Kurze Kritik des Konsequentialismus

10. Juni 2010


Wir alle müssen Verantwortung übernehmen, aber nicht für alles.

Verantwortung ist ein Modewort. Minister übernehmen Verantwortung, wenn in einer ihrer Fachabteilungen geschludert wird. Manager werden unterdessen an ihre Verantwortung für kriselnde Unternehmen erinnert. Und wir alle sollen angesichts des Klimawandels Verantwortung für kommende Generationen übernehmen.

1. Ethik und Geschichtsphilosophie auseinander halten

Verantwortung ist jedoch als philosophisches Konzept seit jeher auch ein zentraler Begriff des Nachdenkens über Moralität. Verantwortung ist gerade in unübersichtlichen Zeiten wie unserer ein wertvolles Schlüsselkonzept der Ethik. Es gewinnt in dem Maße an Bedeutung, in dem unsere Lebensverhältnisse komplexer, unserer sozialen Subsysteme differenzierter, die Rahmenbedingungen unseres Handelns unschärfer und unsere Kenntnis langfristiger Handlungsfolgen (scheinbar) genauer werden. Wir haben – unabhängig vom persönlichen  Wissen und Glauben – unser Handeln in komplexer Weise zu verantworten.

Damit geraten die Folgen unserer Handlungen stärker in den Blick als unsere Absichten. Die Konsequenz: Ethik ist heute zunehmend konsequentialistisch und erhält im „Universalnutzen“ des Utilitarismus zudem den Anstrich des Totalen. „The greatest happiness of the greatest number“ (Bentham) – ob die „Nummern“ menschlich, tierisch oder pflanzlich sind, ob sie jetzt oder später leben: Darunter machen wir es nicht mehr, denn es gilt ja, die Welt zu retten.

Kann es sein, dass die Utilitaristen dabei Moral und Heil verwechseln und statt Ethik eigentlich Geschichtsphilosophie betreiben, wie Robert Spaemann vermutet, der in der folgenfixierten Verantwortungsethik einen Akt der „Selbstvergötterung des Menschen“? Das wäre ja irgendwie auch wiederum konsequent: Wer die Geschichte nicht geborgen weiß in Gott, muss die Letztverantwortung für ihren Lauf dem Menschen übertragen und landet zwangsläufig bei der „greatest happiness of the greatest number“ als Zielgröße des Handelns.

2. Es gibt Grenzen. Totalverantwortung überfordert und lähmt

Dadurch kommt es aber zu einer Überforderung, die sich in ungeduldiger Aneignung immer größerer Tabuzonen zeigt: Abtreibung, Sterbehilfe, Euthanasie, Folter, Todesstrafe – die Hybris der Endgültigkeit ist auch in den „kleinen“ utilitaristischen Entwürfen spürbar, die jenseits von Weltrettungsphantasien auf Bescheidenheit setzen, um die Welt wenigstens zu verbessern. Doch sie verschlechtern sie durch den relativistischen Abwägungsprozess des Nutzenkalküls und die zugrundeliegende „schlechte Lehre vom guten Zweck“ (Spaemann).

Apropos „Nutzen“ und „guter Zweck“: Kann ich eigentlich aus der Position des Handelnden heraus in jedem Fall wissen, ob ich der Maxime „universale Nutzenmaximierung“ gerecht geworden bin? Und angenommen ich hätte einen Katalog an Folgen vor Augen – leitet mich dieser tatsächlich zu moralischem Verhalten an? Eberhart Schockenhoff hat daran erhebliche Zweifel: „Konsequentialistische Ethikansätze wie der Utilitarismus oder die teleologische Ethik schreiben dem Menschen die Verantwortung für sämtliche vorhersehbaren Folgen seiner Handlungen zu. Wenn dem Menschen die grenzenlose Optimierung seiner Handlungsfolgen aufgetragen ist, stellt dies in vielen Fällen eine rigoristische Überforderung der Handelnden dar.“ Klar: Man muss nicht nur können, was man tut, sondern auch tun, was man kann. Doch wie weit geht das? Wann kommt es zu einer moralistischen Überforderung und damit zur Kontraindikation? Dort, wo plötzlich „alles“ auf dem Spiel steht. Der Grund ist ganz einfach: Der Mensch ist nicht dafür gemacht, in die Rolle eines „Herrn der Geschichte“ (Spaemann) zu schlüpfen: „Eine Moraltheorie, die den Verantwortungsspielraum, innerhalb dessen ein Mensch sein Handeln bedenken soll, nicht differenzierter umschreiben kann als es durch die Zuschreibung sämtlicher Handlungsfolgen geschieht, wird im Ergebnis hypertroph; sie scheitert an der Endlichkeit des Menschen, der nicht für die Optimierung von Weltläufen, sondern für das verantwortlich ist, was er innerhalb seiner Grenzen vernünftigerweise tun oder unterlassen kann.“ (Schockenhoff).

Menschliche Verantwortung kann also immer nur eine „abgestufte“ sein, wobei es „nach oben und nach unten hin eine Grenze gibt, jenseits derer wir unsere Verantwortung nur noch negativ, durch Unterlassen wahrnehmen können, dies allerdings dann auch müssen, und zwar mit einer Eindeutigkeit und Striktheit, die bei der aktiven Verantwortlichkeit fast nie gegeben ist. Die Obergrenze liegt dort, wo das Ganze des Universums beziehungsweise der Welt und der Menschheit ins Spiel kommt, die untere Grenze dort, wo die Würde der einzelnen Person tangiert wird“ (Spaemann).

3. Der Blick in die Praxis

Das führt freilich in der Praxis zu zahlreichen ethischen Dilemmata, wo die Achtung der Würde des Einen den Schutz der Würde des Anderen torpediert oder umgekehrt. Unter diesen Bedingungen Entscheidungen zu treffen, ist nie leicht, egal welche Verantwortung wir uns zuschreiben und zu welchen Handlungen wir damit gelangen bzw. zu welchen Unterlassungen – wir wissen ja, dass wir in einem begrenzten Sinne nicht nur für das verantwortlich sind, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun. Das Grundmodell des ethischen Dilemmas zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass Handlung und Unterlassung gleichermaßen zu unerwünschten Ergebnissen führen. In der Literatur wird dieses Dilemma häufig als „Weichenstellerfall“ oder „trolly-problem“ bezeichnet und mit folgendem anschaulichen Beispiel eingeführt: Ein führerloser Zug rast auf eine Weiche zu. Auf den beiden sich anschließenden Gleisen befinden sich Arbeiter, die – soviel sei vorausgesetzt – sind nicht rechtzeitig in Sicherheit werden bringen können. An der Weiche sitzt ein Weichensteller, der lediglich die Wahl hat, entweder den Status quo hinzunehmen und den Zug in die eine Gruppe der Arbeiter rasen zu lassen oder zu handeln, also die Weiche umzustellen, so dass der Zug umgelenkt wird, dann aber in die andere Gruppe der Arbeiter rast. Die praxisrelevanten Beispiele sind zahlreich: der finale Rettungsschuss bei der Geiselnahme, der Abschluss eines entführten Passagierflugzeugs, die Rettungsfolter, der Tyrannenmord, der Verteidigungskrieg und die humanitäre Intervention. Man mag sich die Fälle vorlegen und durchdenken und dabei die Spannung von Handlung und Unterlassung, von kollektiver und individueller Verantwortung, von „Leben opfern“ und „Leben retten“ spüren. Deontologisch-intentionalistische und teleologisch-konsequentialistische Grundmodelle der Moralität stoßen in ihrer radikalen Reinheit gleichermaßen an Grenzen. Sich prinzipiell raushalten, sich nicht „die Hände schmutzig“ machen – das kann keine allgemeine Lösung sein, schon gar nicht jedoch die nüchterne Verrechnung von Menschenleben, die immer dann zum Handeln auffordert, wenn es sich aufgrund der Bilanz „lohnt“. Lösen lassen sich die Probleme nur von Fall zu Fall mit großer Klugheit und Sorgfalt.

Spaemann folgt der Maxime, dass wir im Zweifel nicht für das verantwortlich gemacht werden können, was wir aus moralischen Prinzipien heraus nicht tun können. Wenn wir töten müssten, um Leben zu retten, kann uns keiner dazu zwingen, selbst, wenn wir damit einen  durchgeknallten Despoten daran hinderten, auf den „roten Knopf“ zu drücken. Dennoch ringen wir mit uns und unserer Verantwortung, denn wir wissen: Egal wie wir uns entscheiden, wir werden es bereuen. Es gibt Fallkonstellationen, die einem schier den Verstand rauben. Diese können wir, die Erfahrung habe ich gemacht, nur aushalten, weil wir glauben, dass wir – unabhängig von der konkreten Entscheidung – in Gott tief geborgen und von Gott unendlich geliebt sind. Spaemann markiert die Grenzen der Verantwortungsübernahme des Einzelnen an einem besonders drastischen Fall. Er erzählt von einem Polizisten in Nazi-Deutschland, dem man sagte, er solle ein 12jähriges Judenmädchen erschießen; falls er sich weigern sollte, werde man 12 andere Unschuldige töten. „Jener Polizist, dem befohlen wurde, ein 12jähriges Judenmädchen zu erschießen, das ihn um sein Leben anflehte, hat wirklich geschossen. Sein sadistischer Vorgesetzter hatte ihm eine Alternative vor Augen gestellt: die Erschießung von 12 anderen unschuldigen und wehrlosen Personen. Der Polizist schoß und wurde wahnsinnig. Er tat, was er nicht mußte, weil er es nicht hätte können müssen. Jeder Mensch muß einmal sterben. Den Tod jener 12 Menschen hätte der Polizist sowenig zu verantworten gehabt, als wenn er keine Hände gehabt hätte. Hätte er nicht auch im Besitz von Händen sagen können: ,Ich kann nicht’?“ Im Hintergrund steht hier auch das als absolut verstandene Tötungsverbot: „Wer daran festhält, daß es Dinge gibt, die man nicht tun darf, der muß natürlich zugestehen, daß niemand für die Folgen der Unterlassung solcher Dinge die Verantwortung zu tragen hat.“ (Spaemann) Doch es bleibt auch bei dieser „sauberen“ Lösung ein bitterer Beigeschmack. „Hätte ich nicht doch schießen sollen? So habe ich zwar nicht getötet, doch 12 Unschuldige sterben lassen, obwohl ich es hätte verhindern können!“ Auch an solchen Überlegungen kann man wahnsinnig werden.

4. Das Problem individueller und kollektiver Verantwortung

Die utilitaristische Ethik, so Spaemann, ist sich nicht der Beweislast bewusst, die sie übernimmt, und über das Ausmaß der Last, die sie dem Menschen aufbürdet, wenn sie die universalteleologische Orientierung ihres Konzepts, die in der theologischen Tradition immer als göttliche Prärogative gedacht ist, unmittelbar auf den handelnden Menschen überträgt, was beim Übergang zum verantwortlichen „Wir“ der „Menschheit“ vollends kontraproduktiv wirkt: „Das konsequentialistische Ethikverständnis, das sich selbst als verantwortungsethisch versteht, zerstört den Begriff der sittlichen Verantwortung durch Überdehnung. Die konkrete Verantwortung handelnder Menschen wird zu einer bloß instrumentellen Funktion im Rahmen einer stets fiktiv bleibenden Gesamtverantwortung“ (Spaemann).

Wir kennen das Problem individueller und kollektiver Verantwortung aus vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Dort wo viele Verantwortung tragen, schwindet die Bereitschaft des Einzelnen, Verantwortung zu übernehmen. In der Umweltethik ist dies die große Herausforderung. Im ganz großen Stil kennen wir das vom Scheitern des Sozialismus, im kleineren Rahmen vielleicht aus der Wohngemeinschaft, in der es darum geht, für Getränke zu sorgen oder das Bad zu putzen. Wo keine klaren Zuschreibungen und Grenzen der individuellen Verantwortung existieren, also eine klare Antwort auf die Frage Wer ist wofür verantwortlich?, geht das System – mag es DDR oder WG heißen – den Bach hinunter. Im Klartext lautet die Gefahr: Wo „wir alle“ gefordert sind, „für alles“ Verantwortung zu übernehmen, tut am Ende keiner etwas. Zumindest nichts Gutes.

5. Christliche Verantwortung ist konkrete Sorge um den Nächsten

Der Übergang vom einzelnen empirischen Menschen zur transzendentalen Menschheit ist dabei der metaphysische Ersatz für die verlorene Verantwortungsbeziehung des transzendenzorientierten Menschen vor Gott. Die Wurzeln des christlichen Verantwortungsbegriffs liegen in der Gottesbeziehung. Aus der Verantwortung vor Gott erwächst die wohlverstandene Verantwortung für den Menschen – für sich und für andere. Der Verantwortungsbegriff christlicher Ethik kann auf Hektik und Aktionismus verzichten, ohne gleich in Fatalismus zu fallen. Verantwortung bedeutet für den Christen, zu tun, was jedem einzelnen Menschen möglich ist, aber auch zu unterlassen, was nur Gott möglich ist.

Als Gott den Kain nach dem Mord an seinem Bruder Abel zur Rechenschaft zieht – die erste Stelle der Heiligen Schrift, wo überhaupt des Sittliche thematisiert wird –, indem Gott ihm nicht das Verbrechen vorhält, sondern ihn schlicht fragt: „Wo ist dein Bruder Abel?“ (Gen 4, 9), weist dieser nicht die Tat von sich, sondern er versucht die Frage zu delegitimieren, indem er ganz allgemein die Verantwortung für seinen Bruder mit einer Gegenfrage zurückweist: „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ (Gen 4, 9). Die sorglose Gleichgültigkeit des Kain, die aus diesen Worten spricht, legt im negativen Modus die Essenz der christlichen Verantwortung frei, denn genau dies ist ihr Kern: Sorge zu tragen und diese Sorge zur Pflicht zu erheben.

Das Wort vom „Hüter meines Bruders“ begründet einen biblisch-christlichen Verantwortungsbegriff, der in der liebenden Sorge seinen Kern hat und damit auf die Tugend der Liebe und das Dreifachgebot verweist: Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe. Verantwortung heißt demnach in der Tat, „Hüter meines Bruders“ (oder meiner Schwester) zu sein – ganz konkret. Ohne „Menschheit“ oder „Welt“ zu sagen.

Was bedeutet das nun genau? Ein Beispiel steckt den Rahmen vernünftiger Verantwortungsübernahme ab: das Milgram-Experiment. Spaemann beschreibt es und erläutert das Ergebnis in moraltheoretischer Hinsicht: „Beliebige, von der Straße geholte Versuchspersonen zeigten sich damals, wenn auch nach einigem Widerstreben, bereit, einer anderen Versuchsperson Stromstöße bis an die Tödlichkeitsgrenze zu erteilen. Man hatte ihnen erklärt, daß dies von großer Bedeutung für die Entwicklung eines globalen lerntheoretischen Programms sei. Man kann sich sogar ausmalen, daß eine solche Verbesserung im Endeffekt schließlich zur Rettung von Menschenleben, zur Verringerung von Leiden usw. beitragen würde. ,Teleologische’, konsequentialistische Rechtfertigungsgründe für dieses Experiment lassen sich beliebig beibringen. Was die Leute übersahen, war: es gehörte gar nicht zu ihren Pflichten, sich für die Verbesserung der Lernerfolge auf der Welt einzusetzen. Verantwortung hatten sie in diesem Falle dagegen für eine bestimmte Person, nämlich jene, die ihrem experimentellen Zugriff ausgeliefert war.“

Sich nicht von vermeintlich „guten Zwecken“ verführen zu lassen, wenn man dabei Prinzipien christlicher Moralität verletzt, sich nicht einspannen zu lassen in einen anthropogenen Heilsentwurf, der nicht dem Willen Gottes entspricht, sich nicht in abstrakte Konzepte flüchten, sondern konkret Verantwortung für Menschen zu übernehmen (auch für solche, die noch nicht empfangen oder geboren sind), das ist Kern einer Ethik der Sorge und Liebe, wie sie von Christen gelebt werden sollte.

(Josef Bordat)

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