Bekenntnisse – I „Ich glaube“

11. November 2010

Im Blog „Sende-Zeit“, betrieben von der Medienpastoral im Erzbistum Freiburg unter der Leitung von Norbert Kebekus, ist ein „Bekennerschreiben“ erschienen, in dem ich mich zu meinem katholischen Glauben äußere. Der Umfang war begrenzt, die Ausführungen verlangen nach Ergänzung und Erläuterung. Ich will diese in den nächsten Wochen und Monaten nachreichen. Immer mal wieder werde ich einzelne Aspekte, die ich im „Bekennerschreiben“ nur benannt habe, mit Anmerkungen theoretischer und praktischer Art sowie mit persönlichen Erfahrungen tiefer zu begründen versuchen.

Im ersten Teil möchte ich gleich auf einen Kernbegriff zu sprechen kommen. Ich schrieb eingangs des „Bekennerschreibens“:

Warum ich katholisch bin? Weil ich wenige Tage nach meiner Geburt getauft wurde. Warum ich katholisch bleibe? Weil das meinem religiösen Glauben entspricht.

Das bedeutet: „Ich glaube.“ Was aber ist Glaube, religiöser Glaube? Ich möchte mit Peter Wust, der für meinen Glauben in einer längeren Phase des Zweifels sehr wichtig war, eine Antwort geben, die darauf hinausläuft, dass Glaube ein Wagnis ist, aber nicht eines, mit dem jemand sein Schicksal herausfordert, sondern eines, dem Weisheit zugrunde liegt. Der religiöse Glaube ist das „Wagnis der Weisheit“. Was meint Wust damit?

Zunächst eine Vorbemerkung. „Glauben heißt: nicht wissen.“ Das sagt der Volksmund und er hat damit, wie so oft, Recht. Man kann „Glauben“ tatsächlich negativ definieren, obgleich die Beziehung von „Glauben“ und „Wissen“ komplexer ist als die einfache Dichotomie. Weltdeutung besteht immer aus beidem, aus Glauben und Wissen. Selbst ein religiöser Fundamentalist muss die Dogmen seines Glaubens kennen, muss darüber einen Wissensbestand angelegt haben. Selbst ein Szientist, der sich in allen Fragen auf die Wissenschaft stützen will, muss etwas glauben, nämlich, dass er damit in jedem Fall richtig liegt.

Zudem wäre mit der Bestimmung des Glaubens als „Nichtwissen“ das Wesen des religiösen Glaubens nicht getroffen, weil der religiöse Glaube positive Aussagen macht, die handlungsleitend und lebenswirksam sind bzw. sein sollen. Nach dem Evangelium zu leben (versuchen), weil man nicht weiß, ob es nicht vielleicht doch von Jesus Christus, dem Sohn Gottes, handelt, das ist sicher weit schwerer zu motivieren und durchzuhalten als ein Leben nach dem Evangelium im Glauben daran, dass in ihm Jesus Christus, der Sohn Gottes, zu uns spricht.

Dennoch nimmt auch Wust die „Ungewissheit“ als Ausgangspunkt des Glaubens. Wust unterscheidet hinsichtlich der Ungewissheit hierarchisch drei Bereiche: die lebensweltliche Fortuna-Ebene, die Ebene der philosophischen Erkenntnis (Ur- und Gottesgewissheit) und die Ebene der theologischen Erkenntnis (Existenz Gottes, Offenbarung und Heil).

Auf der untersten Ebene des Schicksalhaften scheint der Mensch Spielball der Glücksgöttin Fortuna zu sein: Sowohl individuell, als auch in Volksgruppen und Gemeinschaften, erlebt der Mensch ein stetes Auf und Ab, dessen Erscheinungsformen ihm nicht selten irrational erscheinen, vor allem dann, wenn es offenbar den Guten schlecht und den Schlechten gut ergeht. In diesem alogischen Kontext ist der Mensch zwischen Trotz und Hingabe gestellt, Begriffe, die auf den Existenzphilosophen Karl Jaspers zurückgehen. Der Trotz kann einerseits als heroisch bezeichnet werden, wenn der Mensch aus der Natur Kultur schafft, andererseits aber kann er zum „Wahnsinn“ werden, wenn sich der Mensch gegen die objektiven Zwänge des Seins auflehnt. Die Hingabe erscheint zunächst wie ein feiger Fatalismus, bietet dem Menschen jedoch die Möglichkeit, den Weg in Richtung seiner eigentlichen Bestimmung als homo religiosus in Angriff zu nehmen, der hinter allen irdischen Hiobsphänomenen den vernünftigen Plan eines höheren Wesens annimmt.

Auf der mittleren Ebene philosophischer Ur- und Gottesgewissheit geht es Wust zunächst darum, die relative Hilflosigkeit der Philosophie angesichts der Fragen nach gesicherter Erst- und Letzterkenntnis deutlich zu machen, um ihr dann den Rücken zu stärken. Das besondere Problem des Philosophen ist dabei, dass er einerseits mit seinem eigenen Verstand arbeiten (Selbsteinsatz), andererseits diesen in einigen Fragen ausschalten soll (Selbstaufgabe), ein Paradoxon, das vom Menschen nicht gehandhabt werden kann, obwohl Wust einen Ausweg für den Philosophen bereit hält, wenn er ihm segensreiches Arbeiten verspricht, solange er nur die „seinsfromme Haltung“ (sapientia) an die Stelle der „unfrommen Erkenntnishaltung“ (curiositas) setzt. Ich glaube, dass diese Differenzierung für die Wissenschaft im Allgemeinen gilt und – obwohl aus den 1930er Jahren – hochaktuell ist, wenn wir an die wissenschaftsethischen Fragen denken, mit denen wir heute konfrontiert sind. Sie lassen sich in einer Frage bündeln: Dürfen wir alles, was wir können? Ich sage: Nein. Es gibt Formen von curiositas, die lebensfeindlich sind. Es gibt eine Neugier, die wir nicht befriedigen sollten.

Nach Wust deuten die untere Fortuna-Ebene und die mittlere Ebene philosophischer Ur- und Gottesgewissheit auf die obere Ebene der Ungewissheit hin, auf der sich der homo religiosus im Halbdunkel an Antworten auf die Grundfragen des Glaubens versucht, also den Fragen nach Gott, seiner Offenbarung und dem Heil des Menschen, wobei in diesem Zusammenhang die Frage des persönlichen Heils alles überschattet. Erst der homo religiosus erreicht nach Wust die eigentliche Bestimmung des Menschen.

Der Mensch kann der Ungewissheit durch das Wagnis der Weisheit entrinnen, das Wust vom Entscheidungsirrationalismus Jaspers deutlich abgrenzt, der wiederum eine Synthese der Entwürfe Kierkegaards (absoluter Glaubenspositivismus) und Nietzsches (absoluter Nihilismus) anstrengt. Wust grenzt in der Herleitung seines Weisheitsbegriffs zunächst den dogmatischen Vernunftoptimismus, der zur Wissenssattheit neigt, vom pyrrhonianischen Vernunftpessimismus ab, der Gefahr läuft, der Wissensgier anheimzufallen. Weisheit heißt für ihn nicht wissenschaftliches, akademisches oder philosophisches, sondern existentielles Wissen, das seinen Ausdruck in einer Lebenshaltung findet, die zu ehrfurchtsvollem Gottvertrauen führt, dass zur Gelassenheit und zur Liebe befähigt.

Dennoch bleibt diese Weisheit ein Wagnis. Das Wagnis der Weisheit, also den religiösen Glauben, nennt Wust auch „Wagnis des vernünftigen Gehorchens“ oder „Wagnis aller Wagnisse“. Jeder suchende Mensch, der bereit ist, dieses Wagnis einzugehen, ist geborgen auf seinem Weg zum letzten Ziel. Wust nennt das die „Geborgenheit in der Ungeborgenheit“.

Der religiöse Glaube erhebt den wagemutigen, den beherzten Menschen also aus seinen Urzuständen „Ungewissheit“ und „Ungeborgenheit“ in die Zustände „Weisheit“ (als existenzielle Gewissheit) und „Geborgenheit“ (als existenzielles Vertrauen). Glaube ist nicht weniger, aber auch nicht mehr. Sowohl die zaudernde Indifferenz einer oberflächlichen Skepsis als auch die überhebliche Verabsolutierung der religiösen Selbsterfahrung müssen im Glauben überwunden werden, damit es ein fester, vernünftiger, guter Glaube ist. Das für sich allein auszuloten ist schwierig. Die katholische Kirche kann dabei helfen. Wie? Dazu ein anderes Mal mehr.

(Josef Bordat)

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