Zur Diskussion um die Petition
16. Februar 2011
Eine Antwort auf „Offener Brief an Pro ekklesia“ von Pfarrer Martin Müller, Regensburg.
Sehr geehrter Herr Pfarrer Müller,
gestatten Sie mir als Unterzeichner der Petition einige Anmerkungen. Ich spreche dabei nur für mich, nicht für den Initiator bzw. die Organisator/inn/en der Seite. Auch, wenn ich meine, annehmen zu dürfen, dass sie sich zumindest in einigen Punkten mit meiner Darstellung anfreunden könnten.
1. Gut zwei Drittel Ihres Briefes behandelt den Vorwurf der Diskursverweigerung, Blockadehaltung, Abschottung, DDR-Mentalität etc. gegen die Petitions-Unterzeichner. Die Begründung dafür erschöpft sich in der Feststellung, dass auf der Petitionsseite keine Diskussionsmöglichkeit gegeben ist. Nun, auf der Memorandumsseite ist ebenfalls keine Diskussionsmöglichkeit gegeben.
Was darf ich daraus schließen? Dass die Damen und Herren Theolog/inn/en rechthaberische, intolerante Despoten sind, die in ihrer grenzenlosen Arroganz vom fäuligen Kommentargestank primitiv Glaubender verschont bleiben wollen? Dass sie am Ende gar keinen Diskussionsbedarf sehen, da sie in ihrer unendlichen Weisheit den Willen Gottes als platonische Idee unmittelbar schauen?
Wäre das eine angemessene Schlussfolgerung?
Vielleicht stimmen Sie mir zu, wenn ich behaupte, dass es auch andere Gründe für die Sperrung der Kommentarfunktion bzw. das Nichtzulassen eines Gedankenaustausches geben könnte. Etwa den, dass man keine Lust und Zeit hat, sich mit Trollen und Spamern rumzuschlagen. Zumal, wenn man so eine Seite privat initiiert und ehrenamtlich verwaltet, wie das bei der Petition der Fall ist (ob beim Memorandum kann ich nicht beurteilen, ich unterstelle aber zugunsten der betreffenden Damen und Herren, dass sie die Aktion ausschließlich in ihrer Freizeit und ausschließlich mit privaten Ressourcen bestreiten).
Also: Nicht jeder, der keinen Schlachthof betreibt, ist Vegetarier.
2. Zum Inhaltlichen. Sie plädieren für mehr Offenheit und Freiheit. Dazu ist einerseits die Frage zu stellen: Wofür soll sich die Kirche öffnen? Für die Sünder oder die Sünde? Für alle oder für alles? Wer für alles offen ist, kann wohl nicht ganz dicht sein. Andererseits gehört es zu den bekannten Paradoxien der Freiheit, dass sich mit der Zunahme an Optionen weder emotional noch faktisch mehr Freiheit einstellt. Offenheit führt zu mehr Optionen, aber nicht zu mehr Freiheit. Und schon gar nicht zu einem gelungenen, glücklichen Leben. Das gilt individuell, aber auch institutionell. Das auszuführen, schaffe ich jetzt zeitlich nicht. Auf Nachfrage gebe ich gerne eine Erläuterung.
3. Oft ist die Rede davon, dass die Kirche auf die Menschen zugehen muss. Selten hört man, dass auch die Menschen auf die Kirche zugehen müssen.
Ich stimme Ihnen zu, dass das Evangelium im Zentrum stehen muss, weil es Jesus ist, dem wir folgen, weil es Sein Weg ist, den wir weisen sollen. Dann aber bitte das ganze Evangelium, auch die Stellen, die vom Menschen eine Entscheidung verlangen, auch die Stelle, wo Jesus die Händler aus dem Tempel wirft und deutlich macht: So nicht!
Zudem: Wer spricht denn von der dringenden Notwendigkeit der Neuevangelisierung? Die Petitions-Unterzeichner oder die Memorandums-Unterzeichner? Und wer betreibt Neuevangelisierung, wer macht sich die Hände schmutzig in zähen Diskussionen mit Kirchen„kritikern“ und „erleuchteten“ Atheisten? Wer verteidigt dabei den christlichen Glauben gegen dämliche Stereotype und die Priester gegen freche Pauschalurteile? Wer schreibt Leserbriefe und korrigiert die einseitige Sicht der Medien (und damit der Gesellschaft) auf die Kirche? Das machen vornehmlich die, die auch die Petition unterstützen! Gerade aus dieser Ecke kommt der Ruf nach Mission, gerade unter denen sind viele, die sich – aus Liebe zu Ihm und als Liebe zu Seiner Kirche – als Blogger oder in sozialen Netzwerken im besten Sinne missionarisch betätigen, indem sie aufrichtig, engagiert und überzeugend von ihrem Glauben sprechen. Für die Memorandums-Unterzeichner scheint dagegen das Thema Mission mit Einrichtung eines „Arbeitskreis Mission“ erledigt.
4. Offensichtlich scheinen Sie zu glauben, die Kirche könne den Menschen ihre Hoffnung stärken und ihnen Frieden geben und damit letztlich das Heil bedeuten, indem sie mit den Menschen menschlich umgeht. Menschlichkeit ist aber nur eine Seite des christlichen Glaubens, die es so oder so ähnlich auch in jedem gut geführten Sportverein zu erleben gibt. Die Kirche muss darüber hinaus (und ich denke: zuerst und vor allem) die Transzendenzsehnsucht der Menschen stillen.
Besonders aufmerksam muss die Kirche dort sein, wo das Bedürfnisse nach Annahme und Wärme und Befriedigung in Selbstinszenierung und die Lust am Spektakel umschlägt. Die Heilige Messe ist keine Show, mit der man die Zeit bis zum Sonntagsbrunch überbrückt. Gerade dies veranlasst die Petitions-Unterzeichner dazu, liturgische Experimente, die auf Effekte ausgerichtet sind, sehr kritisch zu betrachten.
5. Zu all dem gehört auch, dass man einen Wahrheitsanspruch dort aufrecht erhält, wo er angemessen ist. Beliebigkeit überzeugt nämlich Niemanden. In dem Zusammenhang: Jesus hatte nicht „die Hoffnung“, der Weg, die Wahrheit und das Leben zu sein, sondern die Gewissheit. Er hat auch nicht gesagt, jeder komme „irgendwie so“ zum Vater, Hauptsache, er/sie/es „bringt sich ein“, sondern er hat gesagt: Keiner kommt zum Vater. Außer durch mich. Damit wäre das schon mal klar. Ich meine, bevor im nächsten Memorandum die Begriffe „Heil“, „Erlösung“ und „Reich Gottes“ neu gefasst werden.
Lieber Herr Pfarrer Müller, Sie werden merken, dass an einigen Stellen der Polemiker in mir die Tastatur übernommen hat. Ich möchte Sie und die Memorandums-Freunde nicht kränken. Ich habe auch nicht die Lösung für alle Herausforderungen, denen sich die Kirche in Deutschland stellen muss. Ich denke aber, dass das Memorandum den falschen Weg weist. Es ist der breite, bequeme Weg durch das offene Tor. Die Kirche aber sollte nicht müde werden, nach dem schmalen Pfad und der engen Pforte zu suchen.
Parallel zu dieser Veröffentlichung in Ihrer Kommentar-Box werde ich meine Antwort auch in meinem Blog veröffentlichen. Dort finden Sie auch weitere Stellungnahmen zum Memorandum.
Herzliche Grüße und Gottes Segen,
Ihr
Josef Bordat