Mission

20. April 2010

Mission:
Glauben verbreiten.
Hoffnung teilen.
Liebe schenken.

Ich kann unmöglich schweigen…

Ich bin Christ. Ich wünsche mir, dass alle Menschen in der christlichen Botschaft der Liebe, wie sie uns Jesus im Evangelium mitteilt, nicht nur unrealistische Träumereien, sondern die Basis einer Lebensform erkennen, die für sie selbst eine Bedeutung hat. Ich bin katholisch. Ich wünsche mir, dass alle Menschen in der katholischen Kirche die Freude und Geborgenheit finden, die ich darin gefunden habe und immer wieder neu finde.

Als katholischer Christ bin ich ein glücklicher Mensch. Mich zu isolieren und die Glaubensfreude nicht zu teilen, also mitzuteilen, hielte ich für ziemlich egoistisch. Das wäre für mich so, also hätte ich einen Brunnen entdeckt, in dem es lebendiges Wasser gibt, behielte die Sache aber für mich. Den ersten Christen ging es wohl ähnlich, bekennen sie doch: „Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben.“ (Apg 4, 20) In der damaligen Gesellschaft vom Glauben an Jesus Christus zu sprechen, war gefährlich, das Bekenntnis zum Auferstandenen mutig. Aber die Freude darüber, dass Jesus lebt, ist größer als die Furcht. Mehr noch: Die Freude ist so groß, dass es „unmöglich“ ist, von ihrem Grund zu schweigen. Die Jünger haben keine Chance: Sie werden zu Aposteln.

Mir geht es ähnlich. Ich möchte die gute Nachricht weitergeben. Als aktiver katholischer Christ bin ich – im Sinne Blochs – ein „militanter Optimist“, insofern, als ich meinen Glauben (meine „Utopie“) für richtig und dessen Inhalt für zu verwirklichen halte und mich entsprechend dafür einsetze. Als Publizist tue ich dies in Form von Texten, in denen ich von meinem Glauben spreche und zum Teil sehr persönliche Gotteserfahrungen beschreibe. Meine Absicht ist nicht zu „bekehren“. Das ginge auch gar nicht. „Bekehren“ im christlichen Sinne kann man nur sich selbst. Denn Bekehrung beginnt mit dem Bekenntnis, dass im bisherigen Lebensweg etwas fehlt. Man kann dieses Bekenntnis allerdings erleichtern, indem man Menschen die eigene Vorstellung von gelingendem Leben nahe zu bringen und ihnen so den als richtig erkannten Weg zu weisen versucht. Das versuche ich. Ob sie ihn letztlich gehen möchten, entscheiden sie selbst, so wie Menschen immer selbst entscheiden, ob sie Gottes Spuren folgen. Ich versuche, dabei zu helfen, weil ich möchte, dass Menschen das erleben, was ich selbst als wahr, gut und schön erlebe. Diesen Versuch, das Bekenntnis zum Mangel zu erleichtern, nennt man „Mission“.

Mission als Zwang des Überzeugten

Damit meint Mission in weitesten Sinne nichts anderes als den Versuch, den Anderen von bestimmten eigenen Überzeugungen zu überzeugen. In meinem Fall ist das die Überzeugung, dass der christliche Glaube für jeden Menschen einen Schatz bereit hält, den es zu bergen gilt.

Mission kommt überall dort vor, wo Menschen solche Schätze für sich entdeckt haben und sie anderen Menschen anbieten. Mission ist also nicht auf Religionen beschränkt, sondern findet sich auch in den Versuchen, Menschen für bestimmte Weltanschauungen, politische Ansichten, ökonomische Entscheidungen etc. zu gewinnen. Den Anspruch, die eigene Überzeugung Dritten zu vermitteln, hat wohl jeder, der überhaupt von etwas überzeugt ist.

Da Menschen, die Überzeugungen vertreten, davon ausgehen, dass diese wahr sind, dient Mission in ihren Augen stets der Verbreitung der Wahrheit. Menschen haben Überzeugungen, die sie als wahr erkannt haben und daher weitergeben wollen, ja, letztlich: müssen. Sie „können unmöglich schweigen“. Die Mission ist der Zwang des Überzeugten. Das ist solange nicht gleichbedeutend mit dem Zwang der Überzeugung, wie erkannt wird, dass die Wahrheit, von der man überzeugt ist, nicht die objektive Wahrheit ist, die den Anderen in jedem Fall zwingend überzeugen muss, sowie er noch als mit Vernunft und Gewissen ausgestatteter Mensch angesehen werden will.

Wahrheit, Überzeugung, Toleranz

Eine von jeglicher Überzeugung unabhängige objektive Wahrheit gegen die subjektiven Überzeugungen auszuspielen, setzt eine solche Wahrheit jenseits dieser Überzeugungen voraus. Das ist nur für analytische Aussagen oder mathematische Gesetze möglich. Um die geht es hier aber nicht. So ist die Voraussetzung einer objektiven Wahrheit selbst eine Überzeugung.

Ich gehe davon aus, dass es ein schwerer Fehler ist, zu meinen, dass man überhaupt keine Überzeugungen mehr haben darf, nur weil es falsche und mit falschem Pathos vorgetragene Überzeugungen gegeben hat und gibt. Ich bin sogar der Meinung, dass ein Leben ohne Überzeugungen nicht möglich ist. Auch der Relativismus, der einem einflößt, keine Überzeugungen haben zu dürfen, ist ja seinerseits eine Überzeugung.

Ich gehe ferner davon aus, dass Überzeugungen etwas anderes sind als Wahrheit. Für Nietzsche sind Überzeugungen „Feinde der Wahrheit“, sogar schlimmere Feinde der Wahrheit als Lügen. Interessant und kurios zugleich, dass der Perspektivist Nietzsche annimmt, es gäbe „die“ Wahrheit, von der einen Menschen die Lüge abhält (das ist wohl unstrittig), aber auch – sogar in größerem Maße – die eigene Überzeugung. Mir scheint gerade dieser (gar nicht nach Nietzsche klingende) Anti-Subjektivismus insoweit problematisch, als er eben auch meine Überzeugung angreift. In Wirklichkeit ist es doch so: Meine Überzeugung hält mich von deiner Wahrheit ab und deine Überzeugung hält dich von meiner Wahrheit ab. Doch Überzeugungen sind – und darin liegt wiederum die Differenz zum Subjektivismus – nicht das gleiche wie die Wahrheit bzw. die „Wahrheiten“. Überzeugungen ändern sich, die Wahrheit bleibt. Überzeugungen unterliegen der Erfahrung, die Wahrheit nicht. Überzeugungen schwanken, die Wahrheit ist fest.

Zu sagen, dass (bestimmte) Überzeugungen quer zur Wahrheit liegen, setzt ja die Kenntnis der Wahrheit als Referenz für die Beurteilung des Wahrheitsgehalts der Überzeugung voraus. Davon überzeugt zu sein, die Wahrheit zu kennen, ist eine der Überzeugungen, die gemeinhin der Intoleranz verdächtigt werden. Wie gesagt: Interessant und kurios zugleich, dass gerade der Christentumskritiker Nietzsche eine solche Überzeugung gehabt zu haben scheint, die den typischen Zug der religiösen Überzeugung trägt, des Glaubens an das Absolute.

Überzeugt sein, die Wahrheit zu haben, überzeugt sein, die Wahrheit zu kennen, ist ja gerade der Ausgangspunkt der Mission.

Meine Wahrheit (und damit mein „Gegenstand“ der Mission) ist eine unveränderliche Wahrheit in Gott. Ich bin wie Edith Stein davon überzeugt, dass der, der die Wahrheit sucht, Gott sucht. Aber das kann ich nur als meine Überzeugung vermitteln, nicht als die Wahrheit, für die ich es halte. Ich muss es tolerieren, wenn der Andere meine Überzeugung nicht teilt, auch wenn ich meine, dass er damit tragischerweise die Wahrheit verfehlt. Sich diesen Zusammenhang von Wahrheit, Überzeugung und Toleranz klar zu machen, nimmt viel an Spannung aus der weltanschaulichen Debatte.

Mission ist, ich deutete es bereits an, nicht auf Religionen beschränkt. Es soll sogar vorkommen, dass Menschen mit einer bestimmten Religion schlechte Erfahrungen gemacht haben und mit der Loslösung von dieser Religion gute. Dann möchten sie selbstverständlich auch den anderen Menschen von ihren Erfahrungen berichten und ihnen mitteilen, welchen Schatz sie persönlich gehoben haben, indem sie sich von der Religion abwandten. Dies wird dann aber oftmals nicht Mission, sondern „Aufklärung“ genannt. Dass bereits in der Verwendung des positiv konnotierten Programmbegriffs ein missionarischer Akt liegt, bleibt allerdings dem verborgen, der für sich in Anspruch nimmt, „missionarischen Systemen“ den Rücken gekehrt zu haben. Das ist Teil seiner Wahrheit, die als Überzeugung weitergegeben wird, um Andere zu überzeugen. Ich halte sie für falsch, da jedes Denk- oder Glaubenssystem mehr oder weniger missionarisch ausgerichtet ist. Das ist meine Überzeugung.

Intolerant? Akzeptable und inakzeptable Formen der Überzeugungsarbeit

Oft liest oder hört man, Mission sei prima facie ein Zeugnis von Intoleranz. Unabhängig von ihrer jeweiligen Form, spräche bereits aus dem Willen, den Anderen von der eigenen Meinung zu überzeugen, die Unfähigkeit, die Meinung des Anderen zu tolerieren. Das ist so grundlegend falsch und wird doch für so selbstverständlich genommen, dass eine ausführliche Entgegnung lohnt.

Toleranz bedeutet nicht, alles gleich gelten zu lassen (das wäre Gleichgültigkeit), sondern im Zweifel zu ertragen, dass der Andere eine andere Meinung hat und diese auch gelten zu lassen, insoweit als man dem Anderen zubilligt, dass er seine Überzeugung über die eigene, während man selbst die eigene Überzeugung über seine stellt. Beides ist gültig, aber nicht gleich gültig. Intoleranz beginnt weiterhin nicht schon dort, wo überhaupt Angebote gemacht werden, sondern dort, wo ich nicht mehr bereit bin zu ertragen, dass der Andere eine andere Meinung hat als ich, wenn ich es also nicht dabei belassen will, dass der Andere mein Angebot ablehnt. Ich kann als Vertreter der Partei X versuchen, den Menschen zu überzeugen, ich kann dabei auch sehr weit gehen, indem ich Partei Y schlecht mache, aber eben nicht soweit, dass ich den Anderen als Menschen abwerte, wenn er sich am Ende doch für Partei Y entscheidet.

Mission – auch aufdringliche – ist nicht intolerant, solange sie dem anderen die Freiheit lässt, sich anders zu entscheiden, solange sie also die Wahrheit des Anderen als dessen Überzeugung von der objektiven Wahrheit gelten lässt. Wenn ich hingegen meine Überzeugung von der objektiven Wahrheit zur objektiven Wahrheit selbst stilisiere, neben der nichts mehr gelten kann, was nicht „Dummheit“ oder „Boshaftigkeit“ geschuldet ist, dann beginnt eine intolerante Form der Mission, ganz egal ob dies Religionen, Weltanschauungen oder politische Ansichten betrifft.

So falsch ich die Missionsarbeit der „Zeugen Jehovas“ nach Art, Umfang und Inhalt finde, so wichtig finde ich, dass sie ihre Wahrheit anbieten dürfen. Jeder Mensch muss die Chance bekommen, sich damit zu konfrontieren und selber „Nein!“ zu sagen. Ich persönlich habe immer die Erfahrung gemacht, dass, wenn man ihnen höflich, aber bestimmt (oder: bestimmt, aber höflich) sagt, dass man kein Interesse an ihrer Deutung der Schrift hat (wobei schon fraglich ist, ob ihre Schrift überhaupt noch die Schrift ist), dass sie sich dann ebenso höflich verabschieden und einen dauerhaft in Ruhe lassen. Eine „Belästigung“ kann ich darin nicht erkennen. Auch die Art, wie sie ihre Literatur anbieten, ist defensiv. Sie stehen einfach da, bleiben passiv. Da habe ich nie etwas anderes erlebt. Das kann ich von einigen Gratis-Zeitungsabo-Anbietern oder den Werbern für Tierschutz-Organisationen etc. in Berlins Straßen nicht unbedingt sagen. Mir ist mal auf dem Münchener Flughafen eine Kreditkarte oder so etwas ähnliches angeboten worden, ich hatte kein Interesse, ging weiter und wurde daraufhin ziemlich übel beschimpft, was ich denn wohl für ein Ignorant sei, dieses Angebot auszuschlagen. So was geht natürlich nicht. Hier sind Grenzen, die unbedingt zu achten sind, überschritten worden. Das „Nein!“ des Anderen ist zu ertragen. Solange das geschieht, kann von Intoleranz nicht die Rede sein.

In unserer Gesellschaft ist jedoch zunehmend die Haltung eines radikalen Relativismus’ anzutreffen, wonach bereits intolerant ist, wer überhaupt von Wahrheit spricht, auch wenn er deutlich macht, dass er damit seine Überzeugung meint. Toleranz heißt nicht mehr „Respekt vor Überzeugungen anderer, sondern Ablehnung jeder Überzeugung“, analysiert der Philosoph Robert Spaemann die Zeitgeist-Position der Mehrheit. Gerade Religionen, die wesentlich vom Absoluten handeln, stehen dabei im Verdacht, die objektive Wahrheit (wenn es sie denn gibt) und ihre Überzeugung davon, dass es sie nicht nur gibt, sondern dass sie diese auch gefunden haben, systematisch zu verwischen, und infolgedessen diejenigen, die diese Auffassung nicht teilen, als Menschen spürbar abzuwerten. Dazu werden nicht nur in fahrlässig oberflächlicher und undifferenzierter Weise besonders aufdringliche Formen der Mission zum Modell gemacht, es wird oft auch einiges an haltlosen Unterstellungen eingeführt, um religiöse Mission per se zu diskreditieren. Interessanterweise wird dies in der Praxis öffentlicher Debatten zur religiösen Mission besonders gerne am Beispiel des Christentums kritisiert, während die Religion, die weltweit am aggressivsten missioniert, der Islam, bei dieser Kritik weitgehend ausgespart bleibt.

Grundsätzlich ist Mission ein Menschenrecht, das weltweit gilt. Nicht die Mission – weder die christliche, noch die islamische – sorgt dabei für interkulturelle Konflikte, sondern ihr Verbot. Gott sei Dank ist in vielen christlich geprägten Regionen der Welt Mission, auch islamische, erlaubt. Leider ist das umgekehrt nicht der Fall – in vielen islamisch geprägten Ländern ist Mission verboten. Darunter leiden besonders Christen.

Im Zuge des missionskritischen Relativismus’ hierzulande werden dann nicht die Länder angegriffen, die das Menschenrecht auf Mission missachten, sondern die Menschen, die von ihrem Recht Gebrauch machen. Das ist ein besonders trauriges Kapitel unserer Tage.

Mission als Menschenrecht

Es gibt ein Menschenrecht auf Mission. Das ergibt sich aus der Meinungs- und der Religionsfreiheit.

Allgemein geht es bei Mission um Überzeugungen, Auffassungen oder Meinungen. Damit kommt zunächst die Meinungsfreiheit als Schutznorm in Frage. Meinungsfreiheit meint das Recht, eine Meinung zu äußern, nicht das Recht, von Meinungsäußerungen verschont zu bleiben. Das spricht eindeutig für eine Erlaubnis zur Mission.

Wenn es dabei um Religion geht, ist zusätzlich die Religionsfreiheit betroffen. Oft wird, ich sagte es bereits, nicht das Verbot der Mission kritisiert, sondern die Mission. Dahinter steht ein Paradigmenwechsel in der Ausdeutung des Begriffs „Religionsfreiheit“. Was bedeutet das?

Es geht dabei um die Frage, wie wir Religionsfreiheit verstehen müssen: positiv (als Freiheit zur Religionsausübung) oder negativ (als Freiheit von Religion). Gemeint ist in den einschlägigen Rechtstexten und Kommentaren ersteres, neuere Urteile weisen auf letzteres.

Religionsfreiheit ist zunächst ein Menschenrecht. Doch nicht nur das: Es ist auch ein zentrales, herausragendes, elementares und – bezogen auf die Genese der Menschenrechtsidee – ursprüngliches Menschenrecht. Christliches Gedankengut zeigt sich im Kontext der liberalen Menschenrechte in der Entwicklung, dem Wesen und dem Geltungsanspruch dessen, was als Freiheit von staatlicher Allmacht definiert wird. Es zeigt sich in Leib- und Lebensrechten, wie etwa im Folterverbot, und es liegt Freiheits- und Gleichheitsrechten zugrunde. Die vielen Freiheiten in Politik, Wissenschaft, Medien und Kunst, das macht ein Blick in die Entwicklungsgeschichte der Menschenrechtsidee deutlich, gründen auf der einen elementaren Freiheit, der Religionsfreiheit. Dies lässt sich historisch zurückverfolgen bis zum Exodus des jüdischen Volkes, in der sich die erste kollektive Freiheitsbewegung der Geschichte manifestiert, deren Motiv auch in der religiösen Integrität der Israeliten liegt.

Der Staatsrechtler Jellinek sieht in der Religionsfreiheit „das Ursprungsrecht der verfassungsmäßig gewährten Grundrechte“. Und der in Religionsfragen eher unverdächtige Marxist Ernst Bloch sagte: „Die Bedeutung der Glaubensfreiheit kann daran gemessen werden, dass in ihr der erste Keim zur Erklärung der übrigen Menschenrechte enthalten ist“. Kurzum: Ringen um Freiheit war und ist zunächst das Ringen um Religionsfreiheit.

Sodann geht es um die Reichweite der Religionsfreiheit. Gemessen an den Rechtstexten Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (Welt), Europäische Menschenrechtskonvention (Europa) und Grundgesetz (Deutschland) sowie den maßgeblichen Kommentaren dazu meint Religionsfreiheit die Freiheit zur Ausübung von Religion im öffentlichen Raum. Welchen Sinn sollte Religionsfreiheit sonst auch haben? Wenn religiöse Symbole oder religiöse Betätigung im öffentlichen Raum grundsätzlich verboten sein sollen, dann kann der einzelne Bürger seine Religion eben nicht frei leben. Ihm bliebe nur die Betätigung im Privaten. Handlungen in Privatwohnungen, Clubhäusern oder Vereinsheimen sind aber ohnehin in besonderer Weise geschützt, dazu bräuchte es kein besonderes Freiheitsrecht. Religionsfreiheit muss im Kanon der Menschenrechte eben deshalb extra aufgeführt werden, weil sie auf Ausübung von Kultus und Ritus im öffentlichen Raum zielt.

Nun aber wird in neueren Urteilen (etwa dem Straßburger „Kruzifix-Urteil“) Religionsfreiheit nicht mehr positiv gedeutet, sondern negativ. Es gilt nicht mehr die „Freiheit zur Religion“, sondern die „Freiheit von Religion“ als schützenswert. Zwar beinhaltet Religionsfreiheit selbstverständlich auch die Freiheit, keine Religion zu haben, die Frage ist jedoch, ob das Konzept Religionsfreiheit auch ein weitergehendes Rechtsgut – also: von Religionen und ihren Symbolen gänzlich verschont zu bleiben – als schützenswert beinhaltet, und ob damit – das ist entscheidend – dem Recht auf „Nichtbelästigung“ dem Recht auf Religionsausübung ein Vorrang eingeräumt werden soll.

Ist das Menschenrecht auf Religionsfreiheit so gemeint? Als Abwehrrecht gegen Religionsgemeinschaften im öffentlichen Raum? Sicher nicht! Es ist ja gerade als Abwehrrecht der Religionsgemeinschaften gegen einen Staat konzipiert, der die Ausübung von Religion im öffentlichen Raum unterbindet. Es ist also ein Gewährleistungsanspruch für Religionsgemeinschaften, nicht für die, die sich von Religionsgemeinschaften belästigt fühlen. Selbstverständlich haben die Religionsgemeinschaften die Freiheitsrechte derer, die ihr nicht angehören, zu achten, eine Auflage, die für rituelle Handlungen und Symbole faktisch eine begrenzende Wirkung entfaltet. Über das Maß muss sich juristisch und politisch verständigt werden. Die Tendenz geht in eine eindeutige Richtung: Je weniger Religion in der Gesellschaft verankert und je umstrittener der kulturelle Beitrag der Mehrheitsreligion Christentum zum Gemeinwesen ist, desto weiter wird die Auflage gefasst, weil immer mehr „Wohlfühlrechte“ einzelner Menschen als gegenüber der Religionsausübungsfreiheit höherstehend angesehen werden. Es soll aber nicht so sein – darin ist man sich in Deutschland (noch) einig –, dass das Recht auf „Nichtbelästigung“ den Staat die Religionsausübung im öffentlichen Raum grundsätzlich unterbinden lässt. Wird allerdings die europäische Rechtsprechung zur Religionsfreiheit in den nächsten Jahren und Jahrzehnten konsequent fortgeschrieben, dürfte Christentum in Europa letztlich wieder im Untergrund landen. Da kommt es ja auch her.

Mission ist für einige Religionen (Christentum, Islam) ein wichtiger Teil der Religionsausübung. Das Problem ist – nach „klassischer“ Auslegung der Religionsfreiheit – nicht die Religionsausübung Mission, sondern das Verbot der Religionsausübung Mission. Doch die Tatsache, dass dies in der öffentlichen Meinung kein Problem zu sein scheint, dass man im Gegenteil denen die Schuld gibt, die trotz Verbot von ihrem Menschenrecht Gebrauch machen, zeigt, wie sehr Religionsfreiheit im Konzert der Freiheitsrechte als Misston empfunden wird.

Werden Menschen, die trotz Einschränkung von Meinungs- oder Pressefreiheit laut und öffentlich von freien Wahlen, Demokratie und anderen Dingen, die ihnen wichtig sind, reden, in der westlichen Welt mit Preisen überschüttet, so werden Menschen, die trotz Einschränkung der Religionsfreiheit laut und öffentlich von ihrem Gott, ihrem Glauben und anderen Dingen, die ihnen wichtig sind, reden, in der westlichen Welt geächtet und ihre Ermordung hämisch kommentiert – Motto: „Selber Schuld!“. Was machen die auch von einem Menschenrecht Gebrauch, das halt eingeschränkt ist! – Als hätten Regierungen das Recht, nach Gutdünken Menschenrechte, die ihre Länder verbindlich akzeptiert haben, mit Füßen zu treten, wenn ihnen gerade danach ist! Eine solche Schieflage gibt es nur bei der Religionsfreiheit. Und auch nur, wenn Christen potentielle Nutznießer dieser Freiheit sind.

In einer Diskussion mit Atheisten wurde mir gesagt, dass unter den über 100.000 Christen, die jährlich ermordet werden, weil sie Christen sind, auch sehr viele Missionare seien. Das stimmt erstens so nicht, denn ihr Anteil an den Opfern liegt im niedrigen Promillebereich. Und – zweitens – schwingt darin die Auffassung mit, die Ermordung eines Missionars sei, im Gegensatz zur Ermordung eines ortsansässigen Christen, in irgendeiner Weise gerechtfertigt. Mordanschläge auf Andersdenkende oder -gläubige, die es auch noch wagen, ihr Denken und ihren Glauben öffentlich zu machen, sollten aber – zumal in Deutschland – nicht verständnisvoll abgenickt, sondern scharf verurteilt werden. Die Stimmung in Teilen der Bevölkerung ist erschreckenderweise eine andere – solange es „nur“ um Christen geht.

Das bedeutet nicht, dass ich es für besonders klug halte, unter den herrschenden Bedingungen in einem islamischen Land offen christliche Mission zu betreiben. Die katholische Kirche rät davon auch dringend ab. Mehr noch: Um das Wohl der Menschen besorgt, verleugnet sie sich und ihre Wahrheit selbst – ein schmerzhafter Schritt, der jedoch zum Schutz des Lebens von Menschen unumgänglich ist. Der Apostolische Vikar von Arabien etwa bittet Einheimische, die gerne getauft würden, ihre Konversion nicht vorzunehmen, weil Konvertiten ihren christlichen Glauben nur unter höchster Lebensgefahr ausüben können.

Aber es zeigt deutlich, wie im Fall der Religionsfreiheit die Koordinaten verschoben wurden: Mission als wichtiger Teil der Religionsausübung fällt im groben Raster der „negativen Religionsfreiheit“ insoweit durch, als Religionsausübung nicht mehr unumstritten Bestandteil des Schutzbereichs der Norm ist.

Mission in Christentum und Kirche

Die Kirche ist apostolisch, also missionarisch, das heißt, sie ist darauf ausgerichtet, die Botschaft ihres Gründers, Jesus Christus, allen Menschen zu verkünden. Den Auftrag zur Mission erhält sie dabei von Christus selbst: „Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28, 18-20).

Dass Mission nicht mit Zwang einhergehen darf, macht Christus in seinen „Anweisungen für die Mission“ (Mt 10, 5-15) deutlich, die den Missionsbefehl an Bedingungen knüpfen (Friedfertigkeit der Glaubensweitergabe, Freiwilligkeit der Glaubensannahme). Jesus fordert eine Mission in Liebe und durch Überzeugung, die ihre Abbruchbedingung im freien Willen des zu Missionierenden findet. Die Annahme des christlichen Glaubens kann nur freiwillig vollzogen werden, erzwungen werden kann allenfalls die formale Mitgliedschaft in der Glaubensgemeinschaft, also: der Kirche, durch eine „Zwangstaufe“. Da diese wertlos ist, soweit und solange die innere Haltung zum Glauben fehlt, hat die Kirche ihre Vornahme verboten. Dennoch kamen Zwangstaufen vor. Fälschlicherweise werden sie heute der Kirche zur Last gelegt, obwohl sie keine religiöse, sondern eine politische Funktion hatten und nur dort aufgetreten sind, wo die Kirche als politische Macht wirkte.

Nach der Konstantinischen Wende, als das Christentum Staatsreligion des sich auflösenden Römischen Reiches wurde, wandte es in dieser Funktion Zwangsmittel an, um Heiden zu christianisieren. In dem Maße, indem die Kirche eine staatstragende Rolle übernahm (und Kirchenvertreter als weltliche Herrscher fungierten), wurde sie mit Zwangstaufen konfrontiert.

Grundsätzlich wurden Formen intoleranter Mission, die von weltlichen Herrschern angeordnet wurden, von Vertretern der Kirche sehr kritisch gesehen. Zwei bedeutende Beispiele dafür sind die Zwangstaufen, die Karl der Große unter den Sachsen vollziehen ließ (9. Jh.), und die Mission in Lateinamerika im Auftrag der spanischen Krone (16. Jh.). In beiden Fällen waren es weltliche Herrscher, die Mission als Mittel der Machtpolitik einsetzten. Die Kritik an diesem Ansinnen kam aus Kirchenkreisen, von Hofpredigern und Ordensleuten, die mit biblischen, theologischen und rechtlichen Argumenten opponierten.

Als Karl der Große um 800 die Sachsen unterworfen hatte, erließ er in der Capitulatio de partibus Saxoniae Vorschriften zur Todesstrafe für alle, die sich nicht taufen lassen wollten. Der theologischen Rechtmäßigkeit der Alternative „Taufe oder Tod“ hat sein Hoftheologe Alkuin entschieden widersprochen.

Als die „katholischen Könige“ mit päpstlichem Mandat Amerika eroberten und die autochthone Bevölkerung von den Conquistadores im Rahmen einer gewaltsamen Kolonialisation „nebenbei“ christianisiert wurde – Mission war die Bedingung, die der Papst für die Übertragung der Gebiete an Spanien stellte (Bulle „Inter cetera“ von 1493) –, stieß dies bei den Missionaren auf massiven Widerspruch, für den vor allem der Dominikaner Bartolomé de Las Casas steht. Las Casas kritisiert die Eroberer als „Pseudoapostel“. Für Missionsaufgaben waren sie offenkundig höchst ungeeignet, kannten doch einige von ihnen, so ereifert sich der Dominikaner und spätere Bischof von Mexiko, nicht einmal das Kreuzzeichen. Der politisch und ökonomisch motivierten Unterdrückung setzt Las Casas die Befreiung „seiner“ Idios durch eine evangeliumszentrierte Mission mit friedlichen Mitteln und ein christliches Leben als positives Beispiel entgegen. Jesus wolle, so Las Casas, dass sein Evangelium „zärtlich, geschmeidig und mit aller Sanftmut“ verkündet werde. Er erinnerte daran, dass Jesus seinen Jüngern auftrug, ohne materielle Ansprüche („Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“, Mt 10, 8), in völliger Bedürfnislosigkeit („Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel. Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg, kein zweites Hemd, keine Schuhe, keinen Wanderstab“, Mt 10, 9-10), auf das Wohlwollen der Menschen hoffend („wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Unterhalt“, Mt 10, 10), friedlich („Wenn ihr in ein Haus kommt, dann wünscht ihm Frieden.“, Mt 10, 12) und in Toleranz gegenüber Andersgläubigen („Wenn man euch aber in einem Haus oder einer Stadt nicht aufnimmt und eure Worte nicht hören will, dann geht weg“, Mt 10, 14) zu missionieren. Zudem beruft sich Las Casas auf den Apostel Paulus, der in seinen Episteln an verschiedenen Stellen Maximen einer friedlichen Mission formuliert, etwa im Ersten Brief an die Korinther: „Tut alles zur Verherrlichung Gottes.“ (1 Kor 10, 31) oder im Brief an die Kolosser: „Alles, was ihr in Worten und Werken tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn.“ (Kol 3, 17).

In der Praxis ist die gewaltfreie Mission erfolgreich. Las Casas schreibt in den 1530er Jahren mehrmals an den Indienrat und berichtet über die Erfolge seines pazifistischen Vorgehens. Als es in einer problematischen Gegend Mexikos Aufstände gibt und die Region daraufhin den aztekischen Namen Tezulutlán (Kriegsland) bekommt, ist das für Las Casas eine gute Gelegenheit, die Wirksamkeit seiner Methode unter Beweis zu stellen. In einem Vertrag mit dem indiophilen guatemaltekischen Gouverneur Alonso Maldonado vom Mai 1537 bittet er sich eine fünfjährige Frist aus, die kriegerische Bevölkerung mit seinen Mitteln zu befrieden und zur Anerkennung der spanischen Herrschaft und damit zu Tributzahlungen zu bewegen. Zusammen mit seinem Weggefährten Rodrigo de Andrada beginnt Las Casas, zur Bevölkerung ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, was rasch gelingt, unter anderem auch deswegen, weil sich Las Casas für die Menschen interessiert und ihre Sprache beherrscht. Mehrere Pfarrkirchen werden errichtet und die Indios zur Katechese in so genannte Reducciones verbracht. Die Reducciones waren Dörfer, in denen die sonst sehr vereinzelt lebenden Indianer angesiedelt wurden, um gesellschaftliches Leben in interfamiliären Strukturen und eine bessere theologische Unterrichtung zu ermöglichen. Besonders bekannt wurde in diesem Zusammenhang der Anfang des 17. Jahrhunderts in Paraguay errichtete Jesuitenstaat. Große Gebiete standen unter der Verwaltung von Missionaren, die das Alltagsleben wie in einer klösterlichen Gemeinschaft organisierten. Gemeinsame Bewirtschaftung der Felder, ergänzt um behutsame Glaubensunterweisung und einen religiös bestimmten Tagesablauf kennzeichneten dieses verheißungsvolle Experiment, das in so krassem Gegensatz zu der brutalen Explorationspolitik der Conquistadores stand und erst mit Übergabe der Gebiete an Portugal Mitte des 18. Jahrhunderts beendet wurde. Auch Las Casas ist mit den Reducciones erfolgreich: In einem Brief an Karl V. schreibt Las Casas von seinen Erfahrungen. Er fährt im März 1540 nach Spanien, um bei Hofe sein Konzept für ganz Amerika durchzusetzen, wo man seine Vorstellungen mit Wohlwollen aufnimmt. Doch zu mehr als zu einem Katalog nie wirklich angewandter Sozialgesetze (Leyes nuevas, 1542) kann sich Spanien am Ende nicht durchringen.

Las Casas steht unter den Praktikern in Amerika nicht allein. Er wurde beeinflusst von Antonio Montesino, er hatte zahlreiche Mitstreiter und Nachahmer. Es gab eine regelechte „Opposition von Dominikaner-Missionaren“ (so Matthias Gillner) gegen die Brutalität der Eroberer und die Indifferenz des spanischen Staates. Unterstützung erhielten sie von einem führenden Theoretiker des Dominikanerordens, der in Spanien, genauer: in Salamanca, wirkte: Francisco de Vitoria. Vitoria geht von einem allgemeinen Missionsrecht aus, verneint jedoch ein von der Kolonialfraktion um den Hofjuristen Sepúlveda in Anspruch genommenes „Recht auf gewaltsame Mission“ im Falle von Widerstand. Nur zur unmittelbaren Selbstverteidigung gegen sich mit Waffen wehrende Indios, also ausschließlich zum Schutz der Missionare, nicht der Mission, dürfe als ultima ratio Gewalt angewendet werden. Die biblisch-theologische Sicht eines Missionars in der Praxis (Las Casas) erfährt im Aufstellen politisch-rechtlicher Bedingungen im Rahmen einer frühen Theorie internationaler Beziehungen (Vitoria) eine wichtige Erweiterung: Mission wird Menschenrecht. Dieses ist, hierin sind sich dominikanische Theorie und Praxis einig, an ihre friedliche Form gebunden. So ist es bis heute.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Gewaltmission und Zwangstaufen hat die Kirche immer verboten und ihnen – soweit das möglich war – in Theorie und Praxis entgegengewirkt. Sie fanden leider trotzdem statt. Die Frage, die sich heute stellt, lautet: Soll man, weil es Gewaltmission und Zwangstaufen gab, auch gegen friedliche Mission und freiwillige Taufen sein? Robert Spaemann nennt die bejahende Antwort auf diese Frage eine „kranke Logik“. Ich denke, er hat Recht.

Von der heilsamen, lebensspendenden Kraft der Taufe will die Kirche Menschen überzeugen, nicht überreden, durch Haltung und Tat, nicht durch leere Versprechungen. Die Zeiten, wo einige fälschlicherweise meinten, durch Angsterzeugung Seelen fangen zu können (gegen den Missionsauftrag Christi und die Lehre der Kirche), diese Zeiten sind längst vorbei.

Christliche Mission heute steht zwischen Seelsorge und Entwicklungshilfe. Katholische Missionare helfen vor allem materiell. Sie versorgen Menschen mit Nahrung, Kleidung, Wohnung und Bildung. Ihre Botschaft ist die tätige Nächstenliebe. Sie missionieren „plus exemplum quam verbum“. Sie stellen jedoch immer wieder fest, dass die Not der Menschen nicht nur eine materielle, sondern auch eine spirituelle ist.

Zudem müssen die Ursachen der materiellen Not behoben werden. Die Not vieler Menschen in der so genannten „Dritten Welt“ lässt sich nachhaltig nur erfolgreich eindämmen, wenn die Kräfte zur Selbsthilfe bei diesen Menschen mobilisiert werden. Dazu ist es oft nötig, dass sich die Prinzipien der Wirtschafts- und Sozialordnung und der individuellen Lebensführung ändern. Für diese, aber auch für jene hat die Kirche ein Angebot zu machen, herausragende Beispiele finden sich im Bereich der AIDS-Prävention und der Wirtschaftsförderung.

Wenn der Papst als Oberhaupt der Kirche zur „Humanisierung der Sexualität“ aufruft und daran erinnert, dass der Kampf gegen AIDS mit technischen Mitteln (Kondomen) nicht zu gewinnen ist, dann appelliert er für die Kirche vor dem Hintergrund ihres personalen Menschenbildes und ihres Verständnisses von partnerschaftlicher Geschlechtlichkeit als fester Verbindung von Sex und Liebe an die individuelle Lebensführung der Menschen und trägt damit dazu bei, die Ursachen der AIDS-Pandemie zu beheben, statt nur deren Symptome.

Mit der Sozialen Marktwirtschaft wurde in Deutschland die katholische Soziallehre sehr erfolgreich in die politische Praxis umgesetzt. Ihre Prinzipien werden aufgrund dieser positiven Erfahrungen mit dem „Wirtschaftswunder“ der Nachkriegszeit von vielen anderen Ländern dankbar aufgenommen, gerade in einer Zeit der Krise, in der die rein materielle Sicht auf den Menschen im Rahmen der sozio-ökonomischen Struktur allgemein als zu eng eingeschätzt wird. In vielen Fällen trägt der neu erlangte katholische Glaube wesentlich zur Stabilisierung dieser Prinzipien bei.

Das Prinzip der Mission ist weder „Heilsegoismus“ noch „Selbstbestätigung“, sondern die selbstlose Liebe. Menschen stellen sich in den Dienst des Nächsten, weil das zum einen der Kerngedanke ihrer Wahrheit, zum anderen der Wegweiser zu ihrer Wahrheit ist. Offenbar passt der Gedanke der „selbstlosen Liebe“ nicht ins utilitaristische Kalkül einer Gesellschaft von egoistischen Nutzenmaximierern. Missionierenden Christen wird nämlich immer wieder vorgeworfen, hinter der Zuwendung stünde allein die Bekehrungsabsicht. In der einen Hand hielten die Missionare ein Brot, in der anderen Hand eine Bibel. Do ut des. Das Prinzip unseres Rechts- und Wirtschaftssystems wird auch als Prinzip der Kirche vermutet, weil unterstellt wird, das auch sie bloß eine weltlich orientierte und organisierte Einrichtung sei. Etwas anderes ist im Paradigma des homo oeconomicus nicht vorstellbar.

Abgesehen davon, dass die Bekehrung nicht vom Bekehrenden, sondern vom Bekehrten ausgeht, abgesehen davon, dass der christliche Glaube an die unfassbare Gnade Gottes einer solch funktionalistischen Kopplung von Liebesdienst und Glaubensentscheidung widerspricht und abgesehen davon, dass die Glaubensannahme ja nur in den Augen der Kritiker jene „böse Falle“ ist, die den Konvertiten hinterrücks gefangen nimmt und brutal versklavt, ganz abgesehen davon stimmt dieser Vorwurf nicht. Missionierenden Christen ist zunächst einmal wichtig, selbst dem Dreisatz ihrer Wahrheit zu gehorchen: 1. Liebe Gott. 2. Liebe Deinen Nächsten. 3. Liebe Dich selbst. Ohne Hintergedanken.

Dass sie dem Nächsten dabei das, was sie als besonderen Schatz in sich tragen, nicht verwehren, kann kaum als „Hintergedanke“, sondern muss vielmehr als Ausdruck besonderer Liebe angesehen werden. Wichtig ist, dass der Nächste seine Bereitschaft zeigt, mehr vom Quell der Liebe, die ihn umsorgt, zu erfahren. Der Nächste bestimmt den Umfang der Liebe – und der Mission. Das ist das Geheimnis der Nächstenliebe, der Agape. Nur so kann sie jenseits des besonderen Gefühls zum allgemeinen Gebot werden. Das ist auch das Geheimnis der Mission, die jenseits der Eigenwerbung in Auftrag gegeben wurde. Liebe und Mission bedingen einander. „Die Agape ist der Prägestempel der christlichen Religion.“, so sagte Rudolf Schnackenburg. Und der Prägestempel hinterlässt einen Eindruck. Das ist christliche Mission.

Zu unterstellen, die Kirche würde das Elend von Menschen zu Missionszwecken missbrauchen, ist schlicht absurd. Ginge es etwa bei der AIDS-Prävention um schnelle „Missionserfolge“, griffe die Kirche wohl kaum auf „unbequeme Wahrheiten“ wie die Notwendigkeit der Keuschheit (Enthaltsamkeit außerhalb, Treue innerhalb der Ehe) zurück, die die Menschen heute überwiegend nicht hören wollen. Dann würde sie dem Zeitgeist entsprechend Gratiskondome verteilen. Generell geht es der Kirche stets um ihre Wahrheit der biblisch und kirchengeschichtlich fundierten Glaubenslehre und damit um das Wohl der Menschen, weil sie weiß, dass dies langfristig die von Gott gewollte „Strategie“ ist, Menschen zu Christus und Seiner Kirche zu führen.

Sag mir, was Du denkst. – Verschweig mir, was Du glaubst.

Obwohl Kirche hinsichtlich Aufdringlichkeit und Aggressivität lange nicht mit politischen Parteien oder Wirtschaftsunternehmen mithalten kann, die oft mit perfiden manipulativen Tricks versuchen, Menschen für sich zu vereinnahmen, gilt sie als „Feinbild“ der relativistischen Missionskritik. Warum aber lastet man der Kirche an, was man jedem Anderen – einschließlich sich selbst – zubilligt: Die Absicht, Andere von den eigenen Überzeugungen zu überzeugen? Warum ist das nur dann „intolerant“, wenn es um Kirche und christliche Mission geht, nicht aber, wenn es um Parteien und politischen Wahlkampf geht? Warum wird der Wettbewerb freier Wahlmöglichkeiten und die Beeinflussung prozessualer Entscheidungsfindung überall geduldet, nur nicht in der wichtigsten Frage menschlicher Daseinsorientierung, der Religion? Warum ist der Glaube ein Gesprächs-Tabu, in einer Zeit, in der über alles andere in oft peinlicher Offenheit fabuliert wird? Warum gilt ein Fußball-Fan, der mit Begeisterung von seinem Verein schwärmt, am Arbeitsplatz und im Bekanntenkreis als Sympathieträger, während ein Christ, der es wagt, mit Begeisterung von seinem Glauben zu sprechen, als „gefährlicher Fundamentalist“ den sozialen Tod erleidet? Und warum ist man weit nachsichtiger, wenn der begeisterte Gläubige nicht von Jesus, sondern von Mohammed erzählt?

Diese Fragen lassen sich außerhalb ideologischer Voreingenommenheit nur mit vollständiger Ratlosigkeit beantworten. Ich hoffe, mit diesem Beitrag eine weitere Frage hinzugefügt zu haben: „Ja, warum eigentlich?“

(Josef Bordat)

Informationsquellen und weiterführende Literatur zum Thema Mission

Deutscher Katholische Missionsrat (DKMR) – Der DKMR ist ein Zusammenschluss aller Einrichtungen und Organisationen der katholischen Kirche in der Bundesrepublik Deutschland, die für die Weltmission tätig sind (Missionswerke, Missionsinstitute, Missionsorden und -kongregationen, Missionsreferate der Diözesen). Hier ist eine Erstinformation zu den aktuellen Missionsaktivitäten möglich.

Gregor von Fürstenberg et al. (2006): Glauben, leben, geben. 175 Jahre missio. Freiburg i. Br.

Neal Pirolo (2007): Berufen zum Senden. Gemeinde und Weltmission. Holzgerlingen.

Hans Waldenfels et al. (2005): Die Sache geht weiter… München.

Nachtrag

Zweitveröffentlichung bei GLORIA-TV.

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