Eberhard Schockenhoffs „Grundlegung der Ethik“

23. Juli 2010


Eberhard Schockenhoff, Professor für Katholische Moraltheologie und Mitglied im „Deutschen Ethikrat“, zeigt in Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf (2007) einen neuen Ansatz zur Überwindung des „klassischen“ Grabens zwischen Strebens- und Sollensethik, um Tugendlehre und Normtheorie zu verbinden.

I.

Schockenhoff argumentiert metaphysikschlank und unter Berücksichtigung aktueller Erkenntnisse der philosophischen Forschung zu Problemen der Ethik, zeigt sich aber fest im christlichen-katholischen Glauben verwurzelt, der ihm eine praktische Rationalität ermöglicht, bei der eine Vernunft wirkt, die der Handlungsorientierung zuträglich ist, weil sie den ganzen Menschen als Person anspricht und dessen Transzendenzbezug mitbedenkt oder – anders ausgedrückt – weil sie den Menschen anerkennen lässt, dass er zwar Teil hat an Gottes Vernunft, sich aber letztlich dem weit größeren Willen Gottes beugen muss. Dies bewahrt ihn, den Menschen, vor der Hybris eines verselbständigten, unhinterfragten (letztlich in der Immanenz menschlicher ratio unhinterfragbaren) Einsatzes der reinen Vernunft, deren instrumenteller Missbrauch bekanntermaßen totalitäre Regime auszeichnet.

Die Bedingung der Geltung von Normen ist bei Schockenhoff nicht primär das menschliche Miteinander, sondern letztlich der vom göttlichen Gebot und Gesetz bestärkte Wille des Menschen zur Freundschaft mit Gott, eingedenk seines letzten Lebensziels: der Gemeinschaft mit Gott. Dieser theologische Gehalt darf aber nicht zu der Vermutung Anlass geben, Schockenhoff verschanze sich hinter Dogmen. Seine Deutung der theologischen Perspektive auf Gebot und Gesetz folgt nach einer intensiven Auseinandersetzung mit der Normtheorie, in der er nach einleitenden Bemerkungen zur Rationalität praktischer Urteile die bekannten begründungstheoretischen Ansätze darstellt: die teleologische, die deontologische und die hermeneutische Argumentation, die nahe legt, menschliches Verhalten unter Berücksichtigung anthropologischer Sinnbestimmungen zu beurteilen. Diese Perspektive ist insbesondere in den Fällen von Bedeutung, in denen weder Folgenabschätzung noch Pflichterfüllung einen angemessenen Rahmen zur Orientierung menschlicher Handlungen bieten, etwa dort, wo der Mensch in seinem Tun oder Unterlassen (scheinbar) nur sich selbst angeht (Beispiel: Suizid).

Auch in der Tugendlehre analysiert Schockenhoff die philosophische und die theologische Ausrichtung. Bei der Darstellung der Idee des Guten geht er nicht historisch, sondern systematisch vor und präsentiert sie als höchst aktuelle Vorstellung eines Wegs vernunftgemäßer Lebenspraxis. Die klassischen philosophischen Haupttugenden – Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Besonnenheit – sieht Schockenhoff wie Thomas von Aquin in der menschlichen Natur verankert und damit im Zuge einer schrittweisen Selbstaneignung realisierbar. Das gilt auch für die Gerechtigkeit. Für Schockenhoff existiert der Gegensatz von einem individualethisch intendierten „guten Leben“ und der sozialethisch erwünschten gerechten Gesellschaft nur insoweit, als sich dieser Gegensatz bei fehlender moralischer Motivation des Einzelnen notwendig einstellt. Motive lassen sich aber nur tugendethisch (also: von „innen“) stärken und nicht über Normen (also: von „außen“) verordnen, obgleich damit nicht die Bedeutung eines gerechten politischen, ökonomischen und juridischen Systems geschmälert wird.

II.

Die Transformation der griechischen Kardinaltugenden in der paulinischen Theologie bildet die Brücke zwischen weltlichen und geistlichen Strömungen in der antiken Tugendlehre. Sehr intensiv beschäftigt sich Schockenhoff dann mit der Trias christlicher Tugenden: Glaube, Hoffnung, Liebe. Mit der Liebe setzt sich Schockenhoff besonders detailliert auseinander, gilt es doch, manches Missverständnis auszuräumen und auf die positive Wirkung des wechselseitigen Bezugs von Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe hinzuweisen.

Liebe als christliche Tugend sei, so Schockenhoff, ein „sittlicher Grundakt, in dem der Mensch mit Zustimmung, Gutheißung und Urvertrauen dem Geschenk des Seins antwortet“. Sie wird so zum „Strukturprinzip, das den Grund, die Form und das Ziel des christlichen Lebens und Handelns bestimmen soll“. Der Christ zehre von einer dreifachen Liebe: der Liebe zu Gott, der Liebe zum Nächsten und der Liebe zu sich selbst. Das drückt Jesus in Gebotsform aus und betont zudem, dass dieses Dreifachgebot der Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe die Erfüllung aller Gebote sei, die Quintessenz des Glaubens (Lk 10, 27-28). Und auch im Glauben zeigt sich begehrende Sinnlichkeit und sich verschenkendes Wohlwollen. Sinnlichkeit im Ritus, im liturgischen „Umgang mit Gott“, in der Materialität als Ausdrucksform der Hingabe, Wohlwollen im Umgang mit dem Nächsten durch karitative Aktivität und mit uns selbst, wenn Glaubensvollzug Teil eines spirituell erbaulichen Programms ist.

Schockenhoff macht die Differenz von Wohlwollen und Begierde, von Vernunftleitung und Triebsteuerung, von amor benevolentiae und amor concupiscentiae wie auch Papst Benedikt XVI. in seiner ersten Enzyklika Deus caritas est sehr stark, da sie „fundamentaler als alle nachfolgenden Unterscheidungen“ sei, also die in Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe, weil „sie nochmals in jene Unterarten der Liebe eingeht“. Zugleich betont Schockenhoff aber, dass es eine Zwischenform gibt, die auf affektiver und willentlicher Bejahung des Anderen basiert, die philia oder amor amicitiae als eine „personale Liebe“, die sich von der „funktionalen Liebe“ abgrenzen lasse.

Kann Liebe eingefordert werden? Schließlich erscheint sie im Neuen Testament in Gebotsform. Die Normativität der Liebe benötigt einen Begriff von Liebe, der wirklich in den Bereich dessen fällt, was der Mensch sollen kann. Damit ist klar, dass hier Liebe nicht im Sinne des Gefühlsbegriffs eros, sondern im Sinne des Vernunft- bzw. Willensbegriffs agape gemeint ist. Von agape, so Schockenhoff, sei denn auch in der Bibel an den Stellen die Rede, an denen in der deutschen Übersetzung „Liebe“ steht, eine Liebe, die mit dem unbedingten normativen Anspruch verknüpft wird, der das Christentum gegenüber allen anderen Religionen und Philosophien auszeichnet. Schockenhoff weist darauf hin, dass agape in der griechischen Sprache eigentlich sehr ungebräuchlich ist, in der Bibel aber weitaus öfter vorkommt als das „ausdrucksstarke, im klassischen Griechisch bevorzugte Wort eros“, das „nahezu vollkommen vermieden“ wird, ebenso wie das Wort philia, das „nur gelegentlich“ erscheine. Weil agape sonst kaum gebraucht wird, sei es, so Schockenhoff, „in seinem Sinngehalt weniger festgelegt“ als das in den Göttermythen zudem verschlissene und „mit allerlei geschlechtlicher Pikanterie“ negativ konnotierte Wort eros.

Was hat es mit der agape nun auf sich? Was zeichnet sie aus und wie kann ich Liebe in diesem Sinne leben lernen? Vorbild ist hier die Ethik Jesu, welche eine Empathie zum Prinzip erhebt, die sich mit dem Liebesbedürftigen identifiziert und letztlich eint. Die moderne Psychologie würde hier wohl von „Perspektivenwechsel“ und „imaginativer Rollenübernahme“ sprechen.

So wie in Jesus Gott und Mensch geeint sind, so wie Gott in Christus den menschlichen Standpunkt einnimmt und uns von dort aus ganz neuartig liebt (bis hin zur Selbstaufgabe), so sollen wir aus dem Blickwinkel des Nächsten schauen, seine Perspektive einnehmen und so erkennen, welcher Unterstützung er bedarf. Einschlägig ist hier das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 30-37), das unmittelbar im Anschluss an das Liebesgebot überliefert ist und auf das Schockenhoff hinweist. Hier erzählt Jesus von einem Überfall und der Hilfeleistung durch einen Nicht-Juden aus Sicht des Opfers und sprengt damit die „legalistische Enge der Gesetzeskasuistik“ (Schockenhoff), auf die die Pharisäer mit der Frage „Wer ist mein Nächster?“ (Lk 10, 29) abzielen. Sie möchten eine Antwort, die als Definition, also Abgrenzung, die Handlungssphäre des Einzelnen prinzipiell bestimmt. Jesus macht durch den Perspektivenwechsel aber deutlich, dass sich die Grenze nur an dem zu Liebenden bemessen lässt. Erst wenn man dessen Sicht eingenommen hat und aus dessen Sicht keinen Handlungsbedarf mehr erkennen kann, ist die Liebe an ein Ende gelangt. Sie bemisst sich also immer am Bedürfnis dessen, der Liebe braucht, nicht an dem, der sie gibt. Der barmherzige Samariter sagt zum Wirt der Herberge, in die er das Opfer gebracht hat: „Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.“ (Lk 10, 35). Das ist der Clou der Ethik Jesu, der als „supererogatorischer Ansatz“ bekannt wurde: Es gibt kein: „Genug!“ aus meiner Sicht, sondern nur aus der des Anderen. So betrachtet gibt es schließlich keine Situation mehr, die und keinen Menschen mehr, der von unserer Liebe prinzipiell ausgenommen ist. „Die Verpflichtung zur Nächstenliebe“, so Schockenhoff, gilt „in den Augen Jesu“, aus denen Gott auf uns Menschen schaut, „ohne Grenze und Einschränkung für jeden (als Subjekt der Liebe) und gegenüber jedem (als Objekt der Liebe)“. Wenn es überhaupt eine Schranke gibt, legt sie der Andere fest, nicht ich.

Diese Liebe stellt ein vitales Konstitut des christlichen Glaubens dar, denn in dieser Liebe bleibe, so Schockenhoff, der „scheidende Erlöser und das Geschenk seiner Hingabe unter den Jüngern für alle Zeiten lebendig“. Umgekehrt gelte: Der erheblichen Anforderung einer grenzenlosen Liebe, dem ungeheuerlich erscheinenden Anspruch der punktuellen Selbstaufgabe im Interesse des Anderen (nichts anderes findet bei einer Perspektivenübernahme statt) kann nur gerecht werden, wer „alle Wirklichkeit – die der anderen und die des eigenen Selbst – von Gott her“ sieht, denn: „Von ihm als dem Zentrum aller Wirklichkeit aus betrachtet, können wir alle in unserem Eigenwert wahrgenommen werden und so als Personen existieren, durch die das Licht göttlicher Wertschätzung hindurchscheint“, was dazu führt, dass diese Liebe zur unbedingten Annahme des Anderen „in seinem So-Sein und Hier-Sein“ führt. Eine solche absolute Liebe kann ohne absoluten Bezugspunkt, der eine bewirkende, zielgebende und einheitsstiftende Funktion erfüllt, nicht gelingen. Mit anderen Worten: Gott ist Garant dieser Liebe.

III.

Schockenhoffs Tugendmoral fokussiert folglich das Handeln des Einzelnen, das seine Kraft aus der Liebe Gottes erhält, sie bleibt jedoch nicht auf individualethische Fragen beschränkt. Er sieht sehr wohl die Bedeutung der Norm, billigt ihr aber kein Primat zu wie die formal-abstrakten Ethiken von Kant bis Habermas. Schockenhoff stellt den Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung, ohne ihn zu verabsolutieren. Deutlich zeigt er dessen Gebundenheit an einerseits die menschliche Natur und andererseits die göttlichen Gebote als Ausdrucksformen des Absoluten, die ihre Erfüllung im dreifachen Liebesgebot erlangen. Schockenhoff macht damit deutlich: Das Christentum hat eine über das Private hinausweisende Botschaft, die im öffentlichen ethischen Diskurs gehört werden sollte, auch wenn diese Öffentlichkeit keine christliche (mehr) ist. Diese Botschaft bettet Schockenhoff, der ja als Mitglied des „Deutschen Ethikrats“ in exponierter Stellung am Diskurs um moralische und moraltheoretische Fragen teilnimmt, mit nachvollziehbaren Argumenten in eine rationale Ethik ein, die ein breites Verständnis für christlich-katholische Moral fördern sollte, wenn sie auch nicht auf allgemeine Zustimmung hoffen kann. Doch Schockenhoffs feinsinnige und kluge Darstellung der theologischen Ethik wird zumindest – auch in ihrer deutlichen konfessionellen Positionierung – mit allzu unreflektierten Vorurteilen gegenüber einer scheinbar „sich selbst genügenden“, „dogmatischen“ und „überkommenen“ katholischen Morallehre, die sich im Sturm des Fortschritts hilflos an „uralte Mythen“ klammert, aufräumen können. Und mit einigen der gängigsten Missverständnisse zum Liebesbegriff des Evangeliums wohl auch. Dafür kann man Eberhard Schockenhoff nur dankbar sein.

Bibliographische Angaben:
Eberhard Schockenhoff: Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf.
Freiburg i. Br.: Herder (2007)
584 Seiten, €39,90
ISBN 978-3-451-28938-5

(Josef Bordat)

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