Im Zeichen des Kreuzes?
6. Februar 2012
Als ich Harald Krassnitzer alias Kommissar Moritz Eisner grippekrank im Bett liegen sehe, läuft der Tatort binnen Sekunden in meinem Innern ab: Mord an einem 46jährigen Landwirt auf irgendeiner Alm mit angeschlossenem Sägewerk. Es stellt sich heraus, dass es Erbstreitigkeiten mit dem arroganten Bruder gibt, der schon vor Jahren nach Wien „umgesiedelt“ ist. Außerdem hat die hinterbliebene Ehefrau ein Verhältnis mit dem Bürgermeister, der den Hof umwandeln wollte in eine örtliche Skitourismuszentrale. Täter ist am Ende ein Umweltaktivist, der sich als Auszubildender in das Sägewerk infiltriert hatte. Die Ehefrau begeht 21:41 Uhr Selbstmord. Schuldgefühle. Zwei Drittel der Zeit langweilige Dialoge, das verbliebene Drittel Landschaftsaufnahmen, zu denen man sich die nachdrückliche Forderung „Machen Sie Urlaub in Österreich!“ (Bitt’ schön!) denken soll. Ganz ohne Product Placement geht’s halt nicht. Wie gehabt.
Denkste! Der gestrige Tatort („Kein Entkommen“) war der blutigste aller Zeiten. 15 Tote. Der Balkan-Krieg erreicht Jahre nach seinem Ende Österreichs Hauptstadt Wien. In einem rasanten Tempo wird die Geschichte eines sympathischen Familienvaters erzählt, der als Aussteiger aus einer serbischen Nationalistengruppe von seinen ehemaligen Kameraden gesucht wird, die Angst haben, von ihm an Den Haag ausgeliefert zu werden. Die harmlosesten und nettesten Zeitgenossen entpuppen sich dabei als getarnte Massenmörder, geschützt von einem serbischen Netzwerk inmitten der Gesellschaft. Keiner darf fehlen: Der Biedermann im Anzug, der sich nach Feierabend als Killer betätigt, der Kopf der Bande, der sich – typisch Schreibtischtäter! – als nervenschwacher Feigling entpuppt und ein gutsituierter „Bub“ aus der nächsten Generation, der eigentlich alle Chancen hat, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen, sich aber scharf machen lässt und in der Bande eine Heimat findet.
Spannend, aufwühlend, nachdenklich stimmend. Das war er, der gestrige Tatort. Bloß eine Nuance missfällt: die etwas fragwürdige Dramaturgie, vielmehr, eine Kleinigkeit, die sonst vielleicht kaum jemandem aufgefallen sein mag. Mir schon. Immer dann, wenn die serbischen Nationalisten aktiv wurden, baumelte als Erkennungszeichen ein Kreuz vor der Kamera. Am hals eines der Aktivisten, am Innenspiegel eines Autos der Bande. Auch der Chef persönlich (welcher sich „der Heilige“ nennen lässt) bezieht sich in einer Szene beiläufig auf das Kreuz. Das Kreuz wird zum Symbol des Terrors – wo es zu sehen ist, knallt es gleich. Und zwar mit Kreuzträgern als Täter. Spätestens beim dritten Mal gibt es den „Aha“-Effekt: „Achtung! Da war ein Kreuz im Bild. Es geht wieder los!“
Fest steht: Der serbische Nationalismus hat mit dem Christentum nichts zu tun, auch wenn einige der Mörder im Film und in der Wirklichkeit formal Mitglieder der Serbisch-Orthodoxen Kirche gewesen sein mögen. Ihre unmenschliche Freund-Feind-Logik und die schier unfassbare Kaltblütigkeit ihrer Taten kinematografisch in solch direkte Beziehung zum Zeichen des Kreuzes zu setzen, das ist etwa so verfehlt, als würde man jeden Mörder ohne explizites Bekenntnis als Beleg für die Grausamkeit des Atheismus anführen.
Also: So wichtig es ist, den Balkan-Krieg in seiner ganzen Brutalität auch in Fernsehspielen zu verarbeiten und dabei die Rolle von Splittergruppen zu thematisieren, die mit geringen Mitteln in großem Maße genozidale Gewalt verübten, so wichtig ist es auch, keine Fehlschlüsse zu provozieren, durch kaum merkliche Details wie die dramaturgische Verbindung von „nächstes Kreuz“ und „nächster Mord“. Wer sich daran macht, eine spannende Geschichtsstunde zu verfassen, die auch der Wahrheit verpflichtet ist, sollte auf solche Irreführung verzichten, selbst dann, wenn es heute geradezu opportun erscheint, das Christentum zu karikieren und die Missverständnisse systematisch zu vertiefen, um die dann genügend vorurteilsbelastete Lebensform bequemer marginalisieren zu können.
Es sind nicht die brachialen Anfeindungen, die Spuren hinterlassen und Deutungshoheiten erobern. Steter Tropfen höhlt den Stein. Gestern waren es serbische Nationalisten. Mit Kreuz. Mal sehen, was nächsten Sonntag kommt.
(Josef Bordat)