Christlicher Fundamentalismus. Ein mediales Deutungsmuster

25. Juli 2011

Versuch einer Antwort auf die Frage, ob sich die Blogozese gegen die Zuschreibung „christlich“ zum Attentäter von Oslo und Utøya und zur Deutung der Tat mobilisieren sollte.

Obgleich ich der Meinung bin, in diesem und jenem Beitrag meine Position zur Frage der christlichen Konnotation der Gewaltakte vom Freitag bereits dargelegt zu haben, provoziert mich eine Frage, die auf Zeit zu beten gestellt wird, doch noch zu einer weiteren, abschließenden Stellungnahme. Gefragt wird, ob sich aus den Attentaten in Norwegen ein „Auftrag für die Blogoezese“ ergebe, derart, dass in einer öffentlichkeitswirksamen „Aktion“ auf den Unterschied zwischen Christentum und Fundamentalismus hinzuweisen sei, was der geschätzte Kollege – wenn ich ihn richtig verstehe – durchaus angeregt und offenbar deshalb für nötig zu halten scheint, weil beides in der Berichterstattung über den Attentäter in einen Zusammenhang gebracht („christlicher Fundamentalismus“) und damit als (mit)ursächlich für die geschehene brutale Gewalt dargestellt wurde und wird.

Da ich offenbar an dieser Idee – der ich eher zurückhaltend gegenüber stehe, so viel sei bereits verraten – nicht ganz unschuldig bin, will ich dazu kurz Stellung nehmen. Mir geht es dabei nicht um die Person des Attentäters, dessen wirkliche Motive (über die er wohl zur Stunde den Ermittlungsbehörden Auskunft gibt) oder gar dessen Religiosität und deren Einfluss auf die der Tat zugrundeliegende Geisteshaltung. Das müssen Menschen klären, die dafür ausgebildet wurden und (meist ganz gut) bezahlt werden. Ich möchte mich diskursanalytisch auf die mediale Rezeption dieses Menschen beschränken.

1. Medien brauchen zur Verarbeitung von Ereignissen plastische Schlagwörter, unter denen sich der Nutzer etwas vorstellen kann. Denn ihre Berichte leben von nachvollziehbaren Zuschreibungen. Zur Reduzierung der Komplexität, die das Leben nun mal mit sich bringt, werden häufig maximal zwei konstitutive oder dispositive Merkmale herausgegriffen und miteinander kombiniert, um die Person zu kennzeichnen („der brutale Hüne“, „die rätselhafte Schöne“) und aus diesen Eigenschaften die Hintergründe eines – möglicherweise verstörenden – Ereignisses ausleuchten zu können. Dass ausgerechnet ein „brutaler Hüne“ sieben Frauen erwürgt haben soll, ist dann eher nachvollziehbarer als wenn von einem „38jährigen Dortmunder“ die Rede ist. Die Plausibilisierung des Unplausiblen geschieht über Erwartungshaltungen, die es dem Nutzer ermöglichen sollen, näher an das Geschehene heranzurücken. Denn dessen Frage lautet: „Warum?“ – Der „brutale Hüne“ hilft bei der Beantwortung.

Die mediale Rezeption der Ereignisse in Norwegen ist da eigentlich erstaunlich disparat: Der Täter ist Norweger, konservativ, blond, eiskalt, skrupellos, Fundamentalist, blauäugig, Nationalist, Freimaurer, Islamkritiker, fremdenfeindlich, Christ, gegen „Linke“, Rechtsextremist u.v.a.m. „Christ“ und „konservativ“ sind dabei Selbstbezeichnungen des Attentäters, die scheinbar problemlos mit den analytischen Fremdurteilen zusammengehen. Frage: Sollten die Medien Selbstbezeichnungen so kritiklos aufnehmen? Andere Frage: Warum wird diese bunte Kombination nie systematisch hinterfragt und statt dessen mit den Worthülsen gearbeitet, als sei jedem klar, was damit gemeint ist? Über den eigentlich semantischen Gehalt von „christlicher Fundamentalismus“ hatte ich mich schon geäußert: „Christlicher Fundamentalismus bedeutet, in den Diskurs eingestreut, dass da jemand bereit ist, Gewalt anzuwenden, um seinen Glauben zu vertreten. Christlicher Fundamentalismus bedeutet aber eigentlich, dass jemand bereit ist, sich zu den Grundlagen seines Glaubens durchzuringen und sich radikal in die Nachfolge Christi zu stellen, Gott, seinen Nächsten und seinen Feind zu lieben. Christen, die stark sind und deren einzige Waffe die Liebe ist, sind fundamentalistisch. Die Liebe ist ihre einzige Waffe, die mächtigste Waffe überhaupt, gerade weil es nicht ihre Waffe ist, sondern die Waffe Gottes. Die Heilige Schrift der Christen lehrt entsprechend Liebe und Friedfertigkeit.“ (aus: Norwegen. Gewalt, wie sie im Buche steht?)

Ich halte jedoch die Zuschreibungen und Kontextualisierungen insgesamt für äußert fragwürdig. Sie sind verfrüht erfolgt, entbehren jeder seriösen Grundlage und sind in der Summe – bei Lichte betrachtet – ohnehin absurd. Das gilt insbesondere für die vorgebliche „Christlichkeit“ als Attribut des Fundamentalismus, Fanatismus, Rechtsextremismus etc. pp. Denn nie wird die Frage geklärt, was denn genau „christlich“ ist an Einstellung und Verhalten des Attentäters. Die Selbstbezeichnung sollte in einer kritischen Öffentlichkeit doch nicht ausreichen! Dennoch: Das vorangestellte „christlich“ wird gemeinhin geschluckt bzw. nur in Stellungnahmen von explizit christlicher Seite, also in Pressemitteilungen der Kirche, in christlichen Blogs, auch in der Blogozese in Frage gestellt. Die Folge: Es pflanzt sich fort wie ein Lauffeuer. Wer „Oslo+Anschlag+christlich“ sucht, erhält von gängigen Suchmaschinen fast 700.000 Treffer. Schnell wird aus der Zuschreibung eine Assoziation und daraus die Identifikation: aus einem Gewalttäter, der sich „christlich“ nennt, wird ein „christlicher“ Gewalttäter. Am Ende steht „christliche Gewalt“ als Deutungsansatz für „Oslo“.

Ob der Attentäter nun „Christ“ ist oder aber „Freimaurer“, das weiß ich nicht (wobei es mir nur mit sehr viel gedanklicher Mühe gelingt, sein Verhalten unter ersteres zu subsumieren). Es interessiert mich hier auch nicht, ich betrachte allein die mediale Rezeption. Und ich stelle dabei fest: Das „Freimaurer“-Attribut wurde rasch fallengelassen, das „Christ“-Attribut hingegen verstetigt sich. Warum? Rechtfertigen biographisch-psychologische Blitz-Studien eine solche Akzentuierung oder ist es schlicht bequem, vom „christlichen Fundamentalismus“ zu sprechen, weil man den ja schon kennt bzw. zu kennen glaubt? Auch das weiß ich nicht. Ich glaube jedoch, christlicher Fundamentalismus ist ein dankbares mediales Deutungsmuster, das schnell und gerne aufgegriffen wurde, auch weil es sich so schön am islamischen Fundamentalismus spiegeln lässt. Schon wird aufgerundet: „religiöser Fundamentalismus“!

Wenn die Übergänge so spielerisch fließend gestaltet werden, wenn christlich, konservativ, rechtsextrem, islamophob etc. fast als Synonyme gehandelt werden, dann ist Widerstand Pflicht. Oder?

2. Ich schrieb: „Dass die Bezeichnung ,christlicher Fundamentalist’ dabei ironischerweise auf das Gegenteil dessen verweist, was man bedeuten will, wird die Mehrheit der Menschen in Europa nicht davon abhalten, bei entsprechender Etikettierung an Oslo und Utøya zu denken. Und das Etikett bekommt man schnell: als Lebensschützer, als jemand, der regelmäßig betet. Als Blogger.“ (aus: Norwegen. Gewalt, wie sie im Buche steht?)

Was ich da noch nicht wissen konnte: Der Chef der Polizeigewerkschaft, Witthaut, ist (Tagesschau.de zufolge) für die Einführung einer Datei „auffälliger Personen“. Wie wird eine solche Datei erstellt? Wenn nicht durch Etikettierung.

Etwas genauer: Die Behörden wären bei der Erstellung solcher Dateien auf Expertenurteile angewiesen, die entsprechend operationalisierbare Kriterien liefern. Sich für den Zeitgeschmack „zu christlich“ zu verhalten („auffällig“ christlich!), könnte so ein Kriterium sein. Es könnte also sein, dass die Teilnehmer an einem „Marsch für das Leben“ registriert werden. Warum ein Lebensschützer nun in höherem Maß unter Verdacht stehen soll, Menschenleben zu bedrohen als ein Mensch, der kein Lebensschützer ist, geht dabei am Kern der Klassifizierung vorbei, denn bei der Zuschreibung interessieren nicht die Inhalte der Radikalität, sondern allein der Umstand der Devianz.

Ein Beispiel: Angenommen, sie verteilten in der Fußgängerzone einer deutschen Großstadt 10-Euro-Scheine. Ohne weiteres, einfach so. Sie müssen damit rechnen, ähnlich behandelt zu werden wie ein „Hütchenspieler“. Denn Sie erscheinen der Mehrheit ebenso suspekt. Sie fallen auf – und das zählt. Das reicht hin für das Recht der Öffentlichkeit auf Rechtfertigung, also die Einleitung der Beweislastumkehr. Als Lebensschützer müssen Sie also bei Stichprobenbefragungen seitens der Behörden glaubhaft versichern, dass Sie nicht vorhaben, Abtreibungskliniken in die Luft zu jagen oder dort praktizierende Ärzte zu erschießen (denn Sie stehen qua Gesinnungsurteil aufgrund religiöser Praxis und daran anschließender Applikation eines fixen Zuschreibungsalgorithmus unter dem Verdacht, genau dies prinzipiell und eigentlich zu wollen – auch wenn Sie bisher nur beten). Können Sie das nicht, also sich glaubhaft exkulpieren, erhärtet sich der Verdacht und es beginnen routinemäßige Freiheitsbeschränkungen im Namen der Sicherheit. Irrsinn? Mit Sicherheit! Aber durchaus im Rahmen von Ermittlung nach Maßgabe von „Auffälligkeit“.

Trotz dieses drohenden Irrsinns denke ich, dass vorauseilende Abgrenzung von Verhaltensweisen, die alles sind, nur nicht christlich, nicht im Zentrum christlicher Bewältigung solcher Ereignisse stehen kann. Es gibt schlicht Dinge, die sind zu absurd, um ihnen zu widersprechen.

Ist es also sinnvoll, sich gegen so Absurdes zur Wehr zu setzen wie gegen die Behauptung, „christlicher Fundamentalismus“ – richtig verstanden: als radikale Nachfolge Christi – führe zu Gewalt bzw. – falsch verstanden: als Bestrebung, die eigene Position auch gewaltsam zu vertreten – rechtfertige einen Generalverdacht gegen die Christenheit, da sich deren Gewaltbereitschaft schon im Glaubensgegenstand, dem Christentum, zeige?

Anders gefragt: Wenn jemand behauptet, der Mond sei aus weißer Schokolade, protestiert dann die Europäische Astronomische Gesellschaft in einer Gegendarstellung? Nein, wozu auch! Dass es Menschen gibt, die das mit der weißen Schokolade glauben (wollen), wird sich dadurch sicher nicht ändern, im Gegenteil: „Sie haben es also nötig, sich zu verteidigen! Dann muss da ja was dran sein!“ Die Aufmerksamkeit erhöht sich. Ein Neuigkeitsgehalt wird unterstellt („Ach, jetzt ist der Mond also plötzlich nicht mehr aus Schokolade! Diese EAS-Leute wissen aber auch nicht, was sie wollen!“). Und schon steht die „Schokolade-These“ besser da als je zuvor und wird weit über ihrem eigentlichen Wert gehandelt, allein dadurch, dass man eine Erwiderung formulierte. Literarisch ist dieses Phänomen in eindrücklicher Weise von Franz Kafka in seinem Roman Der Prozeß verarbeitet worden, wo sich der beschuldigte Josef K. gerade durch sein Einlassen auf eine Verteidigung gegen die Vorwürfe immer tiefer in sein Schicksal als Beschuldigter verstrickt.

Man muss also aufpassen, dass man Unsinn nicht durch die Ernsthaftigkeit einer sachlichen Kritik adelt. Und die Rede vom „christlichen Fundamentalismus“ im Sinne von „Gewalt, wie sie im Buche steht“, ist Unsinn.

Im Namen Jesu kann man keine Gewalt anwenden, so wie man im Namen der Verkehrssicherheit nicht betrunken Auto fahren und im Namen der Abstinenz keinen Schnaps trinken kann. Wer zu Jesus hält, steht für den Frieden und für die Liebe, ergo: für Gewaltlosigkeit. Es ist ganz einfach: In dem Moment, wo ein Mensch Gewalt anwendet, verlässt er, ob er will oder nicht, den Boden des christlichen Glaubens, denn er versündigt sich gegen Gott. Durch die Sünde verlässt er den Weg der Nachfolge Christi, auf den er erst dann wieder zurückkehren kann, wenn er zu sündigen aufhört. – Gott liebt das Leben. Christentum und Gewalt schließen sich daher aus. Dazu gibt es meiner Ansicht nach keinen Erklärungs- oder Aktionsbedarf.

(Josef Bordat)

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