Die insecuritas humana und der homo philosophicus

21. Januar 2008


Die Philosophie ist scientia humanissima, doch der Mensch wird nur in einer religiösen Dimension zum Menschen, nicht in der bloß philosophischen. So lässt sich die Sicht Peter Wusts zusammenfassen. Warum das so ist, hängt mit den unterschiedlichen Antwortmöglichkeiten zusammen, die der philosophische bzw. der religiöse Mensch auf die Lebenslage der Ungewissheit geben können. Nur der religiöse Mensch hat Antworten, die ihn zur Ruhe kommen lassen. Wust unterscheidet hinsichtlich der Ungewissheit hierarchisch drei Bereiche: die lebensweltliche Fortuna-Ebene, die Ebene der philosophischen Erkenntnis (Ur- und Gottesgewissheit) und die Ebene der theologischen Erkenntnis (Existenz Gottes, Offenbarung und Heil).

Auf der untersten Ebene des Schicksalhaften scheint der Mensch Spielball der Glücksgöttin Fortuna zu sein: Sowohl individuell, als auch in Volksgruppen und Gemeinschaften, erlebt der Mensch ein stetes Auf und Ab, dessen Erscheinungsformen ihm nicht selten irrational erscheinen, vor allem dann, wenn es offenbar den Guten schlecht und den Schlechten gut ergeht. In diesem alogischen Kontext ist der Mensch zwischen Trotz und Hingabe gestellt, Begriffe, die auf den Existenzphilosophen Karl Jaspers zurückgehen. Der Trotz kann einerseits als heroisch bezeichnet werden, wenn der Mensch aus der Natur Kultur schafft, andererseits aber kann er zum „Wahnsinn“ werden, wenn sich der Mensch gegen die objektiven Zwänge des Seins auflehnt. Die Hingabe erscheint zunächst wie ein feiger Fatalismus, bietet dem Menschen jedoch die Möglichkeit, den Weg in Richtung seiner eigentlichen Bestimmung als homo religiosus in Angriff zu nehmen, der hinter allen irdischen Hiobsphänomenen den vernünftigen Plan eines höheren Wesens annimmt.

Auf der mittleren Ebene philosophischer Ur- und Gottesgewissheit geht es Wust zunächst darum, die relative Hilflosigkeit der Philosophie angesichts der Fragen nach gesicherter Erst- und Letzterkenntnis deutlich zu machen, um ihr dann den Rücken zu stärken. Das besondere Problem des Philosophen ist dabei, dass er einerseits mit seinem eigenen Verstand arbeiten (Selbsteinsatz), andererseits diesen in einigen Fragen ausschalten soll (Selbstaufgabe), ein Paradoxon, das vom Menschen nicht gehandhabt werden kann, obwohl Wust einen Ausweg für den Philosophen bereit hält, wenn er ihm segensreiches Arbeiten verspricht, solange er nur die „seinsfromme Haltung“ (sapientia) an die Stelle der „unfrommen Erkenntnishaltung“ (curiositas) setzt.

Der Unterschied zwischen „seinsfromm“ und „unfromm“ ist der springende Punkt und man kann das ruhig aus aktuellem Anlass auf die gesamte wissenschaftliche Arbeit des Menschen ausweiten. Ich glaube Wust, der ja nun von Hirnforschung und Versuchen mit embryonalen Stammzellen nichts wissen konnte, wäre mit dieser Aktualisierung einverstanden. Der Unterschied leuchtet dem gläubigen Christen unmittelbar ein, bringt aber in der Forscher-Community Kontroversen auf. Kein Forscher gibt das Wesentliche seiner Leidenschaft, das aus Neugier erwachsene Denken, so ohne weiteres auf – von dem ganz persönlichen Stolz, den wohl jeder professionelle Denker hat, einmal ganz abgesehen. Für viele bedeutet dieser Gedanke Wusts, den unüberwindbaren Graben zwischen Religion und Wissenschaft, zwischen Glauben und Denken zuzuschütten. Doch ist es nicht eher so, dass sie einen Keil treiben zwischen der moralischen Teleologie menschlicher Tätigkeit, jeder menschlichen Tätigkeit, und dem angeblich zweckfrei, wertneutralen Forschen? Vielleicht sind „seinsfromm“ und „unfromm“ keine passenden Vokabeln mehr für den ethischen Diskurs, aber wenn wir Frömmigkeit durch Moralität ersetzen, dann läge in der curiositas eine amoralische Erkenntnishaltung vor, ein Urteil, dem man sich nicht dauerhaft schon dadurch entziehen, dass man darauf hinweist, man arbeite in einem außermoralischen Gebiet. So etwas gibt es nämlich nicht!

Wust grenzt in Bezug auf die philosophische Urgewissheit die certitudo philosophica von der certitudo mathematica ab. Ersterer ist es nicht möglich, ein Axiomsystem zur Basis zu erklären, wie es in letzterer geschieht. Während die Mathematik Fortschritte mache, tritt die Philosophie auf der Stelle. Das ist sicher richtig, davon bin ich ja auch ausgegangen, doch hierbei bleibt der in den 1930er Jahren entstehende und bis heute offene Grundlagenstreit in der Mathematik zwischen Logizisten, Formalisten und Intuitionisten nicht berücksichtigt. Es hatte sich nämlich in der von Zermelo und Russell um die Jahrhundertwende entdeckten Antinomie in Cantors Mengendefinition (die so genannte „Russell’sche Antinomie“) gezeigt, dass die Mathematik gar nicht auf so sicheren Füßen steht, wie immer angenommen. Das macht die Sache nur noch schwieriger.

Doch zurück zur Philosophie. Diese, sagt Wust, sei zwar die regina scientiarum, schaffe es jedoch nicht, alle metaphysischen Fragen durch die Vernunft verstummen zu lassen, eine Mathematisierung der Metaphysik im Sinne letztgültiger Sicherung sei nicht möglich. Der Streit um die Grundlagen der Philosophie werde nie in einen ewigen Frieden münden.

Wust führt als Lösung für das Urgewissheitsproblem der Philosophie das Postulat der Intelligibilität allen Seins als Urprinzip des Denkens an und ruft mit Hegel zum „Mut zur Wahrheit“ auf. Das Ontologische ist bei Wust direkt mit dem Intelligiblen verbunden, Sein und Erkennbarkeit fallen zusammen. Was an Schwierigkeit bleibt, ist die Tatsache, dass mit prinzipieller Erkennbarkeit nicht automatisch die Klarheit objektiver Evidenz gegeben ist. Die Seinsunmittelbarkeit sei dem Menschen, so Wust, durch seine Reflexion verloren gegangen.

Dieser Gedanke ist schwer zu verstehen, finde ich. Die Reflexion hat eine Grundlage (Erkenntnismöglichkeit), die schwächer ist als jener Erkenntnisstatus des Menschen (klare Evidenz) im vorreflexiven Zustand. Wäre es dann nicht besser, so könnte man Wust provokativ fragen, gar nicht mehr zu denken, weil einem dann alle Erkenntnis in den Schoß fällt, um die man, ist man erst einmal zum Philosophieren übergegangen, mühsam ringen muss? Ist es einzusehen, dass der Nicht-Denker Erkenntnis erlangt, während dem Denker lediglich die grundsätzliche Möglichkeit der Erkenntnis mit auf den beschwerlichen Weg gegeben ist? Hier scheint mir ein kleiner Exkurs zur Mystik angezeigt.

(Josef Bordat)

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