Martin Luthers Bibelübersetzung
Oktober 31, 2009
Ein Einwurf anlässlich des Reformationstags 2009.
Am 2. September 2004 brennt die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar lichterloh. Ein Mann rennt in die Flammen, um die bedeutendsten Bücher zu retten – Direktor Michael Knoche. Auf die Frage, welche Sammlungsstücke denn so wertvoll seien, dass er dafür sein Leben aufs Spiel gesetzt habe, antwortet Knoche: „Eine Lutherbibel von 1534. Dazu habe ich noch zwei Ausgaben des Neuen Testaments von 1522 draufgepackt.“ Der couragierte Akt des bibliophilen Mannes macht deutlich, welchen Stellenwert Luthers Übersetzungsarbeiten haben.
Luther ist zunächst bekannt als Reformator. Er wandte sich gegen die Werkgerechtigkeit und die daraus resultierenden Praktiken der Kirche wie dem Ablasshandel und sah die Rechtfertigung des Menschen vor Gott – zentrales Thema der christlichen Theologie – allein im Glauben. Dieser wird dem Menschen durch die Gnade Gottes ans Herz gelegt und durch die heilige Schrift des Christentums, die Bibel, offenbart – sola gratia, sola fide, sola scriptura. Bis heute ist dieses Bekenntnis für Lutheraner in der ganzen Welt zentral.
Den Kirchenherren seiner Zeit und dem katholischen Kaiser Karl V. gefiel dieser Ansatz unterdessen überhaupt nicht. Der Reformator muss sich beim Reichstag zu Worms (1521) vor der geistlichen und weltlichen Obrigkeit rechtfertigen. Luther geht unbehelligt aus der Anhörung, obwohl er nicht bereit ist, seine Schriften zu widerrufen. Karl verhängt gegen den widerspenstigen Mönch die Reichsacht, eine Art Haftbefehl. Auf dem Rückweg nach Wittenberg wird Luther „entführt“ und im Auftrag seines Kurfürsten Friedrich von Sachsen auf die Wartburg verbracht. Als „Junker Jörg“ beginnt Luther mit der Übersetzung der Bibel in sein „geliebtes Deutsch“.
Trotz „vielfacher Belästigungen durch den Teufel“ übersetzt Luther in knapp drei Monaten das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche. 1522 geht es als so genannte „Septemberbibel“ in den Druck. Obwohl die Auflage (3000 Exemplare) und der Preis (1,50 Gulden) hoch lagen, war sie rasch vergriffen. Das mag Luther angespornt haben, sogleich mit dem weit umfangreicheren Alten Testament fortzusetzen, das er von 1523 bis 1534 übersetzte und kommentierte. Zur Michaelismesse im Oktober 1534 konnte Luther seine „Biblia, das ist, die gantze Heilige Schrifft, Deudsch“ vorlegen.
In seinen „Summarien über die Psalmen und Ursach des Dolmetschens“ (1533) gibt Luther Auskunft über sein Übersetzungsprinzip, das seiner theologischen Haltung geschuldet ist: größtmögliche Verständlichkeit bei größtmöglicher Nähe zum Ursprungstext. Das fordert einerseits einen reichen differenzierten Wortschatz für eine treffende Ausdrucksweise und eine große Kreativität, um durch Sprachschöpfungen vorhandene Lücken zu schließen, andererseits eine Beachtung der Umgangssprache, also „dem Volk aufs Maul zu schauen“, wie Luther es ausdrückte. Manchmal bringt Luther spielerisch Regionales im Text unter und erreicht damit eine besondere Präzision. In Lukas 21, 2 übersetzt er die kleine Opfergabe der armen Witwe mit „Scherflein“ – der Scherf war eine Erfurter Münze. Doch der Text musste die Sprachgrenzen regionaler Idiome überschreiten, um überall verstanden zu werden, durfte also nicht zu sehr von der Herkunft des Verfassers geprägt sein. Dies gelingt Luther, obwohl das „Meißner Kanzleideutsch“ seinen Sprachduktus geformt hat – und damit letztlich auch unsere gemeinsame deutsche Sprache.
Luthers Einfluss auf das Deutsche als Volkssprache ist kaum zu überschätzen. Auch wenn vor ihm Deutsch gesprochen und geschrieben wurde, wird er mit seiner Bibelübersetzung zum größten Förderer einer einheitlichen neuhochdeutschen Schriftsprache. Hinsichtlich Lautstand, Orthographie, Flexion und Syntax hat er einen Mittelweg zwischen den bestehenden Schreibdialekten gefunden. Und die Bibel war nicht irgendeine Abhandlung, die nur eine Handvoll Gelehrte interessiert hätte. Das „Buch der Bücher“ wurde in allen Schichten mit Interesse und Aufmerksamkeit gelesen. Über Jahrhunderte war es in vielen Familien sogar das einzige verfügbare Buch. Dadurch konnte sich die deutsche Sprache allmählich einheitlich etablieren, auch im Rheinland und in Bayern, wo die regionalen Idiome noch länger vorherrschten, vor allem deshalb, weil diese Gebiete traditionell katholisch geprägt sind. Im protestantischen Norden und Osten Deutschlands setzte sich das „Lutherdeutsch“ hingegen rasch durch.
Luther hat die heutige deutsche Standardsprache zwar nicht erfunden, sie aber entscheidend geprägt, auch durch seine „Tischreden oder Colloquia“ und das geistliche Liedgut („Ein feste Burg ist unser Gott“), vor allem jedoch durch seine Bibelübersetzung. Im wesentlichen ist die Lutherbibel stets nur orthographisch der jeweils gültigen Schreibweise angepasst worden. Die textliche Grundlage bildet dabei die Fassung von 1545, die so genannte „Biblia Germanica“, eine Überarbeitung der ersten Ausgabe von 1534, bei der Luther ein Jahr vor seinem Tod noch selbst mitgewirkt hat. Die Stuttgarter Jubiläumsbibel von 1912, die Lutherrevision von 1964 und die gegenwärtige Fassung der Lutherbibel von 1984 orientieren sich an ihr. Alles begann jedoch mit der Lutherbibel von 1534. Vor diesem Hintergrund bekommt Direktor Knoches Rettungstat eine große kulturgeschichtliche Bedeutung.
Der Beitrag basiert auf dem Artikel „Von der Wartburg ins Reich. Martin Luther entwickelt das einheitliche Schriftdeutsch“, erschienen in: Lingua et opinio. Die Online-Zeitschrift für Sprache und Kommunikation (September 2009).
(Josef Bordat)
Teresa von Kalkutta
Oktober 17, 2009
Heute vor 30 Jahren erhielt die Gründerin des Ordens „Missionarinnen der Nächstenliebe“, Teresa von Kalkutta („Mutter Teresa“), den Friedensnobelpreis. Im Gegensatz zur diesjährigen Entscheidung für US-Präsident Barack Obama ist klar, warum die Wahl auf sie fiel: Sie erhielt den renommierten Preis in Anerkennung ihres aufopferungsvollen Einsatzes für die Ärmsten der Armen – nicht nur in Kalkutta.
Bekannt wurde Mutter Teresa durch ihr kompromissloses Eintreten für die Würde und das Leben von Menschen in jedem Stadium ihrer Entwicklung. Sie widmete sich in ihrer Nachfolge Christi vor allem der Hilfe für Kinder, Sterbende und Aussätzige. Die Kraft für diese Aufgabe schöpfte sie aus dem Gebet. 2003, nur sechs Jahre nach ihrem Tod, wurde sie selig gesprochen.
Von Mutter Teresa sind viele meditative Texte, aber auch einige markige Sprüche überliefert. Einer gefällt mir besonders gut: „Menschen sind oft unberechenbar, unlogisch und selbstzentriert. Vergib ihnen einfach.“
(Josef Bordat)
Gott zur Sprache bringen
Oktober 12, 2009
Eröffnung des Akademischen Jahres 2009/10 in Berlin
Vertreter der Hochschulseelsorge des Erzbistums Berlin, der Katholischen Studentenverbindungen in Berlin und der Katholischen Studierendengemeinde haben gestern das Akademische Jahr 2009/10 festlich eröffnet.
Kardinal Sterzinsky erinnerte in seiner Predigt während des Pontifikalamtes an die Bedeutung der Kirche für die Wissenschaft und die Wissenschaftler. Der Glaube dient als ein Regulativ des Forscherdrangs, gerade heute, wo dieser unser Selbstverständnis als Menschen anfragt und offen moralische Grenzen zu überschreiten droht. Christliche Ethik kann im akademischen Alltag die nötige Orientierung geben, die der Wissenschaftsbetrieb selbst nicht anbieten kann. Sie befähigt zur Horizonterweiterung im Sinne der göttlichen Weisheit. Für den Wissenschaftler bedeutet die Hochschulpartoral in ihrer Vielfalt eine Möglichkeit, Kirche und Kirchlichkeit im Kontext der beruflichen Stellung präsent zu halten. Hier sind insbesondere die Studierendengemeinden Orte des gemeinsamen Glaubenslebens, aber auch die Studentenverbindungen.
Den Festvortrag mit dem Titel „Zwischen Himmel und Erde. Anregungen für einen Berliner Ansatz, Gott neu zur Sprache zu bringen“ hielt der Berliner Religionsphilosoph Thomas Brose, langjähriger Mitarbeiter der KSG Maria Sedes Sapientiae und profunder Kenner der Berliner Kirchenproblematik.
Brose betrachtet die Situation in der „Hauptstadt des Unglaubens“ als Herausforderung für eine Pastoral, die sich an zwei Persönlichkeiten der Berliner Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts orientieren sollte: an Carl Sonnenschein und an Romano Guardini. Während jener im Berliner Arbeitermilieu der 1920er Jahre – Berlin war damals die drittgrößte Metropole der Welt – insbesondere sozial-karitativ wirkte („Kommunisten muss man überflüssig machen!“), hat dieser in protestantischer Umgebung katholisches Denken an die Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität gebracht, die heutige Humboldt-Universität zu Berlin, an der es seit 2005, auch Dank Broses Einsatz in den Jahren nach 1989, eine Guardini-Stiftungsprofessur gibt, die derzeit der Philosoph Edmund Runggaldier SJ inne hat.
Ausgehend von persönlichen Erfahrungen nahm der Referent die Zuhörer mit auf eine Reise an bedeutende Orte Berlins wie Fernsehturm oder Brandenburger Tor, die sich auch theologisch deuten lassen, wie Brose zeigte. Ein ganz spezieller Ort christlicher Kultur wird derzeit in Berlin-Marzahn geschaffen: ein christlicher Garten, an dessen Planung Brose von katholischer Seite beteiligt ist. Patentrezepte könne er nicht anbieten, so der Referent, der seine philosophischen und theologischen Gedanken zur Situation der Kirche in Berlin in dem Buch „Zwischen Himmel und Erde: Christ sein in einer säkularen Welt“ (Echter, 2007) zusammengefasst hat. Dennoch: Thomas Brose hat Spuren gelegt, die es zu verfolgen gilt.
(Josef Bordat)
Fazenda. Der Hoffnung den Hof machen
Oktober 8, 2009
Oft werde ich gefragt, warum ich an Gott glaube. Manchmal ergänzt durch ein „Eigentlich“, ein „Noch“, ein „Trotzdem“. Wenn ich die Begründung für meinen Glauben an Gott in einem einzigen Begriff zusammenfassen müsste, dann wäre das der Begriff „Liebe“. Sollte ich dann aufgefordert werden, ein Beispiel zu nennen, wo Liebe spürbar wird, dann würde ich „Fazenda“ sagen. Und wäre ein Beleg gewünscht, hieße der „Gut Neuhof“.
Auf den Fazendas da Esperança finden Abhängige zur Freiheit und zu sich selbst. Durch Arbeit, Gemeinschaft und Gebet. Und einmal im Jahr wird gefeiert: Franziskusfest. Im Gedenken an den Transitus des Hl. Franz von Assisi am 3. Oktober 1226, den Übergang des Ordensgründers in das Ewige Leben, wird die eigene Verwandlungsgeschichte reflektiert. Ein besseres Motiv gibt es nicht.
Etwa 700 Menschen, darunter meine Frau und ich, besuchten am 3. Oktober 2009 das Franziskusfest auf der Fazenda da Esperança (Hof der Hoffnung) in Gut Neuhof bei Nauen, etwa 50 Kilometer nordwestlich von Berlin. Gemeinsam mit Fazenda-Gründer Bruder Hans Stapel OFM und Bischof Johannes Bahlmann OFM, der in seiner Diözese Amazonien aus phonetischen Gründen nur „Bernardo“ genannt wird, hielten die Besucher unter dem Motto „Hoffnung sichtbar machen“ Gottesdienst, hörten die Erfahrungen junger Menschen, deren Leben von Drogen und anderen Süchten beherrscht war und die nun auf dem Hof der Hoffnung einen Ausweg suchen, kamen miteinander ins Gespräch und konnten die einzigartige Atmosphäre des Franziskusfestes genießen.
Seit elf Jahren gibt es in den sanierten Gebäuden von Gut Neuhof das Rekuperationsprojekt Fazenda da Esperança. Dessen Geschichte ist sinnbildlich für die, die seither hier leben: Aus dem völlig verwahrlosten Gelände des Gutes, aus den heruntergekommenen Gebäuden und einer riesigen Halde aus Schrott und Müll entsteht eine gepflegte Anlage mit mehreren Wohnhäusern und Gemeinschaftseinrichtungen, Landwirtschaft und Kunsthandwerk, Fleischerei und Café. Und mit einer schönen Kapelle. Die Vision, zur Jahrtausendwende ein „neues Bethlehem“ geschaffen zu haben, „in dem Gott zu den Menschen kommt“, ist Realität geworden. Man hört es, man sieht es, man schmeckt es.
***
„Rekuperation“, das bedeutet, zu sich selbst zurückzufinden, zu seinen Wünschen und Hoffnungen. Ein Jahr dauert das Programm in der Regel, wenn nötig auch länger. Bruder Hans betont die Notwendigkeit, dieses Jahr in einer Gemeinschaft zu verbringen, in der das liebevolle Miteinander die entscheidende Rolle spielt. Wer auf einer Fazenda aufgenommen wird, macht einen radikalen Schritt. Sie oder er muss bereit sein, sich auf die Säulen des Alltagslebens auf der Fazenda einzulassen – Arbeit, Gemeinschaft und Spiritualität. Jeden Morgen gibt es das Rosenkranzgebet und die Betrachtung eines Wortes aus dem Evangelium. Daran muss man teilnehmen, auch wenn es dem einen oder der anderen aus den Reihen der nicht immer kirchennahen jungen Erwachsenen schwer fällt. Denn das Wort soll im Laufe das Tages in die Tat umgesetzt, es soll „gelebt“ werden. Dazu muss man es hören, verstehen und verinnerlichen. Deshalb sind Betrachtung und Gebet zu Tagesbeginn Pflicht. Ohne Wenn und Aber.
Doch das ist bei weitem nicht die einzige Spielregel, auf die sich die Rekuperanten einlassen. Auf der Fazenda gibt es keine Ersatz- oder Übergangsdrogen. Es gibt keinen Alkohol, keine Zigaretten, kein Fernsehen, kein Telefon und kein Internet. Der Kontakt zur Außenwelt soll auf ein Minimum reduziert werden, um wirklich zu sich selbst zurückfinden zu können. Und zu merken, wie schön es sein kann, einmal einen Brief per Hand zu schreiben. Die Fazendas sind also keine Orte des klinisch-therapeutischen Drogenentzugs, sondern Stätten der vollständigen Erneuerung des Menschen und seiner Beziehung zu Gott, zum Nächsten und zur Umwelt. Nicht mit den Drogen aufhören, sondern anfangen, ein neuer Mensch zu werden, bei dem die bleibende Versuchung nach erfolgreicher Rekuperation nicht mehr durchdringen kann, darauf liegt der Akzent. Die Rechnung geht auf: Die Rückfallquote ist sehr gering.
Es grenzt nicht an ein Wunder, was auf Gut Neuhof und den anderen Fazendas geschieht, es ist ein Wunder. Es ist wunderbar, wie Menschen aus verschiedenen Ländern, die unterschiedliche Sprachen sprechen und vor Monaten noch im Gefängnis saßen oder in der Gosse lagen, zusammen beten und arbeiten, streiten und sich versöhnen. Wie sie sich stützen auf dem Weg. Und wie sie schließlich von der Droge frei werden und zu neuem Leben gelangen. Es gibt wohl kaum etwas Schöneres, als mitzuerleben, dass leere Augen wieder strahlen, Menschen wieder leben können – und wollen.
Wer das erlebt hat, der kann sie nachvollziehen, die vielen wundervollen Geschichten aus Welten im Wandel. Von einem ehemaligen Rekuperanten und ehrenamtlichen Mitarbeiter, der sagt, er habe an 15 Jahre Drogenzeit keine Erinnerung, an sein Jahr auf der Fazenda aber sehr wohl. Von einem Mädchen, das sich im Dienst einer Modelkarriere zum Skelett hungerte und auf der Fazenda erfuhr, was wahre Schönheit ist. Von einem Brasilianer, der für ein Flugticket nach Moskau sein Motorrad verkaufte, um mitzuhelfen, die erste Fazenda in Russland aufzubauen, damit die Geschichte weitergeht. Und davon, wie diese Geschichte begann.
1979, an einer Straßenecke in einer brasilianischen Stadt, einem bekannten Drogenumschlagplatz, nimmt ein 17jähriger Junge namens Nelson mit den Süchtigen Kontakt auf. Nicht um zu belehren oder zu missionieren, sondern um ihnen seine Freundschaft anzubieten. Bruder Hans war damals in der Stadt Seelsorger und hatte die Gläubigen zur tätigen Nächstenliebe ermutigt. Und dazu, sich mit dem Nächsten in empathischer Absicht eins zu machen, getreu dem Wort „Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette.“ (1 Kor 9, 22) Die Botschaft war bei Nelson angekommen. Er schafft es, eine Verbindung zu den Drogenabhängigen herzustellen, ihr Vertrauen zu gewinnen. Eines Tages leiht Nelson einem der Junkies sein Fahrrad. Innerlich mag er es abgeschrieben haben, Jahre später erfuhr er, dass sein neuer Freund tatsächlich überlegt hatte, das Fahrrad zu Stoff zu machen. Doch er bringt es Nelson zurück, geputzt und repariert. Ein unübersehbares Hoffnungszeichen. Nelson spürt: Hier geht was. Bruder Hans ist der gleichen Ansicht. Die Fazenda-Idee wird geboren.
Im 800. Jahr der Anerkennung der Ordensregel des Hl. Franz von Assisi, blickt die Fazenda-Bewegung auf eine kurze, aber dennoch beeindruckende Geschichte zurück. Vor etwa 30 Jahren entstand die erste Gruppe um Bruder Hans und Nelson, später der erste Hof in Brasilien, heute sind es weltweit über 60 Höfe mit etwa 2000 Abhängigen in Rekuperation. Etwa 10.000 junge Menschen fanden in den drei Jahrzehnten Fazenda-Geschichte den Weg aus der Droge in ein selbstbestimmtes Leben. Über 30 Höfe werden derzeit vorbereitet, alle paar Wochen wird irgendwo auf der Welt eine Fazenda eröffnet. Auch in meiner niederrheinischen Heimat gibt es neuerdings einen Hof der Hoffnung, in der Nähe der alten Römerstadt Xanten.
Einer breiteren Öffentlichkeit wurden die Fazendas durch den Brasilien-Besuch Papst Benedikts im Mai 2007 bekannt. Auf der Fazenda in Guaratingueta traf sich der Papst mit Bruder Hans und war von den Erfahrungen der Rekuperanten sehr beeindruckt, so sehr, dass er seitdem mehrmals bei unterschiedlichen Gelegenheiten auf die Glaubenskraft und die gelebte Liebe, die die Höfe und ihre Bewohner prägt, Bezug genommen hat, etwa am 21. Dezember 2007 in einer Ansprache vor der Römischen Kurie: „Mit besonderer Freude erinnere ich mich an den Tag auf der Fazenda da Esperança, wo Menschen, die in die Sklaverei der Droge gefallen sind, Freiheit und Hoffnung wiederfinden. Als ich dort angekommen bin, habe ich zuerst in neuer Weise verstanden, dass die Schöpfung Gottes eine erneuernde Kraft hat. Wir müssen die Schöpfung nicht nur im Hinblick auf ihre Vorteile schützen, sondern auch um ihrer selbst willen – als Botschaft des Schöpfers, als Geschenk der Schönheit, die uns Verheißung und Hoffnung ist. Ja, der Mensch braucht die Transzendenz. ,Gott allein genügt’, sagt die Heilige Theresa von Avila. Wenn Er fehlt, muss der Mensch allein versuchen, die Grenzen der Welt zu überwinden, um für sich selbst den Raum des Unendlichen zu eröffnen, auf den hin er geschaffen wurde. Von daher wird die Droge fast zu einer Notwendigkeit. Aber bald merkt er, dass es eine unendliche Illusion ist, eine Falle, so könnte man sagen, die der Teufel für den Menschen vorbereitet hat. Dort auf der Fazenda da Esperança scheinen diese Abgründe der Welt wirklich überwunden zu sein, indem man sich mit seinem Leben öffnet und auf Gott schaut und so Rekuperation geschieht.“
Oft erkundigt sich Benedikt nach dem Fortschritt einzelner Projekte und unterstützt Bruder Hans mit seinem Gebet. Einen größeren Geldbetrag hat der Vatikan auch schon bereit gestellt. Mehr kann man als Ergebnis eines Papstbesuchs wohl nicht erwarten. In Erinnerung bleiben wird insbesondere sein warnender Finger gegenüber den Drogenhändlern. Der Papst hat sie in seinem Grußwort von Guaratingueta daran erinnert, dass sie sich eines Tages für ihr Tun rechtfertigen müssen. Und zum anderen daran, dass er die Jugendlichen ermutigt und trotz ihres zuvor kaputten Lebens als „Botschafter der Hoffnung“ bezeichnet hat. Er hat ihnen klargemacht, dass die Kirche sie braucht als Boten einer Hoffnung wider alle Hoffnungslosigkeit. Wenn nicht sie diese Rolle mit Leib und Seele ausfüllen können, wer dann?
***
Das „Franziskusfest“ endet mit einem großen Lagerfeuer. Die harte Realität des Alltags hat in dieser Romantik Pause. Eine ganz kurze Zeit zum Nachdenken über die Fazendas. Es sind „Einrichtungen, die den Abhängigen Perspektiven für ein Leben ohne Sucht eröffnen und sie in ihrem Willen zur Abstinenz stärken“, wie die Drogenbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Maria Eichhorn meint. Ganz sicher. Aber auch „Inkarnationen der katholischen Soziallehre, die in der Öffentlichkeit die notwendige Aktion der Kirche darstellen, weil sie den Wert des Menschen, die Würde der Familie und die Bedeutung der Arbeit betonen“ (Erzbischof von Paraiba, Aldo de Cillo Pagotto). Und wie! Doch in erster Linie sind Fazendas Orte der Gotteserfahrung für jeden Menschen, für Rekuperanten, Besucher, Freiwillige, Ordensleute, Priester, Bischöfe und den Papst. Wer die Fazenda kennen lernen durfte, hatte eine dicke Chance zur Begegnung mit Gott. Diese Chance gehabt zu haben, ist wohl das, was man „Gnade“ nennt. Nächstes Jahr komme ich wieder.
(Josef Bordat)