Der Physiker Werk und Gottes Teilchen
4. Juli 2012
Offenbar ist es Wissenschaftlern des Kernforschungszentrums CERN gelungen, die Existenz eines subatomaren Teilchens (des so genannten „Higgs-Boson“, benannt nach dem britischen Physiker Peter Higgs) nachzuweisen. Was das bedeutet, weiß ich nicht. Man verspricht sich davon wohl die Möglichkeit, zu einer genaueren Modellierung der Entwicklung von Materie zu gelangen. Ein Fortschritt also. Gut so!
Wieso alle Welt nun davon spricht, das „Gottesteilchen“ (oder gar „Gott“ selbst) sei gefunden worden, irgendwo bei Genf, erschließt sich mir hingegen nicht. Sind nicht alle Teilchen, also auch zum Beispiel Eichbosonen, Protonen, Neutronen, Elektronen und so weiter Gottes Teilchen? Bausteine des Universums, das wir als Gottes Schöpfung betrachten? Was macht die Higgs-Bosonen so besonders? So besonders, dass man an ihre Entdeckung die Erwartung (offensichtlich: die Hoffnung) knüpft, das Christentum erkläre sich am Freitag Nachmittag für obsolet? Beziehungsweise überhaupt: „Religion“.
Nun gut, ich muss nicht alles verstehen. Wäre ja noch schöner. Interessant ist aber allemal, dass unterhalb der Pressemeldungen, die ich gelesen habe, im Wesentlichen die Gretchenfrage diskutiert wird, mit allem, was scheinbar zwingend dazugehört (Theodizee, Hexen, Kirchensteuer, ein erschreckend naives Verständnis von „Wissenschaft“, ein nicht minder erschreckend naives Verständnis von „Religion“). Wie gesagt: Interessant. Was steckt dahinter? Der unbändige Wunsch, endlich zur Ruhe zu kommen, ohne Kirchensteuer? Klare Antworten auf letzte Fragen zu erhalten, ohne große (eigene) Anstrengung? Die unterdrückte Transzendenzsehnsucht in die Immanenz eines Teilchens sperren zu können, irgendwo bei Genf? Wieder schamlos religiös zu werden, ohne dass der Nachbar es merkt? Die kühle Rationalität des säkularen Duktus kurz mit ein wenig Gefühl anreichern zu dürfen, ohne intellektuelle Überlegenheit einzubüßen?
„Ab jetzt können nur noch Schwachsinnige an Gott glauben“, fasst ein Kommentator den Ertrag der Genfer Versuchsreihe zusammen, damit auch Laien wie ich verstehen, was es auf sich hat mit Higgs und CERN. – Wozu ein Kernforschungszentrum doch gut ist, am Ende des Tages, wenn alle Fragen geklärt sind. Oder zumindest die, ob es wohl wirklich Higgs-Bosonen gibt.
(Josef Bordat)