Sinn der Sinnlichkeit

31. Mai 2011

Die Philosophie und der Sex – zwei Welten treffen aufeinander. Stefanie Voigt und Markus Köhlerschmidt analysieren diese Beziehung in Die philosophische Wollust. Sinnliches von Sokrates bis Sloterdijk (jüngst erschienen im Primus Verlag, Darmstadt).

Stefanie Voigt und Markus Köhlerschmidt wagen sich an ein zugleich ungewöhnliches und heikles Thema: Sex und Philosophie. In ihrer historisch angelegten Analyse (ein Durchgang durch die Epochen von der Antike bis hin zur „Post-Moderne“) leisten sie eine solide Synthetisierung dessen, was bekannte Denker über Liebe, Sex und Partnerschaft dachten. Dass sich die Autoren an dieses umfangreiche Thema aus dieser Perspektive heranwagen, ist respektabel, denn Voigt und Köhlerschmidt sind keine ausgewiesenen Philosophiehistoriker (Voigt ist nach einem Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Germanistik sowie einer Promotion in theoretischer Psychologie Fachfrau für Ästhetik, Köhlerschmidt ist Wirtschaftsethiker). Nicht immer gelingt ihnen eine angemessene Zuschreibung und Bewertung der Verhältnisse. Allzu klischeehaft ist etwa die Klassifizierung von Mittelalter und Renaissance als „dunkle Zeit“, wo doch in dieser Zeit epistemisch (Wissenstransfer zwischen Orient und Okzident; Grundlegung der Gelehrtenrepublik und der Wissenschaftskultur durch Gründung von Universitäten) und ethisch (verhältnismäßig friedliches Zusammenleben von Angehörigen der christlichen und der islamischen Kultur) einiges auf die Beine gestellt wurde und sehr aktuelle Diskursfiguren (etwa die des „gerechten Krieges“), eine Gestalt erhielten, die bis heute Verhandlungsbasis ist.

Bevor es historisch wird, rechtfertigen die Autoren zunächst die Relevanz ihrer Fragestellung, da „Sex“ üblicherweise nicht unmittelbar mit „Philosophie“ assoziiert wird. Systematisch liegt eine Schwäche in der etwas oberflächlichen Analyse des Schlüsselbegriffs „Liebe“: Zwar wird dessen Vielschichtigkeit erkannt, aber die Ebenen von Agape, Eros und Philia werden nicht erläutert, was in einer Hinführung zum Thema hilfreich gewesen wäre, auch wenn „in unserer jüngeren Vergangenheit so manche Philosophen vehement das Gute am Sex […] ohne Berücksichtigung des Faktors Liebe [thematisieren, J.B.]“. Denn das war ja nicht immer so.

Hochinteressant ist, sich den/die Lieblingsdenker/in herauszusuchen und zu lesen, was sie oder er meinte, das man immer schon über Sex wissen sollte. Dass Immanuel Kant Selbstbefriedigung für verwerflicher hielt als Selbsttötung, dass sich Thomas von Aquin „nicht so lustfeindlich“ über Sex äußert „wie [von den Autoren, J.B.] erwartet“, dass es bei Friedrich Nietzsche eigentlich kaum um Sex geht, da er Lust für „etwas Degeneriertes“ hielt, das beim Mann das Wesentliche – den Willen – überlagere, das sind einige der spannenden Erträge des detail- und kenntnisreichen Abrisses.

Deutlich wird, dass es kaum einen Denker gab, der das Thema gänzlich mied (was angesichts der kantischen Synthesefrage allen Nachdenkens – „Was ist der Mensch?“ – nicht wirklich überrascht). Die Epochen werden ausgewogen behandelt; regionale Schwerpunkte der Betrachtung bilden Deutschland und Frankreich, die britische und angloamerikanische Philosophie kommt erst in der Gegenwart ins Spiel (Thomas Nagel, Judith Butler).

Deutlich wird zudem die Dominanz der männlichen Perspektive: Ein Teilkapitel ist „frühen Feministinnen“ gewidmet (Moderata Fonte und Lucretia Marinella, die in ihren Werken „die Frau zum Meisterwerk der Schöpfung“ stilisierten, sowie Tullia d’Aragona, die als „weiblicher Cicero“ galt), ein kleiner Absatz behandelt Simone de Beauvoir („Das andere Geschlecht“), schließlich kommen zwei zeitgenössische Philosophinnen zu Wort: Judith Butler, die neben dem biologischen „sex“ ein soziales Geschlechtlichkeitsphänomen – „gender“ – ausgemacht haben will, und die daran anknüpfende Jacques Derrida-Schülerin Beatriz Preciado, die mit einer im schlechtesten Sinne „philosophischen“, nämlich komplett wirklichkeitsfernen, „kontrasexuellen Dildologie“ aufwartet, die darin gipfelt, dass der Mann künftig idealerweise „lesbisch“, Sex zur vertraglich geregelten Verrichtung und der Anus dabei zum einzig politisch korrekten Geschlechtsorgan wird, weil er als körperliches Universal nicht-diskriminierend sei; man (und vielleicht auch frau) kann angesichts dessen nur mit dem Kopf schütteln beziehungsweise darüber staunen, was heute so alles als „Philosophie“ durchgeht. Mehr gibt es zum Bedauern der Autoren nicht von Frauen.

Sonst wird in der Ideengeschichte der Wollust hauptsächlich – und auch nicht immer besonders klug – über Frauen geschrieben. Einige prominente Vertreter der Philosophiegeschichte bekommen angesichts ihre verächtlichen Bemerkungen und der mit Nachdruck betriebenen Entwicklung höchst unfreundlicher Bezeichnungen für das Weibliche folgerichtig den Titel „Frauenhasser“, etwa „der entlaufene Dominikanermönch, Schriftsteller und Arbeit suchende Philosoph Giordano Bruno“, der sich unter anderen „Sumpffiber“, „verfinsterte Sonne“ und „gewaltiger Betrug der Natur“ als beredte Synonyme für „Frau“ ausdachte. Ein gerüttelt Maß an Kreativität wird man ihm kaum absprechen können – doch ein Glück für seine Zeitgenossinnen, dass er der Ansicht war, „Sex soll ausschließlich im Kopf des Philosophen stattfinden“.

Im Kopf des Philosophen Peter Sloterdijk laufen indes die Gedanken zum Thema Nr. 1 richtig heiß, wie Voigt und Köhlerschmidt ausführlich darstellen. Der „in den Medien gerne als Aushängeschild der deutschen Philosophie gehandelte“ Sloterdijk rechnet nicht nur die Zahl der Spermien hoch, die er „während seiner aktiven Tätigkeit“ weitergab, er überträgt nicht nur die sexuelle Bittstellerrolle des Mannes, der viel öfter könne als die Frau wolle, ins Metaphysische, indem er, den Mann zum „externen Betrachter einer Welt von Frauengeheimnissen“ mache, er versucht sich auch an einer Ontologie des Busens. Die Tatsache, dass sich beim Betrachten von Frauen in einschlägigen Herrenmagazinen Ideale herausbilden („Idealbrüste“), erfasst Sloterdijk kantianisch: „Diese modernen Geschäftsbrüste existieren, philosophisch gesprochen, nur an sich, als Dinge, nicht für sich, als bewusste Körper.“

Voigt und Köhlerschmidt konstatieren schließlich die Geringschätzung von Frauen und Liebe als Grundkonstanten des philosophischen Diskurses über Sexualität (wobei zwar die Verachtung von Frauen, nicht aber die Verachtung der Liebe eine Männerdomäne ist – in der affirmativen Plastiksex-Rhetorik Beatriz Preciados kommt sie wohl am deutlichsten heraus: „Die Liebe geht, die Liebe kommt, die Sex-Partner kommen und gehen, aber der Dildo ist immer da. Er ist der Überlebende der Liebe.“).

Die Autoren resümieren, dass zwar das Verhältnis von Philosophie und Sex „ein zutiefst problematisches“ sei, doch zeige es sich andererseits als eine „relativ lebendige Beziehung“, die sich dadurch auszeichne, dass die Rationalität des Denkens und die Emotionalität der Lust als sich ergänzende menschliche Fähigkeiten und Bedürfnisse angesehen werden können, so dass Sex und Philosophie für ein gelingendes Leben so zueinander stehen wie blinder Fleck und Augenlicht für das Sehen. Oder – ganz kurz in den Worten der Autoren gesagt: „Beide stimulieren, wenn sie gut sind.“

(Josef Bordat)

Wer Katholik ist und bleiben will, der muß lernen, in der Kirche nicht ein finsteres Strukturengeflecht zu sehen, welches nur dem Machterhalt dient, sondern eine gut geölte Maschine, gestiftet von unserem Herrn und zusammengeschustert von Heiligen, zu dem Zweck, daß sogar Deppen, Sünder und auch selbst denkende Schriftsteller sie bedienen können, ohne sie zu zerstören.

Alipius Müller (Austritt, in: Klosterneuburger Marginalien)

Starkregenfälle setzen große Gebiete des Landes unter Wasser.

Der seit Monaten anhaltende Regen hat in Kolumbien zu Überschwemmungen geführt. Wie die Caritas mitteilt, sind in dem südamerikanischen Land 470.000 Häuser beschädigt. Mindestens 2,7 Millionen Menschen sind von der Naturkatastrophe betroffen. Der Sachschaden beläuft sich auf 2 Milliarden Euro. Betroffen ist insbesondere die Landwirtschaft, direkt, da Nutzflächen zerstört wurden, indirekt, da die Zufahrtsstraßen zu den Märkten nicht befahrbar sind.

Die lokalen Caritas-Mitarbeiter haben im Katastrophengebiet bislang 20.000 Menschen mit Lebensmitteln sowie Haushalts- und Hygieneartikeln versorgt. Caritas International unterstützt die Hilfen mit über 700.000 Euro. Caritas Deutschland hat ihren Kolumbien-Nothilfefond um 200.000 Euro aufgestockt.

Schließen wir Kolumbien und die Helfer in unser Bitt-Gebet ein.

(Josef Bordat)

Abidals Abend

30. Mai 2011

Das große Spiel ist vorbei, der FC Barcelona gewinnt seinen vierten Europacup, den dritten innerhalb von sechs Jahren. Wie ich das Finale erlebt habe, kann man in meinem Katalonien-Blog nachlesen (mit Fotos).

Eines halte ich jedoch für so bemerkenswert, dass ich es hier gerne noch einmal schreibe: die Sache mit der Binde.

Während der Ehrentitel „Man of the match“ an Leo Messi ging (Das ist weniger bemerkenswert, denn aus sportlicher Sicht gab es keine andere Wahl!), geht der inoffizielle Titel „Mann des Tages“ an Carles Puyol, obwohl der praktisch nur in der Nachspielzeit auf dem Platz stand. Seinen großen Auftritt hatte er trotzdem, als er seinem Kollegen Éric Abidal nach dem Spiel die Kapitänsbinde überreichte, damit er den Pokal für die Mannschaft in Empfang nimmt. Abidal strahlte daraufhin die ganze Dritte Halbzeit lang, dass selbst Honigkuchenpferde vor Neid erblassen. Der Hintergrund: Bei Abidal war im März ein Tumor in der Leber diagnostiziert worden, der operativ entfernt wurde. Es grenzt an ein Wunder, dass er zwei Monate später wieder Leistungssport betreiben kann. Und es war die Szene schlechthin, als er von Puyol die Binde bekam. Nicht nur aus sportlicher Sicht war es Abidals Abend.

(Josef Bordat)

Bitt-Tage

30. Mai 2011

Die drei Tage vor Christi Himmelfahrt werden liturgisch als „Bitt-Tage“ gestaltet. Es geht in den Andachten und Prozessionen um gedeihliches Wetter für eine gute Ernte. Diese Tradition wird heute noch im ländlichen Raum gepflegt. Die Menschen beten, dass Gott Seine segnende Hand schützend über Wald und Flur halte, damit die Bauern im Herbst die Früchte ihrer Arbeit ernten können.

Das Bewusstsein für den Zusammenhang von Wetter- und Ernährungslage ist in einer Zeit, wo es das Gemüse im Supermarkt zu kaufen gibt, in weiten Teilen abhanden gekommen, zumal wir im gemäßigten Klima Mitteleuropas meist mit gutem Wetter gesegnet sind. Doch der Blick in andere Teile der Welt macht deutlich, wie schnell durch ungünstige Wetterlagen und Extremereignisse wie Sturm oder Starkregen die Ernährungslage in den betroffenen Regionen gefährdet wird. Auch daran erinnern die Bitt-Tage.

Die Gottesdienste an den Bitt-Tage sollen deutlich machen, dass der Mensch in „Schöpfungsmitverantwortung“ die Natur nutzen soll. Ja, nutzen, denn sie ist für uns da. Doch ohne sie auszubeuten, denn das hieße, sie für kommende Generationen in ihrer Nutzbarkeit zu gefährden. „Nachhaltigkeit“ ist das Konzept, das in der Naturnutzung zentral sein sollte.

Die Gottesdienste an den Bitt-Tagen machen zudem deutlich, dass der Mensch bei allem, was er in der Welt tut, in Gottes Hand geborgen ist, auf Gottes Gnade setzen, mit Gottes Hilfe rechnen darf. Das gilt nicht nur für die Landwirtschaft, sondern für jede Arbeit. So dürfen sich auch die Städter, die in Industriebetrieben, Verwaltungsgebäuden und Dienstleistungsunternehmen beschäftigt sind, mit einbezogen fühlen in das Bittgebet der Kirche.

Beten wir also in diesen Tagen – neben den persönlichen Anliegen – um gutes Wetter für eine gute Ernte, um Arbeit mit fairer Entlohnung für alle, in Deutschland, in Spanien, in der ganzen Welt. Die letzten Tage im Marienmonat Mai laden ein, uns dabei vertrauensvoll an die Gottesmutter zu wenden: Bitt’ Gott für uns, Maria!

(Josef Bordat)

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