Die heilige katholische Kirche
6. Februar 2011
1. Es geht mir nicht um das Papier der 144 Theologen (Oder 177. Oder – mittlerweile – 193.), dem schon eine offizielle DBK-Stellungnahme sowie zahlreiche kritische Kommentare zuteil wurden. Denn das ist ja nur ein Beitrag unter vielen. Zwar einer mit Nachdruck angesichts der hohen Fachkompetenz und Formalqualifikation, die es zu respektieren gilt. Doch am Ende des Tages nur einer unter vielen.
Es geht mir um den Hintergrund: Selbstsäkularisierung und Vergesellschaftlichung des institutionalisierten Christentums in Deutschland. Motto: Wir wollen auch so sein wie alle anderen schon sind – Parteien, Gewerkschaften, Vereine, Unternehmen. Darum analysiert man Marktpotentiale, positioniert sein Produkt, beschäftigt Wirtschaftsberater. Und kritisiert all das, was Kirche abhebt vom Rest der Republik.
So sein wie alle anderen. Das ist, wenn es um die Kirche geht, in einem dreifachen Sinne falsch, weil es dem Wesen der Kirche widerspricht: als Religionsgemeinschaft, der es an Heiligkeit gelegen ist, als weltumspannendes Phänomen und als Einrichtung mit eigenem Profil.
2. Das Heilige an der heiligen katholischen Kirche muss ihre Andersartigkeit sein. „Heilig“ heißt ja nicht „perfekt“, schon gar nicht „perfekt in den Augen der Welt“. „Heilig sein“ bedeutet „anders sein“. Die hebräischen Wörter, die im Alten Testament an den Stellen stehen, an denen im Deutschen „heilig“ steht, gehen auf ein Wort zurück, das „anders“ bedeutet. Es ist die besondere Auszeichnung Jahwes, der „Ganz Andere“ (Otto) zu sein. Christen müssen anders sein, Kirche muss anders sein, um heilig zu sein in einer heillosen, unheilen Welt.
3. So zu werden wie alle anderen auch – und nicht anders – beinhaltet das Recht auf Rechtfertigung und die Macht zur Möglichkeit. Um welche Möglichkeiten geht es? Oder geht es gar nur um Macht? Manchmal ist google nützlich und unsere Sprache wunderbar verräterisch. Um Mitspracherecht (226.000 „Google“-Treffer) scheint es den Deutschen doppelt so oft zu gehen als um Mitwirkungspflicht (121.000 „Google“-Treffer) und zehnmal öfter als um Mitwirkungsrecht (23.000 „Google“-Treffer). Schlussfolgerung: Deutsche wollen gerne mitreden, empfinden mittun aber als Zumutung. Zugegeben – gerichtsfest ist dieser Befund aus der Suchmaschine nicht, aber dennoch kann der Eindruck entstehen, dass deutsche Katholiken eher mitregieren als mitarbeiten wollen. Letzteres können sie übrigens jetzt schon.
So werden wie die anderen, das ist eine deutsche Debatte. Es ist schwer zu sagen, ob und wenn ja, wieweit die Befindlichkeiten sich übertragen lassen auf andere Regionen. Aber fest steht: 99 Prozent der Katholiken haben keinen deutschen Reisepass. Ich komme ein wenig herum in der Welt (Lateinamerika, Südostasien, auch innerhalb Europas) – da gibt es oft ganz andere Fragen und Probleme in den Gemeinden. Und eine andere Mentalität: „In Deutschland denken die Menschen bei Mitwirkung in der Kirche immer noch: mitregieren. Dort heißt es: mitarbeiten. Da ist ein Unterschied.“ (P. Placius Berger OSB) – „dort“ ist übrigens Korea.
4. Wenn die Kirche so wird wie die anderen und nicht mehr anders ist als sie, dann wäre sie am Ende des Tages dort, wo sie die Religionssoziologie seit jeher verortet: mitten in der Gesellschaft, als eine weitere soziale Einrichtung. Mehr nicht. Zu messen mit dem Maß, mit dem man Parteien, Gewerkschaft, Vereine und Unternehmen misst. Das wäre dann ein schönes Beispiel dafür, wie Klischees, Stereotypen und vereinfachte Modelle dazu beitragen, die Wirklichkeit zu gestalten. Die Theorie formt die Praxis nach ihrem Bilde. Verkehrte Welt.
5. So wie die anderen. Das kann sie werden, die Kirche. Dann kann sie aber nicht bleiben, was sie ist. Denn dann wäre die heilige katholische Kirche nicht mehr heilig (also: „anders“), nicht mehr katholisch (also: „weltumspannend“), nicht mehr Kirche (also: „Institution sui generis“).
Auch für die Kirche gilt: Der Weg zur Quelle führt gegen den Strom.
(Josef Bordat)