Die Stimme der Physik
11. Mai 2011
Doktorand Philipp Giese zu den Thesen Ed Dellians anlässlich meiner Darwin-Sammelrezension Das folgenreiche Mordgeständnis
Der Diplom-Physiker Philipp Giese, der in seinem Blog immer mal wieder für einen informativen Abstecher in die Naturwissenschaft im Allgemeinen und die Physik im Besonderen gut ist, hat mir einen Kommentar zugeleitet, der hier in einer autorisierten Bearbeitung erscheint.
Ed Dellian ist der Ansicht, Materialismus schließe „willkürlich alle etwa vorstellbaren nicht-materiellen (geistigen, spirituellen) Entitäten aus der ,wissenschaftlichen’ Naturbetrachtung“ aus. Dagegen wendet Philipp Giese ein: „Der Materialismus schließt zur Vereinfachung des Problems und eben nicht aus Willkür eine nicht-materielle Entität aus. Das ist ein großer Unterschied! Ein Physiker kann sehr wohl in seiner Betrachtung diese nicht-materiellen Entitäten ausschließen, ohne sie zu verleugnen.“ Der Physik-Doktorand verweist auf die Forschungspragmatik: „Es würde das Problem unnötig verkomplizieren, wenn ich noch über den geistigen, spirituellen Sinn der Sache nachdächte.“ Bei Ed Dellian vermisst er Beispiele, die belegen, „wo seine Sicht der Welt die Welt besser modellieren kann als die bisherige Anschauung“.
Im Gegensatz zu Ed Dellian, der im Rahmen seiner Newton-Deutung der Materie keine Selbstorganisationsfähigkeit zuschreibt, hält Philipp Giese eine solche für empirisch bewiesen und nennt als Beispiel die Kristallisation: „Wenn wir Wasser abkühlen, ordnet es sich geordnet an.“ Der physikalische Hintergrund: „Solche Ordnungsprozesse sind durch Wechselwirkungen initiiert und gesteuert und folgen dem Prinzip der kleinsten Wirkung. Das Universum ist faul und wird sich so anordnen, dass die Wechselwirkungsenergien (bspw. zwischen Anziehung und Abstoßung) minimal werden.“ Zwar gibt Philipp Giese Ed Dellian insoweit Recht, als die (nach Newton) postulierte „Passivität der Materie“ darin zu erkennen sei, dass diese Ordnung von außen angeregt werde: „In der Hinsicht könnte ich ihm recht geben und sagen, daß es sehr wohl Kräfte von außen sind, die die Ordnung ins Leben rufen.“, doch hält er die Zuschreibung, die Ed Dellian dann vornimmt, für falsch: „Was mich nur wundert und stört ist, dass er behauptet, Evolutionstheoretiker würden meinen, dass sich Dinge aus sich heraus ordnen; das können sie nur durch einen Einfluss von außen. Im genannten Bild weiß natürlich das einzelne Wassermolekül nicht, wo es hin soll, wird jedoch durch potentielle Energien geordnet.“ Das sei in der Wissenschaft Konsens und die Vorstellung, dass „Materie aus sich sich ordnet“ finde man „eigentlich eher bei religiösen Menschen“, so der Physiker.
Zudem fragt er mit Blick auf Ed Dellians Position, nicht-materielle Wirkkräfte seien Ursache für Zustandsveränderungen der Materie: „Welche Geister wirken, wenn ich eine Kugel anstupse? Da ist es doch sehr wohl eine materielle Kraft, nämlich mein Fingerstupser. Sicherlich mag man darüber nachdenken und zu dem Schluss kommen, dass es ja letztlich mein freier Wille war, der den Finger lenkte etc. – das wäre aber eben nicht mehr Teil der Physik.“
Philipp Giese plädiert für eine Trennung von natur- und geisteswissenschaftlicher Weltdeutung: „Die Naturwissenschaft handelt von der Materie in diesem Universum. Alles, was darüber hinaus geht, ist Subjekt anderer Disziplinen wie der Theologie oder der Philosophie. Aber umgekehrt sollten sich auch Philosophen hüten, irgendwelche ‚ordnenden, nicht-materiellen Kräfte’ in der Welt der Physik zu postulieren.“ In ihrem je eigenen Aufgabengebiet haben Natur- und Geisteswissenschaften einen je eigenen Zweck: „Naturwissenschaft kann und soll uns sagen, wie diese Welt funktioniert. Das ist zur eigenen Standortbestimmung, zum Erkennen der göttlichen Schöpfung und zum technischen Nutzen der Menschheit wichtig. Was jedoch die Naturwissenschaft nicht vermag, das ist, den Sinn der (menschlichen) Existenz zu definieren. Das ist auch nicht ihre Aufgabe, sondern die der Theologie und Philosophie.“
Insgesamt, so Philipp Giese weiter, erscheine der von Ed Dellian vertretene Materialismusbegriff Newtons für die heute vorherrschende physikalische Beschreibung der Wirklichkeit als höchst ungeeignet. Er verdeutlicht dies am Beispiel der „Phononen“, quantisierte Gitterschwingungen eines Festkörpers: „Dadurch, dass diese Gitterschwingungen abzählbar sind, kann man sie als Teilchen betrachten. Man kann bspw. mittels eines Photon ein weiteres Phonon anregen oder ,vernichten’, man kann kohärente Phononen erzeugen, mit ihnen Reaktionen triggern etc. – und doch sind sie nicht real. Wenn Du mir sagen würdest: ,Zeig mir ein Phonon.’ und ein Anhänger des klassischen Teilchenbilds Demokrits wärst, würde ich es Dir nicht zeigen können. Und doch sind sie irgendwie real, denn ich als Physiker kann mit ihnen wunderbar arbeiten – nicht nur rechnen, sondern, wie gesagt, etwas durchaus empirisch Relevantes wie eine Reaktion beeinflussen.“ Philipp fragt angesichts dieses interessanten Befundes: „Merkt man hier nicht eine interessante Aufweitung des Realitätsbegriffs? Kann man dann wirklich noch klassisch-materialistisch reden? Was genau ist nun für einen Physiker noch Materie?“ Er stellt klar: „Das, womit wir Naturwissenschaftler so selbstverständlich arbeiten und was wir als Realität wahrnehmen, sind Modelle.“ Und damit, wie Philipp Giese betont, bereits „Deutungen der Wirklichkeit“.
Da Philipp Giese nicht nur junger Physiker, sondern auch junger Katholik ist, ist ihm eine atheistische Weltsicht ebenso fremd wie dem kritisierten Ed Dellian, der ebenfalls katholisch ist, doch ist sein Glaube nicht auf die Bestätigung durch Wissenschaft angewiesen: „Ich glaube, dass diese Welt von Gott, was die Materie betrifft, selbstkonsistent geschaffen ist. Dass sie, zumindest zu dieser Zeit, einen konstanten Satz Naturgesetze hat, dass Gravitation so und so wirkt etc. Sprich: Ich glaube, dass die Welt, wenn wir vom freien Willen, vor allem von der Befähigung, mit dem Schöpfer in Kontakt zu treten, und von dem direkten Wirken Gottes (bspw. in der Eucharistie) absehen, durchaus weltlich zu beschreiben ist. Darin sehe ich keinen Bruch, denn wir reden über unterschiedliche Aspekte der Welt, wenn wir von Chemie oder Ethik reden. In der Hinsicht hat, mal hart gesagt, Gott in der naturwissenschaftlichen Betrachtung der Welt nur wenig verloren. Ich denke, dass Gott es uns aufgetragen hat, diese Welt zu verstehen und sie in Sprache zu fassen, d.h. zu modellieren – Adam sollte allen Tieren einen Namen geben und sich die Welt untertan machen. Ich glaube jedoch auch, dass die Sprache der Naturwissenschaft nicht die Sprache Gottes ist. Naturwissenschaft arbeitet mit Modellen. Modellen, die sich bewährt haben, mit denen man umgehen kann, Voraussagen treffen kann etc. – aber nicht mehr.“
Philipp Giese zeigt aus der Sicht der heutigen Physik einige Schwachpunkte in der Argumentation Ed Dellians auf. Zugleich zeigt er, dass man auch als Naturwissenschaftler an Gott glauben kann, ohne diesen Glauben wiederum in die Arbeit als Forscher hineinzutragen.
(Josef Bordat)