Alles Mystik, oder was?

22. April 2010

Zur Einordnung Meister Eckharts, in dessen 750. Geburtsjahr wir leben.

War Meister Eckhart Mystiker? Die Frage mag überraschen, weil Meister Eckhart ja der unumstrittene „Star“ des Labels „Deutsche Mystik“ ist (zur Biographie Meister Eckharts).

Doch es mehren sich die Stimmen, die versuchen, um es einmal mit dem Hauptprotagonisten dieser Richtung, Kurt Flasch, zu sagen, Meister Eckhart „aus dem mystischen Strom zu retten“. Zwei von ihnen sind, lange vor Kurt Flasch, Heinrich Ebeling und Ludwig Hödl. Ebeling verlagert bereits 1941 in einem Buch, das ironischerweise Meister Eckharts Mystik heißt, das Schwergewicht bei der Deutung Eckharts in Richtung Theologie und verhandelt seine Thesen im Kontext der theologischen Auseinandersetzungen des 13. / 14. Jahrhunderts. Und Hödl schreibt in einem Aufsatz aus dem Jahre 1960: „An der klassischen spanischen Mystik gemessen, erscheint es mehr als zweifelhaft, Eckhart einen Mystiker zu nennen.“ Selbst das in Eckharts Denken zentrale Gottesgeburtsthema findet man an verschiedenen Stellen als theologischen und nicht als mystischen Topos aufgefasst, etwa bei Heribert Fischer: „Die Themen von der Gottesgeburt und andere sind Theologoumena, jedoch keine ,Mystik’.“

Philologisch verläuft der Streit um Meister Eckhart entlang der Schriften, die als Quellentexte herangezogen werden. Während die „Mystik-Fraktion“ eher auf die Deutschen Predigten schaut, in denen Meister Eckhart in der Volkssprache neue Begriffe prägt, etwa auch den Begriff Gelassenheit, so stellen diejenigen, die eher das philosophisch-exegetische Wirken Eckharts interessiert, die lateinischen Texte in den Vordergrund. Wer nur die Bibelexegese des Opus tripartitum zugrundelegt, wird mit Flasch feststellen können, dass es sich bei Eckhart eher um einen Naturphilosophen handelt als um einen Mystiker. Die methodologische Prämisse, als Philosoph zu sprechen und die Wahrheit der Schrift mit der natürlichen, also der philosophischen Vernunft zu erweisen, hat Eckhart selbst deutlich ausgesprochen, etwa in der Expositio sancti evangelii secundum Iohannem, also seinem Johannes-Kommentar, wo er von Beginn an keinen Zweifel daran lässt, wie er den berühmten Prolog („Im Anfang war das Wort, / und das Wort war bei Gott, / und das Wort war Gott.“, Joh 1, 1) angehen möchte. Er sagt: „Wie in allen seinen Werken hat der Verfasser [also: Eckhart] bei der Auslegung dieses Wortes und der folgenden die Absicht, die Lehren des heiligen christlichen Glaubens und der Schrift beider Testamente mit Hilfe der natürlichen Gründe der Philosophen auszulegen.“

An den lateinischen Schriften lässt sich ferner aufweisen, dass Eckhart sich zum einen intensiv mit der Philosophie seiner Zeit auskannte, zum anderen gezielt Stellen aus dem Aristoteles-Kommentar des Averroes nutzt, was Kurt Flasch herausstellt. Das ist deswegen pikant, da dieser Averroes, ein Araber, der Hauptgegner Thomas von Aquins und des Ende des 13. / Anfang des 14. Jahrhunderts bei den Dominikanern blühenden Thomismus’ war. Dennoch lässt sich das nachweisen, ebenso wie die Bedeutung des Persers Avecinna und des Juden Moses Maimonides in Eckharts Denken.

Meister Eckart steht für „Multikulti“ und transdisziplinäres Denken im Mittelalter. Seine Persönlichkeit lässt sich nicht in ein Schema pressen. Nicht Philosoph oder Mystiker, sondern Philosoph und Mystiker – die ineinander verzahnten Aspekte Reflexion und Devotion bilden einen Charakter, der seinem komplexen, umfänglichen und vielschichtigen Denken am nächsten kommt. Der bereits erwähnte Heribert Fischer schreibt: „Ohne Zweifel ist Eckhart als einer der großen Meister des geistlichen Lebens anzusehen.“

Meister des geistlichen Lebens – da steckt alles drin – der Philosoph (im übrigen auch der Erkenntnistheoretiker), der Exeget, der Theologe, der Mystiker und am Ende gar der Praktiker. Meister des geistlichen Lebens – das scheint mir eine treffende Beschreibung Eckharts zu sein.

(Josef Bordat)

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