Wir brauchen radikale Christen

1. Januar 2011

Warum muss das neue Jahr gleich mit einem solchen Schmerz beginnen? 21 Tote. Koptische Christen, die einen Neujahrsgottesdienst besuchten. Zudem viele Verletzte. Viel Schmerz.

Es gibt in letzter Zeit so oft die Gelegenheit, etwas vom Schmerz zu fühlen, ein Christ zu sein, am falschen Ort, zur falschen Zeit. Viel zu oft. Mein Schmerz ist heute besonders groß. Meine Gedanken sind bei den Opfern, den Hinterbliebenen und meinen koptischen Freunden in Kairo und Luxor. Ich schließe sie heute ganz besonders in mein Gebet ein.

Seit meinem Besuch in Ägypten im Jahre 2007 stehen mir die Kopten sehr nahe. Mit ihrer bewussten Religiosität, ihrer tiefen Spiritualität und nicht zuletzt auch ihrer besonderen Gastfreundschaft sind sie mir in angenehmer Erinnerung. Freundschaften entstanden, die die räumliche Distanz aushalten.

Die Kopten gaben ihrem Land den Namen und viel Kultur. Doch sie werden systematisch benachteiligt. In der öffentlichen Verwaltung gibt es keine Kopten. So wird die Diskriminierung administrativ verfestigt und langfristig abgesichert.

Kopten sind Menschen zweiter Klasse. Und Christen der ersten Stunde. Ihr Ritus ist alt, ihre Liturgie feierlich, ihr Glaube fest. 21 von ihnen besiegelten ihren Glauben am ersten Tag dieses Jahres, den die katholische Kirche als Weltfriedenstag feiert, mit dem Leben, als Opfer eines Anschlags.

In den Kommentaren zu den Medienberichten über das schreckliche Ereignis finde ich die üblichen Reflexe. Motto: „Na, und?“ Man möge sich doch nicht über „die paar toten Christen“ aufregen, schließlich gab es die Kreuzzüge und die Missbrauchsfälle. Ein Kommentator versucht, besonders originell zu sein und münzt die Mahnung Papst Benedikts zu verstärktem Schutz für Christen auf gefährdete Kinder und feixt etwas von „Schutz vor Missbrauch“.

Hanebüchene historische Vergleiche wechseln sich mit zeitgeschichtlichen Anspielungen ab, in denen der Westen als Synonym für das Christentum gilt, um Letzterem alles vermeintliche und tatsächliche Übel der jüngsten Vergangenheit zuschreiben zu können, während man offenbar nicht merkt, wie man höchstselbst diese absurde Ineinssetzung mal um mal widerlegt, indem man als Westler immer und immer wieder so erschreckend unchristlich denkt und schreibt.

Die unterschwellige Rechtfertigung von Terror gegen Christen mit den militärischen Maßnahmen gegen den Terror, die mit Blick auf die Religion erfolgende Gleichsetzung von Koinzidenzen in diesem und Kausalitäten in jenem Fall lassen mich ratlos zurück. Die Rhetorik, mit der gezeigt werden soll, dass man im Christen den eigentlich Schuldigen sieht, ist durchschaubar und wird mit jedem Tag der aktuellen Christenverfolgung immer durchschaubarer, nur, ob sie auch tatsächlich durchschaut wird, steht zu bezweifeln.

Im Meer der Kommentare sagt kaum einer: „Mein Beileid.“, „Mein Mitgefühl.“ Wozu auch, ergänzt rasch die korrumpierte Logik eines geschlossenen gedanklichen Regelkreises, in dem das Böse in allen Gestalten fest an Christentum und Kirche rückgekoppelt ist. Statt dessen, auch das ist eine Konsequenz, immer unverblümtere Ansätze von Applaus angesichts solcher Taten, bei denen Christen ermordet werden, weil sie Christen sind.

Meinungen, die weh tun. Und die das wohl auch wollen: weh tun. Meinungsfreiheit, die bis zum Erbrechen ausgeschöpft wird. Der Schmerz aus Gewalt und Hohn auf beiden Ebenen, der Wirklichkeit und ihrer Wahrnehmung, ist kaum auszuhalten.

Vielleicht bewerte ich zu einseitig, sicherlich bin ich Partei. Nur eins möchte ich nicht hören: „Nimm es nicht so ernst!“ Das war Anfang der 1930er Jahre das Mantra jüdischer Rechtsanwälte im Umgang mit den beginnenden Dummheiten und Diskriminierungen, die Standard-Antwort auf diesbezügliche Erfahrungsberichte ihrer Glaubensgeschwister. „Nimm es nicht so ernst! Es wird schon nicht so schlimm werden, schließlich leben wir in einem Rechtsstaat.“ Ich möchte als Philosoph nicht den Fehler machen und analog sagen: „Es wird schon nicht so schlimm werden, schließlich ist der Mensch mit Vernunft begabt.“

Vielleicht ist es auch ganz gut so, dass ich, der ich nicht direkt betroffen bin, auf diese Weise indirekt getroffen werde. Um mich etwas besser einfühlen zu können, denn das, was ich meine, den Kopten sagen zu müssen, ist keine leichte Kost. Jetzt eben auch nicht für mich.

Ich las: Nun brauchen wir gemäßigte Kräfte auf beiden Seiten. Ich sage: Für die christliche Seite stimmt das Gegenteil. Wir brauchen radikale Kräfte, radikale Christen. Menschen, die sich radikal in die Nachfolge Christi stellen. Die radikal ihre Feinde lieben. Ich weiß: Koptische Christen sind radikal. Das durfte ich erleben. Deshalb habe ich die Hoffnung, nein: bin ich der festen Überzeugung, dass mit den Kopten Frieden möglich ist, nicht obwohl, sondern weil sie radikale Christen sind.

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn! Ich kann Euren Schmerz sicher nicht in Gänze nachfühlen, aber ich ahne doch, welcher Sturm in Euch tobt. Beruhigt ihn im Vertrauen auf Gott und im Blick auf Jesus Christus. Ich wünsche Euch inneren Frieden, ohne den äußerer Friede nicht möglich ist.

Gebt denen keine Spur von Recht, die bei Religion nur „Gewalt“ und bei Gewalt nur „Religion“ denken. Leistet denen keinen Dienst, die nur Hass und Gewalt schüren und denen es egal ist, ob sie dabei Christen oder Moslems töten, weil sie ohnehin nur die Verstörung, die Irritation und die verletzten Gefühle der Hinterbliebenen für neuen Hass und neue Gewalt missbrauchen wollen.

Stellt Euch nicht auf die Stufe derer, die keinen Frieden wollen, um keinen Preis. Sucht den Frieden, um den höchsten Preis: um Seinetwillen. Denn Sein Blut rettet, befreit und erlöst, nicht das des Menschen, nicht das eigene, nicht das des Anderen.

Ich weiß nicht, warum Ihr diese schwere Prüfung durchstehen müsst. Ich glaube jedoch, dass der, dem Gott das Schwere aufgibt, auch die Mittel bekommt, es zu tragen. Und so bin ich sicher, dass Ihr die Kraft habt, Euren Schmerz zu lindern, ohne Ihn zu verraten, weil Er selbst sie Euch schenkt durch Sein Leben und Seine Liebe.

Auch wir in Europa brauchen radikale Christen. Christen, die sich nicht provozieren lassen, die stark sind und deren einzige Waffe die Liebe ist. Es ist die mächtigste Waffe überhaupt, weil es nicht unsere Waffe ist, sondern die Waffe Gottes. Wer braucht da das Schwert?

Die Liebe muss in dem Maße in uns wachsen wie der Hass auf uns wächst. So können wir uns am besten mit den Kopten solidarisieren, und mit allen verfolgten Christen auf der Welt: Indem wir uns radikalisieren, im Glauben, in der Hoffnung, vor allem aber in der Liebe.

(Josef Bordat)

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