Der Diskurs über Religion
26. März 2013
Epistemische und ethische Bemerkungen
Ich glaube, dass man sagen kann, ein Hauptproblem im Diskurs über den religiösen Glauben ist die ganz unterschiedliche Prämissen, die die Teilnehmer mitbringen, hinsichtlich der Frage, was das eigentlich sei: Glaube. Abhängig davon, ob man selbst an Gott glaubt oder nicht, betrachtet man auch das Glauben und den Glauben je anders. Wir sprechen dann über epistemische Fragen (Religion und Wissenschaft, Glauben und Wissen) immer unter grundverschiedenen konzeptionellen Voraussetzungen. Da ist es für die einen, die Nicht-Glaubenden (zumindest: „Nicht-an-Gott-Glaubenden“), die alles entscheidende Frage, unter welchen Bedingungen die Aussage Gott existiert Gegenstand wissenschaftlicher Forschung werden kann, um sie in diesem Rahmen weiterzuverhandeln; und solange keine entsprechenden Bedingungen genannt werden können, ist Religion, wie auch alles andere, das sich dem Zugriff des Laboranten prinzipiell verschließt, schlicht „Unsinn“. Für die anderen, die Glaubenden, stiftet Religion aber dennoch Sinn – etwas, das höchstens kopfschüttelnd hingenommen, nicht aber wirklich verstanden und auch nicht als Diskursbeitrag akzeptiert wird, weil die persönlichen Erfahrungsberichte, die diesen Sinn bezeugen, nicht die Qualität standardisierbarer Objekte haben. Für den wissenschaftlichen Diskurs braucht es aber sowohl die Objektivierung von Aussagen als auch die Angabe von Bedingungen zur Bestimmung ihres Wahrheitsgehalts.
Im Grund ist die Metadebatte überflüssig, denn eigentlich reicht es für die Teilnahme am demokratischen Diskurs aus, dass man eine Position vertritt, aus der sich konkrete Konsequenzen ergeben, und dass man zudem gewillt ist, die Konsequenzen des Eintretens für die Position zu tragen, nicht aber, zu begründen, warum man diese Position vertritt und keine andere. Die Begründung ist die Kür, aber nicht die Pflicht. Der Respekt gebührt der Ernsthaftigkeit des sich Positionierenden, unabhängig von der Position, der wiederum mit Toleranz zu begegnen ist. Das Recht auf Rechtfertigung besteht für mich hingegen erst dann, wenn eine Position meine eigene unmöglich macht, nicht schon, wenn sie sie bloß negiert. Bei religiösen Positionen wird nachgehakt, bis man sich zur Aussage Gott existiert durchgerungen hat. Die Existenz Gottes ist aber nach den Regeln des Diskurses nicht beweisbar, darf also es keine Rolle spielen; ebensowenig, dass es auf einen solchen Beweis – nach dem, was der Gläubige unter Gott versteht – gar nicht ankommt.
In Wahrheit ist der Diskurs (und jetzt beziehe ich mich konkret auf die Behandlung des Themas im Internet, also in Online-Zeitungen, Zeitschriften, einschließlich der zugehörigen Kommentarbereiche) freilich nicht wissenschaftlich, sondern rechthaberisch. Die Wissenschaft wird eingesetzt (man könnte auch sagen: missbraucht), um eine subjektive und zugleich öffentliche Rahmung der Religion aus Sicht der Religiösen auszuschließen. An den Debatten über Religion beteiligen sich dann auch hauptsächlich Nichtreligiöse, über den Glauben sprechen Ungläubige, diejenigen, die unter den Diskursbedingungen übrig bleiben. Sie sprechen dann aber nicht mehr über den Glauben, wie ihn viele Menschen erfahren, sondern über ihren, nach den eigenen Vorstellungen gefilterten Begriff von „Glauben“. Selbstverständlich nutzen auch gläubigen Menschen einen Filter, um ihr Konzept rein zu halten. Der Streit um Gott ist seit jeher ein Streit um Gottesbilder, das ist klar. Doch nie zuvor lag die Hoheit über die Sagbarkeitsregeln so eindeutig bei einer Partei.
Oft erscheint der religiöse Glaube dabei konzeptionell stark verkürzt, als etwas, das die Lücke zwischen Aktualwissen und Allwissen in Bezug auf die Welt schließt. Die Folge dieser Sicht: Je weiter die Wissenschaft fortschreitet, desto unnötiger ist der Glaube, weil man ja jetzt weiß, was zuvor nur geglaubt wurde. In diesem Fortschrittsparadigma erscheint Religion als etwas, das es zu überwinden gilt, und der (vermeintliche) „Rückzug des Glaubens“ geradezu als Indiz für Fortschritt. Die Kirche sorgt dann zwar noch dafür, dass es für „dumme Menschen“ Vereinfachungen gibt, diese brauchen aber nicht respektiert zu werden. In einem Tagesschau.de-Beitrag über Atheisten in den USA mit dem sehr fortschrittlich anmutenden Programm-Titel „Irgendwann werden wir die Welt regieren“ wird die Journalistin Jamila Bey wie folgt zitiert: „Religion war etwas für Menschen in der Bronzezeit, um sich unerklärliche Dinge zu erklären. Heute sind doch alle Fragen wissenschaftlich beantwortet.“
Freilich fällt der leicht nassforsche Duktus, mit dem behauptet wird, „Religion war“ (könne also nicht mehr sein) und es seien stattdessen „alle Fragen wissenschaftlich beantwortet“, einigermaßen ungünstig auf die Person zurück, die eine solche Behauptung aufstellt (Tagesschau.de charakterisiert den ersten Teil der Aussage als „herablassend“; den zweiten Teil, der schlicht falsch ist, leider gar nicht mehr), aber dennoch darf man dankbar sein für eine derart klare Aussage. Tacheles ist in Ordnung. Zugleich vertieft sie aber den Graben, wie die sich anschließende Diskussion zeigt, in der ein grotesker Überlegenheitsdünkel jeden Zweifel an der Minderwertigkeit religiöser Menschen gegenüber den nicht-religiösen Fortschrittswesen unterstreicht (Logik, Grammatik und Rechtschreibung jetzt mal außen vor). Was bleibt ist das Gefühl, die zwar in der Diktion immer aggressiver werdenden (z.T. in bizarrer Weise um Steigerung gegenüber den Aussagen im Bezugsartikel sich bemühend, was hier eine echte Herausforderung darstellt), inhaltlich aber ewig gleichen Kommentare schon tausendmal gelesen und diesen Text hier in gleicher oder ähnlicher Form schon tausend Mal geschrieben zu haben. Kein gutes Gefühl.
Neben den epistemischen Aspekt tritt über kurz oder lang immer der ethische, so auch hier. Und auch hier soll sich Religion als „überholt“ erweisen. Denn dass religiöse Menschen „dumm“ sind, reicht nicht, um sie auszugrenzen, sie müssen auch „böse“ sein. Jedenfalls nicht so „gut“ wie Atheisten. Zusätzlich führt man eine anthropologische Formel ein, die sicherheitshalber auch Albert-Schweitzer-Typen posthum vereinnahmen hilft: Religiöse Menschen sind dann und genau dann und nur dann gut, wenn und soweit sie trotz ihrer Religiosität Menschen geblieben sind. Wenn wir hier allerdings historische Beispiele heranziehen, besteht die Chance, wieder in den Diskurs einzusteigen, aus dem wir uns gerade verabschieden wollten. Gleichwohl auch die Geschichte verzerrt werden kann, ist es hier interessant, welche Beispiele genommen werden, um die Religion in den Grenzen des Diskurses zünftig abzuhandeln. Die Journalistin wählt die Sklaverei und behauptet, der „Glaube habe [...] Amerikas Schwarze versklavt“, d. h. „früher körperlich und heute noch geistig“, denn „wer fest ans herrliche Himmelreich glaube, der lasse sich auf Erden viel gefallen“.
So weit, so schwammig. Ich überprüfe diese Position einmal an dem, was der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt zum Thema schreibt und ziehe einen Abschnitt aus der Besprechung von Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert (2007). Zwischen 1500 und 1800 wurden fast 11 Millionen Menschen aus Afrika nach Amerika und Europa verschleppt. Auch von Christen. Zugleich unter dem Protest von Christen, von prominenten Christen wie Papst Urban VIII. und einfachen Missionaren wie Las Casas und Petrus Claver. Die Aufklärung schließlich, so zitiert Angenendt Egon Flaig, entwickelte „keine eigenen Positionen, sondern übernahm allmählich die Positionen der Quäker und Evangelikalen“. Ansonsten könne man in der Sklavenfrage mit Delacampagne von der „Gleichgültigkeit der Humanisten“ und dem „Schweigen der Philosophen“ sprechen, die sich höchstens, so Robin Blackburn, zu Wort meldeten, um die religiösen Begründungen der Sklaverei durch pseudowissenschaftliche Versuche „rassischer Anthropologie“ zu ersetzen. Alles in allem kein Ruhmesblatt für die Aufklärung, und das Narrativ, sie allein habe den Menschen die Freiheit gebracht, darf mit dicken Fragezeichen versehen werden. Und die katholische Kirche, die ja oft ganz allein verantwortlich gemacht wird für die Hybris des weißen Mannes? Sie nahm seit dem Mittelalter eine Kompromissposition ein: Sklaverei sei grundsätzlich möglich – unter Bedingungen: „Lebensschutz, Heiratsrecht, Besitzfähigkeit und Arbeitsbeschränkung“. Das heißt: Die menschliche Person ist für die Kirche unveräußerlich, allein die Arbeitskraft kann in Besitz genommen werden. Das dies eine in der Praxis weit auslegbare Bestimmung ist, die am Ende de facto auch den Menschen an sich versklavt, sei zugestanden.
Wie aber kam es tatsächlich zum Ende der Sklaverei? Angenendt erinnert an die Rolle der „englischen und amerikanischen Dissenters, die ihre Länder zunächst für ein Verbot des Sklavenhandels und dann auch des Sklavenbesitzes zu mobilisieren vermochten“. Sie beriefen sich nicht auf politische Revolutionen, sondern auf die Revolution schlechthin: „den durch Christi Sühneblut bewirkten Loskauf“, die Erlösung des Menschen, die zur Befreiung aller Menschen motiviert. Und wieder muss hier genau hingeschaut werden – und Angenendt tut es: Während die befreiende Botschaft des Christentums von Teilen der Christenheit aufgenommen wurde, blieben die Päpste lange bei der traditionellen Formel ihrer Moraltheologie (Person: nein, Arbeitskraft: ja), die in der Praxis weiterhin ausbeuterische Arbeitsverhältnisse ermöglichte, und sprachen sich erst im 19. Jahrhundert entschieden gegen die Sklaverei aus, als die Evangelikalen in den USA längst die Pionierarbeit geleistet hatten – dann taten sie es allerdings entschieden, mit der Formulierung einer sehr wirkmächtigen Soziallehre am Ende dieses Zeitabschnitts. Doch die „einzig im Christentum eingeleitete Abschaffung der Sklaverei“ (nur im Christentum sei sie überhaupt zum „religiösen Problem“ geworden) verdanke sich, so Angenendt mit McKivigan, „mehr christlichen Prinzipien als christlichen Institutionen“.
Also: Versklavt der Glaube, wie Jamila Bey behauptet, oder aber motiviert der Glaube, soweit er christlicher Glaube ist, zur Befreiung aller Menschen, wie Angenendt behauptet? Ganz abgesehen davon, dass hier auch noch die Freiheitserfahrung des Einzelnen hineingehörte (denn schließlich hat Christus uns – soweit wir an Christus glauben – „zur Freiheit befreit“; ich kenne Menschen, die mit Begeisterung davon Zeugnis geben), zeigt sich wohl das Problem unterschiedlicher Ebenen des Freiheitsbegriffs, auf denen jeweils unterschiedliche Antworten möglich sind. Zur Journalistin Bey könnte man sagen: „Versklavt wurden die Schwarzen von Menschen, die ihren christlichen Glauben gerade nicht ernst nahmen, sonst wäre es ihnen unmöglich gewesen, den Menschen die Freiheit zu rauben, die ihnen im Glauben geschenkt ist und die zu fördern uns die Nächstenliebe gebietet. Der Glaube wiederum war das einzige, was den Schwarzen nicht geraubt werden konnte. Er mag ihnen in ihrer Lage Trost und Hoffnung gegeben haben. Fatalismus ist hingegen keine Option des christlichen Glaubens.“ Sie könnte erwidern, dass die Widerstandskraft der Schwarzen von ihrem Glauben gelähmt wurde (der zumindest anfänglich nicht der christliche gewesen sein kann, insoweit kann man diesem Glauben auch nicht mit der Kritik christlicher Glaubensinhalte wie „Himmelreich“ begegnen – wobei hier wieder ein unchristliches Verständnis dieser Glaubensinhalte und ihrer Bedeutung für das Christentum vorliegt). Sie könnte erwidern, dass die Befreier zwar als Christen firmierten, aber doch bloß humanistisch dachten, insoweit sie sich um Befreiung der Sklaven bemühten, also im Grunde „säkulare Humanisten vor der Zeit“ waren. Doch dies übersähe, dass das Christentum eine Rolle gespielt haben muss, da es der einzige ethische Kontext ist, in dem die Sklaverei abgeschafft werden konnte (weil sie überhaupt nur im Christentum ein „religiöses Problem“ aufwarf) und schließlich auch abgeschafft wurde. Sie könnte vieles erwidern, gegen das man wiederum argumentieren könnte, doch immer unter dem bereits eingangs erwähnten Vorbehalt, dass wir zwar die gleichen Wörter verwenden, aber nicht die gleichen Begriffe, was jeden Verständigungsversuch eigentlich zum Scheitern verurteilt. Doch auf diese Weise könnte man, wenn man denn Zeit hätte, die einzelnen Postulate zu den Konzepten vorsichtig hinterfragen und zumindest in ihrer allzu großen Selbstgewissheit ankratzen. Der Diskurs könnte zumindest dazu führen, dass die unterschiedlichen Auffassungen zu den Begriffen nach und nach wechselseitig anerkannt werden und damit zumindest eine Verständigung über die Gründe der Differenz möglich wird, was dann zu einer befriedeten Koexistenz führen sollte. Hoffnung – auch so ein christliches Ding.
Leider habe ich diese Zeit nicht, auch jetzt nicht, wo ich gelernt habe, dass die Wissenschaft schon „alle Fragen beantwortet“ hat, und ich mir daher keine Sorgen mehr zu machen brauche, was ich bei der nächsten Besprechung erzählen soll. Oder, wer eigentlich die Spülküche aufräumt. Und ob überhaupt. Nur eins noch: Thomas Jefferson (einen deistisch glaubenden Anglikaner, der sich für Religionsfreiheit einsetzte) und Abraham Lincoln (einen theistisch Glaubenden ohne formelle Kirchenmitgliedschaft, der seine Religiosität zwar vornehmlich im Privaten lebte, jedoch fest an den Heilsplan eines allmächtigen Gottes glaubte, wie neuere Forschung nahelegen) kurz und schmerzlos zu „Ungläubigen“ zu machen, wie in dem Beitrag auf Tagesschau.de geschehen, das ist ideenhistorisch arg oberflächlich. Sag ich mal so.
(Josef Bordat)