Franziskus’ Friedensgebet

November 9, 2009

Kennen Sie das? – Man sieht oder hört etwas zum hundersten Mal und plötzlich strahlt und klingt es ungewohnt. Wie neu. Man sieht bzw. hört es mit anderen Augen und Ohren.

So ging es mit heute beim Ökumenischen Gottesdienst, der heute Morgen anlässlich des 20. Jahrestags des Mauerfalls in der Berliner Gethsemanekirche stattfand. Als nämlich Kardinal Sterzinsky das Friedensgebet des Hl. Franz von Assisi vortrug, wurden mir die Tiefe, die Weisheit und die Liebe, die in diesen Zeilen zu finden sind, ganz erfrischend bewusst.

Oh Herr,
mache mich zu einem Werkzeug
Deines Friedens.
Dass ich Liebe übe,
da wo man mich hasst;
dass ich verzeihe,
da wo man mich beleidigt;
dass ich verbinde,
da wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage,
da wo Irrtum herrscht;
dass ich den Glauben bringe,
wo Zweifel ist;
dass ich Hoffnung wecke,
wo Verzweiflung quält;
dass ich Dein Licht anzünde,
wo die Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe,
wo der Kummer wohnt.

Ach Herr,
lass mich trachten:
nicht, dass ich getröstet werde,
sondern, dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde,
sondern, dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde,
sondern, dass ich liebe.

Denn wer sich hingibt,
der empfängt;
wer sich selbst vergisst,
der findet;
wer verzeiht,
dem wird verziehen;
und wer stirbt,
der erwacht zum ewigen Leben.

Amen.

Mir ging im Moment des Gebets sehr vieles durch den Kopf – persönliches wie mitteilbares. Etwa der Gedanke, dass wir Deutsche eigentlich nicht unserer Schicksalstage von 1938 und 1989 angemessen gedenken können, ohne an die Lage im Heiligen Land zu denken, wo jetzt eine neue Mauer Menschen trennt, errichtet fraglos aus ganz anderen Gründen, mit ganz anderen Motiven und zu ganz anderen Zwecken. Doch es bleibt eine Mauer, die trennt. Ohne daran zu erinnern, dass es in Europa ein Land gibt, das immer noch der Vereinigung harrt: Zypern. Und vor allem können wir nicht Freiheit feiern ohne Korea im Sinn zu haben, gerade als Christen, angesichts der grausamen Verfolgung im Norden. Gebe Gott, dass viele „Werkzeuge des Friedens“ an diesen drei offenen Wunden heilsam handeln, damit wir in (spätestens) 20 Jahren am 9. November andere Assoziation haben als heute.

(Josef Bordat)

Allerheiligen

November 1, 2009

Allerheiligen ist ein Fest, das uns Mut abfordert, aber auch Hoffnung eröffnet. Denn es verlangt, dass wir bereit sind, in den Alltag unserer Lebensgeschichte die Wirklichkeit eines ewigen, eines immerwährenden Tages einzubringen.

Allerheiligen stellt uns Menschen vor Augen, die befreit sind von all dem, was uns in diesem Leben bedrängt und belastet, und lässt uns so erahnen, dass gerade sie uns eine Menge zu sagen haben für unsere Wegsuche nach dem Sinn des Lebens, nach Vollendung, nach Glückseligkeit.

Allerheiligen will uns also Mut machen, ja zu sagen zu unserem Leben mit dem festen Vertrauen darauf, dass uns Gott in unserer Schwachheit mit seiner Gnade zu Hilfe kommt und dass er alles einmal zum Guten führen wird.

Wilhelm Schraml (Bischof von Passau)

Und noch etwas:

Die tiefe Bedeutung der Heiligen liegt darin, dass mit dem lebendigen Glauben der Toten der tote Glaube der Lebenden erneuert wird.

Josef Bordat

 

Drei Gedanken

Oktober 29, 2009

Man kann wissen,
dass man nicht alles glauben soll,
doch sollte man nicht glauben,
dass man alles wissen kann.

Man kann keinen Menschen
mit Beweisen von Gott überzeugen,
doch man kann jeden Menschen
durch Bezeugen an Gott überweisen.

Nichts ängstigt mich mehr als Menschen,
die um Gottes Willen
keinen Raum lassen für ihren Verstand.
Bis auf Menschen,
die um ihres Verstandes Willen
keinen Raum lassen für Gott.

(Josef Bordat)

Papst und Kirche

Oktober 15, 2009

Das Verhältnis von Papst und Kirche wird häufig mit dem Bild eines Hirten und seiner Herde beschrieben. Dabei kommt der einzelne Gläubige nicht gut weg: Er ist ein Schaf. Nicht vergessen werden sollte allerdings, daß zwar der Hirte die Herde kompromißlos in den Stall des Besitzers führt, wenn es Abend wird, doch tagsüber läßt er sich von der Herde zu den besten Futterplätzen und Wasserquellen ziehen, denn er weiß: Dafür hat nur ein Schaf den richtigen Sinn.

(Josef Bordat)

Gott, Liebe, Wissenschaft

Oktober 10, 2009

Folgender Gedanke des Angelus Silesius dient mir als Klammer zwischen Fazenda-Erfahrung und theologisch-philosophischer Reflexion:

Der nächste Weg zu Gott ist durch der Liebe Tür,
die Wissenschaft bringt dich nur langsam für.

Mehr noch: Er kann als Rezitationsvers für forschende Christen gelten.

(Josef Bordat)