Vater unser

April 7, 2008

Nach Karl Rahner (1904-1984)

Vater unser, der Du bist im Himmel meines Herzens,
wenn es auch eine Hölle zu sein scheint;
geheiligt werde Dein Name,
er werde angerufen in der tödlichen Stille meines ratlosen Verstummens;
zu uns komme Dein Reich, wenn alles uns verlässt;
Dein Wille geschehe, auch wenn er uns tötet,
weil er das Leben ist und was auf Erden wie ein Untergang aussieht
im Himmel der Aufgang Deines Lebens ist;
gib uns heute unser tägliches Brot,
lass uns auch darum bitten, damit wir uns nie mit Dir verwechseln,
selbst nicht in der Stunde, da Du uns nahe bist,
sondern wenigstens an unserem Hunger merken,
dass wir arme und unwichtige Geschöpfe sind;
befreie uns von unserer Schuld und behüte uns in der Versuchung von der
Schuld und Anfechtung, die eigentlich nur eine ist: nicht zu glauben an Dich
und an die Unbegreiflichkeit Deiner Liebe;
sondern erlöse uns - erlöse uns von uns selbst,
erlöse uns in Dich hinein,
erlöse uns in Deine Freiheit
und in Dein Leben.

„Tag für Tag sind wir wie übersät von vielgestaltigem Schmutz – von leeren Phrasen, von Vorurteilen, von Wissen, das halb ist und verbogen. Das Innere der Menschen ist von Halbwahrheiten oder offener Falschheit bedroht. All dies trübt und befleckt unsere Seele, bedroht uns mit der Unfähigkeit zur Wahrheit und zum Guten. Nehmen wir aber die Worte Jesu mit aufmerksamem Herzen auf, erweisen sie sich als wahre Waschungen, als Reinigungen der Seele, des inneren Menschen.“

Papst Benedikt XVI., in seiner Predigt im Rahmen der Abendmahlsmesse an Gründonnerstag, 20.03.2008

Ostern 1988

März 18, 2008

frei ist der Mensch,
der den Tod hinter sich
und das Leben vor sich hat,

der nicht zu vergessen braucht,
weil ihm vergeben ist
und er vergeben hat,

der vor nichts zu fliehen braucht,
weil er durch verschlossene Türen kommen
und über Abgründe gehen kann,
der sich nicht zu ängstigen braucht,
weil er immer unterwegs ist
zu einem und mit einem,
der ihn grenzenlos liebt.

frei ist der Mensch, der zu allen offen ist,
weil er alle
in sein Herz geschlossen hat.

frei ist der Mensch,
der jenseits der Wunde lebt:
der österliche Mensch.

Klaus Hemmerle, Bischof von Aachen (1929-1994), aus: „Auf Wiedersehen bei Ihm!“ Unterwaltersdorf 2004, S. 19 – auch im Gedenken an Chiara Lubich, Gründerin der Fokolarbewegung, die am 14. März 2008 im Alter von 88 Jahren verstorben ist und heute in Rom beigesetzt wird.

Gastbeitrag von Thomas Lüken*

Glaubender: Wenn wir die Ergebnisse der Naturwissenschaften hier anwenden wollen, müssen diese Ergebnisse ja dergestalt sein, dass sie die Annahme eines Gottes entweder als unmöglich oder als extrem unwahrscheinlich entlarven.

Atheist: Ja, tun sie das denn nicht?

Glaubender: Die Naturwissenschaften arbeiten auf der Grundlage eines methodischen Atheismus. Sie tun so, als ob es keinen Gott gäbe, um zu versuchen, ungeklärte Fragen allein aus der Beobachtung der Naturgesetze zu erklären. Das ist vollkommen legitim. Würde jeder Naturwissenschaftler bei jedem auftauchenden Problem sofort sagen das hat Gott so gemacht, könnte man sich alle Forschung gleich sparen.

Atheist: Genau.

Glaubender: Das Problem ist nun, dass der methodische Atheismus ein Konstrukt ist, das es in Wirklichkeit nicht gibt. Kein Wissenschaftler ist nämlich nur Wissenschaftler, sondern in erster Linie ein Mensch. Und wie es kein so-tun-als-ob-Leben gibt, gibt es auch keinen Wissenschaftler, der nur so tut, als gäbe es keinen Gott und der nicht darüber hinaus eine tatsächliche Meinung zu diesem Thema hätte, die ihn natürlich beeinflusst. Aber kommen wir zurück zur Arbeit des Forschers.

Verlaufen nun im positiven Extremfall alle seine Beobachtungen, Experimente und Schlussfolgerungen erfolgreich, kommt er zu einer Theorie, die Gott als Hypothese nicht mehr notwendig braucht, richtig?

Atheist: Richtig.

Glaubender: Was beweist das nun in Bezug auf die Existenz oder Nichtexistenz Gottes?

Atheist: Ich kann mir denken, worauf Du hinaus willst. Du willst jetzt bestimmt behaupten, dass die Menschen erforschen können, was sie wollen, sie aber niemals beweisen können, dass es Gott nicht gibt, da ja jede Form von Wirklichkeit, die sie vorfinden, von Gott genau so hätte gedacht und geplant worden sein können.

Glaubender: Wäre das denn eine falsche Aussage?

Atheist: Nein, aber das ist mir zu billig und zu kindisch. Ich kenne diese Art der Argumentation: Immer, wenn eine neue wissenschaftliche Erkenntnis den Schöpfungsglauben erschüttert, heißt es: dann hat eben Gott dieses Gesetz aufgestellt. Das geht bis hin zum Urknall. Wenn alle Wissenschaftler der Welt sich über den Urknall einig wären, sagt man einfach, dass Gott den Urknall ausgelöst hat und ist mit seinem Gottesglauben wieder aus dem Schneider. Gegen solche Leute kann man nicht argumentieren.

Glaubender: Ich bin mir nicht sicher, ob ich dich richtig verstanden habe. Hast Du nun gesagt, das Argument ist falsch, oder hast Du gesagt, das Argument ist billig und kindisch?

Atheist: Bitte?

Glaubender: Diese Sprachverwirrung finden wir heute überall. Ich will das mal mit einem Beispiel verdeutlichen. Neulich sagte ein Politiker: Wir brauchen wieder mehr Kinder. Eine (kinderlose) Politikerin, mit dieser Aussage konfrontiert, antwortete: Das ist mal wieder typisch. Jetzt sollen die Frauen wieder mehr Kinder kriegen. Das ist doch totale Mottenkiste. Mit Mottenkiste meinte sie natürlich alt, konservativ, altmodisch. Sie ist also der Frage, ob wir wirklich mehr Kinder brauchen, dadurch aus dem Weg gegangen, dass sie die Kategorie wahr/falsch oder sinnvoll/sinnlos durch die Kategorie modern/altmodisch ersetzt hat. Hätte sie gesagt, es sei sinnlos, mehr Kinder zu bekommen, hätte sie für jeden ersichtlich ihre Inkompetenz in Fragen der Demographie und Volkswirtschaft verraten und einiges mehr über ihren Charakter. So hat sie stattdessen lieber auf eine Frage geantwortet, die nie gestellt worden ist. Man kann das überall beobachten. Forderungen werden abgewiesen, nicht weil sie sinnlos sind, sondern weil sie konservativ oder unmodern sind, Parteiprogramme werden gelobt, nicht weil sie sinnvoll, sondern weil sie progressiv, zeitgemäß oder gar kühn sind. Wenn mir die Meinung meines politischen Gegners nicht passt, ich aber nicht nachweisen kann, dass sie falsch ist, sage ich stattdessen einfach, sie sei unmodern und erziele denselben Effekt.

Darum frage ich Dich noch einmal: Ist das Argument, das Du nanntest, kindisch und billig, oder ist es tatsächlich unwahr?

Atheist: Nun, ich habe zwar immer noch den Eindruck, dass dieses Argument irgendein Trick und damit ein Scheinargument ist, aber kein Wissenschaftler der Welt kann eine Theorie verkünden, die die Fragen wer hat das geplant? und was war davor? unmöglich machen würde, da hast Du recht.

Glaubender: Eben. Aber zu Deiner Beruhigung sei gesagt, dass ich mich auch nicht mit diesem Argument begnüge; Wissenschaftler können nämlich mit all ihren Methoden, Experimenten, Zahlen und Versuchsreihen auch ganz andere, viel einfachere Fragen nicht beantworten. Stell Dir beispielsweise[1] einmal vor, Deine Mutter hätte Dir zu Deinem Geburtstag einen Hefezopf gebacken. Nun sind die bedeutendsten Wissenschaftler aller naturwissenschaftlichen Disziplinen aufgefordert, diesen Hefezopf zu untersuchen. Die Trophologen können uns Auskunft geben über die Kalorien in dem Hefezopf, die Biochemiker über die Proteine, die Physiker über die Teilchen usw. Wenn man nun alles, was die verschiedenen Disziplinen analysiert haben, zusammen trägt, kann man dann mit Hilfe dieser Ergebnisse alle denkbaren Fragen über diesen Hefezopf beantworten?

Atheist: Die Frage, wie er schmeckt, dürfte für Naturwissenschaftler schwer zu beantworten sein…

Glaubender: Dann versuchen wir es mit einer anderen Frage: Wer hat den Hefezopf gebacken?

Atheist: Da müssten die Wissenschaftler mich wohl fragen…

Glaubender: Eine weitere Frage: Warum wurde er gebacken?

Atheist: Du hast Recht, derlei Fragen sind für die Naturwissenschaft nicht zu beantworten.

Glaubender: Könnten sie denn diese Fragen beantworten, wenn sie noch mehr know how und ein noch tieferes Verständnis ihrer jeweiligen Bereiche hätten?

Atheist: Nein, Fragen dieser Art sind für Naturwissenschaften grundsätzlich unbeantwortbar.

Glaubender: Genau. Und viele Wissenschaftler sind so redlich, die Grenzen ihrer Arbeit einzuhalten. Aber es gibt Wissenschaftler, deren Ehrgeiz so weit geht, dass sie behaupten, dass alles, was durch Naturwissenschaft nicht erforscht werden kann, die Menschheit nicht wissen könne. Die logische Konsequenz dessen wäre beispielsweise die Abschaffung aller Fakultäten, die sich mit Kunst, Musik, Literatur, Soziologie, Recht etc befassen. Wie soll denn die Chemie Mozart für ein Genie erklären? Wie soll die Biologie beurteilen, dass nicht jeder Schüler, der abstrakt zu malen versucht, eben so talentiert ist wie Kandinsky? Anhand welcher Messreihen soll die Physik erkennen, dass Steuerhinterziehung strafbar ist?

Die Konsequenz für unser Beispiel wäre, dass es unmöglich sei, herauszufinden, wer warum diesen Hefezopf gebacken hat – obwohl ein sechsjähriges Kind das bewerkstelligen könnte.

Ganz nebenbei bemerkt: Der Satz Nur mit Hilfe der Naturwissenschaften können wir zur Wahrheit gelangen ist ein Widerspruch in sich, da diese vermeintliche Erkenntnis nicht selbst durch die Naturwissenschaften ermittelt werden kann!

Aber Wissenschaftler, die behaupten, dass man eigentlich nur dann Wissen gewinnen kann, wenn man, salopp gesagt, Atome zählt, tun eigentlich nichts anderes als alle anderen Leute, die die Existenz einer schöpferischen Intelligenz leugnen, sie tun es mit Hilfe ihres Wissens und ihres Instrumentariums nur konsequenter. Und je konsequenter ein Irrtum vertreten wird, desto augenscheinlicher wird er. Sagt jemand einfach, Gott existiere nicht, ist es schwer, diese Aussage als Irrtum zu entlarven. Denkt er seinen Materialismus konsequent zu Ende und sagt, alle sinnvollen Fragen sind nur durch Zählen, Messen und Wiegen zu beantworten, leuchtet der Irrtum schnell ein. Es gibt mittlerweile Hirnforscher, die den Materialismus so radikal denken, dass sie den Menschen nur als Ansammlung von physikalischen, biochemischen Prozessen sehen und ihm jeglichen Geist absprechen; mit anderen Worten, sie benutzen ihre Intelligenz, um zu beweisen, dass es keine Intelligenz gibt. In diesem Zusammenhang habe ich den sophistisch klingenden Satz gehört: Es gibt nur Handlungen, keine Handelnden. Soll heißen: Unsere Handlungen sind nicht Folge eines in Freiheit gefassten Beschlusses, sondern geschehen aufgrund unserer körperlichen Verfasstheit zwangsläufig. Hierzu eine Anekdote: Ein armer Schlucker, der nicht einmal hundert Euro sein Eigen nennen kann, findet eines Tages auf seinem Kontoauszug eine Million Euro vor, die ihm eine entfernte Erbtante überraschend vermacht hat. Direkt am nächsten Tag geht er zu einem Luxusautohändler und kauft sich einen Lamborghini für 180.000 Euro. Unserem Hirnforscher stehen jetzt nur zwei Möglichkeiten der Erklärung zur Verfügung, warum der arme Schlucker sich dieses Auto kauft:

1) Er hätte es an diesem Tag, Erbschaft hin oder her, mit welchem Geld auch immer, sowieso getan.

2) Der Vorgang des Geldtransfers, also allein die virtuelle Änderung einer Zahl auf dem Bankcomputer, hat die körperliche Verfasstheit des armen Schluckers dermaßen verändert, dass er sich plötzlich einen Wagen kauft, dessen Namen er noch am Vortag nicht einmal hätte buchstabieren können.

Es fällt schwer zu entscheiden, welche der beiden Antwortmöglichkeiten die Lächerlichere ist.

Ein derart radikal gedachter Materialismus führt dazu, dass das Denken selbst ersetzt wird durch elektrochemische Vorgänge; die Vertreter dieser Annahme zerstören also den Ast, auf dem sie selber sitzen: hätten sie Recht, könnten sie es gar nicht wissen, denn keine ihrer Behauptungen wären mehr Teil einer rationalen Diskussion, sondern nur einzelne sinnlose Ereignisse im Nervennetz ihres Gehirns.

Wenn wir also jemanden derartige Theorien verkünden hören, dürfen wir die Behauptungen dieses Menschen ruhig als sinnentleertes Geschwafel abtun – seiner eigenen Argumentation folgend!

Atheist: Okay, Du hast mich überzeugt. Aber eine Frage habe ich noch zu diesem Thema: Neuerdings gibt es einige Wissenschaftler, die behaupten, ein so genanntes „Gottesgen“ gefunden zu haben oder vorgeben zu wissen, wie spirituelle Vorgänge im Gehirn ablaufen. Wäre das nicht ein vernichtender Schlag gegen den Gottesglauben, wenn man mit dieser Forschungsarbeit sozusagen nachweisen könnte, dass nicht Gott den Menschen erschaffen hat, sondern umgekehrt der Mensch Gott?

Glaubender: Gegenfrage: Wenn Du in die Sonne schaust und man diesen Vorgang physikalisch im Nervennetz Deines Gehirns nachweisen kann, hat man dann damit den Sitz der Sonne in den menschlichen Körper verlagert? Beweist man damit, dass außerhalb Deiner selbst keine Sonne existiert?

Atheist: Nein, Du hast Recht, natürlich nicht.

Glaubender: Man könnte, wenn sich diese Forschungsergebnisse festigen sollten, im Gegenteil eher fragen, wozu ein solches Gen oder Spiritualitätszentren im menschlichen Körper denn da sind, wenn Gott nicht existiert.

[1] Das Beispiel stammt von John Lennox in: Hat die Wissenschaft Gott begraben? Eine kritische Analyse moderner Denkvoraussetzungen, Wuppertal: R. Brockhaus, 2002, S. 24f.

***

* Thomas Lüken, geboren 1974 in Papenburg, war als junger Erwachsener lange Zeit überzeugter Atheist, fand dann durch tiefe persönliche Erfahrungen und ausgiebige Beschäftigung mit dem Christentum zum Glauben. Er hat katholische Theologie in Münster und Medien und öffentliche Kommunikation in Frankfurt/Main studiert. Heute arbeitet er als Religionslehrer an einem Gymnasium im Münsterland.
Der Text, den ich mit freundlicher Genehmigung des Autors gerne veröffentliche, ist ein Auszug aus seinem Buch „Lohnt sich Atheismus? Antworten auf eine so nie gestellte Frage“, 2007. (Josef Bordat)

Gastbeitrag von Ed Dellian (Berlin)*

Papst Benedikt XVI. hielt im September 2006 an der Universität Regensburg eine Rede zum Thema Glaube und Vernunft, zum Verhältnis zwischen Christentum und neuzeitlicher Wissenschaft. Am 17. Januar 2008 sollte er auch an der römischen Universität La Sapienza reden, zur Eröffnung des akademischen Jahres. Die Rede fand nicht statt. Die für die Universitätsleitung wenig ruhmvollen Gründe dieses Vorgangs sind bekannt. Inzwischen ist auch der Text der Rede bekannt, den der Papst der Universität schriftlich übermittelt hat. Es geht darin wie schon in Regensburg um Glaube und Vernunft. Es geht aber noch um ein Weiteres: Es geht um die Wahrheit. In der Regensburger Vorlesung sprach Benedikt XVI. nur kurz von ihr, wo er das „Ethos der Wissenschaftlichkeit“ definierte als „Wille zum Gehorsam gegenüber der Wahrheit und insofern als Ausdruck einer Grundhaltung, die zu den wesentlichen Entscheiden des Christlichen gehört“. In der neuen Rede rückt er die Frage nach der Wahrheit in den Mittelpunkt. Der Mensch „drängt nach Erkenntnis. Er will wissen, was das alles ist, was ihn umgibt. Er will Wahrheit“, so heißt es da im Zusammenhang mit der „Aufgabe der Universität“. Aber was ist „Wahrheit“? Sie ist „mehr als Wissen“, schreibt der Papst. „Die Erkenntnis der Wahrheit zielt auf die Erkenntnis des Guten.“ Aber was ist das Gute? „Das Gute ist wahr. Dies ist der Optimismus, der im christlichen Glauben lebt, weil er des Logos, der schöpferischen Vernunft ansichtig geworden ist, die sich in der Menschwerdung Gottes zugleich als das Gute gezeigt hat“. Hier deutet sich schon an, was Benedikt XVI. am Schluss seiner Rede vollends klarstellt, wo es heißt, es sei Aufgabe der Vernunft, „sich auf die Suche nach dem Wahren, nach dem Guten, nach Gott zu machen“: Das Wahre, das Gute, und Gott ist eins. Wahrheitsuche ist Gottsuche (Edith Stein). Theologie und Philosophie, „ein eigentümliches Zwillingspaar“, so benennt der Papst die beiden Fakultäten, die, wie in der mittelalterlichen, so auch in der heutigen Universität, die Aufgabe wahrnehmen sollten, „Hüter der Sensibilität für die Wahrheit zu sein, den Menschen nicht von der Suche nach der Wahrheit abbringen zu lassen.“ Diese Aufgabe sollen sie „unvermischt“, aber zugleich auch „ungetrennt“ wahrnehmen. Das kann nur heißen: Jede schöpfe aus ihren Quellen und folge „unvermischt“ ihren eigenen Prinzipien, aber beider Ziel sei „ungetrennt“ das, was nur eines sein kann: Das Wahre, das Gute – und also Gott.

Der Papst weiß, wie wenig die genannten Fakultäten dieser Aufgabe gegenwärtig gerecht werden. Aber er spricht sehr zurückhaltend nur von der „Gefahr, dass die Philosophie sich ihre eigentliche Aufgabe nicht mehr zutraut und in Positivismus abgeleitet“, während die Theologie „mit ihrer an die Vernunft gewandten Botschaft ins Private einer mehr oder weniger großen Gruppe abgedrängt wird.“ In Wirklichkeit hat die Philosophie sich von der Wahrheitsuche spätestens mit Immanuel Kant losgesagt, während die Botschaft der Theologie sich aus demselben Grund gar nicht mehr an die Vernunft, sondern nur noch an den Glauben wendet. „Ich musste das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen“, so beschrieb Kant selbst sein zerstörerisches philosophisches Programm. Jenes Wissen, dessen Aufhebung Kant sich zum Ziele setzte, war aber gerade das wahre Wissen von der Wirklichkeit Gottes, der so zu einem Gegenstand privaten Glaubens wurde, zu einem bloßen Gedanken oder einer ‚regulativen Idee’. Der Philosophie verblieb danach nur noch das positiv Gegebene, d.h. die Materie, und die auf Hypothesen gegründete Spekulation, wobei ihr die moderne Theologie durch Verlagerung der Gottsuche in die subjektiven Abgründe des Unbewussten assistiert. Die Wahrheit, die mit dem Guten und mit der Wirklichkeit Gottes in eins zusammen fällt, hat an der Universität und auch sonst keinen öffentlichen Ort mehr, zumal auch die gottfernen Wissenschaften nicht sie, sondern nur noch den materiellen Nutzen und den wissenschaftlichen Karriereerfolg anstreben.

Was hat der Fall Galilei damit zu tun? Vordergründig dies, dass jene Kräfte an der römischen Universität, die Benedikt XVI. am Reden hindern wollten, den Papst als „nemico di Galileo“ anprangerten (Die italienische Tageszeitung La Repubblica vom 12. Januar 2008), als Feind Galileis und der Wissenschaft, weil er angeblich die kirchliche Verurteilung des Galilei von 1633 gebilligt habe. Der Vorwurf ist haltlos. Es ist im übrigen widersinnig, gerade Galilei heute als Galionsfigur der modernen, so wahrheits- wie gottfernen Wissenschaft in Anspruch zu nehmen. Denn dessen Naturphilosophie entsprach genau dem Ideal der Einheit von Wahrheitsuche und Gottsuche, die der Papst immer wieder anmahnt. Deshalb hat schon Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika „Fides et Ratio“ vom 14. September 1998 dort, wo er die Einheit der natürlichen, wissenschaftlich erkennbaren, und der göttlich offenbarten Wahrheit behandelt, Galilei zitiert. Er schreibt (Fußn. 29): „Galilei hat ausdrücklich erklärt, dass die beiden Wahrheiten, die Wahrheit des Glaubens und die Wahrheit der Wissenschaft, niemals einander widersprechen können, da die Heilige Schrift und die Natur gleichermaßen dem göttlichen Wort entspringen, jene als diktiert von Heiligen Geist, diese als getreue Vollstreckerin der Anordnungen Gottes“.

Galileis Wahrheit- und Gottsuche in der Morgenröte der neuzeitlichen Naturforschung ist im allgemeinen Bewusstsein mit der copernicanischen Erkenntnis der Bewegung der Erde verbunden. Die damalige Wissenschaft hielt die Erde für den absolut ruhenden Mittelpunkt der Welt. Galilei aber lehrte 1632, dass Copernicus zu Recht die Erde als einen um die Sonne bewegten Himmelskörper unter anderen erkannt hatte. Die philosophische Bedeutung der Entdeckung liegt darin, dass mit ihr die Fähigkeit des Menschen bewiesen wurde, entgegen dem Augenschein die Wahrheit zu erkennen. Von Goethe stammt das Wort: „Die größten Wahrheiten widersprechen geradezu den Sinnen, ja fast immer. Die Bewegung der Erde um die Sonne: Was kann dem Augenschein nach absurder sein? Und doch ist es die größte, erhabenste, folgenreichste Entdeckung, die je der Mensch gemacht hat, in meinen Augen wichtiger als die ganze Bibel.“

Der letzte Halbsatz dieses Zitats muss erläutert werden. Die Fähigkeit des Menschen, die Wahrheit zu erkennen, ist seine Fähigkeit, Gott zu erkennen. Gott allein ist die absolute Quelle aller wahren Erkenntnis einschließlich derer, die in der Bibel niedergelegt ist. Nicht die Bibel, sondern Gott ist das ‚absolute Bezugssystem’ der dem Menschen erkennbaren einzelnen Wahrheiten. An ihm als der absoluten Wahrheit ist deshalb auch das zu messen, was in der Bibel steht. Alle Einzelerkenntnisse, auch alle, die in der Bibel niedergeschriebenen, sind, sofern sie demnach wahr sind, relative Teilwahrheiten: relativ, weil bezogen auf die absolute Wahrheit Gottes. Sie sind aber doch wahre Teile dieser Wahrheit, von der sie sich herleiten, auf die sie sich beziehen, und an der sie teil haben; so, wie in der Lehre Platons unsere wahren Erkenntnisse an der absoluten Wahrheit der ihnen zugrundeliegenden Ideen teil haben. Wir erkennen wohl das wahre Wirken Gottes in seinen wahren Werken, aber niemals ganz ihn selbst. Nach einem Wort des Augustinermönchs Hugo von St. Viktor aus dem 12. Jahrhundert hat Gott die Fähigkeit des Menschen, ihn zu erkennen, so eingerichtet, dass niemand das, was er im Ganzen ist, zu begreifen vermag, aber auch so, dass seine Existenz niemandem vollständig unbekannt bleiben kann.

Die Rede vom absoluten Bezugssystem der Wahrheit führt wieder zu Galilei zurück. Da ‚Bewegung’ ein Relationsbegriff ist, der sich auf ‚Ruhe’ bezieht, so setzt Galileis Lehre von der wahren Bewegung der Erde um die Sonne ein wirklich existierendes und also wahres, absolut ruhendes Bezugssystem voraus. Das kann, wie später Newton erläutert, kein Körper sein, da von keinem Körper bekannt ist, dass er absolut ruht. Dieses Bezugssystem ist vielmehr unkörperlich. Es ist der absolute Raum und die absolute Zeit, die Isaac Newton beschreibt. Newton stellt die Verbindung zu Gott her, indem er sagt: Gott ist nicht die Zeit und nicht der Raum, sondern er selber währt und ist da. Er währt immer und ist allgegenwärtig; und dadurch, dass er immer und überall ist, bringt er die Zeit und den Raum zum Sein. Galileis und Newtons Lehre ist also eine wahre, weil letztlich auf die absolute, Raum und Zeit umschließende Wahrheit Gottes bezogene Bewegungslehre.

Nun haben aber Philosophie und Wissenschaft seit Immanuel Kant zugleich mit dem Wissen von Gott das Wissen von der Wirklichkeit des Raumes und der Zeit verworfen. In der Folge hat die Bewegungslehre ihr absolutes räumlich-zeitliches Bezugssystem und die Bewegung ihre wahre Wirklichkeit verloren. Der daraus hervorgegangene moderne Bewegungs-Relativismus lehrt, dass Bewegung nur in Relation zu einem beliebigen Beobachter zu bestimmen sei. So kommt zum Relativismus der Materialismus hinzu, weil nur materielle Beobachter bzw. Bezugssysteme zugelassen werden, und auch der Subjektivismus, d.h. die Auffassung, dass Bewegung eben nur das ist, was ggf. subjektiv beobachtet wird: Wer auf der Sonne sitzen könnte, würde wohl die Erde kreisen sehen. Wer auf der Erde sitzt, sieht sich dagegen im Zentrum der Bewegung der Sonne. Beide Beobachter (Bezugssysteme) hätten von ihrem Standpunkt aus Recht. So lehrt schon Ernst Mach vor über 125 Jahren, dass die Auffassung von der Bewegung der Sonne um die Erde und die copernicanisch-galileische Lehre von der Bewegung der Erde um die Sonne gleich richtig seien. Natürlich geht damit die von Galilei erkannte Wahrheit der Bewegung der Erde verloren, und im weiteren der Wahrheits- und Gottesbezug der Wissenschaft überhaupt. Jeder Beobachter hat seine eigene Wahrheit. Das lehrt das einsteinsche ‚Relativitätsprinzip der Bewegung’. Galileis lebenslange Arbeit für den Beweis der Wirklichkeit der Erdbewegung und für die Wahrheitsfähigkeit des Menschen wird so, wie Ernst Cassirer schon vor über 100 Jahren bemerkte, zu einem sinnlosen „Kampf gegen Schatten“. So wird die Wahrheit der copernicanischen Revolution zurückgenommen, und so wird Galilei zu einem Don Quichotte der Wissenschaft.

„Nemico di Galileo“, ein Feind des Galilei ist offensichtlich nicht der Papst: Feinde Galileis waren vielmehr agnostische Wissenschaftler und Philosophen, Feinde Gottes, die seinen einsamen Kampf für die Wahrheit, wohl wissend, dass dies zugleich ein Kampf für Gott war, als sinnlose Don Quichotterie denunziert haben. Papst Benedikt XVI. hat vor einigen Jahren zwei davon benannt, in einem Vortrag, der ihm von den Demonstranten an der Sapienza jetzt absurderweise als Parteinahme gegen Galilei ausgelegt wurde: Ernst Bloch den materialistischen Philosophen, und Paul Feyerabend den anarchistischen Wissenschaftstheoretiker. Feinde Galileis wie diese namhaften Philosophen, Feinde der Wahrheit und also Feinde Gottes sind heute diejenigen, die im Namen der ‚aufgeklärten’ Wissenschaft, d.h. im Namen des ebenso wahrheits- wie gottfernen Materialismus, Relativismus und Subjektivismus, den Auftritt und die Rede eines Mannes an der römischen Universität La Sapienza verhindert haben, der wohl ebenso einsam für die Wahrheit kämpft wie Galileo Galilei zu seiner Zeit.

* Ed Dellian ist Autor der Buches „Die Rehabilitierung des Galileo Galilei, oder Kritik der Kantischen Vernunft“, das 2007 im Academia Verlag (Sankt Augustin) erschienen ist und über das Papst Benedikt schreibt, er habe Dellians „erhellende Reflexionen über den Zusammenhang zwischen Galilei, Newton und der Enzyklika Fides et Ratio mit Interesse zur Kenntnis genommen“. Der Heilige Vater hofft, „dass die bedenkenswerten Ausführungen von der philosophischen Diskussion gebührend aufgegriffen werden und zu einer Erneuerung der Metaphysik beitragen können“. Diesem Wunsch schließe ich mich ausdrücklich an. Gerne habe ich deshalb Ed Dellians obigen Artikel, der einiges von der Thematik seines Buches aufgreift, in meinem Blog veröffentlicht. (Josef Bordat)