Einsamkeitstest
31. August 2011
Ob man einsam ist oder nicht, das zeigt sich erst, wenn man einen Umzug zu organisieren hat.
(Josef Bordat)
Einfühlungsvermögen
31. August 2011
Fritz Breithaupts transdisziplinärer Zugang zur Empathie
Mit Fritz Breithaupt nimmt sich ein Literaturwissenschaftler eines Themas der Ethik und (neuerdings) der Kognitionstheorie an: dem Einfühlungsvermögen. Seine Studie Kulturen der Empathie ist 2009 bei Suhrkamp erschienen.
Als Experte für Erzähltes erweitert er im Paradigma des „narrative turn“ die enge Sicht neurobiologischer Empathieforschung um die Kulturgeschichte der Einfühlung, wie wir sie in Literatur und Philosophie vorfinden – „Untersucht und aufgetan werden soll der Raum zwischen der neuronalen Aktivität und dem Ausbilden von Verstehen, Mitgefühl und Mitleid, das heißt der Raum der Kulturen der Empathie“. Breithaupt kommt zu dem Ergebnis, dass Empathie als komplexer sozialer Prozess zu verstehen ist. Der Begriff der Gemeinschaft, der dabei zentral ist, legt nahe, dass Empathie nicht als Leistung des Subjekts im Rahmen einer Zweierbeziehung aufgefasst werden sollte und sich Einfühlung damit allein aus naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zum Forschungsobjekt Mensch nicht hinreichend beschreiben lässt. Die literaturwissenschaftliche Weiterung erweist sich also methodisch als sinnvoll und ertragreich.
Breithaupt entwickelt ungewohnte Perspektiven. Zum einen geht er davon aus, dass es uns nicht an Empathie mangelt, sondern an ihrer richtigen Blockierung. Zum anderen betrachtet er nicht die Empathie, die Partei A einer Partei B entgegenzubringen vermag, sondern verlagert den Akt der Einfühlung in einen Dritten, einen Beobachter, der sich für Partei A oder B entscheidet. Der Verfasser räumt ein, dass dies „kontraintuitiv“ sei, da man sich für gewöhnlich auch dann in einen Menschen einfühlen kann, wenn dieser alleine vor sich hin leidet. Doch, so Breithaupt, würden wir in diesen Situationen den Verursacher des Leid implizit mitbedenken und uns in dieser imaginären Konfliktsituation für das vor uns befindliche Opfer entscheiden. Nur so seien wir in der Lage, dem Leidenden auch ohne konkreten Verursacher unser Mitgefühl entgegenzubringen. Dieses „erstaunliche menschliche Vermögen der Empathie“ werde nicht nur aus den Resultaten der naturwissenschaftlichen Kognitionsforschung ersichtlich, sondern auch von „narrativer Literatur“ entschlüsselt.
Das komplexe Problem wird – im Bachelorzeitalter unerlässlich! – in kleine handliche Pakete geschnürt: Für den eiligen Leser, der sich nur „ein Bild machen“ will, wird in der „Gebrauchsanweisung“ ein roter Faden gelegt, ebenso wie für den an kognitionswissenschaftlichen Fragen Interessierten. „Wer das Buch als Beitrag der Literaturwissenschaft lesen will“, der wird gleich zu den Kapitel verwiesen, in denen es um Lessing, E. T. A. Hoffmann und Theodor Fontane geht. Das ist praktisch und realistisch, konterkariert aber ein wenig den transdisziplinären Ansatz, der Breithaupts Buch aus der Fülle an Neuerscheinungen zu Spiegelneuronen & Co. heraushebt.
Ausgangspunkt ist aber auch bei Breithaupt die revolutionäre Erkenntnis der Hirnforschung zur neuronalen Anlage von Einfühlungsvermögen, die Entdeckung der Spiegelneuronen durch den Italiener Rizzolatti und sein Team, die insbesondere Joachim Bauer im deutschen Sprachraum popularisiert hat. Kernkonzepte sind dabei die „Ähnlichkeit“ und die „Absicht“. Wir reagieren auf das, was uns bekannt vorkommt und von dem wir ahnen, wie es sich entwickeln wird, qua natura empathisch, das heißt, wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, feuern die Spiegelneuronen automatisch. Damit wird, so könnte man etwas lax sagen, „unkontrolliert“ Empathie freigesetzt. Die Frage die sich stellt, wenn man denn von der Bedeutung der Spiegelneuronen für unser Verhalten überzeugt ist, lautet, wie dieser Vorgang „gesteuert und blockiert“ werden kann, um unsere Einfühlung sinnvoll zu kanalisieren. Breithaupt diskutiert die „Vorhersagbarkeit“ der Handlungen als einen Filter, der „überzogene“ Reaktionen auf erfahrene Ähnlichkeit verhindert. Zudem ist er der Ansicht, dass das Neuronenfeuerwerk zwar notwendig, aber nicht hinreichend für echte Empathie „im höheren Sinne“ ist, dazu bedarf es der Kontextualisierung und insbesondere „kultureller Kodierungen und Narrativierungen“ – die Literatur kommt ins Spiel. Zunächst Lessing, der einen eigenen Vorschlag zur Blockierung macht. In den 1770er-Jahren, als das „Mitgefühl“ hoch im Kurs stand, entwickelt er parallel dazu das „Ich“ als „Antagonist der Empathie“. Das „Ich“ wird zum „Schlagwort des Sturm und Drang“, dem Einzelnen „als Bildungsprogramm vorgeschrieben“. Da ein Zuviel des „Ich“ aber Empathie nicht nur sinnvoll blockieren, sondern ganz verhindern würde, geht es weiterhin um die „Konstruktion des anderen“ und darum, situativ in dessen Haut zu schlüpfen, seine Perspektiven zu übernehmen und für ihn Partei zu ergreifen. Eine Sorte Literatur, die uns dies ermöglicht, ist die „Trauma-Erzählung“, wie Breithaupt an E. T. A. Hoffmanns „Fräulein von Scuderi“ aufweist. Bei der Lektüre von Texten, die das verstörende Verhalten von Menschen aus deren traumatisierendem Schicksal verständlich machen, werde „die Narration der Aufdeckung des Traumas als spannend mitvollzogen und der Charakter durch diese Aufdeckung als (empathisch) lesbar erkannt“.
Die „Rolle des Dritten“, die in Breithaupts Verständnis von Empathie entscheidend ist, wird anhand der Dreiecksbeziehung von Geiselnehmer, Geisel und Polizei erläutert, in der sich die Geisel scheinbar paradoxer Weise auf die Seite ihres Peinigers schlägt („Stockholm-Syndrom“). Dass dies durchaus eine rationale Form von Empathie ist, wird klar, wenn man sich vor Augen führt, dass die Geisel damit auf widersprüchliche Weise ihr eigenes Selbst stabilisiert, da der Geiselnehmer de facto als Platzhalter dieses eigenen Selbst verstanden werden muss, denn: Was ihm schadet, schadet der Geisel, was ihm nützt, nützt der Geisel. Deswegen sei es für die Geisel durchaus sinnvoll, im Konflikt des Geiselnehmers mit der Polizei für den Geiselnehmer Partei zu ergreifen und sich „mimetisch dessen vermutete Wünsche und Ängste zu eigen zu machen“. Ein Extrembeispiel, mit dem Breithaupt sehr gut seine These vom empathiebildenden „Dritten“ untermauert: Der „Dritte“ ist „ein Vehikel, den anderen emotional zu verstehen“. Der Geiselnehmer wird als Opfer des „Dritten“ (der Polizei) wahrgenommen. Dadurch wird er für die Geisel „emotional zugänglich“, da er nunmehr ihre Opferrolle teilt.
Die Quintessenz des breithauptschen Einfühlungsbegriffs, Empathie als „kulturelle Leistung“, wird im vierten Hauptkapitel erarbeitet, in dem die Schlüsselelemente „Narration“ und „Parteinahme aufgrund eines Dritten“ zusammengeführt werden. Hier gefällt die echte Transdisziplinarität des Ansatzes, auch wenn es trotz der klaren Sprachführung anstrengt, den Gedankengängen des Verfassers von der neurobiologischen Bewusstseinsforschung zur Philosophiegeschichte und über die Literaturwissenschaft zurück zur Psychologie zu folgen. Schließlich landet er bei „Perversionen der Empathie“ und Theodor Fontanes „Effi Briest“, anhand dessen Breithaupt noch einmal zeigt, dass „nur durch die Blockade von Empathie“ eben diese Empathie „zum Zuge kommen“ kann. Breithaupt macht deutlich, dass es hierbei um eine soziale Handlung geht, die auf einer allgemeinen Grundform menschlicher Empathie basiert, die von der naturwissenschaftlichen Forschung allein nicht erfasst werden kann: die Parteinahme in „Dreierszenen“, die davon motiviert wird, dass die jeweilige Szene Teil einer Erzählung ist, zu der wir uns mitfühlend und verstehend verhalten können.
Und noch etwas ist schließlich wichtig festzuhalten: Das Verhältnis von Empathie und Moral ist weit weniger eindeutig als es scheint. Die Antagonismen der narrativen Empathie verhindern gleichsam, dass diese Welt zu einem Ort „voller Mitleid und Mitgefühl“ wird: „Wir rücken näher aneinander, indem wir uns zugleich innerlich verfeinden. Wir verstehen einander um den Preis, dass wir uns wechselseitig auch immer wieder ausgrenzen. Wir ergreifen die Partei des Schwächeren, um diesen zugleich auf seine Position des Schwächeren festzuschreiben.“ Empathie sei zwar, so der Verfasser, „ein zentrales Mittel zur Genese von Moral“, doch wäre es falsch, „zur Verbesserung der Menschen allein auf Empathie zu setzen“. Fritz Breithaupt erinnert an die Funktion des seinem Wesen nach gerade unparteiischen Rechts, das die Empathie als Übung in Parteinahme unbedingt ergänzen muss, denn aus Empathie allein erwächst noch keine „bessere Welt“.
(Josef Bordat)
Mario Vargas Llosa. Der kirchenfreundliche Agnostiker
31. August 2011
Religion ist in einer demokratischen Gesellschaft nicht nur zulässig, sondern unentbehrlich.
Mario Vargas Llosa
Der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa lebt seit langem in Spanien und schreibt u. a. Kolumnen für die Tageszeitung El País. Zuletzt äußerte er sich zum Weltjugendtag in Madrid. Überraschend positiv. Er, der in seinen Romanen oft genug Kirchenkritik und Religionsskepsis durchblicken ließ, habe sich über die vielen jungen Christen gefreut, die ernsthaft ihren katholischen Glauben leben. Denn dieser sei unverzichtbar, bilde er doch ein Gegengewicht zum Verhaltensmuster eines Durchschnittsmenschen unserer Tage: Gier, Egoismus, Korruption. Die Kirche liefere da ein „moralisches Gerüst“, dass auch denen zu einem besseren Leben verhelfen könne, die sich nicht in allen Punkten an den Inhalten der Lehre orientieren wollten.
Mario Vargas Llosa lässt sich nicht festlegen. Nicht, dass der Literaturnobelpreisträger auf die Worte des Papstes hörte, aber er erkennt ihn als intelligenten Diskursbeiträger an. Nicht, dass er an Sendung und Lehre der Kirche glaubte, doch er verweist auf ihren Wert für die Moralität in einer sittlich verlotterten Gesellschaft. Nicht, dass er die Autorität der Kirche achte, doch dass sie überhaupt mit einer unangebiederten Autorität aufzuwarten versucht, das findet er gut.
Nicht, dass ich wiederum dieses funktionalistische Kirchenbild gut fände (dass Vargas Llosa mit dem Wunsch nach „mehr interner Demokratie“ noch weiter in Richtung Weltlichkeit verzerrt), aber es zeigt doch, dass es möglich ist, etwas wertzuschätzen, das man selbst weder gänzlich versteht noch in allen Einzelheiten teilt. Und das ist heute überhaupt nicht selbstverständlich. Zumal in Spanien.
(Josef Bordat)
Verkündigung
31. August 2011
Die Verkündigung war die Methode Gottes, durch Propheten auf Jesus als den kommenden Messias hinzuweisen; es war die Methode Jesu, sich als Erlöser zu beweisen, und es ist heute die Methode des Heiligen Geistes, Jesus als Erlöser zu erweisen.
Anton Bergmair
Die Freiheit des Christen
31. August 2011
Menschliche Freiheit ist relativ, denn sie ist immer an die Bedingungen gebunden, die durch Wille, Wahl und Entscheidung konstituiert werden. Absolute Freiheit, wenn es sie denn für den Menschen gäbe, wäre launisch, zufällig, unberechenbar, zusammenhanglos – eine Freiheit im kausalen Vakuum. Sie führte zur Entscheidungsunfähigkeit und damit zur Unfreiheit.
Echte Freiheit gibt es nur unter Bedingungen. Nur eine solche Freiheit macht überhaupt Handlungen möglich, also menschliches Verhalten, das über Reizreaktionen hinausgehen.
Für den Christen ist Gott die Bedingung der Freiheit und damit zugleich die erste und höchste Instanz der Verantwortung. Nur in der Teilhabe an Gottes absoluter Freiheit kann der Christ frei werden, so frei wie es dem Menschen möglich ist.
(Josef Bordat)