Gestern schrieb ich: „Die Erfahrung, dass im Ergebnis wissenschaftlicher Arbeit das Wahre und das Gute in eins fallen, wird der Mensch machen, der sich in seinem Denken und Tun von der Liebe leiten lässt.“ Was meine ich damit? Liebe ist ja ein sehr komplexer Begriff. Für mich speist sich die Liebe aus der Liebe Gottes, die sich mir im Heiligen Geist mitteilt, den der, der die Liebe lebte, Jesus Christus, den Seinen als Lebenshilfe gesandt hat. Was bedeutet das konkret im Kontext meiner wissenschaftlichen Arbeit? Es bedeutet, das Objekt der Erkenntnis mit den liebenden Augen des Herrn zu betrachten. Das wiederum bedeutet, ab und an mal die Perspektive auf das Erkenntnisobjekt zu verändern, um zu einem ganzheitlichen Verständnis dessen zu gelangen, womit man sich beschäftigt, um im Urteil dem Wesen des Beurteilten gerecht zu werden und nicht vorschnell eine Position einzunehmen. Der Perspektivwechsel und die Offenheit schließt den festen Halt, den die Liebe gibt, nicht aus, im Gegenteil: sie allein motiviert zum Aufbau einer echten Beziehung zwischen Subjekt und Objekt der Forschung.

Oft geht mir diese Beziehung verloren. Ich urteile dann über Dinge, die ich nicht wirklich kenne, weil ich mich ihnen nicht in Liebe genähert habe. Damit mir das bewusst wird, braucht es einen Anstoß von außen. Ich glaube, dass auch dabei Gottes Liebe wirkt. Manchmal ganz konkret. Denn manchmal schickt Gott mir einen Engel.

Engel sind Wesen, die einen wieder auf den Weg bringen. Auf den richtigen Weg, der manchmal dem Pfad der Tugend gleicht, ihn aber auch manchmal quert. Diese Engelswesen kommen als ganz normale Menschen daher, aber das, was sie anrichten, ist nicht ganz normal. Denn ihnen gelingt es aufzurichten. Sie machen Mut und geben Kraft, den Blick zu heben und den richtigen Weg zu suchen. Und zu finden. Manchmal wird mir dabei gerade der zum Engel, den ich immer für einen Teufel hielt, weil ich zu sehr auf meinen Weg blicke, der mir unter meinen Füßen Halt gibt und als schnurgerade Bahn vor mir liegt. Dass es auch einen anderen Weg geben könnte – ausgeschlossen! Für Teufel – vielleicht. Für mich – niemals. „Woher willst Du das wissen?“ Typische Frage eines Engels, den man leicht für einen Teufel hält. Den richtigen Weg finden, das beginnt mit der Suche. „Komm, ich helfe Dir suchen!“ Jetzt weiß man, dass es ein Engel ist. Das würde ein Teufel nämlich nicht sagen. Der sagte etwa: „Verlass Deinen Weg! Der ist doch viel zu steinig! Ich habe einen neuen, besseren, breiteren, kürzeren! Wechsel die Spur und alles wird gut!“ Teufel bieten ihren Weg als den richtigen an, Engel helfen einem, den richtigen Weg selbst zu finden. Das kann eben auch den abstrakten Denkweg betreffen, die Methode, mit deren Hilfe man die Welt und den Menschen sieht. Erfahrungen mit Engeln bilden die Grundlage dafür, sich immer wieder neu ausrichten zu können auf das Ziel, auf Gott.

Einmal kam ein Engel zu mir. Er hatte die Gestalt einer alten, verwirrten Frau, die einen Pfarrer sprechen möchte. „Ich bin kein Pfarrer“, sage ich und verweise auf unser Pfarrbüro, biete ihr an den Kontakt herzustellen. „Der wird sich bedanken!“, denke ich insgeheim dabei. „Aber es ist ja sein Job! Wäre er Bankkaufmann geworden, bräuchte er sich nicht mit alten, verwirrten Frauen zu unterhalten.“ Ich bin zwar auch kein Bankkaufmann, aber ich habe trotzdem keine Lust auf Gespräche mit alten, verwirrten Frauen. Außerdem habe ich keine Zeit. Meine „Zu tun“-Liste ist voll. Ein Aufsatz zu dem schwierigen Thema „Gerechter Krieg“ steht ganz oben. Da er auf Englisch sein soll, steht er nicht nur auf der Liste, sondern liegt mir auch schwer im Magen.

Sie will plötzlich nicht mehr den Pfarrer sprechen und sagt mir lächelnd, sie sei evangelisch. Ich weise auf unsere evangelische Nachbargemeinde hin. Dort komme sie gerade her. „Meine Güte noch mal: Was wollen Sie dann?!“, denke ich, doch ich schweige.

Sie setzt sich und beginnt zu erzählen. Dass sie eben im Supermarkt Trauben gekauft hat. „Möchten Sie?“ Ich möchte nicht. Dass ihr Enkel zwölf ist und ihr Sohn nicht heiraten will, was sie ihm als Klugheit auslegt. Jetzt lächle ich. Dass sie Arthrose habe und ob ich wisse, was das ist. Ich weiß es. Jedenfalls so ungefähr. Dass Presswehen schmerzhaft sind und Busfahrer manchmal unfreundlich – letzten Sommer habe ihr einer vorgehalten, keinen gültigen Fahrausweis mitzuführen. Letzten Sommer, als es so heiß war in Berlin. Letzten Sommer, als der Arzt ihr eine Diät verordnete. Sie habe zwar eine schöne Torte bekommen, zum Geburtstag, aber 70 sei kein schönes Alter. Heute sei es kalt. Und es regne fürchterlich. Ich habe von meinem Arbeitsplatz aus einen recht guten Blick nach draußen. Es hatte an diesem Tag noch keinen Tropfen geregnet. Die alte, verwirrte Frau beginnt zu nerven.
Dann sieht sie mich an: „Wissen Sie, was Krieg ist?“ Die Frage trifft mich wie ein Blitz. Ich denke an meinen Aufsatz. Ehe ich antworten kann, fährt sie fort.

Ganz plötzlich wären sie in ihrer Wohnung gewesen, hätten ihrem Vater ein Gewehr auf die Brust gesetzt und zu ihrer Mutter gesagt: „Komm, Frau!“ Es sei schrecklich gewesen, mitzuerleben, wie der Hitler-Krieg sie heimsuchte. Mit ansehen zu müssen, wie die Mutter vergewaltigt wird. Die Ohnmacht und Angst des Vaters zu spüren. Und die eigene Ohnmacht, die eigene Angst. „Ich war ein kleines Mädchen. Damals, als Krieg war. Heute bin ich eine alte Frau.“ Sie blickt zu Boden, dann wieder auf, wieder auf den Boden. Mir scheint, als sammle sie sich für die entscheidende Botschaft. Sie blickt hoch und sagt: „Sie sind jung.“

Gerechter Krieg. Sie sagt nicht: „Vergiss es!“ Sie erzählt mir nur eine Geschichte. Ihre Geschichte. „Sie sind jung.“ Das heißt übersetzt: „Sie haben den Krieg nicht miterlebt.“ Sie sagt nicht: „Was bilden Sie sich ein, über etwas schreiben zu wollen, das Sie nicht kennen!“ Sie sagt nur: „Sie sind jung.“

Sie steht auf, wünscht mir Gottes Segen und geht. „Vielleicht komme ich mal wieder!“, meint sie zum Abschied. Ich habe den Eindruck, dass ich derjenige bin, der den Zeitpunkt des nächsten Besuchs festlegt. Sie wird kommen, wenn ich mal wieder Mut und Kraft brauche, den Blick zu heben und den richtigen Weg zu suchen. Und vielleicht ja auch zu finden. Sie wird jedenfalls da sein, um mir bei dieser Suche zu helfen. So wie Engel nun mal sind.

(Josef Bordat)

Meine Frau lernt zur Zeit portugiesisch, wir teilen uns eine BVG-Umweltkarte und die Hl. Messe der Katholischen Studierendengemeinde an der Freien Universität findet in der – für Berliner Verhältnisse – Nähe unserer Wohnung statt, so dass die Kirche (St. Bernhard in Dahlem) mit dem Fahrrad in 20 Minuten erreichbar ist.

Gestern Abend verbanden sich diese Umstände auf eine eigenartige Weise.

Weil der Portugiesisch-Kurs meiner Frau zeitgleich zur Hl. Messe stattfindet und sie für gewöhnlich direkt von ihrer Arbeit dorthin fährt, also unsere Umweltkarte braucht, hatte ich schon mein Fahrrad aus dem Keller geholt, um nicht auf das teure BVG -Einzelticket ausweichen zu müssen. Angesichts der doch sehr ungemütlichen Witterungsverhältnisse war ich gestern Abend sehr im Zweifel, ob ich wirklich mit dem Fahrrad zur Kirche fahren sollte. Und: Ob ich überhaupt fahren sollte. Ich entschied mich kurz vor der Zeit: „Nein, ich fahre nicht!“

In diesem Moment klingelte das Telefon. Meine Frau. Der Kurs falle heute aus, sie komme heim und könne mir die Fahrkarte geben.

So geschah es und ich fuhr mit Bus und Bahn zur Kirche und kam sogar einigermaßen pünktlich. Wiedereinmal erweist sich Gott als einen Tick hartnäckiger als der, der seine Rechnung ohne Ihn zu machen gedenkt, der den Bequemlichkeiten des eigenen Willens folgt, ohne auf Gottes Willen zu achten und auf Seine Stimme zu hören, die auf unser „Nein!“ ein „Doch!“ zurückgibt.

Gottes kleine Fingerzeige, Seine unfasslichen Fügungen aller Winzigkeiten des Alltags zu einem wunderbaren Ganzen, sie wurden für mich wieder spürbar. Sie sind wirksam in der Welt. Es kommt darauf an, sich selbst die Chance zu geben, sie zu entdecken.

(Josef Bordat)

Ich hatte mir gestern, am 27. Januar 2008, gegen 21:10 eine Tiefkühlpizza in den Ofen geschoben, die gegen 21:30 Uhr fertig war. Ich setzte mich zu Tisch und wollte das Tischgebet sprechen, als mich das Gefühl überkam, dass dies jetzt nicht so wichtig sei, ich statt dessen lieber um Schutz und Beistand für meine Frau bitten sollte. Sie befand sich auf dem Rückflug von Rom nach Berlin. Ich betete also – nur kurz, die Pizza drohte kalt zu werden! –, dass Gott meine Frau schützen möge. Ich hatte dabei die ganze Zeit „Ruhe, Ruhe Ruhe“ im Kopf. Später wurde mir klar, dass ich gar nicht speziell für eine gute Rückreise gebetet hatte, sondern nur um Schutz mit der eigenartigen Beigabe „Ruhe“. Es war kurz nach halb zehn, vielleicht waren 5 Minuten vergangen, und ich aß meine Pizza. Schon kurz darauf hatte ich die Sache für’s erste wieder vergessen.

Gegen 23:30 Uhr kam meine Frau völlig aufgelöst heim. Es sei der schlimmste Flug ihres Lebens gewesen, sie hatte, wie alle anderen Mitreisenden, schon mit dem Schlimmsten gerechnet. Über den Alpen sei die Maschine schweren Turbulenzen ausgesetzt gewesen, Kinder hätten minutenlang geschrieen, ansonsten sei alles still gewesen, kein Lachen, kein Feixen, nichts. Selbst die Stewardessen hätten sich angeschnallt und seien verunsichert gewesen. Sie habe das Gefühl gehabt, jeden Moment stürze das Flugzeug ab. Es ging immer wieder ein Stück hinunter in die Tiefe. Viele mussten sich übergeben. Meine Frau und eine mitreisende Freundin beteten in der Gewissheit, die letzte Stunde habe geschlagen.

Gott sei Dank – es kam anders. Der Pilot meldete sich nach fünf Minuten (die ihr wie Stunden vorgekommen seien, meinte meine Frau) und gab Entwarnung. Wann das gewesen sei, fragte ich. So um halb zehn, war ihre Antwort. Ich erinnerte mich an das komische Gefühl, das ich beim Beten gehabt hatte und erzählte ihr davon. Für sie war gleich klar: Da hat irgendwas zwischen uns gewirkt. Irgendwas? Ich schluckte. Sollte nach Jahren der eher intellektuell-distanzierten Auseinandersetzung mit spirituellen Fragen der Weltgestalt, mit Gnade und Natur, mit Metaphysik und Schöpfungstheologie, mit den Wundern und dem Werden des Lebens, mit Leibniz und Spinoza der Tag gekommen sein, an dem die theoretischen Fragen eine praktische Relevanz bekommen sollten? Für mich? Mit wurde schlagartig klar, dass viele Formen meiner Religiosität, die ich von Kindesbeinen an geübt hatte, immer und immer wieder, von der Hl. Messe am Sonntag bis hin zum Gebet bei Tisch oder zur Nacht, seit einiger Zeit zum bloßen Ritus zu verkommen drohten, zu sehr war ich mit Fragen beschäftigt, die den Kopf beanspruchen, zu wenig hatte ich meinem Herzen gehorcht.

Religion droht ohne Erfahrung zur Leerformel zu werden. Das gestrige Ereignis muss ich erst noch verarbeiten und richtig einordnen in meine Weltsicht. Aber eins ist klar: Es hat mich wachgerüttelt und aufmerksam gemacht für den Gott, der in den Dingen des Alltag zu finden ist, den kleinen wie den großen. Und es hat mich bestärkt in meiner Ansicht: Es gibt das Übernatürliche.

(Josef Bordat)

Man kann Gott nicht beweisen, aber man sollte Gott mit seinen Erfahrungen bezeugen.

Ich habe mir heute lange überlegt, ob ich diese Rubrik einführen soll. Denn in gewisser Hinsicht schäme ich mich für so manches, was mir wiederfährt und in diesen Bereich der praktischen Spiritualität gehört. Es ist mir peinlich, das, was ich erlebe, so skurril es sein mag, ausgerechnet mit Gott in Verbindung zu bringen und dann auch noch davon zu berichten. Aber dann dachte ich, dass zur Existenz des philosophierenden Christen oder christlichen Philosophen nicht nur die Reflexion und die Religiosität gehört, sondern eben auch ganz praktische Erfahrungen im ganz alltäglichen Leben, die irgendwas Erahnen lassen von einer unsichtbaren Übernatur. Hier möchte ich also Transzendenzerfahrungen in der Immanenz der Welt schildern oder kurz: Gottes wunderbares Wirken im Alltag.

Wer wirklich an Gott glaubt, braucht keine Zeichen und Wunder und wer nicht an Gott glaubt, den werden auch meine Erfahrungen nicht überzeugen. Darum geht es mir auch nicht. Es ist mir einfach ein Anliegen, das zu erzählen, was ich erlebt habe – mit Gott erlebt habe.

(Josef Bordat)