Vermögen und Finanzen des Vatikan
10. Januar 2011
Mein Beitrag Ratgeber Kirchenkritik. Kapitel 1. So nicht! vom 4. Januar 2011 ist sehr positiv aufgenommen worden. Alipius und Elsa haben dankeswerter Weise auf den Text hingewiesen. Zugleich hat Elsa eine Ungenauigkeit in meinem Text entdeckt: Auf meinen Vergleich zwischen IOR und BP folgt das Fazit „BP verdient jeden Tag mehr als der Vatikan im ganzen Jahr“, was Elsa zu der Bemerkung veranlasste, der IOR habe „nichts mit den Einnahmen des vatikanischen Staates und seiner Bilanzen zu tun“, weil er „eigenständig“ sei.
Das stimmt. Für eine glatte Richtigstellung reicht es dennoch nicht, weil es andererseits auch wiederum nicht stimmt. Es ist kompliziert: Je nachdem, wie man draufschaut, ist der IOR „eigenständig“ – oder auch nicht. Ich möchte daher an dieser Stelle eine kurze Erläuterung geben, die auch allgemeine Anmerkungen zum Thema „Wirtschaftswelt Vatikan“ enthält.
1. Der Vatikan, so hört man immer wieder, ist reich. Das stimmt sicherlich, soweit es seine Kunstschätze betrifft, von denen der frühere Papst Johannes Paul II. sagte: „Sie sind unverkäuflich, sie gehören allen Menschen.“ Was das operative Geschäft angeht, also die Einnahmen, so hängt die Charakterisierung als „reich“ sicher vom Vergleichsmaßstab ab. 2008 nahm der Vatikan 355 Millionen US-$ ein (bei Ausgaben von 357 Millionen US-$). In den letzten zehn Jahren hat Real Madrid dreimal so viel in neue Spieler investiert. Die 30 führenden deutschen Unternehmen, die im Deutschen Aktien Index verzeichnet sind, nahmen im gleichen Jahr mehr als viermal so viel ein (1,155 Milliarden Euro, also etwa 1,5 Milliarden US-$). Jeder Deutsche gibt im Jahr 20 Euro für Schokolade aus, was 1,6 Milliarden Euro (2,1 Milliarden US-$) macht und in der Summe die Vatikan-Einnahmen um mehr als das sechsfache übersteigt. Nimmt man Bier (240 Euro pro Kopf), landet man beim Faktor 72. Würde das Vermögen der zehn reichsten Menschen der Welt mit 5 Prozent verzinst, hätten diese im Jahr etwa 22 Milliarden US-$ allein an Kapitaleinkünften, 62 mal mehr als der Vatikan Gesamteinnahmen hat. Reichtum ist relativ.
Der Vatikan, so hört man ebenfalls immer wieder, sollte sein Vermögen veräußern und das Geld den Armen geben. Abgesehen davon, dass es hier um „unverkäufliches“ Vermögen geht, und ganz abgesehen davon, dass höchst fraglich ist, ob es überhaupt einen Käufer gäbe (einer mündlichen Information nach, die ich nicht nachgeprüft habe, weil sie mir sehr plausibel erscheint, wollte der Staat Italien die Vatikanischen Museen nicht mal geschenkt, weil die Unterhaltungskosten zu hoch sind), könnte es ja doch auch sinnvoller sein, die Einnahmen aus der Nutzung des Vermögens (etwa die Eintrittsgelder für die Vatikanischen Museen) den Armen zu geben, denn das geht mehr als nur einmal. Warum sich im übrigen keiner die Frage zu stellen scheint, warum das Geld, mit dem der Vatikan gekauft werden soll, nicht jetzt schon den Armen gegeben wird, weiß ich nicht. Vielleicht geht es ja auch gar nicht um die Armen.
2. Kommen wir zum „verkäuflichen“ Vermögen. Neben den Kunstwerken besitzt der Vatikan 850 Immobilien im geschätzten Wert von 1,5 Milliarden Euro und (seit Jahren schrumpfenden) Goldreserven. Einnahmequellen des Vatikan sind also Mieten und Wertsteigerungen, die durch Verkäufe realisiert werden, aber auch die Einnahmen aus der Geschäftstätigkeit innerhalb der Vatikanstadt. Alle Einnahmen (vom Supermarkt, der Vatikantankstelle, der Apotheke bis hin zu den Bekleidungs- und Souvenirgeschäften) fließen komplett in die Staatskasse. Dazu kommen Spenden. Etwa 85 Millionen Euro wird jährlich an den Vatikan gespendet. Es gibt einmal im Jahr eine weltweite Kollekte in der Katholischen Kirche, den so genannten „Peterspfennig“. Das ist die einzige Einnahmequelle aus öffentlichen Mitteln, die mit einer „Steuer“ vergleichbar ist. Auf „echte“ Steuereinnahmen verzichtet der Vatikan: Im Kirchenstaat gibt es keine Mehrwertsteuer und die Gehälter unterliegen nicht der Einkommenssteuer.
Schließlich hat der Vatikan noch beträchtliche Einnahmen aus dem Verkauf von vatikanischen Münzen und Sonderprägungen sowie Briefmarken an Sammler. Die EU und der Heilige Stuhl haben 2009 einen Vertrag geschlossen, der den Vatikan verpflichtet, mindestens 51 Prozent seiner Münzen zu ihrem Nennwert in Umlauf zu bringen. Im Gegenzug darf die Zahl der für Sammler reservierten Münzen mehr als verdoppelt werden. Dem Vatikan unterschwellig einen Vorwurf zu machen, seine Münzen über Nennwert zu verkaufen, ist – nebenbei bemerkt – wenig vernünftig. Zum einen werden Sondermünzen in limitierter Auflage oft über Nennwert ausgegeben und auch zu diesen Preisen gekauft. Die Zahlungsbereitschaft bemisst sich in solchen Fällen an den Wertsteigerungsaussichten der Münze, nicht an deren Nennwert. Zum anderen haben wir ohnehin einen freien Markt, bei dem Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen. Es scheint hier eher Ausdruck einer gewissen Missgunst zu sein, die Ausgabepraxis so argwöhnisch zu belauern. Aber dass die Münzen mit dem Bild des Papstes so hoch im Kurs stehen, dafür kann ja der Vatikan nichts.
3. Was macht der Vatikan nun mit den Einnahmen? Zunächst sind da natürlich die Löhne und Gehälter der Angestellten in den vatikaneigenen Einrichtungen zu bezahlen. Dazu kommen Ausgaben für die Reisen des Papstes und das Protokoll. Schließlich: Investitionen. Wer viele Immobilien hat, muss immer wieder sanieren und renovieren. Was übrig bleibt, geht in soziale und humanitäre Projekte.
4. Die Vermögens- und Finanzverwaltung des Vatikan gilt als besonders undurchsichtig. In der Tat ist es etwas schwierig, einen Überblick zu gewinnen, weil es z. T. eigentümliche juristische Konstruktionen sind, bei denen mal der Heilige Stuhl, mal der Staat Vatikanstadt, vertreten durch dessen Regierung in Erscheinung treten. Das corporate governance ist ohnehin ein kompliziertes Gebiet und beim Vatikan wird es noch komplizierter.
Es gibt einen „Finanzminister“, derzeit Velasio De Paolis. Dann gibt es in Giovanni Lajolo einen Verantwortlichen für die Einnahmen und Ausgaben auf dem Territorium der Vatikanstadt. Zudem gibt es eine Vermögensverwaltung des Heiligen Stuhles, über welche die Gehälter gezahlt und Investitionen geplant werden, geleitet von Attilio Nicora. Und schließlich gibt es das Zentrum des vatikanischen Wirtschaftslebens, das „Istituto per le Opere di Religione“ (IOR), auch bekannt als „Vatikanbank“.
Die Bank wird von einem weltlichen Manager, dem Bankier Paolo Cipriani, geführt und von einer fünfköpfigen Kardinalskommission kontrolliert, in dem auch der oberste Vermögensverwalter Attilio Nicora sitzt; Präsident des Aufsichtsrats ist Ettore Gotti Tedeschi. Die Vatikanbank ist 1942 als Nachfolgerin der „Amministrazione delle Opere di Religione“ (AOR) gegründet worden. Die Amministrazione (Verwaltung), gab es schon seit 1887. Nachdem 1870 der Kirchenstaat quasi zerschlagen wurde, hat der damalige Papst Leo XIII. dafür gesorgt, dass zumindest die Verwaltung der Weltkirche sichergestellt war. Zudem war die Amministrazione für die Verwaltung des verbliebenen Vermögens zuständig, trat aber nicht als Bank in Erscheinung. Das änderte sich 1942 durch Pius XII., der die AOR nicht nur in IOR umbenannte, sondern auch tatsächlich zu einem Kreditinstitut umgestalten ließ, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg gut entwickelte.
Wie gut genau? Es ist leider nicht so, dass die IOR durch eine besondere Transparenz auffällt, die dabei helfen könnte, ihre momentane Situation einzuschätzen. Zahlen dringen nur sehr unregelmäßig nach außen. Das liegt an dem Rechtskonstrukt der Bank. Juristisch ist der Papst Eigentümer und ist insoweit nicht verpflichtet, Abschlüsse (Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung) zu veröffentlichen, wie das Kapitalgesellschaften (GmbHs, AGs) regelmäßig tun müssen.
Zur Frage der Eigenständigkeit: Die IOR arbeitet für den Heiligen Stuhl, ohne (vermögensrechtlich) Teil des Vatikan zu sein. Das ist eine Zwischenposition aus Nationalbank und reinem Dienstleister. Beides wäre also falsch, die Wahrheit liegt in der Mitte: Unabhängig ist die IOR (und ihr Vermögen) vom sonstigen Vermögen des Vatikan (sie arbeitet ferner auf eigene Rechnung, so dass ihr Überschuss bzw. Fehlbetrag nicht als Gewinn bzw. Verlust in die Gesamtrechnung des Vatikan eingeht), abhängig ist sie freilich schon, nämlich administrativ (der Papst ist ihr Auftraggeber, geleitet wird sie von den erwähnten fünf Kardinälen, die die Direktion und auch den Aufsichtsrat bestimmen). Zudem kann der Papst (als Eigentümer) über den Gewinn (und theoretisch auch über das eigene Vermögen der IOR) frei verfügen. Wenn man nun böse ist, sieht man den Papst mit dem Geld goldene Löffelchen und Modellhüte kaufen, während die Welt hungert. Dass es nicht so ist, spielt keine Rolle, dass es (rein theoretisch) so sein könnte, reicht aus, um IOR und Vatikan (=Papst) oder umgekehrt Papst (=Vatikan) in eins zu setzen. Mit anderen Worten: Die IOR gießt mit dieser Konstruktion und der Intransparenz Öl ins Feuer des generellen Misstrauens, auf dem Verschwörungstheoretiker und Kirchenkritiker gleichermaßen ihr Spekulations-Süppchen kochen, das dann mal mehr mal weniger stark gesalzen ist.
5. Ich wünsche mir daher mehr Transparenz im Zusammenhang mit der IOR. Ich will wissen, wie es um sie bestellt ist, wie ihre Eckdaten sind; zumindest ein jährlicher Geschäftsbericht mit Bilanzsumme, Vermögen, Gewinn sollte möglich sein. Nicht, dass das die Kritikerfront bröckeln ließe, aber es würde den wildesten Phantasien eine Prüfung an der Realität ermöglichen.
Ich habe den Eindruck, dass auch Papst Benedikt XVI. mehr Transparenz möchte: Kurz vor Jahresende hat er angekündigt, die Finanzen des Heiligen Stuhls neu ordnen und eine eigene Zentralbank gründen zu wollen, die die IOR kontrollieren soll. Zudem sollen die vatikanischen Bankgeschäfte an internationale Richtlinien angepasst werden. Das ist die richtige Antwort auf die Kritik und ein guter, weiser Schritt in die Zukunft. Ganz Benedikt.
(Josef Bordat)