Eine Woche im Kloster
17. Oktober 2011
„Wie war’s denn im Kloster?“ Die Frage ist mir so oder ähnlich in den letzten Tagen öfter gestellt worden. Nun. Das ist über ein schlichtes „erholsam“, „aufbauend“, „besinnlich“ hinaus gar nicht so einfach zu sagen. Ein Aufenthalt im Benediktinerinnenkloster Sant Benet de Montserrat bietet zudem so viel – ich glaube, ich muss hier differenzieren.
Zunächst die Fakten. Bundeswehrsoldaten, Jurastudenten vom Typ „langjähriger Kassenprüfer des RCDS“, Katasteramtssachbearbeiter, Programmierer und andere Menschen mit einem gesunden Sinn für Ordnung und Übersicht werden damit sicher etwas anfangen können.
Tag n
0600 MESZ. Wecken
0630 MESZ. Morgengebet
0730 MESZ. Laudes
0800 MESZ. Eucharistiefeier
0830 MESZ. Frühstück
0930 MESZ. Wanderung
1315 MESZ. Sexta
1330 MESZ. Mittagessen
1500 MESZ. Arbeit
1845 MESZ. Vesper
2045 MESZ. Abendessen
2130 MESZ. Komplet
2200 MESZ. Bettruhe
Tag n+1: Wiederhole Tag n! – Alles klar? Weitermachen!
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Für den typischen Pauschaltouristen mit gehobenen Ansprüchen, der sonst Kulturreisen nach Myanmar und Kreuzfahrten entlang der norwegischen Südküste schätzt, muss es in der Beschreibung dagegen schon etwas blumenreicher zugehen. „Nach dem Bustransfer vom Bahnhof Barcelona-Sants zum malerisch gelegenen Kloster Sant Benet de Montserrat (Katalonien) wartet auf Sie ein gepflegtes Doppelzimmer mit seitlichem Bergblick (Handtücher inklusive). Den Begrüßungscocktail (abgekochtes Wasser) nehmen Sie gemeinsam mit Ihrer katalanisch sprechenden Reiseleitung ein. Anschließend gibt Ihnen die Äbtissin eine kurze Einführung in die Geschichte und Spiritualität des Benediktinerordens in Katalonien (auf katalanisch). Das Mittagessen (katalanische Spezialitäten) sowie das Dinner (Spezialitäten aus Katalonien) nehmen Sie im Salon „Speiseraum“ ein. Lernen Sie an den Vormittagen in der erholsamen Atmosphäre hinreißender Landschaften, gewaltiger Bergwelten und atemberaubender Schluchten (alle katalanisch!) den Charme Kataloniens und die Vorzüge des Klosterlebens mit seinen übersichtlichen Abläufen kennen. An den Nachmittagen haben Sie Zeit zur freien Verfügung. Oder zum Katalanisch lernen (kostenloser Unterricht durch Schwester Iniesta).“
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Überdurchschnittlich gut aufgeklärten Kirchenkritikern wird der Besuch des Klosters Sant Benet dabei helfen, zwischen zwei Papstbesuchen nicht ganz aus der Übung zu kommen. „Eine Woche in der Kloster-Hölle! Wir werden Zeugen verkrusteter Dogmen („Barça ist einfach die beste Mannschaft! Basta!“), eines fanatischen Fundamentalismus („Wie bitte? Sie sind ,eher für Real’?! Wegen Özil? Ach, kommen Sie!“) und unvorstellbarer Grausamkeiten (Küchendienst!). Kaum angekommen, schlägt uns eine der Nonnen plötzlich und unvermittelt vor, doch „eine Wanderung“ zu machen.
Zum Mittagessen versuchen die schwarzen Schwestern uns mit einem blutroten alkoholischen Getränk gefügig zu machen. Vorsicht: Wer zu viel davon trinkt, wird schnell zum wehrlosen Opfer ihrer menschenverachtenden Machenschaften („Decken Sie doch dann schon mal für’s Abendbrot ein!“). Das Getränk wird aus Trauben gewonnen, die brutal ausgepresst und jahrelang in dunkle Keller gesperrt wurden – ohne Kontakt zur Außenwelt. Dazu werden tote Tiere gereicht! Selbst zum Nachtisch bleibt uns ideologische Indoktrination nicht erspart: Statt wertneutralem Szientismus (oder wenigstens Sozialismus) gibt es Apfelmus! Nichts gegen den Apfel an sich, aber „Apfelmus“. Muss nicht sein!
Anschließend werden wir als Küchenhilfen missbraucht. Es wird von unserer Seite versucht, diese grausame Tatsache, dass wird mit Spülen dran sind, heimlich zu vertuschen – keine Chance! Die Schwestern zeichnen sich da durch unermesslichen Reichtum an Ideen aus.
Nachts liegt das Kloster, dessen Mauern hellbraun sind, sich aber je nach Intensität des Sonnenlichts bisweilen leicht rötlich und manchmal auch ins Gräuliche gehend verfärben können, ruhig und majestätisch vor dem Bergmassiv Montserrats, den eines andächtigen Schweigens teilhaft gewordenen Schwestern würdige Heimstatt gebend.
Am nächsten Tag mit dem Bus bis zur großen Kreuzung, dann mit den Regionalzug nach Barcelona. Endlich frei! Inquisition und Hexenverbrennung blieben uns zwar erspart, finden aber unter Umständen bald auch hier wieder statt, wenn die Kirche nicht gefälligst endlich den Zölibat abschafft!
Wer stoppt den Benediktiner*innen-Terror?! Gegen Rassismus, Faschismus, Sexismus! Und Apfelmus! Kein Benedikt, keine Benediktiner*innen, kein Küchendienst!“
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Am meisten dürften allerdings Freunde von „Auto-Bild“, RTL II-Dokus und Micky Krause auf Ihre Kosten kommen. „Wahnsinn! Eine ganze Woche mit 35 Single-Frauen aus Deiner Umgebung! Kein dummes Gelabere, nur klare Ansagen! Voll die Action, bis in die Nacht! Sant Benet – besser als Ballermann!“
So oder so. Es lohnt sich, nach Montserrat zu kommen!
(Josef Bordat)