Das liebe Geld
18. August 2011
Anmerkungen zum Thema Nr. 2
Ich bin von der Domradio-Moderatorin am Mittwoch gefragt worden, wie das denn zusammenpasse – Wirtschaftsingenieur und katholischer Philosoph. Unterton: „Eigentlich ja gar nicht, oder?“ Das Domradio ist da nicht die erste und einzige Instanz, die hier eine Dichotomie vermutet, die das ruinöse Ergebnis eines biographischen Umbruchs darstellt. Nun, ich sehe das nicht ganz so. Mal abgesehen von der katholischen Soziallehre – manchmal ist auch als katholischer Philosoph ein gewisser ökonomischer Sachverstand nicht unbedingt nachteilig. Auch, wenn ökonomischer Sachverstand in Fragen der Finanzierung von kirchlichen Ereignissen rufschädigend zu sein scheint, wenn man gleichzeitig als „modern“ und „aufgeklärt“ gelten will.
Offenbar sind die Kosten des Weltjugendtages in Madrid (angeblich: 50 Millionen Euro) und des Deutschlandbesuchs Papst Benedikts XVI. (angeblich: 20 Millionen Euro) für einige Menschen derzeit das größte finanzpolitische Problem Europas. Es bringt dann auch nichts, darauf zu verweisen, dass allein in Deutschland an einem einzigen Sommertag etwa die gleiche Summe für Eiscreme ausgegeben wird. Von Bier möchte ich gar nicht reden.
Eigentlich, um aus aktuellem Anlass beim WJT zu bleiben, kommt man an den Zahlen, die von offizieller Seite geliefert werden, auch mit der größten anti-klerikalen Aversion kaum vorbei, wenn man einigermaßen gesprächsfähig bleiben will und danach – ich schrieb es heute morgen schon – wird der Hauptteil der Kosten nicht durch den Steuerzahler gedeckt. Die unmittelbaren Kosten der Hauptveranstaltung „WJT 2011“ werden von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des WJT 2011 selbst getragen. Ergänzt werden diese Einnahmen durch Spenden, durch die sogar Teilnehmern aus Afrika, Asien und Lateinamerika der Teilnehmerbeitrag erlassen werden konnte, zum Teil konnten durch das Engagement von Jugendlichen aus reicheren Gefilden sogar die Reisekosten dieser Freundinnen und Freunde aus der „Dritten Welt“ refinanziert werden. Aber ich will hier nicht über gelebte Solidarität sprechen. Wäre ja noch schöner. Es geht ja hier um den Steuerzahler und dessen Aufwendungen, die nach dem, was ich bisher ausgeführt habe, praktisch bei Null liegen. Praktisch – aber eben nicht ganz.
Die Kosten, die der Staatskasse zu Last fallen (etwa für den Polizeieinsatz anlässlich der Gegendemonstration und die – noch nicht bezifferten – Schäden der sich anschließenden Ausschreitungen) liegen weit unter den zusätzlichen Einnahmen (etwa aus der zusätzlich eingenommenen Mehrwertsteuer oder dann – am Ende des Jahres – aufgrund der höheren Steuerbelastung des Einzelhandels, resultierend aus den höheren Umsätzen bzw. den damit verbesserten Betriebsergebnissen der einzelnen Gewerbetreibenden).
Freilich muss kein Papstgegner irgendeine rationale Begründung dafür geben, warum er ein Gegner des Papstes ist. Auch das Demonstrationsrecht ist – aus guten Gründen – nicht an gute Gründe gebunden. Und freilich haben die Papstgegner völlig Recht: Der spanische Staat hat Kosten durch den WJT. Was aber – nun, ja – „übersehen“ wird, ist die Tatsache, dass der spanische Staat durch den WJT auch Einnahmen hat. Einnahmen, die die Ausgaben weit übersteigen.
Umgangssprachlich (wie übrigens auch im Rechnungswesen) nennt man ein positives Ergebnis der Differenz von Einnahmen und Ausgaben „Gewinn“. Im Klartext: Der Staat Spanien macht beim WJT 2011 fiskalisch Gewinn. Es würde also aus fiskalischer Sicht sinnvoll sein, den Papst jede Woche einzuladen (bei sonst gleichbleibenden Rahmenbedingungen, auf kostspielige Randale darf aber gerne verzichtet werden). Also, die Demonstranten in Madrid müssen sich schon entscheiden, was größer ist: ihre Liebe zum spanischen Fiskus, für den sie so rührendes, aber – an dieser Stelle – völlig unnötiges Mitleid haben, oder ihr Hass auf die katholische Kirche. Diese Entscheidung ist, so glaube ich, bei den meisten der 2000 Papstgegner gefallen, wie man u. a. an der aus volkswirtschaftlicher Sicht nicht unbedingt steuerzahlerfreundlichen nächtlichen Zerstörungsorgie unschwer erkennen kann.
Man muss kein Wirtschaftswissenschaftler sein, um auf den Trichter zu kommen, dass der erste weltliche Gewinner des WJT 2011 der spanische Fiskus ist. Wenn 500.000 Gäste aus dem Ausland, die sonst nicht gekommen wären, jeden Tag pro Kopf nur 20 Euro ausgeben (für Essen, Trinken, Eiscreme, das eine oder andere Bier, Souvenirs und was der Mensch noch so braucht), dann sind das 10 Mio. Euro Mehrumsatz pro Tag. Für die 300.000 Inlandsgäste rechne ich nur 10 Euro pro Tag (schließlich kaufen die keine Souvenirs und wissen, wo es billiges Bier gibt). Macht 3 Mio. Euro. Das sind insgesamt 13 Mio. Euro. Mal sechs Tage. Das macht dann 78 Mio. Euro. Natürlich geben auch die an einzelnen Veranstaltungen teilnehmenden Madrilenen mehr aus, als wenn sie zuhause blieben. Und in Wirklichkeit sind die meisten Gäste viel länger in Spanien und geben auch wesentlich mehr aus, aber Vorsicht ist die Mutter der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Wenn von diesen 78 Mio. im Schnitt 32 Prozent Gewerbeertrags- und 18 Prozent IVA (Mehrwertsteuer) erhoben wird, geht die Hälfte des Geldes an den Fiskus, also 39 Mio. Euro. Da freut sich der spanische Steuerzahler, der übrigens mit einer Wahrscheinlichkeit von 3 aus 4 katholisch ist. Aber auf inhaltliche Fragen möchte ich gar nicht eingehen.
Noch eins: Wir können uns – meinetwegen auch ohne störende Fakten – darüber streiten, ob die Kosten des WJT, insbesondere die, die zu Lasten der Staatskasse gehen, zu hoch liegen, und ob man das Ganze nicht auch kostengünstiger veranstalten könnte, etwa, indem man noch mehr als die 30.000 freiwilligen Helfer anheuert. Wir können uns auch zu gegebener Zeit – in aller nötigen Sachlichkeit – gerne darüber unterhalten, was es dem Staat bringt, ein gutes Verhältnis zur Kirche zu haben und was es umgekehrt der Kirche bringt, ein gutes Verhältnis zum Staat zu haben und ob der Radikal-Laizismus wirklich am Ende des Tages der große fiskal- und sozialpolitische Befreiungsschlag für Deutschland und Europa wäre. Und sogar darüber, wie reich der Vatikan wirklich ist. Alles kein Problem. Aber eins muss ich in aller Verbundenheit in der Sorge um die ökonomische Stabilität Europas loswerden: Zu meinen, man könne die hungernden Menschen in Somalia instrumentalisieren, um der Kirche eins überzubraten, zu meinen, wohlfeile Tipps der Art „Die 50 Millionen sollten besser nach Afrika gehen!“, ja, sogar zu meinen, die Kirche sei in der Logik unterlassener Hilfeleistung nunmehr Schuld am Tode derer, für deren Hilfe Geld fehlt, das zu meinen – und ich würde diese Meinung nicht erwähnen, wäre sie mir nicht an verschiedenen Stellen aufgefallen – das ist der ekelhafteste Moralismus, der mir je untergekommen ist.
(Josef Bordat)