dass Heilen und Versorgen wichtiger ist als die Sabbatruhe, die im Dekalog immerhin an prominenter Stelle (3. Gebot) genannt wird und der in Exodus 20 genauso viele erläuternde Verse gewidmet sind (Ex 20, 8-11) wie Mord, Ehebruch, Diebstahl und Lüge zusammen (Ex 20, 13-16). Es ist also nicht so, dass Jesus keinen Respekt vor dem Sabbat gehabt hätte, sondern dass er abwägt. Es muss einen guten Grund geben, die Ruhe des siebenten Schöpfungstages zu brechen – eine Frau, die „seit achtzehn Jahren krank war“ (Lk 13, 11), ein Mann, „dessen Hand verdorrt war“ (Mk 3, 1) oder auch hungrige Jünger (Mk 2, 23-28). Fest steht in diesen Fällen: Barmherzigkeit ist wichtiger als Gehorsam dem Wortlaut einer Norm gegenüber, oder wie Jesus den Pharisäern mitteilt: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“ (Mk 2, 27).

Eine besondere Zuspitzung, ja geradezu ein dramaturgischer „Show-Down“ zwischen den beiden Auslegungsschulen findet sich im Johannes-Evangelium, in der Begegnung Jesu mit der Ehebrecherin (Joh 8, 1-11).

Man muss dazu wissen, dass es Jesus mit dem Verbot des Ehebruchs sehr ernst ist. Es ist auch in Seinen Augen keineswegs eine Bagatelle, die schon wegen Geringfügigkeit straffrei bleiben muss. Vielmehr verschärft Er in gewisser Weise das Gesetz des Mose an diesem Punkt: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ (Mt 5, 27-28). Diese Verschärfung ist zugleich eine sehr lebensnahe Warnung nach dem Motto „Wehret den Anfängen!“ Jesus betrachtet die Tat auf der intentionalistischen Ebene („im Herzen“) und führt sie auf ihren eigentlichen Beginn zurück. In der Tat ist nicht der vollzogene Geschlechtsverkehr das eigentliche Problem, sondern der Wille, die Absicht, die zu ihm führt. Der lüsterne Blick ist der erste Schritt ins Verderben. Hier gilt es anzusetzen, bei der Einstellung, der Haltung. Jesus spricht hier in einer psychologischen Klugheit, die an Klarheit und Wahrheit das mosaische Gesetz weit übertrifft. Also: Für Jesus ist die Ehe ein hohes, kostbares Gut, so hoch und so kostbar, das nichts sie gefährden soll.

Jesus wendet sich denn auch nicht gegen das Gesetz des Mose, das die Ehe ebenfalls schützen will, sondern gegen die Selbstgerechtigkeit derer, die es unbedingt anwenden wollen, die ohne Gnade sind – „hartnäckig“, wie Johannes schreibt (Joh 8, 7).

Das Gesetz gilt und Steinigungen fallen auch nicht prima facie aus, doch beides wird in Beziehung gestellt zur Richter-Attitüde der Pharisäer und der Fehlbarkeit („Sündhaftigkeit“) des Menschen. Jesus geht es um die strengen Bedingungen, unter denen überhaupt nur an eine Anwendung des Gesetzes gedacht werden kann: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie.“ (Joh 8, 7). Wir sind alle Sünder, diese Einsicht wächst mit der Lebenserfahrung („Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten.“, Joh 8, 8). Wir sollten also nicht in einer absoluten Weise richten – und was könnte absoluter sein als die Todesstrafe. Das ist allein Gottes Sache. Jesus geht mit der menschlichen Hybris ins Gericht, in letztgültiger Weise über Menschen urteilen zu können. Er sprengt die engen Grenzen der Rechtsnorm-Rechtsfolge-Logik, die eine menschliche Denkweise kennzeichnet, in der es nicht mehr um „gut“ und „böse“ geht, sondern nur noch um „strafbar“, die daher nicht auszubrechen imstande ist aus dem Konnex von Schuld und Strafe, von Vergehen und Verurteilen – und in der Vergeben keine Rolle spielt.

Im Ergebnis steht: Das Gesetz bleibt – Ehebruch bleibt Ehebruch –, aber es siegt die Barmherzigkeit. Die Ehebrecherin wird als Sünderin nicht verurteilt (Joh 8, 11), wohl aber der Ehebruch als Sünde. So deutet Christus nach dem Gnadenerweis wieder zurück auf das Vergehen: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Joh 8, 11). Damit bestärkt er das Gesetz, das jene Sünde verhindern soll. Die Ehebrecherin erhält ihre Bewährungschance – nicht gegen das Gesetz, sondern mit dem Gesetz. Das Gesetz bleibt (Mt 5, 17), aber es wird um den Aspekt der Gerechtigkeit (Mt 5, 20),vor allem aber um den Aspekt der Liebe erweitert, die sich in der tätigen Barmherzigkeit Jesu gegenüber der Ehebrecherin zeigt. Allgemein zeigt sie sich immer dort, wo unter bestimmten Umständen um Gottes und um des Menschen willen auf die buchstabengetreue Anwendung von Normen verzichtet wird.

IV. Schlussbemerkungen

8. Jesus bestimmt die Beziehung von Gott und Mensch neu. Damit verbunden ist ein neues Selbstbewusstsein des Menschen im Verhältnis von Gesetz und Vollzug. Der Sohn trägt uns auf: Wir dürfen es wagen, gnädig zu sein wie der Vater – statt an Seiner Stelle zu richten. Und damit dem Wesen des Gesetzes zu entsprechen, das nicht Formalismus, sondern Gerechtigkeit ist, um die eigentliche Funktion des Gesetzes wiederzuerlangen: Schutz, nicht Strafe. Für die Perikope „Jesus und die Ehebrecherin“, die am Sonntag im Evangelium gelesen wurde, gilt entsprechend: Jesus ist der Auffassung, das die Ehe unbedingt geschützt, die Ehebrecherin aber nicht unbedingt bestraft gehört. Das bedeutet es, ein Gesetz „in Liebe“ zu erfüllen.

Für mich steht fest, dass diejenigen, die in Jesu Treue zum Gesetz, auch zu den Vorschriften in Lev 20, eine Drohbotschaft hören, keine Angst zu haben brauchen, denn die Treue steht unter dem Vorbehalt der Liebe. Aus dem gleichen Grund brauchen diejenigen, die meinen, hier auf einen Widerspruch zwischen der Gewaltlosigkeit der christlichen Botschaft und der „Gewalt des Gesetzes“ gestoßen zu sein, keine Hoffnung haben.

Für mich steht schließlich fest, dass jeder, der meint, Gewalt mit Gott rechtfertigen zu können, dem wohl größtmöglichen Irrtum erlegen ist, dem ein Mensch überhaupt erliegen kann. Und wer meint, das damit begründen zu können, dass sich diese Rechtfertigung aus einer bestimmten Bibelstelle ergebe, übersieht den Ozean an anderen Bibelstellen, die dem widersprechen und die er damit eben gerade nicht ernst nimmt. Somit nimmt er die biblische christliche Botschaft insgesamt nicht ernst. Ich denke, dass es nur wenige Menschen gibt, die aufgrund des Fehlverständnisses konkreter Bibelverse Gewalt anwenden, ich weiß aber, dass es viele gibt, die sich von der Gewaltlosigkeit, die Christus meinte, inspirieren lassen.

(Josef Bordat)

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