Sex mit der Nachbarin
17. Februar 2011
Einblicke in den Literatur- und Wissenschaftsbetrieb.
Achtung: Der folgende Beitrag enthält explizite Sprache. Er darf daher nur nach Vollendung des 18. Lebensjahres gelesen werden. Bitte verifizieren Sie Ihr Alter durch Beantwortung folgender Kontrollfrage:
Wer ist „an allem Schuld“?
a) der Schiri
b) der Jude
c) die Kirche
d) die da oben
Die richtige Antwort ist e) der Papst.
Sie dürfen jetzt weiterlesen. Vielen Dank!
Vor einem Jahr der Plagiats-Skandal um Ullstein-Autorin Hegemann, jetzt – wieder zur besten Karnevalszeit – der Plagiats-Vorwurf gegen Bundesverteidigungsminister zu Guttenberg: Literatur und Wissenschaft bangen um ihre gesellschaftliche Reputation. Viel zu bangen gibt es da eigentlich nicht.
Es gab mal eine Zeit, da dachte ich, um ein erfolgreicher Autor zu sein, müsse man ein guter Autor sein. Ich war damals sieben Jahre alt. Die Wahrheit ist: Um ein Buch, das man schrieb, zu einem Best- oder zumindest zu einem Ich-kann-meine-Miete-davon-zahlen-Seller zu machen, bedarf es einiger Anstrengung. Keine Angst, nicht beim Schreiben, sondern davor und danach.
Der Titel
Alles entscheidend ist der Titel. Darauf muss man vor der Publikation einige Gedanken verschwenden. Grundsatz: Das Buch soll sich verkaufen lassen. Scheuen Sie sich also nicht davor, eine Abhandlung über thomistische Neoscholastik „1000 nackte Weiber“ zu nennen. Oder wenigstens „Harry Potter und die thomistische Neoscholastik“. Ein Buch über Mathematik, wie sie in der neunten Klasse an nordrhein-westfälischen Gymnasien gelehrt wird, findet unter „Ninas neues Nippelpiercing“ auch mehr Beachtung als unter „Lehrbuch der Mathematik für die Klassenstufe neun“.
Zielgruppenspezifikation
Schon mal darüber nachgedacht, warum vor, nach und – wenn’s so weiter geht – auch während eines Fußballspiels für Bier und Autos geworben wird? Und vor Sendungen mit George Clooney für Trommelkurse und Eierlikör? Eben! – Zielgruppenspezifikation ist auch bei Büchern wichtig. „Harry Potter und das Geheimnis der Arbeitsagentur“ für den Osten, für den Westen – „Harry Potter und das rätselhafte Ferienhaus auf Sylt“. Frauen: „Harry Potter will nur reden“, Männer: „Harry Potter und die blonde Brauereibesitzerin mit dem Sky-Abo“. Jetzt sind Sie dran!
Klau, aber schlau!
Plagiate sind der Renner. Haben Sie Mut, sich des Verstandes anderer Leute zu bedienen! Nur müssen Sie aufpassen, dass die Sache nicht auffällt und wenn sie auffällt, dass sie nicht justiziabel ist. Letzteres sagt Ihnen der Anwalt des Ullstein-Verlags, ersteres sage ich Ihnen: Wechseln Sie einfach Schlüsselbegriffe aus, deren Verwendung verräterisch wäre. Anregungen finden Sie bei Gleichstellungsbeauftragen, politischen Beratern und Absolventen des Bacholor-Studiengangs „Euphemistic Studies“ (Gibt’s nicht? Geduld!). Beispiel: Eine dramatische Schlüsselszene in einer Berliner U-Bahn wird in der Textvorlage eingeleitet mit: „,Ey, bist du behindert?!’, sagte der junge Mann mit dem dunklen Teint und der Schnellfeuerwaffe. ,Willst du Krieg, oder was?!’“ (Ja, liebe Berliner, das ist Alltag, ich weiß. Aber im Verbreitungsgebiet des Internet könnte es Regionen geben, in denen man das „dramatisch“ nennt!) Bei Ihnen steht dann: „,Ey, bist du leistungsgewandelt?!’, sagte der junge Mann mit dem dunklen Teint und der Schnellfeuerwaffe. ,Willst du die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln/indirekte Subventionen für Rheinmetall/eine bewaffnete Auseinandersetzung, bei der es unvermeidlich ist, dass auch mal deutsche Soldaten betroffen sind – damit müssen wir leben, wenn wir unserer Verantwortung in der Welt auch und gerade…, oder was?!’“ So, und da soll Ihnen mal jemand einen Strick d’raus drehen!
Eine lohnenswerte Alternative: Das E-Book
Besondere Bedingungen gelten für Online-Texte. Wer heute im Internet, also „online“, ankommen will, der muss den Text suchmaschinenoptimieren, um reich und berühmt zu werden. Suchmaschinenoptimiert ist ein Text dann, wenn er bei der Abfrage oft in Suchmaschinen gesuchter Begriffe gefunden wird und in der Trefferliste „optimal“, also möglichst weit oben, platziert ist. Häufig gesuchte Begriffe sind: „Sex“, „Steuern sparen“, „George Clooney“, „Georg Cloony“, „Gregor Clouny“, „Karten für’s Pokalendspiel – NICHT Bayern-Fanblock!“, „Schäferhund“, „Hundetraining“, „Paris Hilton“, „Paris Hilton nackt“ und „5 Euro mehr Hartz IV im Monat – wo kann ich investieren?“. Mit signifikant großem Abstand am häufigsten gesucht wird „Sex mit der Nachbarin“.
Wenn Sie also einen Text zum Thema „Martin Heideggers Metaphysik fundamentalontologischer Hermeneutik“ schreiben, dann kommt es eben Sex darauf an, an geeigneten Hundetraining Stellen diese Begriffe möglichst Paris Hilton nackt unauffällig einzuarbeiten, damit der Hundetraining Lesefluss erhalten Steuern sparen bleibt, denn: 5 Euro mehr Hartz IV im Monat – wo kann ich investieren? Der Leser soll ja nicht merken, dass der Artikel nur Hundetraining geschrieben wurde, damit Paris Hilton er angeklickt wird, um Sex die Zugriffsraten Hundetraining zu erhöhen, damit die neben den Text Sex platzierte Werbung Steuern sparen möglichst preisoptimiert verkaufen werden kann. Paris Hilton nackt. Was dachten Sie denn, warum im Internet soviel geschrieben wird? Um der Welt etwa mitzuteilen, dass Martin Heidegger den Durchblick durch die Metaphysik fundamentalontologischer Hermeneutik hatte? Oder Sex mit der Nachbarin? So naiv ist doch noch nicht mal der Schäferhund von Paris Hilton! Oder Gregor Clouny.
Was können Sie sonst noch für sich tun?
Selbstverständlich müssen Sie sich für eine breite Öffentlichkeit interessant machen. Wenn Sie nicht an einer unheilbaren Krankheit leiden, mindestens fünf Jahre unschuldig im Gefängnis oder in einer Landesregierung Ostdeutschlands saßen, einen Migrationshintergrund aufweisen oder schwul sind, müssen Sie da wohl oder übel Ihre Phantasie anstrengen.
Sorgen Sie für einen Skandal. Treten Sie in die Kirche ein. In die katholische. Sagen Sie: „So schlecht spielt Schalke ja nun auch nicht!“ Sagen Sie es mehrmals. Sagen Sie es öffentlich. Sagen Sie es in Dortmund. Sagen Sie es. Und sagen Sie, Ihre Schwester ist bei „Al Kaida“. Wenn Sie keine Schwester haben, dann waren Sie eben selbst bei „Al Kaida“, wollen aber den Weg der Gewalt verlassen. „Und dabei hilft mir das Schreiben.“ Tränen. – Wenn das alles nicht klappt, unternehmen Sie einen Selbstmordversuch.
Dann brauchen Sie ein Markenzeichen, damit man Sie erkennt. Die Kund… Menschen sollen sofort wissen, wer Sie sind, so sie nur den Hauch einer Spur von Ihnen erhaschen. Damit sie sagen: „Ah ja, das ist doch die/der mit dem Schlapphut/Nasenring/Mundgeruch.“, dürfen Sie sich in der Öffentlichkeit natürlich nicht mehr anders zeigen als mit Schlapphut, Nasenring und/oder Mundgeruch. Image ist alles. Im Ausland braucht man als Deutscher ja auch keine langen Erklärungen abzugeben. „Ah, Deutschland – Hitler, Beckenbauer, Theologen-Memorandum.“ So geht das!
Und wenn Sie dann immer noch nicht reich geworden sind mit Ihrem Toskana-Reiseführer (Arbeitstitel: „Karten für’s Pokalendspiel“), dann antworten Sie doch einfach dem netten ehemaligen nigerianischen Präsidentschaftskandidaten, der Ihnen jeden zweiten Tag fünf Prozent seines Milliardenvermögens schenken will, sobald Ihr Konto-PIN-Code auf Mr. Nbongas Schreibtisch liegt.
Aber tun Sie was. Irgendwas. Sonst enden Sie so wie ich. Als verarmter Autor. Im Bayern-Fanblock.
(Josef Bordat)