Evangelium
3. Juni 2012
Am Abend des Dreifaltigkeitssonntags möchte ich noch kurz auf zwei Ausdeutungen des Tagesevangeliums hinweisen: einige Gedanken, die ich für Zeit zu beten formulierte, mit dem Fokus auf der Anweisung Jesu zur Mission „aller Völker“, und eine Predigt von Alipius Müller, der sich mit klaren Worten dem nicht einfachen Thema des Tages widmet, der Dreifaltigkeit bzw. Dreieinigkeit.
(Josef Bordat)
Gastkolumne
1. Juni 2012
Ich freue mich sehr, ab Juni 2012 eine Gastkolumne auf dem Weblog Zeit zu beten schreiben zu dürfen, die jeden Samstag erscheinen soll. Es geht darin um Gedanken zum Sonntagsevangelium.
(Josef Bordat)
Liebst du mich?
25. Mai 2012
Der Eignungstest für Päpste. Und für alle anderen Christen auch.
Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Lämmer! Zum zweiten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe! Zum dritten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Hast du mich lieb? Er gab ihm zu Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich lieb habe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe! Amen, amen, das sage ich dir: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst. Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen würde. Nach diesen Worten sagte er zu ihm: Folge mir nach! (Johannes 21, 15-19)
Im heutigen Tagesevangelium hören wir von einer eher ungewöhnlichen Form der Eignungsprüfung. Verlangt werden vom Kandidaten nicht Prädikatsexamen und Auslandserfahrung, sondern – Liebe. Liebe zu Christus. Ungewöhnlich ist aber auch der Beruf, der diese Eignung voraussetzt: Menschenfischer und -hirte in der Nachfolge des Herrn. Denn darum geht es. Jesu Aufforderung nach dem bestandenen Einstellungstest ist unmissverständlich: „Folge mir nach!“
Liebe – das klingt nicht nur ungewöhnlich, sondern auch anspruchsvoll. Für „lieben“ wird im Neuen Testament zumeist „agapao“ benutzt, das die „agape“ meint, die unumschränkte, bedingungslose Liebe, die göttliche und die von Gott im Menschen bewirkte Liebe. Daneben findet sich jedoch auch „phileo“, was die freundschaftliche Liebe, die „philia“, zum Ausdruck bringen möchte, eine vertraute Zuneigung und Anziehung. Weil wir im Deutschen für diese beiden unterschiedlichen Formen der Liebe ein und dasselbe Wort verwenden, ist dies in der deutschen Übersetzung nicht mehr erkennbar. Im vorliegenden Fall ist das ein echter Informationsverlust, denn diese Stelle enthält ein bedeutungsvolles Wortspiel mit „agapao“ und „phileo“, das den Wechsel zwischen den Modi der Liebe beschreibt und damit in sehr erhellender Weise den Wiederaufbau der Beziehung zwischen dem Auferstandenen und seinem Apostel vermittelt. Um den Dialog zwischen Jesus und Petrus richtig zu deuten, ist es daher wichtig, sich den Originaltext anzusehen.
Jesus fragt Petrus zweimal nach dessen Bereitschaft zur unbedingten Liebe („Agapas-me?“). Petrus antwortet zweimal „Philo-se.“, also eigentlich mit „Nein“, denn „Ja“ hieße: „Agapo-se.“ Wenn man seiner Frau sagt: „Ich liebe Dich!“ und es kommt zurück: „Ich mag Dich auch!“, dann stimmt wohl etwas nicht in der Beziehung. Papst Benedikt XVI. hob in einer Katechese zu dieser Stelle hervor, dass die Demut des Petrus ihn „nur“ die „philia“ versprechen lässt (die vertrauensvolle Freundschaft), nicht aber die „agape“ (die bedingungslose Liebe), weil in der Tat etwas nicht stimmt zwischen Jesus und Petrus. Denn: Petrus begegnet hier dem Auferstandenen, den er vor kurzem dreimal verleugnet, mit dem er in seiner menschlichen Schwachheit gebrochen hatte. Petrus ist sich seiner Schwäche bewusst. Er weiß: Ich kann meinem Herrn nur noch die schwächere Form der Liebe zusichern, die „philia“. Die vollmundige Zusage der „agape“ ist nicht mehr möglich. Jener „agape“, die Jesus Christus am Kreuz so eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatte, als Petrus längst verschwunden war, und mit der Er sich nun erneut – nach Seiner Auferstehung – bei den Jüngern vorstellt. Aus der Sicht Jesu hat sich nichts geändert, aus der Perspektive des Petrus schon.
Doch Jesus schlachtet diese Differenz nicht aus, sondern geht erneut auf Petrus zu, gerade weil Er an der „agape“ festhält, weil Er ihn bedingungslos liebt. Er wendet sich ihm zu, indem Er bei der dritten und alles entscheidenden Frage das Wort, das Petrus benutzt, aufgreift und ihn nach dessen Disposition zur „philia“ fragt. Petrus ist „traurig“. Es ist wohl zum einen die Erinnerung, die ihn betroffen macht, zum anderen auch die Rührung über das verständnisvolle Entgegenkommen Jesu, für das wir aus der Theologie den Begriff „Gnade“ kennen: Der Mensch (Petrus) kann vor Gott (Jesus) nicht aus eigener Kraft bestehen, sondern ist auf den großzügigen „agape“-Kredit angewiesen. Petrus ahnt, dass mit der dreimaligen Bekundung der „philia“ das Vertrauen und damit die Beziehung zu Christus wieder hergestellt sind. Gegen jede der drei Verleugnungen steht nun ein Bekenntnis zur Freundschaft, das die Verleugnung nicht ungeschehen macht, ja, das eingedenk der Erfahrung und in Konsequenz der Erkenntnis menschlicher Schwäche gerade ein Bekenntnis zur Freundschaft („philia“) ist und eben keines mehr zur Liebe sein kann („agape“). Dieser Schmerz bleibt. Er wird hineingenommen in die neue Beziehung. Er belastet sie gerade so, wie er sie ermöglicht: Petrus ist „zurechtgestutzt“, doch nur so kann er „Fels der Kirche“ sein: in Demut.
Petrus kann sich erneut öffnen, weil Jesus offen ist für ihn. Petrus kann sich ganz dem Herrn anvertrauen: „Herr, du weißt alles!“ In diesem „alles“ steckt die Verleugnung und die Wiederherstellung des Vertrauens, das Wissen um Schwäche und Bedürftigkeit. Petrus übergibt sich erneut dem Herr, diesmal geläutert, mit einer Portion Realismus. Doch die Beziehung zwischen Jesus und Petrus ist im Modus der „philia“ nicht weniger kostbar und wertvoll denn im Modus der „agape“, weil sich der, der weiter „agape“ bieten kann (Jesus), dem nähert, der die „philia“ entbietet (Petrus). Jesus passt sich Petrus an, damit Petrus ihm erneut nachfolgen kann. Denn darum geht es ja: Es ist ein Neuanfang, der zurückgreift auf die Worte, mit denen bei der ersten Berufung Petri alles begann: „Folge mir nach!“ Die zweite Berufung geschieht unter der Bedingung des Vertrauens und der Freundschaft – der „philia“. Sie steht aber vor allem unter dem Vorzeichen, dass Petrus verstanden hat: Ich bin abhängig von der Gnade und der Vergebungsbereitschaft Jesu, von der grenzenlosen göttlichen Barmherzigkeit – der „agape“.
Diese Maßgabe gilt auch heute, wenn der Ruf Jesu an jeden einzelnen Christen ergeht: „Folge mir nach!“ Und auch wir müssen heute Antwort geben auf die ultimative Testfrage aus der Eignungsprüfung für Päpste, die Jesus stellvertretend an Petrus stellt: „Liebst du mich?“ Diese persönliche Frage wird zum Eignungstest für das Christsein überhaupt, in dem es eben gerade um die persönliche Beziehung zwischen Gott und Mensch geht, um die bejahende Antwort auf die Frage nach Gegenliebe, die der ausspricht, der nicht nur zuerst liebt, sondern der Liebe ist.
(Josef Bordat)
Einheit und Wahrheit. Gott und Welt. Vater und Sohn
20. Mai 2012
Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt, und ich gehe zu dir. Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir. Solange ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast. Und ich habe sie behütet, und keiner von ihnen ging verloren, außer dem Sohn des Verderbens, damit sich die Schrift erfüllt. Aber jetzt gehe ich zu dir. Doch dies rede ich noch in der Welt, damit sie meine Freude in Fülle in sich haben. Ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt hat sie gehaßt, weil sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin. Ich bitte nicht, daß du sie aus der Welt nimmst, sondern daß du sie vor dem Bösen bewahrst. Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin. Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt. Und ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind. (Johannes 17, 11b-19)
Zwei Begriffe stehen für mich im Zentrum des heutigen Evangeliums: Einheit, die Einheit von Vater und Sohn sowie die Einheit der Christen untereinander, und Wahrheit, die Wahrheit, die vom Vater ausgeht und durch den Sohn in die Welt gelangt. Und noch ein Gedanke spielt in dieser Perikope eine Rolle: Die prinzipielle Differenz von göttlich und weltlich geht vom Vater auf den Sohn und von diesem auf die Christen über. Es ist eine Differenz, die zu Spannungen führt, die es aus der Sicht Jesu nötig machen, dass Gott Seine, Christi, Nachfolger beschützt. Der Beistand wird nicht mehr lange auf sich warten lassen: Es ist der Heilige Geist, der Vater und Sohn verbindet und der zwischen Gott, der Wahrheit, und uns, der Welt, Einheit stiften will.
Ausdruck dieser Einheit ist die Kirche, die Gemeinschaft der Christen. Ironischerweise ist aber gerade sie gespalten, ja, geradezu zersplittert. Die Bedeutung der inneren, aber auch der äußeren Einheit dafür, glaubhaft Zeugnis zu geben für den, der Seinem Wesen nach Einheit ist, nämlich Einheit von Vater und Sohn, kann gar nicht überschätzt werden. Nur eine Kirche ist überhaupt eine Kirche, hatte schon der protestantische Ökumeniker Leibniz betont. Dennoch gelingt es uns nicht, die Einheit der Christen herbeizuführen – versöhnte Verschiedenheit, so lautet die Sprachregelung für diesen Zustand. Es gelingt uns vielleicht gerade deshalb nicht, weil wir aufgehört haben, dem Heiligen Geist die Führung zu überlassen, der für Einheit in Wahrheit steht. Diesen Heiligen Geist unter dem Druck von außen und dem Ehrgeiz von innen klammheimlich gegen eine To do-Agenda mit Verfallstermin ausgetauscht zu haben, die von Welt und Zeit alles, von Gott und Ewigkeit aber nichts erahnen lässt, ist wohl der Ekklesiologie-GAU schlechthin. So kann man Gewerkschaften zusammenschließen und Firmenfusionen managen, nicht aber die Einheit der Kirche in der Wahrheit Gottes realisieren.
(Josef Bordat)
Das Neue im Alten. Und umgekehrt
12. Mai 2012
Das Neue Testament ist im Alten verhüllt, das Alte im Neuen enthüllt.
Augustinus