Allerheiligen

November 1, 2009

Allerheiligen ist ein Fest, das uns Mut abfordert, aber auch Hoffnung eröffnet. Denn es verlangt, dass wir bereit sind, in den Alltag unserer Lebensgeschichte die Wirklichkeit eines ewigen, eines immerwährenden Tages einzubringen.

Allerheiligen stellt uns Menschen vor Augen, die befreit sind von all dem, was uns in diesem Leben bedrängt und belastet, und lässt uns so erahnen, dass gerade sie uns eine Menge zu sagen haben für unsere Wegsuche nach dem Sinn des Lebens, nach Vollendung, nach Glückseligkeit.

Allerheiligen will uns also Mut machen, ja zu sagen zu unserem Leben mit dem festen Vertrauen darauf, dass uns Gott in unserer Schwachheit mit seiner Gnade zu Hilfe kommt und dass er alles einmal zum Guten führen wird.

Wilhelm Schraml (Bischof von Passau)

Und noch etwas:

Die tiefe Bedeutung der Heiligen liegt darin, dass mit dem lebendigen Glauben der Toten der tote Glaube der Lebenden erneuert wird.

Josef Bordat

 

Gott, Liebe, Wissenschaft

Oktober 10, 2009

Folgender Gedanke des Angelus Silesius dient mir als Klammer zwischen Fazenda-Erfahrung und theologisch-philosophischer Reflexion:

Der nächste Weg zu Gott ist durch der Liebe Tür,
die Wissenschaft bringt dich nur langsam für.

Mehr noch: Er kann als Rezitationsvers für forschende Christen gelten.

(Josef Bordat)

Geheimnis des Glaubens

September 16, 2009

Wahrhaftig, das Geheimnis unseres Glaubens ist groß:

Er wurde offenbart im Fleisch,

gerechtfertigt durch den Geist,

geschaut von den Engeln,

verkündet unter den Heiden,

geglaubt in der Welt,

aufgenommen in die Herrlichkeit.

(1 Tim 3, 16)

Da fragte er sie: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete ihm: Du bist der Messias! (Mk 8, 29)

Der Herr hat schon vorher seinen Jüngern angekündigt, dass er nach Jerusalem gehen müsse. Dort „müsse der Menschensohn vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er werde getötet, aber nach drei Tagen werde er auferstehen“ (Mk 8, 31). Nach dieser Ankündigung macht sich Petrus zum Sprecher der Apostel. Bei Markus heißt es ausdrücklich: „Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe. Jesus wandte sich um, sah seine Jünger an und wies Petrus mit den Worten zurecht: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen“ (Mk 8, 32b-33). Die Liebe Gottes drängt den Sohn, das ihm übertragene Werk zu vollbringen, die Menschen wieder Kinder Gottes werden zu lassen. Dabei lässt der Herr sich von niemandem aufhalten oder abdrängen. Der schärfste Tadel, den Jesus in seinem Leben ausgesprochen hat, gilt dem Petrus: „Weg mit dir, Satan, du denkst, was die Menschen wollen, aber nicht, was Gott will.“ Gott will nicht das Kreuz, aber er will die Menschen mit seiner grenzenlosen Liebe an sein Herz zurückführen.

Er mag uns leiden, er liebt uns, er ist der Hüter seiner Brüder und Schwestern geworden, und das kostet ihn den Tod am Kreuz.

Joachim Kardinal Meisner (Erzbischof von Köln)

Liebe Schwestern und Brüder!

September 7, 2009

Aufruf der deutschen Bischöfe zur Bundestagswahl am 27. September 2009

In der Bundestagswahl am 27. September stellen die wahlberechtigten
Bürgerinnen und Bürger die Weichen für die Politik in der nächsten
Legislaturperiode. Die Wahl fällt in eine Zeit weltweiter Unsicherheiten und
Turbulenzen vor allem im Bereich der Finanz- und Wirtschaftswelt. Sie
betreffen auch unser Land. Über ihren Ausgang und ihr Ende gibt es noch
keine Klarheit. Zugleich erleben wir in vielen Teilen der Erde krisenhafte
Entwicklungen und gewaltsame Konflikte, die auch uns berühren. Hinzu
kommt eine Fülle schwieriger Probleme im Inneren unserer Gesellschaft und
unseres Landes, dessen 60. Gründungstag wir gerade begangen haben und das
bald den zwanzigsten Jahrestag der Wiedergewinnung seiner staatlichen
Einheit begehen kann. Entsprechend muss die Wahlentscheidung der
Wählerinnen und Wähler klug, besonnen und verantwortungsbewusst erfolgen,
damit sie zu politischer Stabilität und Handlungsfähigkeit beiträgt.
Zu Recht erwarten die Wählerinnen und Wähler von den politischen Parteien
einen fairen, sachbezogenen und informativen Wahlkampf, in dem die
unterschiedlichen politischen Auffassungen, Inhalte und Ziele erkennbar
werden. Zugleich müssen sie darauf vertrauen können, dass Wahlaussagen
nach den Wahlen Bestand haben, was natürlich nicht ausschließt, dass unsere
Demokratie immer auch Kompromisse braucht, deren Wesen es ist, dass sich
alle Beteiligten bei der konkreten Einigung entgegenkommen und auf die
uneingeschränkte Durchsetzung ihrer Ziele, Interessen und Lösungswege
verzichten. Die Wahlentscheidung des Einzelnen beruht auf einer Vielzahl von Gründen
und Motiven. Auch folgende Überlegungen sollten nach unserer Auffassung
dabei mit bedacht werden.

Zu den vordringlichen Aufgaben der nächsten Zeit gehört die Bewältigung der Finanz- und Wirtschaftskrise. Nachhaltige und gerechte Lösungen können – im nationalen wie im internationalen Rahmen – nur auf der Grundlage einer festen Werteordnung gefunden werden. Unser Grundgesetz bringt eine solche Werteordnung zur Geltung. Die katholische Soziallehre enthält zusätzliche Kriterien. Auch kann eine Rückbesinnung auf die ethischen Grundlagen
der Sozialen Marktwirtschaft hilfreich sein. Sowohl die kurzfristigen als auch die langfristigen Maßnahmen zur Krisenbewältigung bedürfen der ethischen Klärung z. B. bezüglich ihrer Auswirkungen auf einzelne Bevölkerungsgruppen sowie im Hinblick auf die Belastung der nächsten Generationen unter dem Gesichtspunkt der intergenerationellen Gerechtigkeit oder auch im Hinblick auf eine vertretbare internationale Lastenverteilung. Es ist ein Regelwerk anzustreben, das Auswüchse, wie wir sie in der Vergangenheit erlebt haben, so weit wie möglich verhindert, und zugleich werteorientierte Verhaltensweisen fördert. In seiner neuen Enzyklika „Caritas in Veritate“ mahnt Papst Benedikt XVI.: „Die ganze Wirtschaft und das ganze Finanzwesen – nicht nur einige ihrer Bereiche – müssen nach ethischen Maßstäben als Werkzeuge gebraucht werden, so dass sie angemessene Bedingungen für die Entwicklung des Menschen und der Völker schaffen.“ (Nr. 65).

Ebenfalls eine Aufgabe von großer Aktualität ist der Schutz der Würde und des Lebens des Menschen in allen Phasen seiner Existenz. Dies gilt für alle Politikbereiche, insbesondere für die Bereiche der Rechts-, Gesundheits-, Wissenschafts- und Forschungspolitik.

Wiederholt haben wir auch unsere Sorge über Tendenzen zum Ausdruck gebracht, die auf die Trennung von Ehe und Familie und eine Entgrenzung des Familienbegriffs hinauslaufen. Wir wiederholen deshalb unsere Erwartung, dass die herausragende Rechtsstellung von Ehe und Familie gesichert und die materielle Lage der Familien verbessert werden. Zugleich bedürfen die Eltern der Unterstützung bei der Erziehung ihrer Kinder. Zu den Aufgaben der Politik gehört schließlich auch die Förderung eines kinder- und familienfreundlicheren UmfeldsUnsere sozialen Sicherungssysteme müssen zukunftsfähig bleiben. Niemand darf alleine gelassen werden. Wer krank ist, muss unabhängig von Einkommen, Vermögen und Alter die erforderliche medizinische und pflegerische Versorgung erhalten. Pflegebedürftige Menschen und Menschen mit Behinderungen sowie ihre Familien dürfen nicht im Stich gelassen werden; sie haben Anspruch auf Hilfe, Unterstützung und Förderung. Menschen, die über lange Zeit erwerbstätig sind, müssen die Aussicht auf ein Alterseinkommen haben, das ihnen ein Leben ohne Armut ermöglicht. Armut, insbesondere auch Kinderarmut, ist in unserem wohlhabenden Land ein Skandal, der dringend Abhilfe verlangt. Nicht hinnehmbar ist die hohe und derzeit wieder ansteigende Arbeitslosigkeit. Wer arbeitslos ist, muss die Chance haben, wieder einen Arbeitsplatz zu finden. Er verdient dabei Unterstützung, sich für den Arbeitsmarkt fit zu machen. Die Bereitschaft zu eigener Initiative ist zu fordern und zu fördern. Solidarität und Eigenverantwortung bleiben die prägenden Säulen des Sozialstaats. Bildung ist für jeden Menschen von existentieller Bedeutung. Sie dient der Entwicklung und Entfaltung der Persönlichkeit. Eine Politik, die Bildung vorrangig unter ökonomischen Gesichtspunkten verstünde und nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen beurteilte, griffe deshalb zu kurz. Bedauerlicherweise sind die Bildungschancen in unserem Land ungleich verteilt. Die Verbesserung der Chancen gerade sozial schwacher Menschen im Bildungswesen ist eine wichtige politische Herausforderung.

In unserem Land leben viele Menschen ausländischer Herkunft. Sie alle haben ein Recht darauf, bei uns menschenwürdig und unter Beachtung der unverletzlichen Menschenrechte sowie der ihnen zukommenden Grundrechte aufgenommen zu werden. Eine besondere Verantwortung haben wir für diejenigen, die vor Verfolgung und Gefahren zu uns geflohen sind. Die Ausländer- und Migrationspolitik ist daran zu messen, ob sie diesen Erfordernissen genügt und für die betroffenen Personenkreise humane Lebensbedingungen gewährleistet. Trotz aller Probleme, die wir in unserem Lande zu lösen haben, dürfen wir nicht vergessen, dass in vielen Ländern dieser Erde Not und Armut herrschen. Auch die dort lebenden Menschen bedürfen unserer Solidarität. Die Politik in der nächsten Legislaturperiode wird deshalb auch danach zu beurteilen sein, welchen Stellenwert sie der Entwicklungszusammenarbeit beimisst.

Das Ende der Legislaturperiode möchten wir schließlich auch zum Anlass nehmen, den Abgeordneten zu danken, die in diesen Jahren nach bestem Wissen und Gewissen Verantwortung für unser Gemeinwesen getragen haben. Für allgemeine Politikerschelte und Politikverdrossenheit besteht kein Grund. Wir bitten die wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Wer von seinem Wahlrecht nicht Gebrauch macht, verzichtet auf die aktive Beeinflussung der Politik. Er übernimmt Mitverantwortung für den Fall, dass politische Kräfte auf die Gestaltung der Geschicke unseres Gemeinwesens einwirken, denen diese – aus welchen Gründen auch immer – nicht anvertraut werden können. Wahlenthaltung ist keine vernünftige und konstruktive Antwort auf tatsächliche oder vermeintliche Missstände.

Würzburg, den 24. August 2009

Die Deutsche Bischofskonferenz