Gedanken zum ontologischen Gottesbeweis

22. Februar 2012

Derzeit arbeite ich an einer Besprechung des jüngsten Buches von Josef Seifert („Erkenntnis des Vollkommenen. Wege der Vernunft zu Gott“, erschienen 2010 im Lepanto-Verlag), die in den nächsten Tagen hier erscheinen wird. Die Gedanken zum ontologischen Gottesbeweis, die mir bei der inspirierenden Lektüre kamen, sollen ein kleiner Vorgeschmack sein.

Die Idee des ontologischen Gottesbeweises besteht darin, die Existenz Gottes voraussetzungslos aus dem rein rational entwickelten Begriff einer Einheit von Wesen und Sein in Vollkommenheit zu erschließen, und zwar als Denknotwendigkeit für den Menschen. Gott wird zwingend für das menschliche Denken. Der Mensch kann Gott zwar einfach leugnen (das geht immer), aber nicht aus seinem Denken ausschließen, das wäre vernunftwidrig. Deshalb überlebt Gott auch in religionskritischen Betrachtungen als intellektuell bestimmtes Phänomen, sei es als „Idee“, als „Projektion“, als „Illusion“ oder auch als „Wahn“ Wörter, die Vorstellungen bezeichnen, mit denen um eine Erklärung des an und für sich Unerklärlichen gerungen wird: Gott.

Gott steht im Zentrum des menschlichen Interesses, die Kontingenz eines Lebens in Freiheit zu bewältigen und dieses Leben mit Sinn zu füllen. Die Auseinandersetzung mit der Gottesexistenzfrage gehört in jedem Fall dazu, will man nicht schlechterdings ignorant sein. Der Gottlose kommt von Gott nicht los, das meinte zuletzt noch Berlins Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki zur Lage der als „gottlos“ geltenden deutschen Hauptstadt.

Gott nimmt Platz in unserer Vernunft – als was auch immer wir Gott dabei erkennen: Ob Gott für uns „Vater“ ist oder „Projektion“, mag unterschiedliche Folgen für die Lebensführung haben, doch als Vorstellungen des menschlichen Geistes, der von Vernunft durchdrungen ist, zeigen die höchst unterschiedlichen Verstandesdeutungen Gottes nur umso mehr, dass Gott unauflöslicher Bestandteil unseres Bewusstseins ist und auch in der bewussten Negation unserer Vernunft zugänglich bleibt. Ich kann Gott zwar falsch, aber doch nicht nicht verstehen. So wie ich Arabisch nicht verstehe (daher auch nicht falsch verstehen kann), und über ein Hörspiel auf Arabisch nicht anfangen kann, nachzudenken, selbst, wenn ich es wollte, so kann ich, selbst, wenn ich es wollte, über Gott nicht aufhören, nachzudenken. Und zwar unabhängig davon, was Gott für mich ist.

Dadurch erweist sich die reine Existenzaussage Gott ist. als vernünftig – und als wahr, soweit man geneigt ist, metaphysischen Überlegungen (in Bezug auf Vernunft) epistemologische Relevanz (in Bezug auf Wahrheit) beizumessen.

Seit Kant ist es zwar möglich, im Vernunftgebrauch einen rein subjektiven Vorgang zu sehen, welcher das Objekt des Gedankens erst erzeugt und dessen Sein (das „Ding an sich“) für den Menschen immer unerkannt lässt. Insoweit wäre die Existenz des Gedachten nicht schon dadurch bewiesen, dass Denken eine Leistung der menschlichen Vernunft ist – man kann sich auch etwas ausdenken, zu dem es gar kein Sein gibt, ja, manchmal kann man bewusst an Dinge denken, deren Existenz man weder annimmt noch wünscht, nicht als „Erscheinung“ und erst recht nicht „an sich“. Nur: Wenn der Mensch nicht anders kann (man beurteile dieses Unvermögen wie man wolle), als über Gott nachzudenken – ist das nicht ein starker Hinweis auf die Existenz Gottes als des derart notwendig Gedachten?

Ich denke schon, zumal, wenn das subjektive Ausdenken mit dem objektiv erfahrbaren Vollzug des Glaubens in der Lebenswelt kollidiert: Gott kommt vor – und über das, was vorkommt, kann man nur nachdenken. Für ein Ausdenken ist es dann zu spät. Und wie sollte Gott durch den Menschen in die Welt gekommen sein, in der Er seither als fester Bestandteil aller Erzählungen vorkommt, die dieser Welt einen Sinn zuzuschreiben bemüht sind? Doch nur so: Es müsste sich irgendwann ein Mensch Gott ausgedacht haben und einen anderen Menschen davon überzeugt haben, dass es sinnvoll ist, über Gott nachzudenken. Ohne jede Überzeugung von der Existenz des Gedachten kann aber kein Sinn erfahren worden sein – vielleicht gerade noch von dem Ausdenker (wenn er ein notorischer Betrüger war und sich der Gefolgschaft Dritter als Sinn erfreute), doch keinesfalls von dem Nachdenker. Ergo: Die Sache hätte sich bald erledigt gehabt, so ganz ohne jede Überzeugung vom Sinn der Sache.

Woher aber kommt diese Überzeugung, dieser Glaube? Doch nur aus der Erfahrung eines dem Menschen äußerlichen Phänomens. Denn sich wiederum den Glauben als notwendige Voraussetzung des sinnvollen Nachdenkens über Gott auszudenken – das verlangte doch vom Menschen eine Raffinesse in Sachen Selbstbetrug, die als eigenständiger Gottesbeweis durchginge! Die Frage ist: Was haben Menschen erfahren, dass sie anfingen, an Gott zu glauben? War es die Selbsterfahrung als Wesen, die von sich selbst etwas wissen können, die Entdeckung des Selbstbewusstseins? Was, so kann man weiter fragen, war dann die Ursache des realen Gegenstandes, der dieser Erfahrung zugrunde lag? Ich denke, die Ursache ist nichts anderes als das, was wir seither Gott nennen. Damit lässt sich festzustellen: Die Ursache des Glaubens an Gott ist Gott.

Ich weiß: Das ist keine große Erkenntnis für einen Katholiken. Dennoch ist es manchmal aufschlussreich, Umwege zu gehen.

(Josef Bordat)

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