Im Herzen bewahrt und erwogen. Marianisches Gottvertrauen und das Geheimnis des Glaubens
31. Mai 2010
1. Dem christlichen Glauben begegnen in unserer Zeit auch deswegen viele Menschen mit Unverständnis, weil wir uns als Menschen daran gewöhnt haben, ein eindeutiges Verhältnis zum Unbekannten zu pflegen: Wir wollen es unbedingt kennenlernen. Wir wollen das Verhüllte enthüllen, das Rätsel lösen. Das Rätselhafte lastet auf uns wie ein Joch, es stellt ein Problem dar, das unter Einsatz aller menschlichen Kräfte zum Verschwinden gebracht werden muss.
Triebkraft dieses Denkens ist der wissenschaftliche Fortschritt, der allmählich zu einer „Entzauberung der Welt“ (Weber) führt, weil er der Natur ihre Rätsel entlockt. Seit einem halben Jahrtausend läuft dieses Ent- und Aufdeckungsprogramm, freilich ohne ein absehbares Ende. Im Gegenteil: Je mehr wir wissen, desto mehr Fragen drängen sich auf. Doch dabei gilt stets: Wir können jedes Rätsel lösen – früher oder später.
Die Wissenschaft entzaubert aber nur jene Weltanschauungen, die im Bereich des Erkenntnisobjekts mit Unnatürlichem rechnen. Das tut der christliche Glaube an die Geheimnisse Gottes gerade nicht, weil Gott im Christentum keine Naturkonstante ist, die sich – wenn nur lange genug geforscht wird – durch eine experimentell-induktiv gewonnene Gesetzmäßigkeit ersetzen ließe. Kurz: Die Gottesfrage ist kein „Rätsel“, sondern ein „Geheimnis“.
Das Unverständnis rührt nun daher, dass man trotzdem meint, das Geheimnis des Glaubens sei gerade solch ein wissenschaftliches Rätsel. Unter dieser Voraussetzung klingt die Rede vom Geheimnis des Glaubens wie der hilflose Versuch, etwas in seinem Nebel zu konservieren, dem klärenden Zugriff des Forschers zu entziehen. Es klingt wie eine billige Schutzvorrichtung gegen das mächtige Entdeckungsprogramm.
Das wäre aber nur dann der Fall, wenn es hier etwas wissenschaftlich zu entdecken gäbe. Dem ist aber nicht so. Das Geheimnis des Glaubens ist keine komplizierte Fragestellung, die mit einer neuen Generation von Rechnern gelöst werden kann. Das Geheimnis des Glaubens unterscheidet sich vom Rätsel der Wissenschaft dadurch, dass es keinen Mangel darstellt, der das menschliche Wesen beschämt und den Menschen nach Aufklärung gieren lässt, ein Bedürfnis nach Klarheit, das zwischenzeitlich von der Hybris des Noch-Nicht befriedigt wird. Das Geheimnis des Glaubens braucht keine erklärende Auflösung, es braucht eine entschlossene Annäherung, die im Herzen das Verständnis für seinen besonderen Wert bewahrt und erwägt, auch und gerade dann, wenn es uns verborgen bleibt.
Der Glaube daran, dass es „Etwas“ gibt, das sich prinzipiell unserem wissenschaftlichen Zugang zur Welt entzieht, ist denn auch Voraussetzung für eine Annäherung an das Geheimnis, die nicht die Auflösung anstrebt, sondern die Betrachtung, die Wertschätzung, das Geltenlassen des Verhüllten. Christen tun darüber hinaus etwas völlig Ungehöriges: Sie feiern das Geheimnis. Sie schämen sich nicht ihrer Unkenntnis, sie feiern sie als großen Reichtum. Spätestens da hört das Verständnis bei vielen Menschen auf, die das Geheimnis als Rätsel und den Glauben als Nicht-Wissen deuten. Damit treffen sie aber gerade nicht den Kern dessen, was Christen meinen, wenn sie vom „Geheimnis des Glaubens“ sprechen.
2. Der Glaube des Christen lebt nicht trotz, sondern im Geheimnis. Wie aber ist das möglich? Möglich wird ein derart souveräner Umgang mit dem Geheimnis des Glaubens nur im Gottvertrauen – im tiefen Vertrauen darauf, dass der distanzierte, verborgene, verhüllte „Ganz Andere“, der sich uns durch den Geist zuspricht, der gleiche Gott ist, der Mensch wird und uns in Christus das „Du“ anbietet (das Geheimnis der personalen Dreifaltigkeit des einen Gottes in Vater, Sohn und Heiligem Geist), im Vertrauen darauf, dass die Zeichen, die Priester stellvertretend für Jesus an Menschen vollziehen, einen Hinweis geben auf die Fülle des Heils (das Geheimnis der Initiierung, Erneuerung, Bindung, Stärkung, Versöhnung und Vollendung durch die Sakramente) und insbesondere im Vertrauen darauf, dass Gott in uns eingeht (das Geheimnis der Gegenwart Gottes in der Eucharistie) und dass wir in Ihm eingehen (das Geheimnis von Auferstehung und Ewigem Leben). Das Geheimnis des Glaubens lebt vom Vertrauen auf Gott.
Ist dieses Vertrauen begründet? Darauf eine Antwort zu geben, ist die ureigene Lebensaufgabe jedes Menschen, denn sie schließt einerseits die Gottesfrage, andererseits die Glaubensfrage ein. Also: Existiert Gott? Und, wenn ja: Will ich mit Ihm gehen?
In jedem Fall braucht Gottvertrauen Mut. Glauben ist ein „Wagnis“ (Wust). Ein gutes Beispiel gibt uns dafür Maria. Sie geht ein enormes Risiko ein. Und sie kann sich vieles, zudem sie „Ja“ sagt, nicht erklären. Erst wird sie von einem Engel besucht, der ihre Schwangerschaft ankündigt. Kurz vor dem Entbindungstermin muss sie auf eine strapaziöse Reise. Dann kommt das Kind, doch niemand nimmt sie auf. Mit dem Baby muss sie durch die Wüste auf eine lange Flucht. Als Junge läuft ihr Sohn davon und lehrt die Lehrer. Als junger Mann verlässt er sie, um zu predigen. Er lehrt die Menschen die Liebe und endet dafür am Kreuz – wie ein Verbrecher. Lauter Rätsel, an denen man verzweifeln möchte. Doch Maria verzweifelt nicht. Sie verlangt von Gott auch keine Erklärungen, sondern „bewahrte alles in ihrem Herzen und erwog es“ (Lk 2, 19). Sie ahnt dabei, dass sie Teil einer großen Geschichte ist, sie weiß sich geborgen in Gott. Sie hat Gottvertrauen. Die Rätsel werden ihr in diesem Vertrauen allmählich zum Geheimnis des Glaubens.
Mit Maria bleiben auch uns viele Dinge in unserem Glauben rätselhaft. Auch wir sollten verstehen, dass es nicht auf eine erklärende Lösung ankommt, sondern darauf, diese Dinge als Geheimnis zu bewahren und zu erwägen, im Vertrauen auf Gott. Denn auch wir alle sind Teil einer großen Geschichte – jeder einzelne von uns.
3. Wie die Liebe und die Hoffnung enthält auch der Glaube Aspekte, die nicht restlos aufgehen in der Erklärung. Sie werden nicht mit dem Hirn verstanden, sondern mit dem Herzen. Dadurch, dass sie bewahrt und erwogen werden. Diese Aspekte können wir „Geheimnisse“ nennen. Sie machen die Liebe zur Liebe, die Hoffnung zur Hoffnung und den Glauben zum Glauben.
Das Geheimnis gibt dem Glauben seinen Sinn und macht ihn reich. Es erhebt ihn über die Wagheit des bloßen Nicht-Wissens. Ein Glaubender ist mehr als ein Nicht-Wissender. Der Gläubige steht nicht konfrontativ zum Geheimnis, wie der Nicht-Wissende zum Rätsel, sondern kontemplativ. Während dem Nicht-Wissenden das Rätsel äußerlich bleibt und seine Sehnsucht ihn treibt, es zu überwinden, verinnerlicht der Gläubige das Geheimnis. Es wird ein Teil seiner Identität und er selbst ein Teil des Geheimnisses.
Hier wird deutlich, dass der Glaube ein Wagnis ist. Sich hineinzubegeben in die Tiefe des Geheimnisses, mit ihm eins zu werden und damit einer Welt im Paradigma der Wissenschaft rätselhaft zu sein, das ist ein Risiko. Dass es sich einzugehen lohnt – auch das zeigt uns Maria.
(Josef Bordat)
Nachtrag
Veröffentlichung im Rahmen der Maria-Pentalogie bei GLORIA-TV.
Dreifaltigkeit. Gott und Mensch als Beziehungswesen
30. Mai 2010
“Für Mutter, ohne die Vater nicht Vater wäre”, lautet die originelle und hintergründige Buchwidmung eines Schriftstellers für seine Eltern. Er hätte auch schreiben können: “Für Vater, ohne den Mutter nicht Mutter wäre”. Hier deutet sich der trinitarische Grundriss des Menschen an, den die Heilige Schrift ganz eindeutig ausspricht, indem sie sagt: “Sich ähnlich schuf uns Gott.” Darum dürfen wir dann logisch weiterschreiben: “Für Gott-Vater, ohne den der Sohn nicht Sohn wäre”. Oder: “Für Gott-Sohn, ohne den Gott-Vater nicht Vater wäre”. Oder: “Für den Heiligen Geist, ohne den der Vater nicht Vater und der Sohn nicht Sohn wäre”.
Und warum kann man den einen ohne den anderen nicht definieren? Die Antwort gibt uns die Heilige Schrift selbst: Weil Gott die Liebe ist. Und Liebe kann nie und nirgendwo für sich allein sein.
Das Dreifaltigkeitsfest ist ein Fest des Menschen. Sich ähnlich schuf Gott den Menschen. Und der Mensch ist wirklich im Christentum eingeladen, wie Gott zu werden – das heißt auf seine Selbstgenügsamkeit zu verzichten und ein liebender Mensch zu werden.
Joachim Kardinal Meisner, Erzbischof von Köln
Der Transzendenzwille christlicher Existenz
29. Mai 2010
Das ist die Sehnsucht: Wohnen im Gewoge
und keine Heimat haben in der Zeit.
Und das sind Wünsche: leise Dialoge
täglicher Stunden mit der Ewigkeit.
Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern
die einsamste von allen Stunden steigt
die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
dem Ewigen entgegenschweigt.
Rainer Maria Rilke
Tolerantes Christentum
28. Mai 2010
Kirchennähe und Toleranz sind nicht unbedingt Begriffe, die man in einem Kontext denkt. Doch entgegen mancher tiefsitzenden Vorurteile fördert die religiöse Überzeugung von Christen das Erdulden des Anderen. Eine Umfrage zeigt: Je kirchennäher Menschen sind, desto toleranter sind sie.
In dem Text zur Mission hatte ich die These aufgestellt, dass nur (oder zumindest: in besonderem Maße) derjenige, welcher selbst mit Überzeugung eine weltanschauliche Position vertritt, die ihm wertvoll erscheint, bereit und in der Lage ist, andere weltanschauliche Positionen zu tolerieren und in der Praxis mit Menschen, die diese anderen Positionen vertreten, gut auskommt und friedlich zusammenleben kann und will. Ich hatte behauptet, überzeugte Christen seien nicht schon deswegen intolerant, weil sie Andere zu überzeugen suchen. Damit hatte ich der landläufigen Meinung widersprochen, dass Mission als Resultat von religiösen Überzeugungen ein Ausdruck von Intoleranz gegenüber den zu Missionierenden ist. In Wahrheit geht es bei Mission um Liebe und das Annehmen, nicht um Verachtung und das Abwerben von Menschen.
In einem Aufsatz des Politologen Andreas Püttmann (“Verantwortung für die Schöpfung und christliche Bürgertugenden: Demoskopische Schlaglichter”, in: Unitas. Zeitschrift des Verbandes der wissenschaftlichen katholischen Studentenvereine Unitas, Nr. 2/2010, S. 98-105) fand ich nun empirisches Material aus einer Allensbach-Studie (2008), das diese qualitative Vermutung erhärtet und den Toleranzvorsprung überzeugter Christen quantifiziert.
Die Gruppe “überzeugte Christen” wurde in der Studie zur Gruppe mit “regelmäßigem Gottesdienstbesuch” operationalisiert; die Kontrollgruppe der “überzeugten Konfessionslosen” bestand aus Personen, die das Merkmal “selten/kein Kirchgang” tragen. Bei aller methodologischen Einschränkung durch die Reduktion von Christlichkeit auf Kirchgangsfrequenz, lassen sich auf diese Weise doch Verbindungen ausmachen: Wer regelmäßig zur Kirche geht, um dort einen Gottesdienst zu besuchen, ist sicher grundsätzlich von seiner christlichen Religiosität stärker überzeugt als der, der nie zur Kirche geht, schon deshalb, weil jener die Überzeugung lebt, dieser aber nicht. Wer eine Idee verwirklicht, ist zumeist auch von der Wahrheit und Bedeutung dieser Idee stärker überzeugt als der, der die Idee vielleicht hat, aber nicht lebt. Die Reduktion auf das Merkmal “Kirchgang” (A) ist also nicht völlig falsch, denn das Merkmal ist nicht losgelöst vom Merkmal “mit Überzeugung Christ sein und als Christ leben” (B). Es gibt, soziologisch gesprochen, sogar eine starke Korrelation zwischen der Häufigkeit von Merkmal A und B. Merkmal B wäre zwar der direkte Weg, doch kann man schlecht den “Christlichkeitsgrad” abfragen. Was man aber fragen kann: “Wie oft besuchen Sie einen Gottesdienst?” – Das als Vorbemerkung zur Methodik und Begrifflichkeit.
Das Institut befragte also Menschen, die entweder regelmäßig zur Kirche gehen oder aber selten bzw. nie. Es wollte wissen, aus welchen Personengruppen diese Menschen nicht so gerne Vertreter als Nachbarn hätten (als Maß für Intoleranz). Bei vielen „Minderheiten“ sind die Aversionen der Konfessionslosen/Nicht-Kirchgänger größer. Am deutlichsten sind die Unterschiede ber Moslems (17 Prozent der Christen/Kirchgänger haben mit Moslems als Nachbarn ein Problem, 29 Problem der Konfessionslosen/Nicht-Kirchgänger), bei Migranten (5 zu 13 Prozent), bei Menschen mit anderer Hautfarbe (1 zu 6 Prozent), bei Juden (2 zu 7 Prozent) und bei Hindus (6 zu 10 Prozent). Was auffällt: Gerade gegenüber anderen Religionen sind Christen/Kirchgänger toleranter als Nichtchristen/Konfessionslose. Das deckt sich mit der Erkenntnis, dass Religionskonflikte so gut wie nie von Christen ausgehen.
Aber auch gegenüber psychisch Kranken haben kirchennahe Menschen weniger Vorbehalte als kirchenferne (38 zu 44 Prozent). Richtig überraschend dürfte allerdings der Befund sein, dass Christen mit ausgeprägter Religiosität auch Homosexuelle in der Nachbarschaft eher dulden als Konfessionslose (8 zu 11 Prozent). Weniger überraschend ist dagegen, dass Christen gegen Kinderreiche – traurig genug, dass sie hier als „Minderheit“ auftauchen! – weniger einzuwenden haben als Konfessionslose (7 zu 12 Prozent).
Es gibt allerdings auch Menschengruppen, mit denen die Kirchgänger weniger gerne etwas zu tun haben als die Nicht-Kirchgänger: Rechts- (85 zu 83 Prozent) und Linksextremisten (56 zu 51 Prozent), Vorbestrafte (43 zu 38 Prozent), Trinker (78 zu 72 Prozent), Drogenabhängige (78 zu 77 Prozent) und AIDS-Kranke (18 zu 17 Prozent). Sieht man von diesen ab, wo der Unterschied ohnehin so gering ist, dass er keine Aussagekraft besitzt, werden von den Christen/Kirchgängern Menschen tendentiell eher für ihr Tun kritisch beäugt als für ihr Sein. Bei den Konfessionslosen/Nicht-Kirchgängern ist das umgekehrt: Hier ist das Sein als Moslem, Jude oder Schwarzer eher „Grund“ für die Ablehnung. „Bestraft“ der Christ also die unangenehmen Eigenschaften bei größerer Vorbehaltlosigkeit gegenüber dem Wesen des Menschen, ist das bei Konfessionslosen gerade anders herum.
Es geht sicher zu weit, wenn ich nun folgere: Der Christ liebt den Menschen und hasst die Sünde, beim Konfessionslosen ist das umgekehrt. Doch die Zahlen stimmen nachdenklich und sollten auch diejenigen nachdenklich stimmen, die meinen, aufgrund selbstangehefteter Labels mit den Aufschriften “Vernunft”, “Aufklärung”, “Bekenntnislosigkeit” ihre Toleranz gar nicht mehr unter Beweis stellen zu müssen, weil die bei Areligiosität quasi im Preis inbegriffen ist. Dem ist nicht so. Im Gegenteil – die Studie zeigt eindrucksvoll: Es sind die altmodischen Kirchgänger, die die Toleranz hoch halten, nicht die modernen Konfessionslosen.
Püttmann nennt in seinem hervorragenden Beitrag noch andere Zahlen. Darauf wird gelegentlich einzugehen sein.
(Josef Bordat)
Christlicher Glaube, menschliche Vernunft
26. Mai 2010
Deutschlands letzte Nobelpreisträger für Chemie (2007, Gerhard Ertl) und Physik (2007, Peter Grünberg) sind nach eigenem Bekunden gläubige Christen. Ertl sagt über sich: “Ich bin Christ und versuche als Christ zu leben.” Grünberg antwortete in dem gleichen Interview auf die Frage, ob er, “als Naturwissenschaftler”, an Gott glaube: “Ja, natürlich.”
Auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag in München wurde der Astrophysiker und Naturphilosoph Harald Lesch gefragt, warum er, “als Wissenschaftler”, an Gott glaube (Lesch ist evangelischer Christ). Seine Antwort: “Was soll ich denn sonst machen?”
Mit Loriot bzw. der Frau aus dem Jodelkurs füge ich empört hinzu: “Sie als Wissenschaftler – da regt mich ja schon die Frage auf!” – In Wahrheit ist es doch so, dass es gerade die Naturwissenschaftler waren und sind, die sich durch ein besonders hohes Maß an Religiosität auszeichnet haben und auszeichnen, was nicht immer gleichbedeutend ist mit kirchennaher Frömmigkeit, gewiss, aber doch oft eine Glaubenstiefe erreicht, die eine besondere Ehrfurcht vor Gott ausdrückt und für alle Christen eine Bereicherung darstellen sollte. Ganz bestimmt zeigt Wissenschaft Gott anders als Religion, doch bedeuten beide auf die Ebene der Transzendenz, auf das Numinose, das “Ganz Andere” – die Religion am Anfang und die Wissenschaft am Ende. Denn: Was sollte der Wissenschaftler sonst machen? Was bleibt ihm übrig?
Umgekehrt ist seit Thomas von Aquins Postulat, dass sich Glaube und Vernunft nicht widersprechen, in der kirchlichen Lehre und in der theologischen Methodologie (wie schon in der Tatsache, dass es überhaupt eine Theologie gibt!) eine hohe Achtung der christlichen Religion gegenüber der Leistungsfähigkeit des menschlichen Geistes, sich zur Wahrheit vorzutasten, spürbar. Leider wird das Thema “Kirche und Wissenschaft” sehr plakativ auf einige wenige historische Konflikte reduziert, deren Entstehung und Behandlung man gesondert betrachten muss. Doch von der Gründung der Universitäten im Mittelalter bis zu Papst Benedikts hoher Wertschätzung für die Wissenschaft zeigt sich ein völlig anders Bild als das eines Dauerkonflikts: Es zeigt sich eine fruchtbare Beziehung, deren Ziel es war und ist, Gott mit vereinten Kräften möglichst nahe zu kommen.
Dennoch ist manchmal zu lesen oder zu hören (meist von Akademikern, die mit Stolz auf den Lehrstühlen von Universitäten sitzen, die von der Kirche gegründet wurden), dass Religion und Wissenschaft sich ausschließen. Entweder man denkt oder man glaubt. Ende der Diskussion.
Ich würde mich – vor die Wahl gestellt – zwar eher von meiner Ahnung eines Gottes leiten lassen, der mich unendlich liebt, als auf meine kurzen Gedanken zu setzen, aber das ist hier nicht das Thema. Ich glaube nämlich, dass sich diese Entscheidung gar nicht in dieser Weise aufdrängt. Das gilt es näher zu erläutern.
Auf Gloria TV sind zwei längere Abhandlungen erschienen, in denen ich einige Gedanken zusammentrage, die den Vernunftbegriff Papst Benedikts betrachten (Der Papst als Grenzgänger. Benedikts Beitrag zum Dialog von Religion und Wissenschaft) sowie auf Einzelfragen im Spannungsfeld von Glauben und Wissen eingehen (Die Existenz Gottes und die Wissenschaft. Zwei Vorträge). Darin werden einige theologische Implikationen und Interpretationen zu den Themen Evolutionsbiologie („Schöpfung und Evolution“) sowie Neurobiologie („Geist, Seele, Gehirn. Annäherungen an das menschliche Bewusstsein“) besprochen.
Ich hoffe, die (recht langen) Texte sind geeignet, eine Beschäftigung mit diesen Fragen, die in der Schnittmenge von Devotion und Reflexion liegen, anzuregen und zu zeigen, dass der christlich-katholische Glaube diese Schnittmenge gut ausfüllt.
Josef Bordat