In dieser Stunde rief Jesus, vom Heiligen Geist erfüllt, voll Freude aus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen. Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden; niemand weiß, wer der Sohn ist, nur der Vater, und niemand weiß, wer der Vater ist, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will. Jesus wandte sich an die Jünger und sagte zu ihnen allein: Selig sind die, deren Augen sehen, was ihr seht. Ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und wollten hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört. (Lukas 10, 21-24)

Das heutige Tagesevangelium enthält drei für den christlichen Glauben ganz wesentliche Gedanken.

1. Zunächst einmal den Gedanken einer Differenz von menschlichem Wissensbestand aus „Weisheit“ und „Klugheit“ zur göttlichen Offenbarung, also den Gedanken, dass sich Gott nicht als rein intellektuell konzipierte Theorie erfahren lässt, sondern nur in der „Unmündigkeit“ – nicht der selbstverschuldeten, sondern der selbsterkannten Unmündigkeit. Glauben lässt sich nicht vom Denken einholen oder gar vollständig verdrängen. Es bleiben als unauflösliche Reste einerseits die demütige Einsicht, dass der menschliche Verstand die göttliche Vernunft nicht vollständig erfassen kann, andererseits das Vertrauen, dass im Dunkel dieser Unergründlichkeit keine despotische Macht wirkt, die sich qua Überlegenheit einer Rechtfertigung entziehen will, sondern dass dort ein tiefer Raum unendlicher Liebe Platz hat, der uns nur deshalb bergen kann, weil er über uns hinausgewachsen ist, freilich um den Preis, dass wir ihn nicht zu ermessen vermögen.

Glaube ist die tastende Durchdringung dieses Raums – und das Wissen darum, dabei nie an ein Ende zu gelangen. Daher ist Glaube mehr als Reflexion – es braucht im Glauben Devotion. Diese wiederum liegt dem religiösen Ritus ebenso zugrunde wie dem fruchtbaren philosophischen Nachdenken über Gott. Peter Wust fasst es sehr schön zusammen: „Nicht der Reflexionsakt des Philosophen macht den Menschen selig, sondern erst der wahrhaftige Devotionsakt des Heiligen kann vollenden, was im Menschen als sein Menschlichstes angelegt ist. Nicht eine falsche Beruhigung ist das höchste Ziel des philosophischen Reflexionsaktes, sondern das ist gerade ihre höchste, ihre wahrhaft menschliche Aufgabe, den Menschen in die tiefe Ruhe zu führen, die unser wahrheitshungriger Geist nur in der Evidenz der Wahrheit finden kann. In der Philosophie selbst also ist jener Devotionsakt schon implicite angelegt und enthalten, der im wahrhaft religiösen Devotionsakt explicite seine klassische Gestalt erhält. Als ein die Wahrheit Suchender sowohl als auch ein die Wahrheit Findender muß der Philosoph niederknien vor dem Altar der Wahrheit. Denn ohne diesen Akt der Devotion wird all sein Suchen nur ein eitles und vergebliches Suchen sein.“ (Peter Wust: Der Mensch und die Philosophie, in: Glaube und Gegenwart, H. 3, Freiburg 1933)

Der christliche Glaube liefert eine Metaphysik der zwar ungewissen, aber doch rational begründbaren Wagnisse und damit einen Schlüssel zu Ruhe und Geborgenheit. Das Gebet ist dabei Ausdruck eines reflektierten Gottvertrauens, das mich weder in nackte Verzweiflung, noch in trügerische Heilsgewissheit fallen lässt. Die Ungewissheit bleibt, sie wird immer bleiben, aber ich bekomme im Vertrauen auf Gott den Mut zum Wagnis der Weisheit, einer „Weisheit des Unmündigen“. – Dies ist quasi das Präludium der Perikope, der Gedanke, auf dem die beiden folgenden fußen.

2. Sodann formuliert das Evangelium des heutigen Tages den Gedanken der Einheit von Vater und Sohn. Christus Jesus ist Sohn Gottes und Menschensohn. Der Sohn ist eins mit dem Vater, aber auch eins mit dem Menschen. Der Vater wird im Sohn eins mit dem Menschen, damit der Mensch durch den Sohn eins wird mit dem Vater. Können wir das Geheimnis der Einheit von Vater und Sohn begreifen? Ich glaube nicht. Jedenfalls nicht in seiner ganzen Tiefe. Wir sind wieder zurückgeworfen auf das, was im ersten Gedanken ausgeführt wurde. Das heißt dann aber auch: Wir können das Geheimnis gläubig annehmen, im Vertrauen auf Gott – auf den Vater und den Sohn. Und den Heiligen Geist, von dem der Sohn durch den Vater erfüllt ist. Nur deshalb kann Er überhaupt zu einer solchen Rede anheben – „voll Freude“, wie es heißt.

3. Schließlich geht es im dritten Gedanken um das Privileg der Nachfolge dessen, auf den die Menschheit sehnsüchtig wartete: Jesu Christi, des Messias. Wir dürfen das geoffenbarte Wort Gottes unmittelbar erkennen, in Christus. Wir sehen in Ihm die Wahrheit, nach der wir alle suchen. Auch hier schließt sich der Kreis zur Epistemologie des erstens Gedankens: In der Unmündigkeit als Kinder Gottes, die in der Nachfolge Christi stehen, erkennen wir mehr als die Weisen und Klugen der Weltgeschichte, für die Gott eine nützliche, gleichwohl ferne Idee ist, weil wir in der Demut unserer Kindschaft Jesus als unseren Bruder und Gott als unseren Vater erkennen. Und Familienbande knüpft enger als rein geistige Modellierung. Ergo: Ein wenig Demut bringt uns weiter als alles Philosophieren, so klug, ja, so weise es auch sei.

Es ist ein echtes Privileg, den dreifaltigen Gott auf diese unspektakuläre Weise so unmittelbar erkennen zu dürfen! Der Heilige Alphons-Maria von Liguori macht es ganz deutlich: „,Beeile dich, Gott der Barmherzigkeit, lass über uns deine liebreiche Huld aufleuchten und sende uns das Wichtigste, das du uns verheißen hast: den, der uns retten soll’. So flehten die Heiligen mit Inbrunst vor der Ankunft des Messias. Und doch war es ihnen viertausend Jahre lang nicht vergönnt, seine Geburt zu erleben. Dieses Glück war uns vorbehalten.“ Zunächst den Jüngern, die Jesus auf seiner irdischen Reise begleiteten, dann uns allen, die wir an Jesus glauben und Seinen Namen ehren.

Doch das fällt uns nicht immer leicht und in das Glücksempfinden mischt sich beim Heiligen Alphons-Maria die Ernüchterung. Er fragt, ob wir uns dieses Glücks auch als würdig erweisen: „Was aber tun wir? Welchen Nutzen ziehen wir daraus?“ Rückfrage: Was sollten wir denn tun, welchen Nutzen sollten wir daraus ziehen? Sein Vorschlag: „Lasst uns doch diesen liebenswerten Erlöser lieben, da er jetzt gekommen ist, uns aus den Händen unserer Feinde befreit hat, uns um den Preis seines Lebens aus dem ewigen Tod losgekauft hat, uns das Paradies zugänglich gemacht hat! Er hat es getan, damit wir ihn lieben, ihm in Frieden dienen in diesem Leben und im anderen uns seiner auf ewig erfreuen.“

Also: Lieben. – Jetzt haben wir dazu wieder eine besondere Chance: Es ist Advent. Ein Neuanfang ist möglich.

(Josef Bordat)

Mit ihm begann ich das Bloggen, an ihn zu erinnern bleibt eine beständige Aufgabe: der katholische Existenzphilosoph Peter Wust.

Leben

Peter Wust wurde 1884 in Rissenthal im Saarland geboren. Er hat Philosophie, Germanistik und Anglistik in Berlin und Straßburg, hat 1910 sein Staatsexamen gemacht und war dann 20 Jahre lang im höheren Schuldienst tätig, in Berlin, Neuß, Trier und Köln. Dazwischen, 1914, erfolgt die Promotion bei Oswald Külpe in Bonn. Erst 1930, also mit 46, wird er Professor für Philosophie an der Universität Münster, ohne habilitiert zu sein. 46 – das ist noch kein Alter, auch Kant ist erst mit 46 Jahren Professor geworden, aber Kant hat dann auch noch eine ganze Weile gelebt, Wust leider nur noch zehn Jahre. Er stirbt nämlich 1940 im Alter von nur 56 Jahren in Münster an Krebs.

Wirken

Also, sein akademisches Wirken war kurz, aber dennoch hat er eine Menge geschrieben. In den 1960er Jahren wurden seine Schriften in der immerhin zehnbändigen Gesamtausgabe von Werner Vernekohl herausgegeben, neben Werner Schüßler der wichtigste deutsche Wust-Forscher. Auch institutionell zeitigte Wusts Werk Wirkung: Seit 1982 besteht eine Peter Wust-Gesellschaft mit Sitz in Merzig. Seit 1975 schon wird von der Katholischen Akademie Trier und der Christlichen Erwachsenenbildung Merzig-Wadern e.V. der Peter Wust-Preis vergeben, und zwar „an einen Philosophen, Theologen, Pädagogen, Publizisten oder Schriftsteller, Künstler oder Politiker, der (die) sich verdient gemacht hat um die Erhellung menschlichen Daseins aus christlichem Verstehen“; bekannte Preisträger sind Lothar de Maizière (1991), Bernhard Vogel (2005) und Klaus Töpfer (2011).

Werk

Peter Wust schreibt 1920 das erste seiner vier Hauptwerke, Die Auferstehung der Metaphysik. Es folgten in den Jahren 1925 und 1928 Naivität und Pietät sowie sein umfangreichstes Werk Die Dialektik des Geistes, ehe 1937 – drei Jahre vor seinem Tod – sein wohl bekanntestes Buch erschien: Ungewissheit und Wagnis. Diese vier Hauptwerke sind auch als Einzelausgaben erschienen, Ungewissheit und Wagnis liegt in der nunmehr neunten Auflage vor.

Denken

Sich drei Dinge bewusst zu machen, scheint mir wichtig, um Wusts Texte gut zu verstehen. 1. die Tradition; sein Werk ist beeinflusst von Augustinus und Bonaventura, aber auch von seinen Zeitgenossen Max Scheler und Karl Jaspers, 2. das Motiv; sein Werk ist getragen von dem Gedanken einer Wiederkehr der Metaphysik und damit gegen den Positivismus seiner Zeit gerichtet, der von Neokantianern vorbereitet, dann von Sprachphilosophen und Erkenntnistheoretikern vollendet wird, die auch gleich mal für sich in Anspruch nehmen, die einzig mögliche Philosophie der Zukunft zu betreiben, und 3. die Fundierung seines Denkens im christlichen Menschenbild; sein Werk ist einer Anthropologie verpflichtet, in welcher der Mensch zwischen reinem Geist und reiner Natur oszilliert. In dieser Eigenschaft als augustinianisches „Zwischenwesen“ des „Nicht-mehr-nur-Tieres“ im Hier und Jetzt, aber eben auch „Noch-nicht-ganz-Engels“, gleichwohl schon immer mal wieder ausgreifend in die Sphäre der Transzendenz, an der er aber erst in Zukunft teil haben wird, in dieser bewegten, „nicht festgestellten“ (Nietzsche) Situation sucht der Mensch nach Ruhe und Geborgenheit, um diese einerseits aus der Weisheit zu erhalten (homo philosophicus), andererseits aber – wenn überhaupt – nur im Glauben an Gott wirklich erfahren kann (homo religiosus). Wust ist damit zugleich „Erkenner und Bekenner“ (Karl Pfleger) und fordert dies auch vom Menschen im allgemeinen, „Erkenner und Bekenner“ zu sein.

(Josef Bordat)

Über Gott reden

2. Mai 2011

Geht das?

„Außer Gott gibt es nichts, worüber klugerweise ernsthaft gesprochen werden muss.“ Das sagt der kolumbianische Aphoristiker Nicolás Gómez Dávila. Es ist klar, wie es gemeint ist: Nur Gott ist letztlich der Rede wert, weil alles in Ihm seinen Grund hat. Oder: „Solo Dios basta.“ (Teresa von Ávila). Die Frage, die sich mir jedoch aufdrängt, ist vielmehr die, ob über Gott gesprochen werden kann.

Blogger-Kollege Philipp Giese hat in einem Beitrag einige Bemerkungen zur Möglichkeit einer Diskussion über Gott mit Nicht-Glaubenden gemacht, die ich gerne aufnehmen möchte. Anstoß gab die Forderung nach einem wissenschaftlichen Gottesbeweis, die bei Alipius zitiert wurde.

Als Naturwissenschaftler bespricht Phil diese Frage der Theoriefähigkeit des Glaubens entlang der Interpretamente „Tatsache“ und „Wirklichkeit“ und zieht interessante Vergleiche zwischen wissenschaftlichem und weltanschaulichem Diskurs. Insbesondere stellt er den Deutungsgehalt aller modellhaften Annäherungen an die Realität heraus, der oft vernachlässigt wird, was zur Überschätzung der Aussagekraft wissenschaftlicher Theorien führen kann.

Wie schmeckt Currywurst?

Ich möchte meine These von der begrenzten Möglichkeit eines „Gottes-Diskurs“ etwas praktischer begründen. Im Wohnheim habe ich mich mal mit einem ostasiatischen Studenten über deutsches Essen unterhalten. Er wollte von mir wissen, wie eine Currywurst schmeckt. Da sind wir dann zur nächsten Imbissbude gegangen und haben eine Currywurst gegessen. Dann hat er gesagt: „Ah, so schmeckt Currywurst.“ Es gibt Dinge, die kann man nicht erklären, die muss man erfahren. Zu diesen gehört der Geschmack von Currywurst. Es bringt nichts, jemandem die chemische Zusammensetzung aller Zutaten aufzulisten (die ich im übrigen so genau auch gar nicht kennen will). Der Geschmack ergibt sich beim Schmecken.

Glaube ist: Antwort auf Gnade. Und: Wagnis.

Und Gott? Gott ergibt sich im Glauben. Das ist ein scheinbares Paradox, hängt aber mit dem Wesen des Glaubens als Antwort auf Gnade zusammen: Es braucht beides – göttliche Gnade und menschliche Antwort. Man kann nicht Gott philosophisch herauspräparieren und dann sagen: „Glaube ich!“ oder „Glaube ich nicht!“ Wer so glaubt, glaubt an einen Begriff von Gott als regulative, nützliche, praktische, in jedem Fall funktionalistische Idee, aber nicht an Gott als Absolutheit. Zwar ist es verständlich, dass wir Theorien oder zumindest Konzepte davon haben wollen, wie wir uns Gott vorstellen. Diese brauchen wir, um überhaupt von Gott reden zu können. Doch müssen wir wissen, dass damit etwas über das Unsagbare ausgesagt wird. Dies ist der Schritt weg vom Diskurs zur Devotion. Wer den nicht zu gehen bereit ist, kann nicht zu Gott kommen. Deswegen ist der Glaube, wie Peter Wust sagt, ein „Wagnis“.

Sein: Immer. Dasein: Immer öfter.

Wir sind es gewohnt, verbal zu erklären, um zu verstehen. Wissenschaft funktioniert so, aber auch gesellschaftliche Alltagspraxis. Religion zielt aber auf etwas, das sich so nicht restlos erfassen lässt, weil hier die subjektive Wahrnehmung eine Rolle spielt (auch, aber nicht nur; hinzu kommt ein historischer Verständigungsprozess über Formen subjektiver Wahrnehmung, der Geteiltes tradiert und Sondererfahrungen kritisierbar macht – Religion ist insoweit kein „Reich der Beliebigkeit“). Wenn also Gott der ist, der sich im Leben der Glaubenden als der erweist, der da ist (Sein Name JHWH deutet das an), dann wird es schwer mit der Vermittlung des persönlichen Begriffs vom personalen Gott gegenüber Menschen, in deren Lebenserfahrung Gott eben nicht da ist.

Reden: Über Gott, von Gott, mit Gott.

Es ist trotzdem gut, über Gott zu reden, wenn es denn dazu dient, Menschen eine Antwort zu erleichtern auf die Gnade, die ja für alle Menschen da ist. Von Gott zu reden, scheint mir dabei der richtige Ansatz, denn das rückt ab vom Versuch eines abstrakten Beweises und führt zum Bezeugen konkreter Gotteserfahrung. Das geht und kann auch überzeugend sein. Ein wissenschaftlicher Beweis Gottes ist jedoch nicht möglich, denn das Bewiesene wäre alles, aber nicht Gott. Mit Gott zu reden, bleibt immer der Königsweg. Wenn man auch nicht mit jedem Menschen über Gott reden kann, so Augustinus, kann man doch gewiss mit Gott über jeden Menschen reden. Denn für die Gnade Gottes ist keiner verloren. Aber zu einer Beziehung gehören immer zwei. Einen Zwang, die Liebe Gottes zu erwidern, kann es nicht geben. Das Angebot Gottes braucht die freiwillige Annahme durch den Menschen. Der darf darauf bauen, dass Gott sein Angebot nicht zurückzieht. Im Klartext: Niemand kann so sehr hassen, dass er aus der Liebe Gottes herausfiele.

(Josef Bordat)

Im Denken nichts Neues

22. März 2011

Meinen Berlin-Aufenthalt nutzend, habe ich heute Vormittag versucht, die kleine Privatbibliothek unserer Pfarrhauswohnung etwas zu ordnen. Dabei fiel mit ein schmaler Band in die Hände, Titel: Philosophie. Ihr Wesen, ihre Grundprobleme, ihre Literatur; Autor: Hans Richert, Ministerialrat im Preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung. Man merkt schon daran, dass es sich nicht um eine Neuerscheinung handelt. In der Tat: Das kleine Buch zur Einführung in die Philosophie erschien 1925 bei Teubner (Leipzig/Berlin).

Ich begann in dem Bändchen zu schmökern, was den Aufräumprozess etwas ins Stocken brachte. Dabei fiel mir der folgende Absatz im Kapitel „Die metaphysischen Probleme. Das ontologische Problem“ auf: „Die kritische Metaphysik beruft sich mit Recht auf das unabweisbare Bedürfnis des Menschengeistes, über das Wesen der Welt an sich, über ihren letzten Grund und Zweck, über den Sinn des Lebens, über alle dunklen Rätselfragen des Daseins Klarheit zu gewinnen. Weil alle großen philosophischen Systeme aus dem metaphysischen Bedürfnis des Menschen entsprossen sind, kann man die metaphysischen Probleme als die philosophischen Hauptprobleme bezeichnen, wenn auch moderne Denker sie als Scheinprobleme, als falsch gestellte Fragen, als einem überwundenen Stadium des Menschengeistes angehörend, aus der Philosophie und Wissenschaft verweisen.“

Abgesehen von einigen sprachlichen Formulierungen hat dieser Text auch in einer aktuellen Abhandlung berechtigterweise einen Platz. Das Büchlein ist alt und abgenutzt, die Erkenntnis hat nichts von ihrer Bedeutung für das Denken verloren. Im Gegenteil: Sie ist hochaktuell. Auch heute versuchen „moderne Denker“ die Grundfragen des Menschen als „falsch gestellt“ zu diskreditieren und halten die Antworten aus dem Fundus der Metaphysik für „einem überwundenen Stadium des Menschengeistes angehörend“, zumal, wenn diese Metaphysik eine religiös grundierte ist. Damit ist die Metaphysikskepsis, die einem in der naturalistisch geprägten Philosophie unserer Tage entgegenschlägt, nichts grundlegend Neues.

In „Auferstehung der Metaphysik“ beschäftigt sich Peter Wust schon 1920 mit der „Moderne“, die sich im Denken darin zeigt, dass einige Fragen – wider aller empirischen Erkenntnis über die Ursehnsucht des Menschen nach Gewissheit in ihnen – als „Scheinprobleme“ behandelt werden, um sie „aus der Philosophie und Wissenschaft [zu] verweisen“, um letzterer eine voraussetzungslose, gleichsam aus sich selbst gerechtfertigte Deutungshoheit hinsichtlich der Klassifizierung von Problemen als „relevant“ bzw. „irrelevant“ beizumessen. Diese Grenze wird dann methodologisch gezogen: Was sich messen lässt, ist relevant – alles andere ist irrelevant.

Wust argumentiert dagegen ganz in Begriffen platonisch-augustinischer Metaphysik. Er sieht die Erkenntnisse der Wissenschaft ontologisch vorgeprägt, eine metaphysische Basis der Forschung, die uns Wissenschaft eher als Tätigkeit des Auffindens von Bestehendem denn des Erfindens von Neuem begreifen lässt. Wust gibt das „Objektive“ nicht Preis, wie es im Gefolge von Kants Subjektivismus der Philosophie angeraten schien, und spricht geradezu mutig vom „Sein“, nicht bloß von der Erscheinung dessen, was ist (des „Dings an sich“). Die Bezugsgrößen sind bereits vorhanden, sie müssen nicht konstruiert werden. Diese Voraussetzungen anzuerkennen und auf dieser Grundlage zu forschen, verlangt nach Wust eine Vorstellung des „großen Ganzen“, die nur intuitiv zu erlangen ist, in jedem Fall aber auf ein Glaubensfundament verwiesen bleibt.

Das nur als kurzer Zwischenruf in der Mittagspause. Mal sehen, was ich noch so alles finde.

(Josef Bordat)

Im Blog „Sende-Zeit“, betrieben von der Medienpastoral im Erzbistum Freiburg unter der Leitung von Norbert Kebekus, ist ein „Bekennerschreiben“ erschienen, in dem ich mich zu meinem katholischen Glauben äußere. Der Umfang war begrenzt, die Ausführungen verlangen nach Ergänzung und Erläuterung. Ich will diese in den nächsten Wochen und Monaten nachreichen. Immer mal wieder werde ich einzelne Aspekte, die ich im „Bekennerschreiben“ nur benannt habe, mit Anmerkungen theoretischer und praktischer Art sowie mit persönlichen Erfahrungen tiefer zu begründen versuchen.

Im ersten Teil möchte ich gleich auf einen Kernbegriff zu sprechen kommen. Ich schrieb eingangs des „Bekennerschreibens“:

Warum ich katholisch bin? Weil ich wenige Tage nach meiner Geburt getauft wurde. Warum ich katholisch bleibe? Weil das meinem religiösen Glauben entspricht.

Das bedeutet: „Ich glaube.“ Was aber ist Glaube, religiöser Glaube? Ich möchte mit Peter Wust, der für meinen Glauben in einer längeren Phase des Zweifels sehr wichtig war, eine Antwort geben, die darauf hinausläuft, dass Glaube ein Wagnis ist, aber nicht eines, mit dem jemand sein Schicksal herausfordert, sondern eines, dem Weisheit zugrunde liegt. Der religiöse Glaube ist das „Wagnis der Weisheit“. Was meint Wust damit?

Zunächst eine Vorbemerkung. „Glauben heißt: nicht wissen.“ Das sagt der Volksmund und er hat damit, wie so oft, Recht. Man kann „Glauben“ tatsächlich negativ definieren, obgleich die Beziehung von „Glauben“ und „Wissen“ komplexer ist als die einfache Dichotomie. Weltdeutung besteht immer aus beidem, aus Glauben und Wissen. Selbst ein religiöser Fundamentalist muss die Dogmen seines Glaubens kennen, muss darüber einen Wissensbestand angelegt haben. Selbst ein Szientist, der sich in allen Fragen auf die Wissenschaft stützen will, muss etwas glauben, nämlich, dass er damit in jedem Fall richtig liegt.

Zudem wäre mit der Bestimmung des Glaubens als „Nichtwissen“ das Wesen des religiösen Glaubens nicht getroffen, weil der religiöse Glaube positive Aussagen macht, die handlungsleitend und lebenswirksam sind bzw. sein sollen. Nach dem Evangelium zu leben (versuchen), weil man nicht weiß, ob es nicht vielleicht doch von Jesus Christus, dem Sohn Gottes, handelt, das ist sicher weit schwerer zu motivieren und durchzuhalten als ein Leben nach dem Evangelium im Glauben daran, dass in ihm Jesus Christus, der Sohn Gottes, zu uns spricht.

Dennoch nimmt auch Wust die „Ungewissheit“ als Ausgangspunkt des Glaubens. Wust unterscheidet hinsichtlich der Ungewissheit hierarchisch drei Bereiche: die lebensweltliche Fortuna-Ebene, die Ebene der philosophischen Erkenntnis (Ur- und Gottesgewissheit) und die Ebene der theologischen Erkenntnis (Existenz Gottes, Offenbarung und Heil).

Auf der untersten Ebene des Schicksalhaften scheint der Mensch Spielball der Glücksgöttin Fortuna zu sein: Sowohl individuell, als auch in Volksgruppen und Gemeinschaften, erlebt der Mensch ein stetes Auf und Ab, dessen Erscheinungsformen ihm nicht selten irrational erscheinen, vor allem dann, wenn es offenbar den Guten schlecht und den Schlechten gut ergeht. In diesem alogischen Kontext ist der Mensch zwischen Trotz und Hingabe gestellt, Begriffe, die auf den Existenzphilosophen Karl Jaspers zurückgehen. Der Trotz kann einerseits als heroisch bezeichnet werden, wenn der Mensch aus der Natur Kultur schafft, andererseits aber kann er zum „Wahnsinn“ werden, wenn sich der Mensch gegen die objektiven Zwänge des Seins auflehnt. Die Hingabe erscheint zunächst wie ein feiger Fatalismus, bietet dem Menschen jedoch die Möglichkeit, den Weg in Richtung seiner eigentlichen Bestimmung als homo religiosus in Angriff zu nehmen, der hinter allen irdischen Hiobsphänomenen den vernünftigen Plan eines höheren Wesens annimmt.

Auf der mittleren Ebene philosophischer Ur- und Gottesgewissheit geht es Wust zunächst darum, die relative Hilflosigkeit der Philosophie angesichts der Fragen nach gesicherter Erst- und Letzterkenntnis deutlich zu machen, um ihr dann den Rücken zu stärken. Das besondere Problem des Philosophen ist dabei, dass er einerseits mit seinem eigenen Verstand arbeiten (Selbsteinsatz), andererseits diesen in einigen Fragen ausschalten soll (Selbstaufgabe), ein Paradoxon, das vom Menschen nicht gehandhabt werden kann, obwohl Wust einen Ausweg für den Philosophen bereit hält, wenn er ihm segensreiches Arbeiten verspricht, solange er nur die „seinsfromme Haltung“ (sapientia) an die Stelle der „unfrommen Erkenntnishaltung“ (curiositas) setzt. Ich glaube, dass diese Differenzierung für die Wissenschaft im Allgemeinen gilt und – obwohl aus den 1930er Jahren – hochaktuell ist, wenn wir an die wissenschaftsethischen Fragen denken, mit denen wir heute konfrontiert sind. Sie lassen sich in einer Frage bündeln: Dürfen wir alles, was wir können? Ich sage: Nein. Es gibt Formen von curiositas, die lebensfeindlich sind. Es gibt eine Neugier, die wir nicht befriedigen sollten.

Nach Wust deuten die untere Fortuna-Ebene und die mittlere Ebene philosophischer Ur- und Gottesgewissheit auf die obere Ebene der Ungewissheit hin, auf der sich der homo religiosus im Halbdunkel an Antworten auf die Grundfragen des Glaubens versucht, also den Fragen nach Gott, seiner Offenbarung und dem Heil des Menschen, wobei in diesem Zusammenhang die Frage des persönlichen Heils alles überschattet. Erst der homo religiosus erreicht nach Wust die eigentliche Bestimmung des Menschen.

Der Mensch kann der Ungewissheit durch das Wagnis der Weisheit entrinnen, das Wust vom Entscheidungsirrationalismus Jaspers deutlich abgrenzt, der wiederum eine Synthese der Entwürfe Kierkegaards (absoluter Glaubenspositivismus) und Nietzsches (absoluter Nihilismus) anstrengt. Wust grenzt in der Herleitung seines Weisheitsbegriffs zunächst den dogmatischen Vernunftoptimismus, der zur Wissenssattheit neigt, vom pyrrhonianischen Vernunftpessimismus ab, der Gefahr läuft, der Wissensgier anheimzufallen. Weisheit heißt für ihn nicht wissenschaftliches, akademisches oder philosophisches, sondern existentielles Wissen, das seinen Ausdruck in einer Lebenshaltung findet, die zu ehrfurchtsvollem Gottvertrauen führt, dass zur Gelassenheit und zur Liebe befähigt.

Dennoch bleibt diese Weisheit ein Wagnis. Das Wagnis der Weisheit, also den religiösen Glauben, nennt Wust auch „Wagnis des vernünftigen Gehorchens“ oder „Wagnis aller Wagnisse“. Jeder suchende Mensch, der bereit ist, dieses Wagnis einzugehen, ist geborgen auf seinem Weg zum letzten Ziel. Wust nennt das die „Geborgenheit in der Ungeborgenheit“.

Der religiöse Glaube erhebt den wagemutigen, den beherzten Menschen also aus seinen Urzuständen „Ungewissheit“ und „Ungeborgenheit“ in die Zustände „Weisheit“ (als existenzielle Gewissheit) und „Geborgenheit“ (als existenzielles Vertrauen). Glaube ist nicht weniger, aber auch nicht mehr. Sowohl die zaudernde Indifferenz einer oberflächlichen Skepsis als auch die überhebliche Verabsolutierung der religiösen Selbsterfahrung müssen im Glauben überwunden werden, damit es ein fester, vernünftiger, guter Glaube ist. Das für sich allein auszuloten ist schwierig. Die katholische Kirche kann dabei helfen. Wie? Dazu ein anderes Mal mehr.

(Josef Bordat)

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