Meine Frau lernt zur Zeit portugiesisch, wir teilen uns eine BVG-Umweltkarte und die Hl. Messe der Katholischen Studierendengemeinde an der Freien Universität findet in der – für Berliner Verhältnisse – Nähe unserer Wohnung statt, so dass die Kirche (St. Bernhard in Dahlem) mit dem Fahrrad in 20 Minuten erreichbar ist.

Gestern Abend verbanden sich diese Umstände auf eine eigenartige Weise.

Weil der Portugiesisch-Kurs meiner Frau zeitgleich zur Hl. Messe stattfindet und sie für gewöhnlich direkt von ihrer Arbeit dorthin fährt, also unsere Umweltkarte braucht, hatte ich schon mein Fahrrad aus dem Keller geholt, um nicht auf das teure BVG -Einzelticket ausweichen zu müssen. Angesichts der doch sehr ungemütlichen Witterungsverhältnisse war ich gestern Abend sehr im Zweifel, ob ich wirklich mit dem Fahrrad zur Kirche fahren sollte. Und: Ob ich überhaupt fahren sollte. Ich entschied mich kurz vor der Zeit: „Nein, ich fahre nicht!“

In diesem Moment klingelte das Telefon. Meine Frau. Der Kurs falle heute aus, sie komme heim und könne mir die Fahrkarte geben.

So geschah es und ich fuhr mit Bus und Bahn zur Kirche und kam sogar einigermaßen pünktlich. Wiedereinmal erweist sich Gott als einen Tick hartnäckiger als der, der seine Rechnung ohne Ihn zu machen gedenkt, der den Bequemlichkeiten des eigenen Willens folgt, ohne auf Gottes Willen zu achten und auf Seine Stimme zu hören, die auf unser „Nein!“ ein „Doch!“ zurückgibt.

Gottes kleine Fingerzeige, Seine unfasslichen Fügungen aller Winzigkeiten des Alltags zu einem wunderbaren Ganzen, sie wurden für mich wieder spürbar. Sie sind wirksam in der Welt. Es kommt darauf an, sich selbst die Chance zu geben, sie zu entdecken.

(Josef Bordat)

Ich hatte mir gestern, am 27. Januar 2008, gegen 21:10 eine Tiefkühlpizza in den Ofen geschoben, die gegen 21:30 Uhr fertig war. Ich setzte mich zu Tisch und wollte das Tischgebet sprechen, als mich das Gefühl überkam, dass dies jetzt nicht so wichtig sei, ich statt dessen lieber um Schutz und Beistand für meine Frau bitten sollte. Sie befand sich auf dem Rückflug von Rom nach Berlin. Ich betete also – nur kurz, die Pizza drohte kalt zu werden! –, dass Gott meine Frau schützen möge. Ich hatte dabei die ganze Zeit „Ruhe, Ruhe Ruhe“ im Kopf. Später wurde mir klar, dass ich gar nicht speziell für eine gute Rückreise gebetet hatte, sondern nur um Schutz mit der eigenartigen Beigabe „Ruhe“. Es war kurz nach halb zehn, vielleicht waren 5 Minuten vergangen, und ich aß meine Pizza. Schon kurz darauf hatte ich die Sache für’s erste wieder vergessen.

Gegen 23:30 Uhr kam meine Frau völlig aufgelöst heim. Es sei der schlimmste Flug ihres Lebens gewesen, sie hatte, wie alle anderen Mitreisenden, schon mit dem Schlimmsten gerechnet. Über den Alpen sei die Maschine schweren Turbulenzen ausgesetzt gewesen, Kinder hätten minutenlang geschrieen, ansonsten sei alles still gewesen, kein Lachen, kein Feixen, nichts. Selbst die Stewardessen hätten sich angeschnallt und seien verunsichert gewesen. Sie habe das Gefühl gehabt, jeden Moment stürze das Flugzeug ab. Es ging immer wieder ein Stück hinunter in die Tiefe. Viele mussten sich übergeben. Meine Frau und eine mitreisende Freundin beteten in der Gewissheit, die letzte Stunde habe geschlagen.

Gott sei Dank – es kam anders. Der Pilot meldete sich nach fünf Minuten (die ihr wie Stunden vorgekommen seien, meinte meine Frau) und gab Entwarnung. Wann das gewesen sei, fragte ich. So um halb zehn, war ihre Antwort. Ich erinnerte mich an das komische Gefühl, das ich beim Beten gehabt hatte und erzählte ihr davon. Für sie war gleich klar: Da hat irgendwas zwischen uns gewirkt. Irgendwas? Ich schluckte. Sollte nach Jahren der eher intellektuell-distanzierten Auseinandersetzung mit spirituellen Fragen der Weltgestalt, mit Gnade und Natur, mit Metaphysik und Schöpfungstheologie, mit den Wundern und dem Werden des Lebens, mit Leibniz und Spinoza der Tag gekommen sein, an dem die theoretischen Fragen eine praktische Relevanz bekommen sollten? Für mich? Mit wurde schlagartig klar, dass viele Formen meiner Religiosität, die ich von Kindesbeinen an geübt hatte, immer und immer wieder, von der Hl. Messe am Sonntag bis hin zum Gebet bei Tisch oder zur Nacht, seit einiger Zeit zum bloßen Ritus zu verkommen drohten, zu sehr war ich mit Fragen beschäftigt, die den Kopf beanspruchen, zu wenig hatte ich meinem Herzen gehorcht.

Religion droht ohne Erfahrung zur Leerformel zu werden. Das gestrige Ereignis muss ich erst noch verarbeiten und richtig einordnen in meine Weltsicht. Aber eins ist klar: Es hat mich wachgerüttelt und aufmerksam gemacht für den Gott, der in den Dingen des Alltag zu finden ist, den kleinen wie den großen. Und es hat mich bestärkt in meiner Ansicht: Es gibt das Übernatürliche.

(Josef Bordat)

Man kann Gott nicht beweisen, aber man sollte Gott mit seinen Erfahrungen bezeugen.

Ich habe mir heute lange überlegt, ob ich diese Rubrik einführen soll. Denn in gewisser Hinsicht schäme ich mich für so manches, was mir wiederfährt und in diesen Bereich der praktischen Spiritualität gehört. Es ist mir peinlich, das, was ich erlebe, so skurril es sein mag, ausgerechnet mit Gott in Verbindung zu bringen und dann auch noch davon zu berichten. Aber dann dachte ich, dass zur Existenz des philosophierenden Christen oder christlichen Philosophen nicht nur die Reflexion und die Religiosität gehört, sondern eben auch ganz praktische Erfahrungen im ganz alltäglichen Leben, die irgendwas Erahnen lassen von einer unsichtbaren Übernatur. Hier möchte ich also Transzendenzerfahrungen in der Immanenz der Welt schildern oder kurz: Gottes wunderbares Wirken im Alltag.

Wer wirklich an Gott glaubt, braucht keine Zeichen und Wunder und wer nicht an Gott glaubt, den werden auch meine Erfahrungen nicht überzeugen. Darum geht es mir auch nicht. Es ist mir einfach ein Anliegen, das zu erzählen, was ich erlebt habe – mit Gott erlebt habe.

(Josef Bordat)