Menschenfischer 2.0. Die katholische und apostolische Kirche im Netz

31. März 2011


Auszüge aus dem folgenden Aufsatz wurden unter dem Titel „Kirche im Web 2.0“ in „euangel“ (1/2011) (pdf-Dokument, 5 MB) veröffentlicht. In dieser Ausgabe befindet sich auch ein Artikel von Stefan Lesting, der für das Weblog FRISCHFISCHen verantwortlich zeichnet, desweiteren Texte von Norbert Mette (Professor für Religionspädagogik und Praktische Theologie, Dortmund) und Hildegard Wustmans (Professorin für Pastoraltheologie, Linz) sowie viele andere interessante, informative und anregende Beiträge zur missionarischen Pastoral.

I. Was ist das – „Web 2.0“?

Nachdem das Internet von der militärischen und wissenschaftsinternen Nutzung in den 1970er Jahren zur allgemeinen zivilen Nutzung gelangte, war es zunächst – neben der Kommunikation über E-Mail – eine weitere Quelle für Information, die eindimensional vom Sender zum Empfänger ging. Vor allem die Quantität dieser Informationsangebote nahm in den 1990er Jahren mit dem „world wide web“ erheblich zu. Es folgte mit der eigenen Website („homepage“) die Phase einer ersten Partizipationsform, deren wirtschaftliche Verwertung in Gestalt virtueller Vertriebswege um die Jahrtausendwende in einen hochspekulativen „Dot-com“-Hype mündete, der zum Zusammenbruch vieler Unternehmen führte, die gehofft hatten, mit den Techniken und Anwendungen des Internet schnellen, einfachen und besonders hohen wirtschaftlichen Erfolg haben zu können.

Das Internet musste sich neu erfinden – und tat es. In Analogie zur Software-Versionierung wird dieses neue, dennoch in Tradition zum alten Internet stehende „world wide web“ seit 2003 „Web 2.0“ genannt, eine Sammelbezeichnung für Angebote der offenen und kostenlosen („open source“) social media, die von social communities wie „Facebook“ über Chats, Weblogs (kurz: „Blogs“), einschließlich „micro-blogging“ („Twitter“) und Foren bis hin zu themenbezogenen Jedermann-Enzyklopädien („Wikis“, in Anlehnung an Wikipedia) reichen. Auch virtuelle Welten (etwa „Second Life“) gehören dazu, wobei ihre Dreidimensionalität bereits den Begriff „Web 3D“ herausgebildet hat, den einige bereits als weiteren Schritt in die Zukunft des Netzes betrachten.

Das Neue am Web 2.0 ist die Verzahnung von Interaktion und Kollaboration. Neben dieser qualitativen Veränderung, die den Gegensatz von aktiver Bearbeitung und passiver Benutzung überwindet und den Benutzer zum Erzeuger, Bearbeiter und Beurteiler der Inhalte macht („user generated content“), ist es vor allem die quantitative Bedeutungszunahme, die das Neue am Web 2.0 ausmacht. Neben den neuen Techniken und neuen Anwendungen gibt es eine neue Dimension einer intensiven weltweiten Nutzung. So existieren etwa 200 Millionen Blogs. Das Netzwerk „Facebook“ hat 500 Millionen Nutzer. Es ist eine Medienrevolution im Gange, für die gilt: Wer nicht „dabei“ ist, ist draußen, auch wenn er „drin“ ist. Viele vergleichen sie schon mit der Erfindung des Buchdrucks.

II. Kirche im Web 2.0

Für die Kirche ist das ein problematischer Vergleich: In der ersten Medienrevolution vor mehr als 500 Jahren war sie im Fokus und zerbrach letztlich unter dem Druck der von Gutenberg umfunktionierten Weinpresse. Die Ideen der Reformation konnten nur durch die (für damalige Verhältnisse) in kurzer Zeit massenhaft gedruckten und verbreiteten Flugblätter und Pamphlete den persönlichen Wirkungskreis ihrer Urheber überschreiten. Heute geht es ums Ganze: Globalität ist der Maßstab, unter dem in der medialen Kommunikation nichts mehr geht.

Das wiederum ist für die Kirche eine gute Nachricht: Der Katholizismus ist der erste „Global Player“ der Kulturgeschichte. Zudem hat die Kirche mit ihrer Theologie und Pastoral für die Ontologie und Phänomenologie des Web 2.0 ein adäquates Begriffsrepertoire anzubieten, wie der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Norbert Bolz hervorhebt. Der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Beziehung, nach Rückbindung („religio“) an eine Gemeinschaft („social community“), sich jedoch zugleich die Freiheit zu bewahren, in ihr nach mehr oder weniger starker Anbindung zu suchen („networking“), das alles ist der Kirche nicht fremd. Die Gleich-, Über- und Unzeitlichkeit des Internet, seine Entgrenzungseigenschaft und sein Einheitsgebaren lässt sich ohnehin nur mit Bezug zur Transzendenz verstehen. Nachdem die Digitalität des Computers auf einem schöpfungstheologischen Gedanken basiert (nämlich Leibnizens Binärcode, in dem die „1“ für Gott und die „0“ für Nichts steht), ist auch das Internet in seiner Konstitution zutiefst religiös. Das ist eine Steilvorlage für die Kirche.

Selbstverständlich ist die katholische Kirche bereits vielfältig im Web 2.0 vertreten. Neben „klassischen“ Angeboten wie Informationsseiten mit eingeschränkter Interaktionsmöglichkeit (Gästebuch, Kontaktformular), ist in den letzten Jahren einiges in Bewegung geraten: Bischöfe, Priester und engagierte Laien, die katholische Weblogs betreiben und damit die rasant wachsende „Blogozese“ bilden, Kirche im „Second Life“, Foren, in denen Glaubensfragen diskutiert werden, Lektoren- und Ministrantenpläne im Facebook, katholische Applikationen für iPhone und iPad, Taufkurse per Mausklick und auch den Petersdom in Rom kann man virtuell besuchen. Ein darüber hinausgehendes, vertieftes und verbreitertes Angebot ist wünschenswert, zumal offensichtlich viele Menschen gerade im Internet nach religiösen Themen suchen. Dabei müssen allerdings – ausgehend von der Phänomenologie des Web 2.0 – einige Dinge beachtet werden.

Zunächst und vor allem: Kirche im Web 2.0 bedeutet nicht „Kirche 2.0“. Die Kirche, die sich im Netz dem „User“ (vor)stellt, darf keine andere Botschaft haben als die Kirche, die seit zwei Jahrtausenden das Vermächtnis Jesu Christi verwaltet. Sie muss die Botschaft anders vermitteln, darf aber in der Sache nicht aufweichen. Diese Gefahr besteht in einem Umfeld, dass nicht unbedingt leicht zugänglich ist für Themen um Religion, Glauben und Kirche. Denn so günstig die konstitutiven Meta-Bedingungen des Internet mit seiner Nähe zu theologischen Konzeptionen und so groß die spirituellen Sehnsüchte der suchenden „User“ auch sein mögen, so sehr ist die Meinungsführerschaft in den Großprojekten des Web 2.0 geprägt von einer religionskritischen Grundeinstellung, getragen von weltanschaulich kirchenfernen Prädispositionen und durchsetzt von der Dominanz technisch-wissenschaftlicher Interpretationsmuster, die eine starre methodologische und epistemologische Ausrichtung begründen, die wiederum durch eine perpetuierende Selbstbezüglichkeit von Blogs und Foren zu einer Deutungshoheit auch in anderen Feldern des Web 2.0 führt und damit am Ende bestimmte Weltbilder verfestigen hilft.

Das Paradebeispiel dafür ist das Jedermann-Lexikon „Wikipedia“, dessen deutsche Administratoren eindeutige soziographische Grunddaten aufweisen: sie sind männlich, um die vierzig Jahre alt, als Angehörige der „C64“-Generation meist technisch firm und EDV-affin, oft wissenschaftlich ausgebildet und überwiegend areligiös; bei einer Umfrage bekannten sich nur vier Prozent von ihnen zum christlichen Glauben. Selbstverständlich tragen diese Protagonisten des Web 2.0 ihre persönliche Haltung in die Arbeit hinein, sobald es um einschlägige Fragen geht, einer Arbeit, die im Wesentlichen in einem Meinungsstreit darüber besteht, was in einen Artikel kommt und was nicht. Das Problem ist weniger, dass es hier keine Neutralität gibt (die kann es bei einigen Fragen nicht geben), sondern dass „Wikipedia“ als beliebtes Online-Lexikon bei den meisten Menschen gerade dafür steht, neutral zu sein, eine Fehleinschätzung, an der „Wikipedia“ durch die effektive Vorgaukelung von Neutralität einen erheblichen Anteil hat.

Wie bei jeder Neuerung der wissenschaftlich-technischen Zivilisation gibt es also beim Web 2.0 neben den Chancen auch Risiken, gerade für die Kirche, die im Web 2.0 ein pastorales Angebot unterhalten und ausbauen. Ich möchte daher eine allgemeine Problemphänomenologie vorstellen, Lösungsstrategien entwickeln und Schlussfolgerungen für Kirche im Web 2.0 ziehen.

III. Probleme des Web 2.0 und ihre Bedeutung für die Kirche

Die Markierung des „Problemfelds Web 2.0“ ist nicht einfach, bedingen sich doch formale und inhaltliche, ethische und epistemologische Fragen sehr oft und sehr stark. Eine genaue Typologisierung ist angesichts dessen nur schwer möglich, gleichwohl lassen sich – die kirchliche Verkündigungsarbeit betreffend – drei Hauptschwierigkeiten des Web 2.0 ausmachen: 1. Scheinklarheit (bestärkt durch Scheinoffenheit und Scheinneutralität), 2. Scheindemokratisierung (bestärkt durch Scheinfreiheit), 3. Scheinempathie (bestärkt durch Scheinnähe).

1. Scheinklarheit, Scheinoffenheit, Scheinneutralität

Um erst mal – wie schon in der Einleitung – etwas weiter auszuholen: Die binäre Struktur des EDV-Systems färbt stark auf die mediale Kultur ab, die gleichfalls immer mehr der Dualität gehorcht: „Like or Don’t Like“ – das ist das media-kulturelle Analogon zur „1/0“-Struktur des Digitalrechners. Mit anderen Worten: Wir denken digital, wie ein Computer. Wir sagen „abspeichern“, wenn wir uns etwas merken, „Festplatte löschen“, wenn wir etwas verdrängen wollen. Wir sprechen von uns selbst als Computer – und von Computern als „Personen“ mit „Bewusstsein“, die „suchen“, „rechnen“ und „denken“.

Weiterhin prädisponiert die digitale Technik unsere Modi der Wirklichkeitserfahrung bzw. das, was wir wiederum darüber in Erfahrung bringen. Fragebögen in der empirischen Sozialwissenschaft sind computergerecht gestrickt, der leichteren Auswertung wegen. Da bekommt man dann auf die komplexesten Fragen drei Antwortmöglichkeiten angeboten: „Ja.“, „Nein.“, „Weiß nicht.“ – eine wenig tröstliche Erweiterung der Dualität zur Dreiwertigkeit.

Wir leben also in Zeiten unerträglicher Klarheit der Antworten, der eine noch unerträglichere Unklarheit, ob wir denn die richtigen Fragen gestellt haben bzw., ob wir sie richtig gestellt haben, in eigentümlicher Weise korrespondiert. Der „Klarheit“ wegen verdrängt die Entscheidungsfrage die W-Frage, vor allem, wenn „W“ für „Warum?“ steht.

Zurück zu „Wikipedia“. Sie steht für Klarheit, Offenheit und Neutralität. Wie es um die Neutralität und Offenheit bestellt ist, habe ich bereits angedeutet: Teilhabe ist möglich, muss aber einen Filter passieren (Scheinoffenheit), der Filter selbst wird nach bestimmten Bedingungen errichtet (Scheinneutralität). Doch auch die Klarheit ist – vor dem Hintergrund der skizzierten Medienkultur des Web 2.0 – in Wahrheit eine Scheinklarheit.

Unbestreitbar ist das vorherrschende Prinzip eines Lexikons die Klarheit, die aber bei „Wikipedia“ angesichts der weltanschaulichen Prädisposition ihrer Macher zu Lasten der Wahrheit geht. Das entscheidende Problem ist dabei, dass dieser Zusammenhang selbst für den Nutzer im Unklaren bleibt, der in der Klarheit vor allem ein probates Rezept zur Reduktion von Komplexität erkennt. In Wahrheit wird aber Wirklichkeit auf ein Modell reduziert, das nach bestimmten Regeln gebildet wird. Dabei ist nicht dieses Verfahren zu kritisieren (anders geht es nicht), sondern die Intransparenz der immanenten, gleichwohl informellen Diskursregeln, deren Bedeutung gerade auch dadurch unterschätzt wird, dass hinsichtlich formaler Kriterien eine fast schon überzogene Transparenz herrscht. Gerade bei religiösen Fragen geht es aber vielmehr um die informellen als um die formalen Aspekte der Informationsgenerierung. Ganz im naturalistischen Paradigma wird Werturteilsfreiheit unterstellt, also gemeint, dass es einen „view from nowhere“ (Nagel) gäbe, der den Einfluss von „Interessen“ (Habermas) weitgehend ausschließen könne. Gerade bei religiösen Fragen gibt es diese Werturteilsfreiheit nicht. Hier muss man unterschiedliche Meinungen sorgfältig zusammentragen und bewerten, vor dem Hintergrund vernünftiger Überlegungen und der persönlichen Erfahrung. Zu dieser unumgänglichen Eigenleistung regt „Wikipedia“ in ihrer Konstruktion gerade nicht an.

Im Gegenteil: Die erfolgreich suggerierte „Wikipedia“-Klarheit färbt das Web 2.0. Viele Benutzer lassen sich von der lexikalischen Übersichtlichkeit mit ihrer scheinbaren Klarheit und Eindeutigkeit beeindrucken. Einmal für klar und eindeutig befunden, werden die Erträge einer „Wikipedia“-Recherche nicht mehr hinterfragt und prägen den Tenor von Beiträgen in allen journalistischen Formen und Qualitäten der medialen Online-Welt. Das große epistemologische Problem besteht darin, dass dabei oft gar nicht mehr zwischen Information und Wissen (als interpretierte Information) bzw. zwischen Wissen und Wahrheit (die mehr ist als der Wissensbestand) unterschieden wird. Das Interpretament gilt als nicht mehr interpretationsbedürftig. Die Deutung eines Sachverhalts haben ja bereits die Autoren des betreffenden „Wikipedia“-Artikels übernommen – dafür hat man den Artikel schließlich aufgerufen! So kann man ihn kritiklos übernehmen. Dahinter steht das Vertrauen auf die unhintergehbare Autorität der Schwarm-Intelligenz der „User“-Masse. Weil diese aber von den methodologischen und epistemologischen Bedingungen der Informationsgenerierung bzw. von denen, die diese Bedingungen für richtig halten, mit unsichtbarer Hand gelenkt wird, ist das ein sehr problematisches Kriterium. Dennoch baut man darauf, und damit letztlich wiederum auf die eigene Fähigkeit, denn jeder „User“ ist Teil der Masse. „Wikipedia“ kritisieren heißt sich selbst kritisieren. Und wer macht das schon gerne.

Schließlich dominieren in einem „wikipedisierten“ Web 2.0 punktuell zentrierte, ausschnittsartige und fragmentarische, vor allem aber kurze und knappe Beiträge mit dem Anspruch, die behandelten Fragen einer klaren, übersichtlichen, vor allem aber neutralen Antwort zuzuführen. Ironie am Rande: Vernetztes, verzahntes Denken wird damit gerade im Internet, das ja von Vernetzung konstitutiv bestimmt wird, nicht gestärkt. Denn ein Text kann noch so viele Hyperlinks enthalten, wenn nicht deutlich wird, mit welcher Anstrengung um Antworten zu ringen ist und das die Lösung oft nur einzukreisen, nicht aber zu erfassen ist, dann werden diese allenfalls als Aufforderung zur Verbreiterung des „Wissens“ aufgefasst, nicht zu dessen Vertiefung und schon gar nicht zur Klärung der Bedingung der Möglichkeit, in der aufgeworfenen Frage überhaupt zu Wissen zu gelangen. Ergänzende, linear addierte Zusatzinformation ist sicher wertvoll, aber etwas völlig Anderes als die Sättigung des Wissens durch vernetztes Denken.

Bei komplexen Themen führt die „Wikipedisierung“ zu unsachgerechten Verkürzungen und nicht etwa zu Einfachheit, sondern zu Banalität. Werden theologische oder religiöse Fragen in diesem Rahmen abgehandelt, entstehen meist gänzlich ungeeignete Darstellungen. Damit muss Kirche im Web 2.0 zurechtkommen. Noch einmal: Kirche im Web 2.0 darf nicht zur „Kirche 2.0“ werden. Es wäre fatal, passten sich Theologie und Pastoral im Web 2.0 den Bedingungen des Mediums so sehr an, dass unter der Form schließlich der Inhalt litt. Darum gilt es verstärkt darauf zu achten, dass in dem Bemühen, sich unter den Gegebenheiten des Web 2.0 wirkungsvoll zu positionieren, nicht der Verkündigungsauftrag leidet. Auch müssen (gespielte oder echte) Enttäuschungen seitens der weitgehend „wikipedisierten“ Zielgruppe diesbezüglich hingenommen werden, etwa dann, wenn Einlassungen gerade nicht die gewohnte Klarheit aufweisen. Fragen religiöser Orientierung lassen sich eben nicht immer eindeutig beantworten, schon gar nicht in der üblichen Kürze. Es tut weh, dies als Schwäche ausgelegt zu bekommen, doch das muss man aushalten.

2. Scheindemokratisierung, scheinbarer Freiheitszuwachs

Die „Wikipedisierung“ wirft die Frage nach Freiheit und Demokratie auf. Auch die oft beschworenen Stärkung von Freiheit und Demokratie im und durch das Web 2.0 erweist sich im Lichte genauerer Betrachtung als Mogelpackung.

Richtig ist zunächst: Außerhalb von „Wikipedia“ darf jeder schreiben, was er will; auch Irrtümer gelten als veröffentlichungsfähige Meinung, wie sollte es anders sein. Doch anders als in Publikationen außerhalb des Web 2.0 durchlaufen die Beiträge in der Regel kein Begutachtungsverfahren (das nicht ein förmliches sein muss, sondern hier ganz allgemein als Korrektiv einer kritischen Kommunität – Kollegen, Familie, Freunde – verstanden werden soll), bei dem die ganz offensichtlich fehlerhaften Passagen herausgefiltert und unklare Stellen präzisiert werden können. Die Korrektur finden ausschließlich im (nachträglichen) Diskurs statt, der in seinem Niveau erheblichen Schwankungen ausgesetzt ist, von denen durch Diskursregeln, auf die ich unter Punkt 3 noch kommen werden, nur die Spitzen gekappt werden können. Damit werden Demokratie und Meinungsfreiheit im Netz jedoch nicht gestärkt, sondern geraten durch die implizite Überdehnung gerade in Gefahr.

Gleichheit in der Ungleichheiten, die sich aus den sehr verschiedenen Ausgangsbedingungen und Voraussetzungen ergibt, ist keine „Demokratisierung“, sondern der erste Schritt in die Informationsanarchie. Jeder würde unmittelbar einsehen, dass man zu Fachthemen Fachleute aufs Podium setzt, deren Diskussionskompetenz erwiesenermaßen hoch ist. Im Internet ist das anders: Wer will, der darf. Der Boom der „echten“ benutzergenerierten Inhalte (Foren, Blogs) zeugt davon, dass viele wollen. Sehr viele. Zu viele.

Die geringen Zugangsvoraussetzungen bringen es mit sich, dass im Web 2.0 der „User“ nicht nur die Inhalte bestimmt, er beurteilt sie auch. Es stellt sich die Frage: Anhand welcher Kriterien sollte er das tun, wenn er selbst keine Expertise hat? „Wikipedia“, die für eine Erstinformation durchaus ihren Wert hat, bürgert sich immer mehr als Letztinstanz für die Bereitstellung von Kriterien ein – mit all den unter Punkt 1 genannten Schwierigkeiten. Damit drehen wird uns im Kreis der wechselseitigen Abhängigkeit. Wir geraten in eine Zirkularität, die eine fatale „conditio Web 2.0“ hervorbringt, aus der es im System selbst keinen Ausweg gibt.

Die Stärkung der Demokratie im „Web 2.0“ ist also bestenfalls eine ambivalente Sache. Es ist zudem – so meine ich – stark themenabhängig, ob es einen Freiheitszuwachs gibt. Einerseits stärkt die Niedrigschwelligkeit beim Zugang zu politischen Diskussionen die Demokratie; wir nähern uns quasi dem „herrschaftsfreien Diskurs“ (Habermas). Andererseits leiden Fachdebatten darunter, dass durch die formale Ununterscheidbarkeit der Teilnehmer und die reine Inhaltsorientierung eine Meinungsbildung für Laien eher erschwert als erleichtert und somit die Meinungsfreiheit nur scheinbar gestärkt wird.

Es entsteht darüber hinaus ein sich selbst verstärkender Abwärtssog: Wenn die Fachleute schweigen, weil sie das Web 2.0 aus formalen und inhaltlichen Gründen meiden (gerade in den Geisteswissenschaften gibt es erhebliche Vorbehalte), haben die Laien das Wort und generieren selbst ihre Lösungen, was die Fachleute noch mehr abstößt. Wer etwa theologische oder religiöse Fragen im Netz recherchiert, stößt teilweise auf unfassbare Stellungnahmen, die es nahe legen, „Schwachsinn“ als terminus technicus einer Web 2.0-Diskursanalyse einzuführen.

Die Diskussionskultur in diesen und anderen Fragen ist darüber hinaus tatsächlich geeignet, die Meinungsfreiheit schon methodisch und damit systematisch einzuschränken: Wenn nur noch gilt, was in „Wikipedia“ steht und wenn „Wikipedia“ in weit überdurchschnittlichem Maße von Atheisten und Agnostikern verwaltet wird, dann entsteht für die Vermittlung des Glaubens im Netz eine ungünstige Schieflage hinsichtlich der Deutungshoheit in der Frage, was überhaupt als „Meinung“ zulässig ist, wie ein „Argument“ im Diskurs auszusehen hat und auf welche Wörter man sich einigt, um Begriffe zu bezeichnen, ohne, dass es hierzu eine problematisierende Auseinandersetzung gäbe. So kann man das Mitteilen von Glaubensüberzeugungen als „Mission“ bezeichnen oder als „Propaganda“. Wird es grundsätzlich so verstanden, weil „Glauben“ nur subjektives „Meinen/Für wahr halten“ und nicht „Vertrauen“, „Hoffen“, „Lieben“ bedeutet und hinsichtlich der Vermittlung von „Für wahr Gehaltenem“ nicht mehr zwischen „Religion“ und „Ideologie“ unterschieden wird/werden soll bzw. kann, wird das negativ geprägte „Propaganda“ zur wertneutralen Bezeichnung und die Franziskanerschwester steht in der Nähe von Goebbels und Schnitzler. Darauf lässt sich eine Kirche im Web 2.0 ein. Sie muss es, um die nach unten wandelnde Spirale aufzuhalten und die Begriffe wieder einer anderen Sicht zuzuführen.

Die Form tut ihr übriges: Der „Like“-Button ersetzt die positionsbegründende Stellungnahme. Kurzmitteilungen übernehmen die Rolle rechtfertigender Argumentationen. Die Aufmerksamkeitsspanne ist in der 140-Zeichen-Welt des Web 2.0 extrem kurz. Nicht nur komplexe Zusammenhänge werden damit nicht mehr in ihren Komplexität begriffen, sondern häppchenweise, auch Meinungsbildungsprozesse als „Reifung“ einer Position können so nicht mehr stattfinden. Was damit zunimmt ist Manipulierbarkeit.

Zum Teil geschieht Manipulation ganz gezielt. Das Durchsetzen einer Agenda geht im Internet sehr leicht. Es ist dabei keine formale Unterdrückung durch Verbote nötig, das läuft eher psychologisch: Wer hat schon Lust, in einem bürgerjournalistischen Forum einen Artikel über das letzte Pfarrfest einzustellen, wenn es dafür zig (anonyme) Kommentare hagelt, die alle von Missbrauch und Hexenverbrennung sprechen? Das muss man dann richtig stellen, was Zeit und Energie kostet. Die muss man von vorne herein mit einplanen. Das verleidet die Arbeit erheblich. Am Ende lässt man es sein. Nicht, weil es nicht erlaubt wäre, sondern weil es Stress verursacht, dem man verständlicherweise aus dem Weg gehen möchte. Es ist weniger die Angst, zensiert zu werden, als vielmehr der soziale Druck, der eine „Schere im Kopf“ erzeugt und am Ende mundtot macht.

Auch die Meinungsvielfalt in dezidiert oder vorgeblich religiösen Angeboten ist herausfordernd. Nicht alles, was unter „katholisch“ geführt wird, vertritt tatsächlich die Position der Katholischen Kirche. Es muss klar sein, dass man sich auch von Meinungen abzugrenzen hat. Das ist nicht leicht, wenn man zwar Ross, aber nicht Reiter kennt. Die strukturelle Schwäche des Mediums, die Anonymität, wird dabei gezielt genutzt. Diese bringt ganz neue Aspekte hervor: Es entstehen Foren und Diskussionsstränge („threats“), die ausschließlich dazu dienen, Menschen (anonym) zu beleidigen und zu provozieren („cyber-mobbing“). Damit komme ich zu den ethischen Fragen im engeren Sinne.

3. Scheinempathie und Scheinnähe

Ein für die Pastoral im Web 2.0 ganz entscheidender Aspekt liegt im Bereich der Beziehungskultur. Dazu gibt es im Internet allerlei Merkwürdigkeiten, die eine Ambivalenz von Nähe und Distanz markieren. Überall ist von „Freunden“ die Rede, das Ideal von Freundschaft wird online aber höchst selten erreicht. Man fühlt sich vom Netzwerk umarmt, manchmal aber auch umzingelt. Das allgemeine Duzen als Höhepunkt des Selbstbetrugs offenbart schließlich ein Nähe-Distanz-Paradoxon, das es so nur im Netz geben kann. Das Web 2.0 täuscht emotionale Nähe und Empathie nur vor. Vieles ist gespielt, ja: glatt gelogen. In weit größerem Maße als in der realen Welt, denn eine Konstitutionsbedingung des Internet ist die Anonymität.

Anonymität

Die Möglichkeit, im Web 2.0 weitestgehend anonym zu bleiben, verstärkt die ohnehin große menschliche Neigung zum Betrug des Anderen, vor allem aber seiner selbst. In seiner Botschaft zum 45. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel hat Papst Benedikt XVI. unter dem Titel „Wahrheit, Verkündigung und Authentizität des Lebens im digitalen Zeitalter“ dazu ausführlich und eindrücklich Stellung bezogen. Der Heilige Vater weißt auf die im Netz entstehenden Asymmetrien hin („einseitige Interaktion“) und fordert Offenheit und Ehrlichkeit in der Selbstdarstellung sowie Respekt in der Kommunikation. Der Papst rät den Christen also, ganz bewusst gegenzusteuern gegen die anonyme Scheinwelt. Das aufrichtige Sein muss auch im Web 2.0 dominieren, in dem besonders gute Möglichkeiten bestehen, sich zu verstellen und „das eigene Innenleben nur zum Teil mitzuteilen“, was zugleich die Gefahr impliziert, „das eigene Image konstruieren zu wollen“, was wiederum „zur Selbstgefälligkeit verleiten kann“. Dass die Offenheit und der Mitteilungswille nicht in Redseligkeit oder gar in Formen der Belästigung ausartet, dafür sorgt die ebenfalls vom Papst geforderte „Nachdenklichkeit“.

„Dialog, Austausch, Solidarität und Schaffung positiver Beziehungen“ sind die Ziele, die Kirche im Web 2.0 laut Benedikt vor Augen haben sollte. Nur in einem „christlichen Stil der Präsenz auch in der digitalen Welt“ wird dort echter Dialog möglich, und nur dialogisch gelingt die pastorale Verkündigungsarbeit. Denn Verkündigung basiert auf Beziehung, weil ihre Grundlage in der personalen Beziehung des Verkünders zu Gott besteht. Die Erfahrung damit und daraus gilt es ja gerade zu vermitteln. Das geht glaubhaft nur in der kongruenten Konstellation einer ebenfalls personalen Beziehung des Verkünders zu den Menschen. Christliche Pastoral besteht wesentlich in dieser Analogie.

Wahre Beziehungen sind auf Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, Dauerhaftigkeit und Offenheit ausgerichtet. Offenheit ist aber nur möglich, wenn man sich vertraut. Vertrauen wiederum ist auf Identität und Authentizität angewiesen. Und auf eine Rückhaltlosigkeit, die in Gänze nur in einer persönlichen Beziehung von Mensch zu Mensch zu haben ist. Darum ist es wichtig, sich klar zu machen, dass am anderen Ende der Datenleitung auch ein Mensch sitzt, ein Subjekt der Moralität.

Die Realität in der Praxis sieht oft anders aus: Der Andere wird häufig gerade nicht mehr als der Andere, der Gesprächspartner, das Gegenüber angesehen, sondern als ebenso anonymer „User“. Das „Du“ verschwindet und wird zum „Es“. Das Internet fördert durch seine Bedingungen die Möglichkeit systematisch destruktiven Verhaltens („trollen“), das die Kommunikation empfindlich behindern kann und den Beziehungsaufbau innerhalb einer Gruppe („community“) erheblich erschwert. Viele verhalten sich unter der Deckung eines falschen Namens, einer gefälschten Identität völlig anders als im „echten Leben“, in dem jene Existenz als personale Integrität auf dem Spiel steht, mit der im Netz frei experimentiert werden kann. Ein netter Gymnasiast wird zum aggressiven Hetzer, eine junge Studentin zur gemeinen Intrigantin. Ein einzelner „User“ kann mit der gezielten Nutzung aller durch die Anonymität gegebenen Optionen eine Diskussion inhaltlich und formal beeinflussen und sogar ein wohlmeinendes Angebot gänzlich stören und schließlich zerstören.

Kirche im Web 2.0 muss sich hier wappnen. Für Chats, Blogs und Foren im Rahmen der kirchlichen Online-Pastoral sollte daher gelten: Neben der Moderation, die gezielt auf das Einhalten bestimmter Mindeststandards („Netiquette“) achtet, sollte eine missbräuchliche Diskursteilnahme – etwa durch notorisch aggressive Querulanten („Trolls“) oder sich selbst bestätigende Schein-Benutzer („Sockenpuppen“) – dadurch zu verhindern versucht werden, dass ausschließlich mit „nicknames“ (Spitznamen) gearbeitet wird, denen eindeutig und für jeden Teilnehmer ersichtlich, ein Realname zugeordnet werden kann; idealerweise handelt es sich beim nickname um den Realnamen selbst. Wer mit seinem Namen für einen Beitrag einsteht, überlegt sich zweimal, was er schreibt. Ich glaube, dass allein damit schon viel an unangenehmer Brisanz („Flaming“) aus dem Diskurs genommen wird.

„Christlicher Stil“ ist es also, mit dem Gewicht des Namens einen Gegenpol zur Namenlosigkeit des Web 2.0 zu schaffen. Beziehungskultur hat viel mit Namen zu tun. Auch das ist in der Beziehung des Menschen zu Gott bereits angelegt: In der Heilsgeschichte spielt der Name eine große Rolle. Als Mose seine Gottesbegegnung hat, kommt bald die Frage nach dem Namen Gottes. Über den Namen baut Gott als der, der da ist, der sich erweisen wird, eine vertrauensvolle Beziehung zum Volk Israel auf. Als Maria den Auferstandenen sieht, hält sie ihn erst für den Gärtner. Die Beziehung wird wieder neu errichtet, als Jesus sie beim Namen ruft. Maria erkennt ihn in diesem Moment.

Distanz und Distanzierung

Wer im Internet über religiöse Themen schreibt, steht unter Rechtfertigungsdruck.

Benedikt schreibt: „In den neuen Kontexten und mit den neuen Ausdrucksformen ist der Christ wiederum aufgerufen, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die ihn erfüllt (vgl. 1 Petr 3, 15).“ Das ist gut, denn das kann das Profil des Glaubens nur schärfen.

Das verlangt aber oft weniger missionstheologische Expertise oder missionarische Praxiserfahrung, als vielmehr religionsphilosophische Kenntnisse. Man spricht mit religiösen Themen in der Hauptsache Nicht-Gläubige an, die naturgemäß in Religionsfragen kritisch sind. Hier gilt es nicht nur, „Rede und Antwort zu stehen“, sondern auch der eigenen Überforderung vorzubeugen, insbesondere durch die Unterscheidung von theologischen und seelsorgerischen Gesprächen und – vor allem – durch die Unterscheidung von reiner Provokation und echter Problemlage. Das im Internet inhärente „Recht auf Rechtfertigung“ wird nämlich dann ad absurdum geführt, wenn es ausschließlich zu zähen Diskussionen führt, deren Ernsthaftigkeit gar nicht ersichtlich ist. Ich habe mehrere dieser sinnlosen Diskussionen hinter mir. Außer Erschöpfung, Ohnmacht, das Gefühl, „versagt“ oder „verloren“ zu haben, bleibt nicht viel.

Den klaren Regeln für den Eintritt in den Diskurs, den formal der „christliche Stil“ und inhaltlich die katholische Lehre aus Bibel, Tradition und Lehramt festlegen, korrespondieren ebenso klare Regeln für den Austritt. Diese Ausstiegsbedingungen sollten zuvor allgemein definiert werden. Neben ethischen Aspekten und Stilfragen können hier auch epistemische und argumentationstheoretische Regeln eine Erleichterung bieten, etwa der Abbruch von Gesprächen mit wiederkehrenden Schleifen, d. h., wenn man sich also offenkundig „im Kreis dreht“. Bei aller Vorsorge durch Abbruchbedingungen wird es Enttäuschungen geben. Eine hohe Frustrationstoleranz ist daher erforderlich. Der Papst weiß das und fordert vom Christen, der im Web 2.0 aktiv ist, schließlich auch darum „Nachdenklichkeit“, die ihn zu der Erkenntnis führt, „daß die Wahrheit, die wir mitzuteilen suchen, ihren Wert nicht aus ihrer ,Popularität’ oder aus dem Maß der ihr gezollten Aufmerksamkeit bezieht.“

IV. Schlussappell

Die kommunikative Kultur des Web 2.0 lässt sich inhaltlich durch Zirkelbezüglichkeit und eine Deutungshoheit von Großprojekten wie „Wikipedia“, formal mit den Schlagwörtern Anonymität, Flexibilität und Kürze charakterisieren. Teilnehmer bleiben unerkannt, wechseln oft das Thema und ihre Beiträge müssen, um wahrgenommen zu werden, vor allem kurz sein. Sie müssen sich mit dem decken, was andere anonyme und flexible Teilnehmer kurz mal bei „Wikipedia“ in Erfahrung gebracht haben, einem Lexikon, das von kirchenfernen und religionskritischen Menschen gemacht wird. Schon hier wird deutlich, dass es schwer ist, dem kirchlichen Verkündigungsauftrag in diesem Rahmen gerecht zu werden, basiert er doch auf persönlicher Beziehung, einer festen, unverrückbaren Grundlage, die wir „Glaube“ nennen, einer iterativen Erzählform mit allegorischen und metaphorischen Wendungen und zudem angewiesen auf ein offenes Wohlwollen dem religiösen Glauben im Allgemeinen und der katholischen Kirche im Besonderen.

Doch trotz aller Schwierigkeiten: Kirche muss im Netz aktiv sein, interaktiv. Kirche gehört ins Web 2.0! Dabei sein, das Evangelisationspotential nutzen, die Beziehungskultur verbessern durch den „christlichen Stil“ – das ist die Aufgabe kirchlicher Angebote im Web 2.0. Kirche sollte die vielfältigen Möglichkeiten angehen, ohne darin aufzugehen. Ein zweites Mal sollte die Kirche jedenfalls nicht zum Opfer einer medialen Revolution werden. Bistumsblogs, Glaubensforen, Chats mit Vertretern des Klerus und der Theologie, Live-Stream-Übertragungen von Gottesdiensten, auch seelsorgliche Angebote per E-Mail, all das muss Alltag einer zeitgemäßen Pastoral sein.

Benedikt schreibt uns das ins Stammbuch: „Ich möchte jedenfalls die Christen dazu einladen, sich zuversichtlich und mit verantwortungsbewußter Kreativität im Netz der Beziehungen zusammenzufinden, das das digitale Zeitalter möglich gemacht hat. Nicht bloß um den Wunsch zu stillen, präsent zu sein, sondern weil dieses Netz wesentlicher Bestandteil des menschlichen Lebens ist. Das Web trägt zur Entwicklung von neuen und komplexeren Formen intellektuellen und spirituellen Bewußtseins sowie eines allgemeinen Wissens bei. Auch in diesem Bereich sind wir aufgerufen, unseren Glauben zu verkünden, daß Christus Gott ist, der Erlöser des Menschen und der Geschichte, in dem alle Dinge ihre Erfüllung finden (vgl. Eph 1, 10). Die Verkündung des Evangeliums verlangt eine respektvolle und unaufdringliche Form der Mitteilung, die das Herz anrührt und das Gewissen bewegt; eine Form, die an den Stil des auferstandenen Jesus erinnert, als er sich zum Weggefährten der Jünger von Emmaus machte (vgl. Lk 24, 13-35), die er schrittweise zum Verständnis des Geheimnisses führte durch seine Nähe, durch sein Gespräch mit ihnen und dadurch, daß er feinfühlig sichtbar werden ließ, was in ihren Herzen war.“

Aber: Bei aller gewachsenen Bedeutung der Neuen Medien und des Web 2.0 muss die Pastoral auf die unmittelbare personale Beziehung zum Menschen setzen. Auch das hat der Papst unmissverständlich zum Ausdruck gebracht: „Es ist wichtig, sich immer daran zu erinnern, dass der virtuelle Kontakt den direkten persönlichen Kontakt mit den Menschen auf allen Ebenen unseres Lebens nicht ersetzen kann und darf“, denn „auch wenn die Wahrheit des Evangeliums im virtuellen Raum des Internet verkündet wird, muss sie immer in der wirklichen Welt und in Beziehung zu den konkreten Gesichtern der Brüder und Schwestern, mit denen wir das tägliche Leben teilen, Gestalt annehmen. Deshalb bleiben in der Weitergabe des Glaubens die direkten menschlichen Beziehungen immer fundamental!“

Also: Für den Erstkontakt, für Diskussionen: ja. Aber, dass Menschen ihr Heil in erster Linie im Netz suchen, ist eine fatale Entwicklung. Katholizismus lebt auch von Sinnlichkeit, die im Netz verloren geht. Liturgie lässt sich nicht virtualisieren. Oder anders: Der Mensch lebt nicht vom Blog allein.

(Josef Bordat)

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