Pfingsten

Mai 12, 2008

Wie das so ist an Geburtstagen: Feiern, Rückschau und der Blick in die Zukunft. Das gilt auch für Einrichtungen wie die Kirche. Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche. Die pfingstliche Kirche ist der Gegenentwurf zu Babel. Hier die Verwirrung derer, die im gesteigerten Größenwahn immer waghalsigere Projekte in Angriff nahmen, die in einem Klima der Selbstvergötzung lebten, dort die Verständigung über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg. Der Geist Gottes, der ermöglicht, dass sich die junge Kirche Christi das Fremde zueigen macht, öffnet die Perspektive und wandelt die, die sich von ihm berühren lassen. Aus Angst wird Aktion. Aus der dichten Innerlichkeit des intensiven Gebets hinter verschlossenen Türen wird der Glaube in der Mission nach außen gestülpt. Er wird öffentlich und – allen Widerständen und Schwierigkeiten zum Trotz – global. Kirche ist von Beginn an darauf ausgelegt, Weltkirche zu sein.

Um auch in Zukunft Weltkirche sein zu können, muss die Kirche heute, neben der einen Stimme, mit der sie spricht, auch den richtigen Ton treffen, um einschließend und nicht ausgrenzend zu sein, um Menschen wirklich zu überzeugen. Dazu sollte Religiosität im Rahmen katholischer Kirchlichkeit nicht nur als esoterisch-mystisches Privatissimum verinnerlicht, sondern auch als exoterisch-symbolisches Politikum nach außen hin gelebt werden. Entscheidend für eine treffende Ansprache ist die Klarheit und Gewissheit der eigenen Position, die allein durch das Gebet erlangt werden kann.

Für Peter Wust, der den Menschen zwischen Ungewissheit und Wagnis gestellt sieht, ist das Gebet ein Weg zur Klärung und Vergewisserung, ein Wagnis, das sich einzugehen lohnt. In seinem Abschiedswort schreibt Wust1939 an seine Studentinnen und Studenten: „Und wenn Sie mich nun noch fragen sollten, bevor ich jetzt gehe und endgültig gehe, ob ich nicht einen Zauberschlüssel kenne, der einem das letzte Tor zur Weisheit des Lebens erschließen könne, dann würde ich Ihnen antworten: ,Jawohl’. – Und zwar ist dieser Zauberschlüssel nicht die Reflexion, wie Sie es von einem Philosophen vielleicht erwarten möchten, sondern das Gebet. Das Gebet, als letzte Hingabe gefaßt, macht still, macht kindlich, macht objektiv. Ein Mensch wächst für mich in dem Maße immer tiefer hinein in den Raum der Humanität – nicht des Humanismus –, wie er zu beten imstande ist, wofern nur das rechte Beten gemeint ist. Gebet kennzeichnet alle letzte ,Humilitas’ des Geistes. Die großen Dinge des Daseins werden nur den betenden Geistern geschenkt.“

Soweit sich Zeit findet, werde ich hier in den nächsten Monaten gelegentlich wieder auf das eigentliche Anliegen des Projekts zurückkommen, auf eben jenen Peter Wust. Ich möchte sein Werk „Die Auferstehung der Metaphysik“ (1920) behandeln, das mir von brennender Aktualität zu sein scheint.

(Josef Bordat)

Vater unser

April 7, 2008

Nach Karl Rahner (1904-1984)

Vater unser, der Du bist im Himmel meines Herzens,
wenn es auch eine Hölle zu sein scheint;
geheiligt werde Dein Name,
er werde angerufen in der tödlichen Stille meines ratlosen Verstummens;
zu uns komme Dein Reich, wenn alles uns verlässt;
Dein Wille geschehe, auch wenn er uns tötet,
weil er das Leben ist und was auf Erden wie ein Untergang aussieht
im Himmel der Aufgang Deines Lebens ist;
gib uns heute unser tägliches Brot,
lass uns auch darum bitten, damit wir uns nie mit Dir verwechseln,
selbst nicht in der Stunde, da Du uns nahe bist,
sondern wenigstens an unserem Hunger merken,
dass wir arme und unwichtige Geschöpfe sind;
befreie uns von unserer Schuld und behüte uns in der Versuchung von der
Schuld und Anfechtung, die eigentlich nur eine ist: nicht zu glauben an Dich
und an die Unbegreiflichkeit Deiner Liebe;
sondern erlöse uns - erlöse uns von uns selbst,
erlöse uns in Dich hinein,
erlöse uns in Deine Freiheit
und in Dein Leben.

Auferstehung

März 22, 2008

Die Auferstehung ist unglaublich. Aber wahr. Dies gilt es zu bezeugen, nicht zu beweisen. Wer die Auferstehung bloß als historisches Faktum begreift und als solches zu rekonstruieren versucht, verfehlt die Dimension des unendlichen Heils im Ewigen Leben, die Christi Auferstehung unserer Existenz verleiht und nimmt dem Glauben zudem sein tiefstes Geheimnis. Denn der christliche Glaube erschöpft sich nicht im bloßen Nachvollzug von Fakten, sondern besteht gerade in der Einlassung auf das, was sich unserer unmittelbaren Anschauung nicht zuvörderst aufdrängt, um das anzusprechen, was es braucht, um reinen Herzens den lebendigen Gott zu bekennen: Vertrauen.

Die Geschichte der Beziehung Gottes zum Menschen ist in erster Linie eine Geschichte gegenseitigen Vertrauens. Dass Gott uns – trotz allem – Vertrauen schenkt, zeigt sich vor allem in seiner Menschwerdung, in der er sich ganz entäußert und wird wie wir, um zu erleben, wie es ist, ein Mensch zu sein. Dass wir ihm nicht vertrauten, nicht zutrauten, dass er es ernst meint mit uns, zeigt sich in der Kreuzigung. Mit der Auferstehung erneuert Gott sein Vertrauensangebot und wir haben eine ganz neue Chance, zurück in dieses Vertrauen und damit in die Geborgenheit Gottes zu kommen. Einige wenige Menschen, die dem menschgewordenen Gott vertrauten, machten den Anfang, indem sie die Auferstehung, so unglaubwürdig sie sich anhören musste, unaufhörlich bezeugten. Viele bezahlten dieses Zeugnis mit ihrem Leben – ganz im Vertrauen darauf, dass der Tod nicht das Ende ist.
Sie lösten damit eine Welle der Begeisterung aus, die auch heute noch viele Menschen mitreißt.

Wären sie so ein Risiko eingegangen, wenn sie nicht überzeugt gewesen wären? Diese Frage berührt wieder den historischen Zusammenhang. Sie ist berechtigt, aber nicht zentral. So faszinierend auch ein Indizienbeweis für die Glaubwürdigkeit der Auferstehung sein mag, wie er als Ergebnis einer juristischen Auseinandersetzung in dem jüngst in deutscher Sprache erschienen Buch „Die Akte Jesus“ von Charles Foster vorgetragen wird, es kann nicht allein darum gehen, wie das singuläre Ereignis der Auferstehung Christi erklärbar und warum die Erklärung plausibel ist, sondern welche Bedeutung die Auferstehung Christi für unser Leben hat.

Auferstehung heißt Erlösung, Errettung und Leben in Fülle. Es befähigt zu einem Leben, das von unbedingter Liebe getragen wird, die uns ohne einen Gott, der lebt und sein „Ja“ zu uns spricht, gar nicht möglich wäre. Wenn Menschen so unendlich lieben können, dass sie immer wieder bereit sind, sich selbst ganz zu lassen, um dem Auferstandenen nachzufolgen, dann geschieht dies nicht aus eigener Kraft, sondern aus der Gnade Gottes, die den Menschen verwandelt. So wie die Auferstehung. Auch sie wandelt Leid in Heil und Tod in Leben – jetzt und in Ewigkeit. Darin liegt ihr tieferer Sinn.

(Josef Bordat)

Österliches Selbstgespräch zwischen Ungewissheit und Wagnis

Was gibt’s Neues?

Der Herr ist auferstanden!

Das ist Dein Wunschdenken!

Ja, ist es. Aber sagt es etwas über die Wahrheit aus? Sinkt oder steigt die Wahrscheinlichkeit für Regenwetter, abhängig davon, ob ich mir Regenwetter wünsche oder nicht? Und: Warum sollte die Auferstehung als Nicht-Ereignis kein Wunschdenken sein? Es könnte doch auch etwas sehr beruhigendes haben, dass mit dem Tod alles aus ist und wir uns nicht vor Gott rechtfertigen müssen.

Das ist ein Mythos, den wir heute nicht mehr glauben können!

Viele Menschen konnten die Geschichte damals auch nicht glauben. Sie waren genauso kritisch wie die Menschen heute. Als Paulus im aufgeklärten Athen von der Auferstehung erzählt, bilden sich drei Gruppen: die Spötter, die Indifferenten, die Gläubigen (Apg 17, 32-34). Kommen einem bekannt vor, diese drei Reaktionen. Nicht von der Predigt auf der Agora, sondern von Diskussionen im Forum. Die Menschen damals unterschieden scharf nach Ereignissen, die durch vielfache Zeugenaussagen glaubwürdig belegt sind und solchen Ereignissen, die nur durch einzelne Zeugen bestätigt sind. So unmodern der Gedanke der Auferstehung sein mag, so aktuell und drängend ist er. Eine Positionierung ist unumgänglich. Zeugnisse gibt es: Dort, wo Leben ist. Dort, wo Liebe ist. Dort, wo Menschen wider alle Hoffnung die Kraft haben zu hoffen.

Liebe und Hoffnung! Und wo sind die Beweise?

Auch diese uns heute bestimmende technische Vernunft, nach der wahr nur das sein kann, was wahrnehmbar und sinnvoll nur, was sinnlich erfahrbar ist, auch diese aufgeklärte – vielleicht auch ein wenig abgeklärte – Haltung erscheint unmittelbar nach der Auferstehung, in der Person des so genannten „ungläubigen Thomas“. Er will nicht leichtgläubig sein, sich nichts vormachen lassen. Das macht ihn sympathisch. Solange dieser Gott nicht handfester und leibhaftiger erfahrbar ist, glaube ich erst mal nicht, was ihr mir da erzählt! Dann offenbart sich der verklärte Jesus und Thomas bekennt: „Mein Herr und mein Gott!“. Auch wir haben die Chance auf Offenbarungserlebnisse wie dieses. Im Gebet, in der Gemeinschaft mit Menschen, im Alltag.

Damit macht man sich doch lächerlich!

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wenn wir aufmerksam sind für die Zeichen Gottes in unserem Leben, werden wir dieses Bekenntnis vielleicht auch einmal sprechen. Laut, vor der Gemeinde, oder ganz leise im stillen Kämmerlein, da wo es erst mal niemand hört, wo es nicht so „peinlich“ ist. Dazu gehört freilich, den Stolz der absoluten Selbstbestimmung zu überwinden und Gott die Leitung des Lebens anzuvertrauen.

Und dann? Was habe ich davon?

Nachfolge ist nie besonders originell, Autonomie und Freiheit sehen anders aus als die Kirche dies mit ihrer rigorosen Morallehre anzubieten hat, sie zeigen sich in Individualität und Unabhängigkeit. Soweit ein gängiges Vorurteil gegen Kirche im besonderen und Christentum im allgemeinen. Dass letztlich nur das Evangelium mit seiner Botschaft der Liebe, der Vergebung und der Wandlung von Leid in Heil den Menschen frei macht von Angst und die Tür öffnet zur unendlichen Geborgenheit bei Gott, das ist eine Wahrheit, die man nur erahnen kann, wenn man sich auf das „Wagnis der Weisheit“ einlässt. In der selbstgewählten Bindung an den Auferstandenen liegt die eigentliche Befreiung – dieses scheinbare Paradoxon erschließt sich nur im Glauben an die Kraft der Liebe. Es ist wie in der Ehe, wo die Bindung Beginn einer neuen Form freier Lebensgestaltung ist. So ist Christus der Bräutigam, die Kirche die Braut, die nicht „weiß“ trägt, sondern „bunt“.

Das ist töricht!

Mag sein. Ich persönlich tausche jedoch gern meine Eitelkeit und meinen guten Ruf bei den Menschen gegen die Hoffnung ein, die Gott mir in Christus schenkt.

Du bist verrückt!

Ja, genau: Ver-rückt. Nicht mehr an der gleichen Stelle. Durch die Auferstehung emporgehoben, weg von meinen Sorgen und Nöten, weil ich weiß, dass alles, was mir an Leid widerfährt, bereits im Kreuzestod Christi enthalten ist, der Bedingung war für die Auferstehung, notwendig zur Erlösung der Welt. Das gibt mir ein Gefühl der Geborgenheit bei Gott – ein wahrhaft göttliches Gefühl!

(Josef Bordat)

Ostern 1988

März 18, 2008

frei ist der Mensch,
der den Tod hinter sich
und das Leben vor sich hat,

der nicht zu vergessen braucht,
weil ihm vergeben ist
und er vergeben hat,

der vor nichts zu fliehen braucht,
weil er durch verschlossene Türen kommen
und über Abgründe gehen kann,
der sich nicht zu ängstigen braucht,
weil er immer unterwegs ist
zu einem und mit einem,
der ihn grenzenlos liebt.

frei ist der Mensch, der zu allen offen ist,
weil er alle
in sein Herz geschlossen hat.

frei ist der Mensch,
der jenseits der Wunde lebt:
der österliche Mensch.

Klaus Hemmerle, Bischof von Aachen (1929-1994), aus: „Auf Wiedersehen bei Ihm!“ Unterwaltersdorf 2004, S. 19 – auch im Gedenken an Chiara Lubich, Gründerin der Fokolarbewegung, die am 14. März 2008 im Alter von 88 Jahren verstorben ist und heute in Rom beigesetzt wird.

Credo

März 12, 2008

Ich glaube an Gott
und ich glaube, dass Er einzig ist.

Ich glaube,
dass Er den Menschen erschaffen hat
nach seinem Bild.

Ich glaube,
dass dieser einzige Gott
von uns Menschen
geliebt werden will.

Um mit uns zu sein,
um in uns zu sein,
um durch uns
in die Welt zu wirken.

Ich glaube,
dass dieser einzige Gott
nicht möchte,
dass wir uns streiten.
Unseretwegen.
Seinetwegen
Weil uns Macht wichtiger ist als Liebe,
Stolz leichter fällt als Demut.
Weil uns Anerkennung,
die wir von anderen Menschen erfahren,
für uns mehr zählt
als die Geborgenheit bei Gott.
Weil wir zu schwach sind, um zu erkennen,
dass Er uns stark genug gemacht hat, um zu erahnen,
dass Er einzig ist für alle,
dass Er uns alle
zu Werkzeugen Seines Friedens machen möchte.

Ich glaube,
dass Gott das Gute will
und uns Menschen
jeden Tag aufs Neue
Auftrag und Vollmacht zum Guten erteilt.

Ich glaube,
dass Gott allmächtig und allgütig ist,
dass Seine Größe unsere Vorstellungskraft sprengt,
dass es darum schwer fällt,
Ihn und Seine Welt zu verstehen.

Ich glaube,
dass es etwas gibt, das größer ist als des Menschen Verstand:
Gottes Verstand.

Ich glaube,
dass es etwas gibt, das größer ist als Gottes Verstand:
Gottes Liebe.

Ich glaube,
dass sich dieser mächtige und große Gott
in Jesus Christus, seinem Sohn,
gerade den Ohnmächtigen und Kleinen zuwendet,
als ein Zeichen dieser Liebe.

Ich glaube,
dass Gott uns durch Jesus
zur Gerechtigkeit nötigt,
zur Barmherzigkeit auffordert,
zur Freiheit führt,
zur Liebe befähigt.
Und uns damit das Leben in Fülle ermöglicht.

Ich glaube,
dass Gott etwas vorhat
mit der Welt
und dem Menschen.

Ich glaube,
dass wir nie ganz erfassen können,
was.

Bis wir im Moment der Vollendung
Seiner Vernunft und
Seiner Pläne
teilhaft werden.

Ich hoffe,
einst diese Vollendung
im Ewigen Leben
zu erlangen.

(Josef Bordat)

Betrachtung zum Bußgang der Berliner Katholiken am 1. März 2008 in Kreuzberg

Das Kreuz tragen,
durch Kreuzberg,
hier und jetzt.

Das Kreuz,
es bleibt fest im Sturm der Zeit.
Der Wind der Welt weht uns entgegen:
Kopfschütteln, Spott, „Emma“.
Der Weg ist lang und steinig.

Als Akt der Buße, nicht als Strafe.
Als Akt der Demut, nicht als Demütigung.
Am Ende des Weges:
Erbauung im Wort,
Feiern in Gemeinschaft.
Freude in und durch die Eucharistie.

Das Kreuz tragen,
in der Nachfolge dessen,
der sein Kreuz trug,
hin zu seinem Ende,
in dem zugleich unser Anfang liegt.

Sein Kreuz,
an dem sich Ende und Anfang berühren,
war eine schwere Last.
Mein Kreuz ist eine schwere Last.
Dein Kreuz ist eine schwere Last.
Mein Kreuz, Dein Kreuz ist zu schwer,
um es auf die leichte Schulter zu nehmen.
Ein jeder trage des anderen Last.

Das Kreuz tragen,
gemeinsam, als die eine Kirche,
in der Welt, aber nicht von der Welt,
gemeinsam, als eine Gemeinde,
Weltkirche auf engstem Raum.
In Kreuzberg.

Das Kreuz,
mein Kreuz, dein Kreuz,
ist zu unserem Kreuz geworden,
weil viele Hände tragen helfen.

Das Kreuz tragen,
macht das Leben nicht immer leicht, aber leichter,
macht in Nöten nicht alles gut, aber besser,
nimmt von der Freude nichts weg, sondern macht sie tiefer.

Das Kreuz tragen,
im Alltagsleben,
im Glaubensleben,
in der Gemeinschaft.

Wer das Kreuz trug,
wird sich des Kreuzwegs Jesu bewusst.
Und wer sich des Kreuzwegs bewusst wird,
kann sein eigenes Kreuz getrost auf sich nehmen.
Immer neu,
immer wieder,
immer wieder neu.

Für den erfüllt sich schon jetzt die Verheißung:
Durch das Kreuz zum Leben,
berührt und verwandelt.

In Kreuzberg.
Überall.

(Josef Bordat)

Tägliches Morgengebet

Februar 19, 2008

HERR,
gewähre mir

die Gnade,
das Richtige zu denken,

den Mut,
zu sagen, was ich denke,

und die Kraft,
zu tun, was ich sage.

(Josef Bordat)