Alipius’ Abschied

23. Juni 2010


Unsere Existenz ist endlich. Das wissen wir. In diesem Wissen unterscheiden wir uns von den Tieren, die allenfalls eine instinktive Ahnung einer unmittelbar bevorstehenden Bedrohung haben. Der Mensch fragt schon als Kind nach dem Tod. Und damit nach dem Sinn.

Dieses Wissen eröffnet uns einen begrenzten Möglichkeitsraum, dessen Grenzen für die Verwirklichung der Möglichkeiten zugleich konstitutiv sind: Erst das Wissen darum, dass man eine Prüfung nicht unendlich oft wiederholen kann, motiviert zum Lernen und das Gelernte lässt den Kandidaten die Prüfung bestehen. Warum sollte ich lernen, wenn ich die Prüfung unendlich oft wiederholen könnte? In der Ewigkeit gibt es keine Prüfungen. Auch das ist tröstlich.

Das Leben als solches ist endlich. Doch auch im Leben gibt es Endlichkeit: Zeitabschnitte, die unser Leben strukturieren. Das wiederum teilen wir mit der Natur, wie man jedes Jahr eindrucksvoll sehen kann. Wir erleben allerdings diese Zeitabschnitte als solche, können ihren Wechsel thematisieren. Wenn uns „Grenzerfahrungen“ (Jaspers) überhaupt erst zum Menschen machen, dann ist Abschied, gepaart mit unserer Fähigkeit, zurück zu blicken und nach vorn, eine zutiefst menschliche Erfahrung. Vielleicht eine der tiefsten überhaupt.

Einer der wirkmächtigsten katholischen Blogger im deutschsprachigen Raum, Alipius, hat sich nun aus Rom und – bis auf Weiteres – aus der „Blogozese“ verabschiedet. Er hinterlässt damit eine Lücke, die er den verbliebenen „Co-Bloggern“ zu schließen auftrug. Es wird allerdings schwer werden, sein Gespür für argumentative Schieflagen, seinen kristallklaren Blick auf und hinter mediale Machenschaften, seine messerscharfen Analysen und sein ausgeprägtes Urteilsvermögen zu ersetzen, ganz zu schweigen vom Aufwand der immensen Recherche-Arbeit, die seinen Texten im Rücken liegt und ihnen damit die Aktualität verleiht, die es wohl gerade im Internet braucht. Und dazu noch das theologisch-ekklesiologische Programm durch schönes Bildmaterial sowie humorvolle und unterhaltsame Beiträge aufzulockern und damit für breite Leserkreise attraktiv zu gestalten. Das zu leisten, wird schwer, Alipius!

Zur bevorstehenden Priesterweihe möchte ich zum Schluss die Worte zitieren, die ein anderer junger Mann am Vorabend seiner Priesterweihe notierte: „Was wird aus mir werden? Werde ich ein tüchtiger Theologe sein, ein großer Jurist, ein Landpfarrer oder ein einfacher, armer Priester? Doch was kümmert mich das alles schon? Ich muss nichts von alldem und zugleich mehr als all dies sein, ganz wie Gott will. Mein Gott ist alles.“ Der Name des Mannes: Angelo Roncalli, der spätere Papst Johannes XXIII.

In diesem Sinne: Alles Gute und Gottes Segen!

Josef Bordat

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