Methodologische Bemerkungen

7. Februar 2008


Ich möchte mich einer These zuwenden, die typisch ist für das Wissenschaftsverständnis vieler Naturalisten, die ihre methodische Reduktion auf die naturwissenschaftliche Forschungspraxis (Empirie plus Logik) unter der Maßgabe, sie allein sei vernünftig, verabsolutieren, was meiner Ansicht nach unzulässig ist, da der Begriff der Vernunft bereits – mit Rücksicht auf die eigene Methode (sic!) – zu eng gefasst wird. Das halte ich für zirkulär. Dieser Einschätzung wurde und wird heftig widersprochen. Ich halte das Thema für interessant genug, hier noch einmal meine Position zu skizzieren, auch wenn ich dazu schon an anderer Stelle Ausführungen gemacht habe.

Die These könnte etwa lauten:

„Glaubensausagen sind subjektiv und damit intersubjektiv bedeutungslos und für den, der den Glauben nicht teilt, zudem unverständlich und daher letztlich unvernünftig. Wer sie dennoch in den Diskurs trägt (wie etwa der Papst), leistet damit keinen Beitrag zu einer vernünftigen Argumentation, sondern unterwandelt diese, denn er entzieht seine Aussagen einer Zuordnung zu Wahrheitswerten („wahr“/„falsch“). Die Möglichkeit einer Zuordnung zu Wahrheitswerten ist unumgängliche Bedingung für die Kritisierbarkeit und damit die Fallibilität als wissenschaftstheoretische Grundsätze. Solche Aussagen sind daher im wissenschaftlichen Diskurs unbrauchbar (der Papst hat an der Uni nichts verloren).“


Mir geht es hier nur um den Vernunftbegriff. Ich möchte, um diesen herauszuarbeiten, die These rekonstruieren und dabei ihren inneren Widerspruch verdeutlichen:

(1) Was heißt hier Vernunft? Wann können wir einer Aussage einen Wahrheitswert zuordnen? Doch nur dann, wenn die Aussage wissenschaftlich nachweisbar ist.

(2) Wann ist das der Fall? Wenn wir eine Methode anwenden, die wir als wissenschaftliche Methode akzeptieren. Ein Naturalist wird ausschließlich die naturwissenschaftliche Methodik akzeptieren; alle anderen Methoden scheiden aus.

(3) Das hieße doch, dass angenommen werden muss, jemand, der nicht-naturalistisch argumentiert (wie etwa der Papst), kann nicht mitreden, weil er (im Sinne des Naturalismus) nicht wissenschaftlich spricht. Diese Annahme stimmt also nur, wenn man lediglich die naturwissenschaftlich-empirische Methode und die daraus resultierenden Befunde für Kriterien wie intersubjektive Gültigkeit, Wiederholbarkeit, mathematische Beschreibbarkeit usw. als allein maßgebend dafür heranzieht, was „wahr“ oder „falsch“ genannt werden darf, also das naturwissenschaftliche Deutungsmuster verabsolutiert. Und die Berechtigung, dies zu tun, darf bezweifelt werden (vgl. meinen Kommentar Nr. 12 hier).

(4) Wer sagt denn im übrigen, dass der Christ nicht rational argumentiert? Ist denn „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!“ unvernünftig? Ist die Aussage unverständlich und intersubjektiv bedeutungslos? Es gilt doch im übrigen als ausgemacht, dass viele Menschen gemeinsam an einen Gott glauben. Jeder dritte Mensch auf Erden glaubt an den Gott der Bibel. Warum sollen also Folgerungen aus der Existenz Gottes grundsätzlich „intersubjektiv bedeutungslos“ sein? Nur, weil es einige gibt, die nicht glauben? Man denke auch an die Möglichkeiten intersubjektiver Verständigung über Religionsgrenzen hinweg im Zusammenhang mit der Goldenen Regel, die ja auch eine Aussage ist, die den naturalistischen Filter nicht passieren könnte (Dass sich für normative Aussagen insgesamt unter diesen methodologischen Prämissen der Status „unwissenschaftlich“ einstellen muss, führe ich hier aus [Kommentar 17]) . Intersubjektiv bedeutungslos und unverständlich sind sie doch nur, wenn man sagt: „Allein das, was naturwissenschaftlich nachweislich wahr oder falsch ist, hat Bedeutung und ist verständlich.“ Die Prädikate „intersubjektiv bedeutungslos“ und „unverständlich“ sind Einschätzungen, die mit der gewählten Methode zusammenhängen!

(5) In einer derart exklusiven Methode liegt dann aber ein Ausschluss von menschlicher Kultur auf sehr breiter Front. Denn wie soll man dann noch nicht nur religiöse, sondern auch soziologische, theologische, historische oder ethische Positionen überhaupt als wissenschaftlich bezeichnen dürfen, wenn sie ihrer Struktur nach offenbar den Filter nicht passieren können? Oder soll noch einmal ein Unterschied gemacht werden zwischen der Exegese der Bibel (die „unzulässige“ Aussagen hervorbringt) und der Auswertung von Reichtagsreden (die „zulässige“ Aussagen hervorbringt). Dann müsste aber begründet werden, warum man dem einen prima facie wissenschaftlichen Gehalt zuschreibt und dem anderen nicht.

(6) „Prima facie“ deshalb, weil es ja nicht sein kann, dass sich über die Inhalte, die zu Tage gebracht werden, bestimmen lässt, ob die Methode, die dabei zur Anwendung kam, wissenschaftlich ist oder nicht. Auf „Widersprüche“ in der Bibelauslegung zu verweisen, bringt hier nichts, denn dann wäre auch die Arbeit im Labor prinzipiell keine wissenschaftliche mehr, sowie Laborbefund A’ dem Laborbefund A widerspricht, aus welchen Gründen das auch geschieht, und auch die Medizin wäre „unwissenschaftlich“, wenn, was vorkommen soll, ein Arzt dem anderen widerspricht.

Nota bene:

Auch das Feststellen von „Widersprüchen“ in der Bibel selbst hängt ja von der Deutung der Bibel ab. Ein wortwörtliches Verständnis der Texte führt zwangsläufig zu unauflöslichen Kontradiktionen (nach Matthäus sprach Jesus Christus die Seligpreisungen auf einem Berg [Mt 5, 1], nach Lukas steigt er von selbigem ab und redet in der Ebene auf dem Feld [Lk 6, 17]), doch sobald man die Frage stellt: Kommt es darauf überhaupt an? lässt sich die äußere Unstimmigkeit überwinden. Wichtig ist doch, dass Jesus Christus überhaupt sprach, wichtig ist der Inhalt! Auch in sich paradoxe Begriffe („Feindesliebe“) können so gedeutet werden, dass klar wird, was gemeint ist (nämlich „Entfeindungsliebe“). Es bleibt dabei: Der Kern der biblischen Aussagen ist widerspruchsfrei und wahr.

(7) Das Problem ist also doch die Methode, die gewählt wird, denn mit ihr steht und fällt die Menge der Aussagen, die man zu- und damit an sich heranlässt. Und diese Wahl ist eine Entscheidung, die auf Wertungen basiert (so auch Paul Feyerabend), selbst wenn sie eine vernünftige Wahl darstellt (Das sollte sie in jedem Fall! – Abgesehen davon ist die Entscheidung dafür, sich nur vernünftig entscheiden zu wollen, schon eine Entscheidung, die eine Wertung beinhaltet, derart: „Es ist besser, sich vernünftig zu entscheiden als unvernünftig.“ Auch das ist ja eine Wertung!). Entscheidend ist: Es gibt unterschiedliche Formen menschlicher Vernunft, die immer schon Annahmen zu Werten sowie Vorstellungen, Wünsche und Hoffnungen (allgemein: Gefühle) verinnerlicht hat. Dabei gibt es nicht den einen Punkt, ab dem überhaupt erst von „Vernunft“ zu sprechen ist, es sei denn, und hier schließt sich nun der (Teufels-)Kreis, man baute unzulässigerweise methodologische Filter in den Diskurs ein, die die eigene Methode verabsolutieren, um die eigene Position zu schützen, um sich selbst exklusiv ins Licht der Vernunft zu setzen. Das tut der Naturalist und das ist es, was ich ihm vorwerfe.

 

Zur Wahrheit gelangt man nicht durch Methodenmonopolismus, sondern durch eine Vielfalt von Zugangsweisen, nicht allein durch Anhäufung unverbundenen Wissens, sondern auch dadurch, dass man Dinge an sich heranlässt, die die eigene Vorstellungswelt sprengen. Wer sich dagegen sträubt, wird Wissen ansammeln, ohne der Wahrheit näher zu kommen. Und genau dazu sagt der Papst einiges, das ich für hochinteressant halte (s. Der Eklat um die Rede des Papstes. Ein Lehrstück in Sachen Freiheit und Vernunft).

(Josef Bordat)

Eine Antwort zu “Methodologische Bemerkungen”

  1. „Über Grenzen der Naturwissenschaften“. Ein Kommentar…

    Josef Honerkamp hat kürzlich in Chronologs einen Artikel „Über Grenzen der Naturwissenschaften“ veröffentlicht. In einigen Punkten scheint mir die darin vertretene Auffassung falsch. Da sie unter Naturwissenschaftlern üb…

Kommentare sind geschlossen.