Kirchengeschichte-TV

12. Februar 2011

Der Karneval nimmt in diesem Jahr einfach kein Ende.

Keine Angst: Um in der vollendet säkularistischen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts in einem Gespräch über Kirchengeschichte Gehör zu finden und jeden Zweifel hinsichtlich der eigenen kognitiven Superiorität zu zerstreuen, reicht es freilich weiterhin vollkommen aus, mit wichtigtuerisch vorgeschobener Unterlippe „Kreuzzügeinquisitionhexenverbrennung“ zu sagen. Ein Wort, groß. Das reicht, um als aufgeklärt und natur-vernünftig zu gelten. Für Menschen, die sich das nicht merken können, gibt es „Wikipedia“. Doch zur Ergänzung der im Grunde schon hinreichenden Kenntnisse gibt es jetzt das Bildungsfernsehen, das im Zuge des Bologna-Prozesses eingeführt wurde.

In einem Fernsehstudio sitzen zwei als Papst Gregor VII. und Kaiser Heinrich IV. verkleidete 17jährige männliche Mitbürger mit und ohne Migrationshintergrund. Sie werden von einer 31jährigen blonden Moderatorin befragt, die nach drei Semestern Germanistik – „der Praxisbezüge wegen“ – zum Fernsehen gewechselt ist.

Moderatorin (schnell, sicher, souverän): Gregor, Du behauptest, Heinrich mischt sich immer in Deine Angelegenheiten ein. Kannst Du da mal ein Beispiel nennen?

Gregor (mit eigenartig verzogenem Mund): Ja, voll viele, ej!

Moderatorin (freundlich): Eins reicht uns.

Gregor: Ja, ej, zum Beispiel mit die Bischöfe!

Heinrich: Ej, halt’s Maul, piep!

Das Publikum – in der Hauptsache Jugendliche, unter ihnen einige als Bischof verkleidet – grölt.

Moderatorin (eindringlich): Heinrich! Das wollen wir hier nicht hören. Also, Gregor: Was war denn mit den Bischöfen?

Gregor: Naja, plötzlich meint der, er kann das regeln…

Moderatorin (noch eindringlicher): Was regeln?

Gregor: Na, mit die Bischöfe…

Heinrich (laut): Ej, was erzählst Du hier für ’ne piep, du piep!

Moderatorin (sehr streng, aber irgendwie nicht ganz verhehlen könnend, dass es genau das ist, was die Regie will): Heiiiiiiiinriiiiich! Was sagt du dazu?

Heinrich: Ej, dat war jenau umjekehrt. Ej, 500 Jahre ist dat jut jejangen. Ick: gladius materialis und regnum, du: gladius spiritualis und sacerdotium. So, und zwar: beide gleich. So wie Alkuin und Gelasius dat wollten, Alta!

Moderatorin (mit gespieltem Interesse): Alkuin? Gelasius?

Gregor (gelangweilt): Sin Kumpels von uns, sin schon lange tot.

Heinrich: Denn kommt er plötzlisch und meint (imitiert Schwuchtel): Ach, Heinrich….

Das Publikum amüsiert sich, einige kichern.

Moderatorin (sich selbst kaum halten könnend): Halloooo. Bitte!

Heinrich (ob seiner gelungenen Komik mit sichtlichem Stolz fortfahrend): Ey – un dann meinter, er macht misch fätisch und so. Voll krass, ey.

Moderatorin: Wie jetzt, Gregor: „fertig machen“?

Gregor (grinst schief): Ja, Handy platt machen und so.

Moderatorin (im Sinne des sendereigenen Justiziars mit leicht entsetztem Unterton): „Handy platt machen“?

Gregor: Excommunicatio. (zu Heinrich) Da haste dann aber die Muffe gekricht, wa?

Heinrich: Ey, Alter, du blödes piep. (zur streng, aber doch irgendwie amüsiert blickenden Moderatorin): Watt soll isch denn mache’, ey?!

Aus dem Publikum kommt die Wortmeldung eines Bischofs.

Bischof: Ich kenn’ Gregor schon lange. Sin’ zusammen zu’ Schule g’’angen un’ so…

Moderatorin (leicht genervt): Deine Frage…

Bischof: Ja, ich wollt ma’ von Heinrich wissen: Ej, Alta, ej, wie tickst Du eigentlich. Du hast doch keine Ahnung, Alta!

Das Publikum johlt.

Moderatorin (in Reminiszenz an ihre drei Semester Germanistik): Das war – streng genommen – keine Frage, aber gut. Fragen wir mal unseren Experten Dr. Brechtler. (Sie wendet sich zu einem bärtigen, etwas untersetzten Mittfünfziger.) Dr. Brechtler, was sagen Sie zu Gregor und Heinrich?

Dr. Brechtler (eine besorgte Miene aufsetzend): Gregor, Heinrich. So wie ihr euch hier aufführt, ist es kein Wunder, dass immer mehr Menschen das Vertrauen sowohl in die Kirche als auch in die Politik verlieren.

Das Publikum grölt.

Moderatorin (in das Grölen hinein): Nach der Werbung machen wir Bekanntschaft mit Hassan und Steffen, die als Heinrich VIII. bzw. Thomas Morus über die Suprematsakte streiten.

Man sieht einen kurzen Ausschnitt.

Thomas Morus: Du kannst doch nur diesen hier!

Er deutet, indem er mit der flachen linken Hand auf die rechte Faust schlägt, an, dass mit „diesen“ so etwas wie Geschlechtsverkehr“ gemeint ist. Im Hintergrund grölt das Publikum.

Heinrich VIII.: Isch mach’ disch kalt!!!

Heinrich (schon in der Abblende, von der Erkennungsmelodie der Talkshow überlagert): Wieso jetz’ „VIII.“, Alta? IV.!

Moderatorin (besänftigend): Du bist doch gar nicht gemeint.

Heinrich: Ah, so.

Gregor (grinst schief): Saublöd der Typ, ey!

Heinrich: Piep.

Ende.

Leicht überarbeiteter Auszug aus: Bildung Bolognese.

(Josef Bordat)

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