Christlicher Glaube, menschliche Vernunft
26. Mai 2010
Deutschlands letzte Nobelpreisträger für Chemie (2007, Gerhard Ertl) und Physik (2007, Peter Grünberg) sind nach eigenem Bekunden gläubige Christen. Ertl sagt über sich: “Ich bin Christ und versuche als Christ zu leben.” Grünberg antwortete in dem gleichen Interview auf die Frage, ob er, “als Naturwissenschaftler”, an Gott glaube: “Ja, natürlich.”
Auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag in München wurde der Astrophysiker und Naturphilosoph Harald Lesch gefragt, warum er, “als Wissenschaftler”, an Gott glaube (Lesch ist evangelischer Christ). Seine Antwort: “Was soll ich denn sonst machen?”
Mit Loriot bzw. der Frau aus dem Jodelkurs füge ich empört hinzu: “Sie als Wissenschaftler – da regt mich ja schon die Frage auf!” – In Wahrheit ist es doch so, dass es gerade die Naturwissenschaftler waren und sind, die sich durch ein besonders hohes Maß an Religiosität auszeichnet haben und auszeichnen, was nicht immer gleichbedeutend ist mit kirchennaher Frömmigkeit, gewiss, aber doch oft eine Glaubenstiefe erreicht, die eine besondere Ehrfurcht vor Gott ausdrückt und für alle Christen eine Bereicherung darstellen sollte. Ganz bestimmt zeigt Wissenschaft Gott anders als Religion, doch bedeuten beide auf die Ebene der Transzendenz, auf das Numinose, das “Ganz Andere” – die Religion am Anfang und die Wissenschaft am Ende. Denn: Was sollte der Wissenschaftler sonst machen? Was bleibt ihm übrig?
Umgekehrt ist seit Thomas von Aquins Postulat, dass sich Glaube und Vernunft nicht widersprechen, in der kirchlichen Lehre und in der theologischen Methodologie (wie schon in der Tatsache, dass es überhaupt eine Theologie gibt!) eine hohe Achtung der christlichen Religion gegenüber der Leistungsfähigkeit des menschlichen Geistes, sich zur Wahrheit vorzutasten, spürbar. Leider wird das Thema “Kirche und Wissenschaft” sehr plakativ auf einige wenige historische Konflikte reduziert, deren Entstehung und Behandlung man gesondert betrachten muss. Doch von der Gründung der Universitäten im Mittelalter bis zu Papst Benedikts hoher Wertschätzung für die Wissenschaft zeigt sich ein völlig anders Bild als das eines Dauerkonflikts: Es zeigt sich eine fruchtbare Beziehung, deren Ziel es war und ist, Gott mit vereinten Kräften möglichst nahe zu kommen.
Dennoch ist manchmal zu lesen oder zu hören (meist von Akademikern, die mit Stolz auf den Lehrstühlen von Universitäten sitzen, die von der Kirche gegründet wurden), dass Religion und Wissenschaft sich ausschließen. Entweder man denkt oder man glaubt. Ende der Diskussion.
Ich würde mich – vor die Wahl gestellt – zwar eher von meiner Ahnung eines Gottes leiten lassen, der mich unendlich liebt, als auf meine kurzen Gedanken zu setzen, aber das ist hier nicht das Thema. Ich glaube nämlich, dass sich diese Entscheidung gar nicht in dieser Weise aufdrängt. Das gilt es näher zu erläutern.
Auf Gloria TV sind zwei längere Abhandlungen erschienen, in denen ich einige Gedanken zusammentrage, die den Vernunftbegriff Papst Benedikts betrachten (Der Papst als Grenzgänger. Benedikts Beitrag zum Dialog von Religion und Wissenschaft) sowie auf Einzelfragen im Spannungsfeld von Glauben und Wissen eingehen (Die Existenz Gottes und die Wissenschaft. Zwei Vorträge). Darin werden einige theologische Implikationen und Interpretationen zu den Themen Evolutionsbiologie („Schöpfung und Evolution“) sowie Neurobiologie („Geist, Seele, Gehirn. Annäherungen an das menschliche Bewusstsein“) besprochen.
Ich hoffe, die (recht langen) Texte sind geeignet, eine Beschäftigung mit diesen Fragen, die in der Schnittmenge von Devotion und Reflexion liegen, anzuregen und zu zeigen, dass der christlich-katholische Glaube diese Schnittmenge gut ausfüllt.
Josef Bordat