Pius, Petrus und der Papst

18. Februar 2009


Manuskript für einen Vortrag in der Katholischen Pfarrgemeinde St. Norbert am 24.02.2009

1. Die Priesterbruderschaft Sankt Pius X

Die Priesterbruderschaft Sankt Pius X (lat. Fraternitas Sacerdotalis Sancti Pii X, FSSPX) ist eine von der Kirche nicht anerkannte Priestervereinigung mit Gemeinschaftsleben ohne Gelübde nach dem Vorbild der Missionsgesellschaften. Sie gilt als eine der bedeutenderen Abspaltungen der katholischen Kirche. Heute zählt sie auf der ganzen Welt 600.000 Mitglieder, darunter 500 Priester, und führt insgesamt sechs Priesterseminare und 80 Schulen. Die Bruderschaft finanziert sich vor allem durch Spenden.

Die Piusbruderschaft wurde 1970 von dem konservativen Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet. Seit 1974 befindet sie sich in einem offenen Konflikt mit dem Vatikan, weil es die Piusbruderschaft ablehnt, zentrale Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils anzuerkennen und umzusetzen, etwa zum Kirchenverständnis, zur Gottesdienstordnung, zum Verhältnis von Kirche und Staat sowie zum Verhältnis der Kirche zu anderen Religionen. Kurz gesagt: Sie verweigert sich der Anpassung an die moderne Welt. In seiner Grundsatzerklärung vom 21. November 1974 stellte Lefebvre die These auf, dass kein Katholik, wenn ihm an seinem Seelenheil liege, diese Reform billigen könne, da sie nicht-katholische Tendenzen habe. Rom reagierte darauf mit der Durchsetzung des Missale Romanum von 1970.

Papst Paul VI. suspendierte1976 Lefebvre wegen unerlaubter Priesterweihen von seinen Ämtern. Dieser leistete keinen Gehorsam, obwohl ihn der Papst im September des gleichen Jahres in Privataudienz empfing. Mit Schreiben vom 11. Oktober 1976 stellte der Papst definitiv fest, dass sich Lefebvre angesichts des von ihm neu eingeführten, absolut falschen Traditionsbegriffs im Irrtum befinde. Durch vier gegen den ausdrücklichen Willen des Papstes vollzogene und damit unerlaubte Bischofsweihen im Jahr 1988 zog sich Lefebvre gemäß einer Erklärung der Kongregation für die Bischöfe vom 1. Juli 1988 als Tatstrafe die Exkommunikation zu (excommunicatio ipse facto). Papst Johannes Paul II. hat am 2. Juli im Apostolischen Schreiben Ecclesia Dei die Bischofsweihen als schismatischen Akt verurteilt und die Exkommunikation Lefebvres und der vier Bischöfe offiziell festgestellt.

In dem Dekret der Bischofskongregation und Kardinal Gantin vom 1. Juli 1988, veröffentlicht am 3. Juli im Osservatore Romano, heißt es: „Msgr. Marcel Lefebvre, ermeritierter Erzbischof von Tulle, hat – trotz des ausdrücklichen Monitums vom 17. Juni und der wiederholten Bitten, er möge von seinem Vorhaben absehen – durch die Bischofsweihen von vier Priestern ohne päpstlichen Auftrag und gegen den Willen des Papstes einen Akt schismatischer Natur gesetzt und sich damit die von can. 1364 par. 1 und can. 1382 des Codex des kanonischen Rechtes vorgesehene Strafe zugezogen. Ich erkläre mit allen rechtlichen Folgen, dass sowohl der obengenannte Msgr. Marcel Lefebvre als auch Bernard Fellay, Bernard Tissier de Mallerais, Richard Williamson und Alfonso de Galarreta ipso facto sich die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation als Tatstrafe zugezogen haben. Weiter erkläre ich, dass Msgr. Antonio de Castro Mayer, emeritierter Bischof von Campos, indem er direkt an der Liturgiefeier als Konzelebrant teilnahm und öffentlich dem schismatischen Akt zustimmte, sich die von can. 1364 par. 1 vorgesehene Exkommunikation als Tatstrafe zugezogen hat. Die Priester und Gläubigen werden ermahnt, dem Schisma von Msgr. Lefebvre nicht zuzustimmen, weil sie sich ipso facto die schwere Strafe der Exkommunikation zuziehen würden.“ (gegeben von der Kongregation für die Bischöfe, am 1. Juli 1988, gez. Kardinal Bernardin Gantin Präfekt der Kongregation für die Bischöfe).

Der Nachfolger Johannes Pauls II., Benedikt XVI., nähert sich den Lefebvianern hingegen wieder an, zunächst liturgisch, indem er im Juli 2007 verkündete, die Tridentinische Messe (der „alte Ritus“, bei dem der Priester mit dem Rücken zur Gemeinde die Messe lateinisch „liest“) sei als außerordentliche Gottesdienstform wieder zugelassen. Das betraf – soviel Redlichkeit muss sein – nicht nur die Pius-Brüder, sondern auch eine ganze Reihe traditionalistischer Gruppierungen innerhalb der Kirche (auch die Petrus-Brüder, zu denen ich unten noch komme), die seither den „alten Ritus“ feiern, teilweise auch als reguläre Form. Nun erfolgte der zweite Schritt, der ausschließlich die Pius-Bruderschaft betrifft: die Rücknahme der Exkommunikation der vier Bischöfe. Was davon zu halten ist, soll unten noch angesprochen werden.

Derzeitiger Generaloberer der Piusbruderschaft ist Bernard Fellay, Oberer des deutschen Distrikts ist Franz Schmidberger. Er war einer der Gründungsväter der Piusbruderschaft und lange Jahre die rechte Hand von Lefebvre. Von 1983 bis 1994 stand der gelernte Mathematiker an der Spitze der weltweiten Bruderschaft und leitete sie als Generaloberer von der Schweiz aus. Ihm verdankt die Priesterbruderschaft ihre große Verbreitung.

2. Die Priesterbruderschaft Sankt Petrus

Die Priesterbruderschaft Sankt Petrus (lat. Fraternitas Sacerdotalis Sancti Petri, FSSP) ist eine klerikale Gesellschaft apostolischen Lebens päpstlichen Rechtes. Sie wurde am 18. Juli 1988 gegründet, als Reaktion auf die vom Heiligen Stuhl nicht approbierten Bischofsweihen von Lefebvre. Die Konstitutionen des Zweiten Vatikanischen Konzils werden vorbehaltlos akzeptiert. Die Anerkennung der Petrusbruderschaft durch Papst Johannes Paul II. erfolgte am 18. Oktober 1988. Durch die Wahl des Namens drückt die Gesellschaft ihre besondere Verbundenheit mit dem Papst aus.

Gründungsmitglieder waren Priester der von Lefebvre gegründeten Priesterbruderschaft St. Pius X. Erster Generaloberer war Josef Bisig (1988-2000). Nach eigenen Angaben hat die Petrusbruderschaft 300 Mitglieder, davon 180 Priester, 13 Diakone und 107 Seminaristen in 85 Diözesen. Das Durchschnittsalter lag im März 2006 bei 33 Jahren. Generaloberer ist derzeit John Berg, deutschsprachiger Distriktsoberer ist Axel Maußen.

Die Priester der Petrusbruderschaft werden seit Gründung der Bruderschaft in Wigratzbad (Deutschland) sowie seit 1994 in Denton/Nebraska (USA) ausgebildet, in Freiburg (Schweiz) befindet sich das Generalat. Der Petrusbruderschaft gehören keine Bischöfe an, die Priesterweihen werden durch der Bruderschaft nahestehende Bischöfe durchgeführt.

Die Petrusbruderschaft ist hauptsächlich in Europa, aber auch in Australien, Benin, Kanada, Kolumbien, Nigeria und in den USA tätig. In Deutschland ist sie außer in Wigratzbad auch in Augsburg, Bad Wörishofen, Düsseldorf, Gelsenkirchen, Neckarsulm, Köln, Recklinghausen, Stuttgart, Rosenheim und Türkheim tätig. In Österreich bestehen vier Niederlassungen (Wien, Innsbruck, Linz und Salzburg), ebenso in der Schweiz (Rotkreuz, St. Pelagiberg, Thalwil und Zürich).

Ähnlich der Priesterbruderschaft St. Pius X. vertritt die von Rom anerkannte Priesterbruderschaft St. Petrus einen konservativen Standpunkt. Sie will sich damit in besonderer Weise jener Gläubigen annehmen, die ihre geistliche Heimat in der überlieferten Liturgie (Tridentinische Messe) gefunden haben, weil sie darin den adäquaten Ausdruck ihres Glaubens sehen. Die Feier der Liturgie der hl. Messe (Missale), des Stundengebetes (Brevier) und der Sakramentenspendung (Pontificale und Rituale) im außerordentlichen römischen Ritus wird als ein wichtiges Mittel der Neuevangelisierung angesehen, ein Thema, das die Petrusbruderschaft ins Zentrum ihrer Spiritualität stellt: „Die Weitergabe des Glaubens ist unserer Überzeugung nach ein außerordentlich bedeutsames Gebot der Stunde. Dazu dienen unsere Katechesen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie Glaubensvorträge und Exerzitien, zu denen wir regelmäßig einladen. Darüber hinaus führen wir Kinder-, Jugend- und Familienfreizeiten durch. Etliche Mitbrüder sind in der Krankenhausseelsorge aktiv. Die geistliche Betreuung alter und kranker Menschen, aber auch die Beichtseelsorge, nehmen in unserer Pastoral einen wichtigen Platz ein. Ziel ist es, möglichst viele Gläubige wieder zu einem lebendigen Glaubensvollzug und zum regelmäßigen Empfang der Sakramente zu führen. Die Liebe zu Jesus Christus lässt sich nicht trennen von der Liebe zur Kirche, dessen Haupt Er ist.“ (Website der Priesterbruderschaft St. Petrus) Im Jahr 2000 kam es zu einem Richtungsstreit um die Liturgie, mit dem Ergebnis, dass bestimmt wurde, keinem Mitglied der Petrusbruderschaft dürfe untersagt werden, die Messe in der postkonziliaren (der „neuen“) Form zu zelebrieren.

Das Dekret zur Aufhebung der Exkommunikation über die vier Bischöfe vom 24. Januar 2009 wird begrüßt: „Die Priesterbruderschaft St. Petrus möchte ihre Freude über diesen neuen wichtigen Schritt in Richtung Einheit ausdrücken“ und „bringt ihre große Dankbarkeit gegenüber dem Hl. Vater zum Ausdruck“. Man schließe sich dem Wunsch des Hl. Stuhles an, „dass diesem Schritt nun eine umgehende Verwirklichung der vollen Gemeinschaft mit der Kirche seitens der ganzen Bruderschaft St. Pius X. folge, auf dass die wahre Treue und Anerkennung des Lehramtes und der Autorität des Papstes mit dem Beweis der sichtbaren Einheit bezeugt werde“ (aus dem Dekret der Bischofskongregation vom 21. Januar 2009). Sie erkennt „in dieser großzügigen Geste einen Aufruf zur Einheit aller Katholiken, gegenüber allen Widersprüchen unserer Zeit das Königtum Jesu Christi in der Welt auszubreiten“. (offizielle Presseerklärung der Priesterbruderschaft St. Petrus).

3. Kommentar

Die Piusbruderschaft ist eine erzkonservative Gemeinschaft, die sich selbst ins Abseits gestellt hat, weil sie die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils zum Kirchenverständnis, zur Gottesdienstordnung und zum Verhältnis von Kirche und Staat nicht akzeptiert. Die Priesterbruderschaft St. Petrus hingegen ist als Abspaltung von der schismatischen Piusbruderschaft stets auf der Linie Roms geblieben. Ihr ebenfalls konservativer Ansatz mag nicht jedem gefallen, doch scheint er durchaus, auch und gerade in der jüngeren Generation, Früchte zu tragen.

Noch ein Wort zu den Vorgängen um einen der vier Bischöfe, den Briten Richard Williamson. Hier war oft zu lesen: „Papst rehabilitiert Holocaustleugner!“, damit auch kirchenfernen Menschen klar wird: Es ist was faul im Staate Vatikan.

Doch das ist gleich doppelt falsch. Zunächst geht es nur um die Rücknahme einer Exkommunikation, die Voraussetzung für die Wiedereinsetzung in das Bischofsamt ist. Von Rehabilitierung kann also nicht die Rede sein. Und dann ist die Rücknahme einer Exkommunikation (wie schon die Exkommunikation selber) ein Akt, dem theologische und ekklesiologische, nicht politische Überlegungen vorausgehen. So unsensibel es von einem deutschen Papst ist, in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum Shoa-Gedenktag einen solchen Menschen in den Schoß der Kirche zurückzuholen, so peinlich zudem die Tatsache ist, dass im Vatikan die schlechte Presse des Rehabilitationskandidaten offenbar unbekannt war, so sehr muss wohl auf diesen Sachverhalt hingewiesen werden.

Niemand wird aus der Kirche ausgeschlossen, weil er etwas Bestimmtes getan oder gesagt hat, und wieder aufgenommen, wenn er verspricht, sich künftig wohl zu verhalten. Für Fehlverhalten spendet die Kirche das Sakrament der Buße und Versöhnung. In der Beichte wird Vergebung möglich. Damit wären wir aber im vorliegenden Fall auch schon beim Problem: Vergebung setzt Reue voraus. Die Pius-Brüder zeigen aber in den Punkten, die sie von der postkonziliaren Kirche trennen, keine Reue, im Gegenteil: Je mehr der Papst auf sie zugeht, desto mehr Forderungen erheben jene, die sich durch den konservativen Kurs Benedikts (etwa auch in Fragen des Kirchenbegriffs) bestätigt sehen. Es gibt vor der Holocaust-Keule eine Reihe theologischer Gründe, die Pius-Brüder bis auf weiteres (das müsste von ihnen kommen) da zu lassen, wo sie sind: draußen.

So ist denn auch der zweite Gedenktag, in dessen Licht die Entscheidung steht, der 50. Jahrestag der Einberufung des Konzils, denkbar ungünstig gewählt für einen solch symbolträchtigen Akt pontifikaler Gnade. Si tacuisses!

Oder vielleicht doch nicht? Ich bin ein Mensch, der nicht an solche „unglücklichen Koinzidenzen“ (Kardinal Kasper), also: Zufälle, glaubt. Ich glaube vielmehr, hier überspannt der Papst mit seinem gut gemeinten Einheitswillen den Bogen. Ich gehe nicht so weit zu sagen, dass hier jemand versucht, die Kirche hinter das Konzil zurückzuführen, als späte Retourkutsche gegen die Küng-Fraktion. Das wäre töricht, egoistisch und der Sache nach unmöglich. Da Benedikt klug, demütig und realistisch ist, bemüht er sich rasch und – wie ich finde – überzeugend um Klärung und Wiederaufnahme des jüdisch-katholischen Dialogs. Und Forderungen nach Rücknahme der Exkommunikation Williamsons wegen der „Holocaustleugnung“ gehen am Wesen der Exkommunikation vorbei.

Deswegen schließe ich mich diesen voreiligen untheologischen Forderungen nicht an, erhebe aber eine andere: Benedikt möge sich ausnahmsweise mal den ausgeschlossenen Schäfchen auf der anderen Seite des Sees zuwenden, den Befreiungstheologen. Wenn er darüber hinaus wirklich die Einheit der Christen befördern will – ich kenne da ein paar Baustellen des konfessionellen Krachs, auf denen ein guter Polier fehlt, der die Richtung vorgibt. Doch wenn der Nachfolger des Petrus auch künftig immer nur auf einer Seite fischt, falle ich zwar nicht vom Glauben ab, doch mein positives Bild des Hochtheologen und Würdenträgers Ratzinger verlöre an Glanz.

(Josef Bordat)

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