Feindesliebe

9. September 2010


Es war wohl schon spät. Oder es hat kräftig zu regnen begonnen. Die meisten werden jedenfalls längst zuhause gewesen sein, als Jesus zu dieser finalen Rede anhob, die nach den Seligpreisungen (Lk 6, 20-23) und Weherufen (Lk 6, 24-26) eine Art Kulminationspunkt christlicher Ethik darstellt: „Euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen.“ (Lk 6, 27).

Mit „Euch“ kann nur der ganz harte Kern der Jüngerschaft gemeint sein, der auch dann noch „zuhört“, wenn es ungemütlich wird. Zu anspruchsvoll ist die Botschaft von der Feindesliebe, als dass sie massentauglich wäre. Sie gilt einer Glaubenselite, den Alpha-Christen, den Überfliegern.

So kann man es sehen. Und gemütlich weiter hassen. Ich glaube jedoch, dass diese Deutung falsch ist. Ich glaube, die Botschaft von der Feindesliebe gilt uns allen, nicht nur einer etwaigen spirituellen Elite. Zumindest wäre dies zu einfach. Und einfache Auswege, Wege des geringsten Widerstands und der selbstgerechten Bequemlichkeit sind nicht Gottes Wege.

Wie also umgehen mit dieser Provokation – Feindesliebe? Zunächst einmal gilt es zuzugeben: Feindesliebedas ist eine Provokation, eine Provokation für Verstand und Gefühl. Die Forderung „Liebet eure Feinde!“ bleibt auch für den Menschen „kontraintuitiv“, dem es gelungen ist, ein allzu schlichtes tit-for-tat-Denken zu überwinden. Auch jenseits konkreter bilateraler Konstellationen, in denen Feindesliebe als „Freundeshass“ missgedeutet werden kann, sorgt die Forderung Jesu für rationale und emotionale Irritation.

Feindesliebe – Wie kann das gehen? Klar ist, dass sich Jesu Forderung nicht mit dem Status quo menschlicher Denk- und Verhaltensweisen versöhnt lässt. Jesus will den menschlichen Erfahrungshorizont weiten. Das bedeutet: Er will uns ändern, besser: Er will, dass wir uns ändern. Es gibt vielleicht eine Möglichkeit, in drei Schritten im Geist der Veränderung die Essenz der Feindesliebe zu ergründen und damit Konflikte zwischen Menschen (Streit) und Völkern (Krieg) zu verhindern.

1. Feindesliebe ist grundlegende Herzenshaltung, keine konkrete Handlungsdisposition

Der heilige Augustinus denkt über Feindesliebe im Kontext der Frage nach, ob Christen an einem Krieg teilnehmen dürfen. Er kommt zu einer bejahenden Antwort für den Fall, dass mit dem Krieg die Friedensordnung wiederhergestellt wird, die auf der von Gott gesetzten Schöpfungsordnung beruht. Die Aufforderung Jesu zur Feindesliebe deutet Augustinus nicht auf konkrete Handlungen bezogen, sondern hinsichtlich einer Änderung der Einstellung. Feindesliebe meine, so Augustinus, eine prinzipielle innere Bereitschaft des Menschen zum Frieden, eine praeparatio cordis (Herzenshaltung).

Feindesliebe ist nach Augustinus eine Herzenshaltung, keine realpolitische Prämisse. Das Naturrecht auf Selbstverteidigung und die „Naturpflicht“, Nothilfe zu leisten, sind damit nicht aufgehoben, wohl aber sind der Art und Weise von Selbstverteidigung und Nothilfe enge Grenzen gesetzt. So sind nach Augustinus nur die jeweils gebotenen Mittel erlaubt, die den Frieden wiederherstellen und zur Umkehr des Sünders beitragen, nicht aber solche, die Rachegelüste befriedigen oder von Gier, Grausamkeit, Vergeltungswut, Eroberungstrieb und Unversöhnlichkeit zeugen.

2. Feindesliebe ist Entfeindungsliebe

Ausgehend von dieser pazifistischen Grundhaltung gilt es, eine Brücke zum „Feind“ zu bauen, damit der Selbstverteidigungs- bzw. der Nothilfefall gar nicht erst eintritt. Noch ehe überhaupt der „Feind“ zum Feind wird, ist der Feindschaft zu wehren. „Liebet eure Feinde!“ bedeutet damit: „Hasset eure Feindschaft!“. Wir sollen, so wir Jesu Worte nicht nur hören, sondern ihnen folgen wollen, das bekämpfen, was zwischen uns steht. Christliche Feindesliebe ist darum dem Wesen nach „Entfeindungsliebe“. Als solche fordert sie auf, den Irrenden und den Sünder zu lieben (und zu stützen), Irrtum und Sünde aber zu hassen (und zu bekämpfen).

Das erfordert Mut. Mut zum Perspektivwechsel und zur Entaktualisierung von Konfliktpotential, um es mit der modernen Psychologie zu sagen. Mut – um es aus der Sicht christlicher Ethik zu sagen –, den Anderen im Licht der Liebe Gottes zu sehen. Wenn in diesem Licht etwas aufscheint, das die Beziehung stört, bedeutet Feindesliebe, nicht den Menschen zu verurteilen, sondern zu helfen, dass dieses Störende verschwindet. Lässt es sich nicht beseitigen, bleibt angesichts des drohenden Bruchs immer noch die Möglichkeit, Gott im Gebet um Hilfe und um Heilung zu bitten. Diese Chance kann einem niemand nehmen. Wenn die menschlichen Optionen ausgeschöpft sind, kann Gott helfen – nur Gott. Gebet ist immer eine Alternative zur Gewalt.

3. Den „Feind in mir“ bekämpfen

Diesen Weg zu gehen – zum Anderen und zu Gott –, das erfordert schließlich den Mut, uns selbst zu verändern. Eine Starre im Denken und Fühlen ist wie ein „Feind in mir“, der zuerst und am hartnäckigsten bekämpft werden muss. Bedeutet das, um des Friedens willen für alles offen zu sein? Nein. Man braucht nicht seinen Standpunkt aufzugeben, damit Bewegung möglich wird. Doch sollte man probeweise die Perspektive des Anderen einnehmen, um entdecken zu können, wie die Sache sich von seiner Warte aus darstellt.

Der Ernst, mit dem man die eigene Position vertritt, darf nicht größer sein als der Ernst, mit dem man nach friedlichen Lösungen für einen Konflikt sucht. Und vor Gott zu treten, ohne die eigene Haltung zur Disposition zu stellen und bereit zu sein für Veränderung (das nennt man auch „Demut“), wäre ohnehin die falsche Einstellung für das Gebet.

Das ist anspruchsvoll, sehr sogar. Es führt uns an Grenzen. Aber dass alles beim Alten bleiben kann und der Weg zum Frieden ein leichter ist, behauptet Jesus ja gar nicht. Er sagt stattdessen: „Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen.“ Das zu versuchen, ist nicht einfach. Aber man kann es ja einfach mal versuchen.

(Josef Bordat)

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